Knarrblog: Regenböen peitschen über die Ostsee – Begrenztes Summerfeeling

So'n Schiet

15 Minuten noch, bis die Brücke in Kappeln aufmacht. Das sollte ausreichen. Auch wenn die bessere Hälfte noch dies und das und was weiß ich zu erledigen hat. Irgendwann werfen wir dann doch noch den 5PS-Quirl an und die Festmacher los aber…. nix tut sich.

Sommertörn

Etwas eklig, die Schauerböen von Backbord. Verkriechen unter dem Dodger. © SegelReporter

 

Habe ich den Rückwärtsgang nicht drin? Ist noch eine Vorleine dran? Oder gar das Stromkabel? Von wegen. Die Kiste sitzt auf Schiet. Der starke Südwest hat das Wasser aus der Schlei gedrückt. Und was vor eineinhalb Tagen noch passte, sitzt nun im Schlick.

Wir rütteln und Krängen und zerren. So einfach ist es nicht. Dann checken die Jungs von der Mittelmann’s Werft unsere Notlage, werfen einen Tampen vom Steg gegenüber und dann üben wir uns im Tauziehen.

Die gute Bente scheint diese Art Aufmerksamkeit zu mögen, und langsam bewegt sie sich mit dem Kiel aus dem Schlamm. Puh. Ich habe schon den mobilen Kran nebenan im Einsatz gesehen.

Mit Vollgas in das Nadelöhr

Aber so passt es besser. Mit Vollgas aus dem Hafen, abbiegen Richtung Brücke und die Klappelement bleiben tatsächlich noch so lange auf bis wir vom röhrenden Außenborder mit 6,5 Knoten durch das Nadelöhr geschoben werden.

Ein hübscher Fünfer drückt aus der Schlei und hinter der Giftbude kommt eine kleine Welle dazu. Irre, wie jollig dieses Schiff auf dem Ruder liegt. Unter Vollzeug erwische ich gar ein paar Wellen und knacke die zehn-Knoten-Marke.

Sommertörn

Gute Miene zum bösen Spiel. Sas gebuchte Summerfeeling hält sich noch in Grenzen. © SegelReporter

Als es Richtung Horuphavn spitzer wird und Regenböen über die Ostsee peitschen wird es etwas mühsamer. Wir wechseln erst auf das erste, dann aufs zweite Reff. Die Kiste bockt in der steileren Welle.

Anspruch an Segel-Feeling

Aber auch am Limit lässt sich das Schiffchen gut beherrschen. Man darf zwar die Pinne nicht eine Sekunde aus der Hand lassen, aber genau diese Sensibilität macht den Spaß aus. Eine Fahrtenyacht, bei der ich auch noch etwas Segel-Feeling erlebe.

Keine Ahnung, wie viele Menschen diesen Anspruch auch noch haben. Selbst ein guter Kumpel aus der Racer-Szene liebt es, im Cruiser-Urlaub den Autopiloten ein- und die Erwartungshaltung an das Feedback vom Segeluntersatz auszuschalten.

Aber dieser Ostsee-Rutsch mit Backstagbrise ist ein Genuss, auch wenn er dann doch durch heftige Schauer getrübt wird, die auf die Urlaubslaune drücken. Hallo? Wir haben August! Da pfeife ich langsam auf Regenbögen und andere Naturschauspiele, die mit Feuchtigkeit von oben zu tun haben.

Nervige Parkplatzsuche

Dazu kommt nun dieses ungute Gefühl beim Ansteuern eines Hafens, das ich wirklich hasse. Gibt es noch einen Platz? Wie die Parkplatzsuche in der Hamburger Innenstadt. Wir sind immer spät dran. Ich mag mich einfach nicht an den Rhythmus der Fahrtenszene gewöhnen. Früh aufstehen, um entspannt vor Mittag schon einen freien Platz im Hafen zu bekommen.

Wir lieben es, im Urlaub lange zu schlafen, viel zu lesen, abzuhängen, und dann irgendwann am Nachmittag in den Abend zu segeln. Das ist in der dänischen Südsee in der Urlaubszeit eigentlich nicht machbar. Da sind die Boxen belegt.

Deshalb bemühen wir uns eine antizyklische Bewegung hinzubekommen. In Horuphavn hat es schon mal geklappt. Der Hafen ist groß genug und bietet auch am Abend noch viel Platz. Die Regenschauer sitzen wir unter Deck aus. Aber am Abend ist er doch wieder da, der blaue Himmel. So kann es weiter gehen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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5 Kommentare zu „Knarrblog: Regenböen peitschen über die Ostsee – Begrenztes Summerfeeling“

  1. avatar Schnauze voll sagt:

    Ein richtiger Scheißsommer ist das!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 4

  2. avatar Klaus sagt:

    Bei den im Video gezeigten Bedingungen müsste ein modernes Schiff,
    welches so leicht wie die Bente ist, eigentlich (zumindest zeitweilig) gleiten !

    Ich sehe statt eines glatten Wasserabflusses am Heck
    leider nur bis zu 45 Grad bremsende Ruderlage.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 7

    • avatar Johannes Bahnsen sagt:

      In meinen Augen ist der Kurs viel zu spitz zum Gleiten (sh. Vorsegel).
      Dazu ist die volle Fahrtenausrüstung dabei. Das macht bei so nem leichten Eimer so einiges aus.

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 7

  3. avatar Backe sagt:

    Carsten, wenn Du so ein Gesicht ziehst siehst du aus wie Tommy Lee Jones … Men-in-Black mit Schwimmweste.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  4. avatar Addi sagt:

    “Schnauze voll sagt: 05.08.2016 um 12:55 Ein richtiger Scheißsommer ist das!”
    Können wir nicht sagen. Sind seit dem 1. 6. unterwegs. Warnemünde – Rügen – Polen – Baltikum – Finnland – Haparanda – Högarkusten – Stockholm
    In 66 Tagen sage und schreibe drei Tage, an denen es geregnet hat. Wir hatten zwar für die gesamte Bottenwiek wenig Wind, aber tolles Wetter.

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