Knarrblog Schlei-Urlaub: Wie man dem Nachwuchs das Segeln verleiden kann

Maximales Wetterpech

Bei Sturm und Regen unter Motor durch den engen Sund zwischen Großer und Kleiner Breite auf der Schlei:

Urlaub auf der Schlei(ck) Gemütlicher Sommerurlaub mit der Familie: Hier von Fleckeby bis Schleswig…

Posted by www.segelreporter.com on Donnerstag, 30. Juli 2015

Im Moment ist es kaum zu glauben. Vor einer Woche lieferte Rasmus im Urlaub grässliches Schietwetter auf der schönen Schlei. Erst Sturmtief Zejlko, dann einfach nur ganz normale Drecks-Witterung mit Dauerregen und achter Böen.

Ekel-Bedingungen kann man ja mal haben im Segel-Urlaub. Gehört ja irgendwie dazu, wenn man im Norden unterwegs ist. Aber diesmal sind wir auf die glorreiche Idee gekommen, eine kleine Etap 21i zu chartern. Da sitzt man besonders gerne bei Regen unter Deck und lauscht dem heulenden Wind.

Downsizing at it’s best nach dem 42 Fuß Klopper vergangenes Jahr in Neapel. Aber wir hielten das für schlau, um endlich mal eine Entscheidung bezüglich der Familien-Varianta treffen zu können.

Eine Art Baumhaus

Wir hatten das orange Erbstück im vergangenen Jahr etwas zweifelnd übernommen und nach Schleswig an die Schlei gelegt. Verbunden mit der Idee, dass es vielleicht ein schönes Spielzeug für die Kids sein könnte. Eine Art Baumhaus, zum Basteln und Abenteuer erleben.

Aber kann man sie wirklich alleine damit losziehen lassen? Ist bei den jährlichen Törns genug hängen geblieben, um die Varianta selbstständig zu skippern? Dabei sollte die Schlei als geschütztes Revier doch perfekt für die ersten Gehversuche passen.

Der Erstkontakt war vielversprechend. Aber dann mangelt es an Zeit, Entschlusskraft und Willen bei uns allen, das Projekt zu realisieren und “LeLiLa” wirklich zu nutzen. Die Jungs schoben es auf die Freunde, die bei den geplanten Einsätzen absagten. Außerdem war die Kiste auch nicht so richtig flott. Irgendwo regnet es rein, und der Außenborder zickt.

So wurde die arme Familien-Kutsche schnell zum ungeliebten Ärgernis. Kosten für Liegeplatz und Winterlager. Die Pflicht zur Instandhaltung. Wie schnell so ein Projekt nervig werden kann. Und wofür?

Etwas Abstand zu den lieben “Kleinen”

Familienkonferenz: “Jungs, wollt ihr die Kiste nun, oder nicht? Sonst geben wir sie weg”. “Nein, wolln wir.” Wille ja, aber Druck nein. Also doch noch eine Saison warten. Der nächste Plan: Beim jährlichen Sommertörn mit zwei Schiffen lossegeln. Wir chartern einfach eine kleine Kiste dazu.

Das bringt auch noch etwas Abstand zu den pubertierenden lieben “Kleinen”, die uns mit 16 und 18 schon auf den Kopf spucken können und durchaus hin und wieder nerven. In unberechenbaren Abständen folgt Aktion auf Lethargie. Eine Beobachtung: Wenn sich die Gehirn-Stränge mal wieder verknoten, werden sie offenbar durch unvermittelte Testosteron-Ausschüttungen entwirrt. Sie offenbaren sich in King-Kong-ähnliche Brüll-Attacken. Das muss man ja auf einem Schiff nicht immer haben.

Also zwei Schiffe. Die Planung läuft zwar etwas hopplahopp, weil der frisch examinierte  Abiturient nur rudimentäre Einblicke in sein geplantes nachschulisches Chill-Programm gewährt. Aber schließlich will er doch noch mal Anteil am jährlichen Familientörn-Programm haben. Und am Steg in Schleswig bei Renz Yachting, wo auch die Varianta liegt, ist von der Charterflotte exakt noch ein Schiff zu haben. Eine Etap 21i.

