Knarrblog: Mütze und Finale gegen Dänen Sehested verloren. Grade 3 Berlin Match

Peu à peu das Pech rausquetschen

Finale gegen den Dänen Nicolai Sehested in Lee. Gute Position kurz nach dem ersten Start... © Matthias Grothues-Spork/BYC

Verdammt, das Käppi. Die Wende zu hektisch, den Kopf zu wenig geduckt, der Stand zu wackelig, schwupps fliegt es über Bord. Die Schiris könnten es vielleicht auffischen. Sie fahren im Mobo hinterher. Aber ihnen geht es gerade mehr um das Aufdecken möglicher Fouls.

Stefan Meister pendelt in seinem SB3 vor unserem Bug und will den Führungswechsel einfach nicht zulassen. Wende links, Wende rechts, ein schönes Halbfinal-Duell. Wir haben nur knapp die Vorrunde überstanden. Aber jetzt geht sogar um den Einzug in die Runde der letzten zwei beim internationalen Grade 3 Match Race Event um die Berliner Meisterschaft.

...Aber der Däne luvt. Er darf nur bis in den Wind, ich versuche den Abstand und die Postion zu halten und will nicht wegwenden... © Matthias Grothues-Spork/BYC

Und nun ohne Mütze. Das Teil stammt vom America´s Cup in Auckland 2003. Salzverkrustet innen und außen, windschnittig, verwaschenes Blau, perfekter Sitz und besonders wichtig: das Pech ist rausgesegelt. Ja richtig, in jedem Segelutensil steckt möglicherweise Pech. Mal mehr, mal weniger.

Es verzögert das Eintreffen der notwendigen Winddrehung, es schiebt einen zu früh über die Startlinie oder zu spät über die Ziellinie, es beeinflusst beim Match Race die Entscheidungen der Umpires.

Dazu muss man die alte Segel-Regel kennen: Bei einer wichtigen Regatta niemals neue Kleidungsstücke, Brillen oder sonstiges tragen. Niemals neue Eventshirts beim dazugehörigen Wettkampf überstreifen. Anfängerfehler!

Erst das gewünschte Objekt bei kleineren Veranstaltungen vorsichtig einsegeln. Peu à peu das Pech rausquetschen. Wenn man hartnäckig ist, Rückschläge einsteckt und es immer erfolgreicher bei Wettkämpfen einsetzt, kann daraus dann auch ein Glücksbringer werden. So wie diese Mütze eben. Nun treibt sie irgendwo im Wannsee. Verdammt!

...Er verliert mehr Fahrt, und ich versuche vor dem Bug zu passieren. Aber das ist wohl zu knapp. Rot-Penalty für uns. Wir müssen sofort die Straf-Halse drehen und passieren an seinem Heck. © Matthias Grothues-Spork/BYC

Dabei hat diese Kappe uns am Samstag in die nächste Runde gerettet. Und sie leistet auch in der Round Robin der besten sechs Teams gute Dienste. Mit 3:2 Siegen rutschen wir als zweites Boot ins Halbfinale. Immer besser wächst das Team zusammen.

Peter Stein, Kumpel und Weggefährte aus der alten Heimat im Duisburger Segel Club und Sven Gauter, Kieler Skiff Segler, Laser SB3 Spezialist und Spitrimmer in unserem „Trivia“-Zwölfer-Team. Er senkt das Durchschnittsalter wohl um die Hälfte.

Gegen den Ungarn Litkey verlieren wir ein aufregendes Rennen. Der Vorsprung reicht nicht aus, um einen ausstehenden Penalty vor dem Ziel zu absolvieren. Also bremsen vor der Ziellinie, taktieren, fintieren, Grube graben und…selbst hineinfallen. Ein Pfiff, eine zweite Strafe, das wars.

Die zweite Niederlage in der zweiten Runde erfolgt gegen den kleinen Dänen Nicolai Sehested. Blond, 22 Jahre jung und so nett und freundlich, dass er in dieser Disziplin fast fehl am Platz scheint. Aber er hat sich lautstarke Mitsegler an Bord geholt, die das vermeintliche Manko ausgleichen. Er ist die Nummer 24 der Welt und hier an eins gesetzt.

Das SegelReporter Team. Carsten Kemmling, Peter Stein und Sven Gauter. Wo wohl der nächste Winddreher einsetzt? © Stephan Mölle

Die Dänen segeln souverän, ich mache Fehler. Wieder ein ärgerlicher Fauxpas bei der Positionierung im Vorstart. Er kommt mit 4:1 durch die zweite Runde und darf sich den Gegner für das Halbfinale aussuchen. Der Pole Zbroja muss ran. Wir stehen Stefan Meister mit seinen langjährigen Mitstreitern, Thomas Stemmer und Urs Wihlfahrt gegenüber.

Es macht Spaß, gegen die Jungs zu segeln. So oft schon duellierten wir uns mit dem schlauen Physiker und 470er Olympioniken von 2000. Immer hart und fair, mit ungewissem Ausgang. Es kribbelt in den Extremitäten, Adrenalin rauscht in den Adern, die Blase drückt.

Der Körper wirkt fremdgesteuert im Moment der Anspannung vor dem entscheidenden Rennen. Die Gedanken müssen in die richtige Richtung wandern. Taktik, Strategie, Timing zur Startlinie, die Bedingungen auf dem Parcours. Sie ändern sich im Minutentakt. Welche Kreuzseite ist besser, welche Startseite? Luv oder Leeposition vom Gegner?

Stehsegeln. Leegewicht vor der Rollwende. © Matthias Grothues-Spork

Es ist ein beinharter Kampf mit dem besseren Ausgang für uns. 2:0 nach einer glücklichen Schiedsrichterentscheidung im letzten Rennen. Stefan platziert eine Leewende zu eng vor unserem Bug. Die Strafe ist auch für ihn unstrittig. Aber die Umpires zeigen ihm noch die rote Flagge. Er muss die 270 Grad Drehung sofort ausführen. Das soll immer dann passieren, wenn durch die Regelverletzung die Kontrolle gewechselt hat. Eine harte Strafe.

Also Finale gegen den Dänen. In beiden Vorrundenrennen haben wir gegen ihn verloren. Teilweise mit schrecklichen unforced errors. Diesmal ist es enger. Auch wenn ich Sekunden vor dem ersten Start eine gute Position zu einer sehr guten machen will und daraus eine sehr schlechte wird. Wir bleiben dran, kommen aber nicht vorbei.

Segeln bis die Sonne untergeht. Das Organisationsteam vom Berliner Yacht-Club zieht das Mega-Pensum von 47 Rennen in zwei Tagen durch. © Matthias Grothues-Spork

Der zweite Lauf ist hektischer. Die letzte Luvtonne runden wir mit mehr Speed an seinem Heck, stoßen beim Gennakersetzen nach Lee von ihm. Aber ich verpeile, dass der Bugspriet noch raus muss. Er knallt gegen sein Achterstag. Pen für uns. Trotzdem blockieren wir ihn für die Halse, denke ich. Die Schiris nicht. Wieder ein Kontakt mit dem Bugspriet, der zweite Pen für uns. Na ja. Wie soll es auch funktionieren ohne das Käppi.

Platz zwei konnten wir nicht erwarten. Eigentlich