Sie ist etwas kleiner als zuletzt gewohnt im Urlaub, aber im Schwalbennest hübsch drapiert weist das Buch der Habecks darauf hin, dass man damit samt Kind sogar eine Weltumsegelung unternehmen kann. Sehr beruhigend. Da erscheint alles schon viel größer.

Urlaub mit Stumtief Zeljko

Eine hübsche Vision, ablegen zu können und einfach ins Nirgendwo zu segeln. Aber so weit soll es dann doch nicht kommen. Pünktlich zum Urlaub-Start meldete sich Sturmtief Zeljko und beherrscht das Geschehen. Wir wehen ein.

Sturmtief "Zeljko"

Sturmtief “Zeljko” über Norddeutschland.

Eigentlich nicht so schlimm. Denn ohnehin streikt der alte Außenborder von “LeLiLa”  nach dem langen Winterlager. Wir bringen ihn in die Werkstatt. Am Wochenende läuft da ohnehin nichts.

Also Schleswig entdecken. Viel gibt’s da nicht. Auch wenn auffallend viele erwachsene Menschen in Kettenhemden und Fellen herumlaufen. Die Wikingertage sind einmal im Jahr die große Attraktion. Aber selbst die werden wegen des Sturmes erstmals in 16 Jahren an einem Tag  abgesagt.

Wir gehen ins Kino (Ant Man) und spielen viel. Tischtennis in der Bootshalle, Badminton im Sportzentrum, Doppelkopf im Schiff. Dazu Essen beim Chinesen, Italiener und Wikinger. Das Wetter soll uns nicht in die Knie zwingen. Aber schmackhaft dürfte man den Jungs den selbst geplanten Segel-Urlaub damit auch nicht machen.

Anleger im strömenden Regen

Ein klitzekleiner Törn geht dann doch. Bestimmt eine Meile zum Eis-Essen im Stadthafen. Alle Mann auf die Etap und dann ein Anleger im strömenden Regen. Gut acht Touris klatschen. Sie lauschen einem DGzRS Vormann, der auf der Mole den Tag der Seenotretter und wohl auch unser Manöver moderiert.

Das Eis schmeckt nicht so richtig, wenn einem fröstelig zumute ist. Aber irgendwie muss man die Urlaubstimmung doch herbei zwingen. Mit Kuchen geht es besser. Am nächsten Tag folgt deshalb ein kurzer Alibi- Törn nach Missunde mit Anleger vor dem Fährhaus.

Der Varianta-Motor ist immer noch nicht fertig. Bekommen die Jungs das auch ohne hin? Ist ja irgendwie fast ein echtes Trainingslager. Ein paar Aufschießer am Ponton vor dem Heimat-Steg haben einigermaßen funktioniert.

Sie legen die Handys weg!

Nun meinen wir auf dem wagemutigen Seestück nach Missunde von weitem tatsächlich zu erkennen, dass sie die Handys weglegen und einen Blick auf die Papier-Karte werfen. Das ist doch schon ein echter Erfolg.

Sie fahren weit voraus. Der orange Renner mit Vaters Clown-Sails-Groß ist deutlich schneller als unsere Etap. Und mit 55 Zentimetern Tiefgang ist das Auflauf-Risiko auch in dem flachen Gewässer angenehm begrenzt.

Als der Außenborder dann irgendwann wieder aus der Werkstatt am Montag eintrifft, läuft er zwar immer noch nicht, aber das Problem ist auf den Anschluss-Schlauch eingegrenzt. Nach einem weiteren Ersatzteil-Beschaffungs-Ausflug röhrt der Quirl wieder und auch die Kids bekommen ihn angerissen.

“In Böen 9”

Nun sollte dem großen Törn nichts mehr im Wege. Außer vielleicht “in Böen 9”. Sie drücken das Wasser aus der Schlei. Der Schritt vom Steg auf unsere Schiffchen wird zur Kletterpartie. Dann eben noch ein Landausflug. Also Kappeln. Per Schiff werden wir das ohnehin nicht mehr erreichen.

Auch am nächsten Tag fetzen die Wolken noch über das Binnenrevier. Nicht mehr ganz so wild, aber ob die Jungs das schon schaffen? Würde das den Schock fürs Leben und die Abwendung vom selbst geplanten Segeltrip bewirken oder einfach ein nettes Abenteuer sein?

Aber so langsam nervt es auch,  keine Meilen unter den Kiel zu bekommen. Die Habecks sind in meinem Buch längst um die Welt gesegelt, und wir liegen immer noch am Steg bei Renz. Für die ganze Woche sind noch in Böen acht Windstärken und “ergiebiger Regen” angesagt.

Notstopp in Haddeby

Aber einmal müssen wir doch bitteschön noch außerhäusig in einem anderen Hafen übernachten. Die Jungs wollen auch einmal noch das Ankern üben bevor sie selber mal alleine losziehen. Deshalb Aufbruch in die Große Breite, als es gerade mal kurz aufklart. Segel hoch und los. Auch wenn sich bei diesem Wetterchen kein weiteres Schiff blicken lässt.

Kaum zehn Minuten dauert es, bis sich von Nordwest eine Wolke dem markanten Wikingturm nähert, die schwer zu ignorieren ist. Also Notstopp im Hafen von Haddeby. Plünnen runter und Box ansteuern. Wir voraus, die Jungs hinterher, ein schönes Test-Manöver. Gerade noch rechtzeitig bevor es aus dem schwarzen Ungetüm herausbricht.

Nach einer halben Stunde hat sich die Situation beruhigt. Per Fock geht’s raus auf die Große Breite. Eindrucksvolle Regenbögen erstrecken sich über das vier Kilometer breite Revier. Bekommt man auch nicht alle Tage geboten. Und der Anblick ist exklusiv. Weit und breit kein anderes Schiff zu sehen.

“Die Schnauze voll”

Auch der Renz-Stegnachbar hat kein Auge mehr dafür. Dick vermummt kam er im Fahrwasser entgegen und rief: “Wir haben die Schnauze voll”.  Er breche mit seiner Familie den Chartertörn ab. Nun ist er schon um die Ecke entschwunden.

Aber das “think positive”  fällt auch wirklich nicht leicht. Kaum sind die bunten Farben am Himmel verpasst, brennt der nächste aufgepeitschte Regenguss in den Augen. Nur noch schnell einmal um die Ecke, das geplante Anker-Manöver abhaken und einen Platz für die Nacht suchen.

Es wird der Steg am Wassersportverein Fleckeby. “Hier nicht, ihr seid viel zu klein…” lautet die Begrüßung eines Hallberg-Rassy-Eigners, der missmutig sogar den Schutz seiner festen Sprayhood verlässt. Freundlicher Hinweis, oder ärgerliche Beschwerde? Was denn genau das Problem sei, möchte ich erfahren. Platzmangel? Viele Boxen sind frei und stehen auf grün. Wird heute Abend noch eine Flottille erwartet? Erklären will er sich nicht. Es geht wohl einfach um die Ordnung.

Und wieder eingeweht?

Es ist kalt. Wir sind nass und frieren. Der Regen hört gar nicht mehr auf. Dieser Ausflug war keine gute Idee. Das bestätigt sich am nächsten Morgen. Jetzt heult auch noch der Sturm im Rigg. Der Wind hat weiter aufgefrischt und nördlicher gedreht. Es kann doch nicht sein, dass wir jetzt hier eingeweht werden.

Eine Meuterei steht kurz bevor. Die Zeichen stehen auf Heimreise. Das mag hier keiner mehr ertragen. Spätestens nach dem Neapel Törn im vergangen Jahr weiß die Crew, dass Segeln auch anders sein kann. Diese Woche haben wir nicht verdient. Wir wollen einfach nur weg.

Aber kommen die kleinen Motörchen gegen die Böen an, die schon im Hafen die kleinen Schiffchen schwer auf die Seite legen? Wir wollen es versuchen. Kurz rausgucken und probieren, ob es geht. Im Hafen fühlt sich alles meistens viel heftiger an, als auf dem Wasser.

Fock in Fetzen

Und tatsächlich, es klappt. An Segeln ist angesichts des Nadelöhrs zwischen den Breiten nicht zu denken. Zumal sich die alte Fock der Varianta schon in Fetzen aufzulösen beginnt und dringend zur Reparatur muss. Aber die Außenborder röhren zuverlässig. Das Abenteuer wird bewältigt.

Wir geben das Charterschiff einen Tag früher ab, als gebucht und akzeptieren in Demut die Niederlage gegen das Wetter. Kann man einfach nicht ändern. Wir haben wirklich alles versucht, und das Beste draus gemacht.

Immerhin haben die Jungs die Limits unseres orangen Dampfers erlebt. Da fällt das Groß eben nicht so toll in die Lazy Jacks wie bei der Etap. Immerhin scheint die Abschreckung nicht so groß gewesen zu sein wie befürchtet.

Kaum eine Woche später bei bestem Sommerwetter packt der Kleine zwei Kumpels und die Longboards ein, fährt mit dem Zug nach Schleswig, erkundet mit “LeLiLa” die Schlei, testet per Badehose die Wassertemperatur und verbringt sogar eine Nacht am Haken. Das Beste: Externe Beschwerden sind mir noch nicht zu Ohren gekommen. Aber das kann sich ja noch ändern 🙂

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

10 Kommentare zu „Knarrblog Schlei-Urlaub: Wie man dem Nachwuchs das Segeln verleiden kann“

  1. avatar Axel sagt:

    Ihr habt auch die beschixxensten Tage erwischt, ich habe euch leise bedauert.
    Die Jungs haben sich ganz ordentlich aufgeführt, ganz normal dem Alter entsprechend.:)

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  2. avatar hemasail sagt:

    Das einzige, was das Segeln verdirbt, sind Kommentare wie diese: “Hier nicht, ihr seid viel zu klein…”

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 1

  3. Eine Woche später? Lass mal rechnen…

    Hm. Da kommt der Verdacht auf, dass Paps die Lindaunis Brücke sabotiert hat, damit die lieben Kleinen nicht die Schlei verlassen können.

    Ansonsten: Wollkommen im Club der “hier-nicht-ihr-seid-zu-klein” Adressaten.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  4. avatar Steffen sagt:

    Hallo Karsten,
    das Gute an solchen Törns sind doch die Geschichten, die man anschließend erzählen kann. Wir sind in der Woche auf 34 Fuß unterwegs gewesen. Glücklicherweise vorher mit 2 guten Wetterwochen. Aber das Abenteuer war die Kreuz bei 28kn Wind und das Anlegen bei 30kn in Maasholm. Die Kinder nervt schlechtes Wetter doch meist weniger als uns, denn wir haben ja keine 6 Wochen Ferien. Da dein Nachwuchs anschließend wieder gestartet ist habt ihr wohl alles richtig gemacht. Die Idee mit den zwei Schiffen finde ich ziemlich cool. Wenn meine beiden so weit sind kann ich mir sowas auch gut vorstellen.

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 1

    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      jo,ha das stimmt mit den geschichten 🙂 hast auch recht mit den kids. die haben es gut verkraftet 🙂

      Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

  5. avatar Sven 14Footer sagt:

    Spannende Geschichte! Lange Zeit hatte ich überlegt eben diese Etap für die Familie zu chartern. Da Frau Segel unerfahren und Kinder noch klein haben wir uns für 1 Woche zelten in Ostfriesland entschieden. Leider die gleiche Woche. Leider können Zelte nicht so gut schwimmen wie Etaps oder Variantas. Deswegen wurde es auch von unten naß.
    => Den Kindern hat der Urlaub gefallen!

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  6. avatar Oceanus sagt:

    Schöner Bericht!
    Ich bin jahrelang erst als Jugendlicher und später als Betreuer bei Segelfreizeiten dabei gewesen.
    Kein Satz passt zu pubertierenden (ich war auch so einer!) so schön wie:
    “In unberechenbaren Abständen folgt Aktion auf Lethargie. Eine Beobachtung: Wenn sich die Gehirn-Stränge mal wieder verknoten, werden sie offenbar durch unvermittelte Testosteron-Ausschüttungen entwirrt. “

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  7. avatar ticktack sagt:

    sherry ins Wasser gekippt?

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

    • avatar Olli Schmidt-Rybandt sagt:

      Das ist des Rätsels Lösung! Ihr kippt alle zu viel alkoholische Getränke ins Wasser. Da ich die Suppe selbst nicht trinke, habe ich nichts zum Verklappen und mit Cola muß man dem alten Alkoholiker, der für den Wind zuständig ist wohl nicht kommen. Jedenfalls hatte ich in der zweiten Julihälfte zwei wunderschöne Urlaubswochen segelnd mit Familie an der Ostsee.

      Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 1

    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      oh mist, das wird’s gewesen sein 🙂

      Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *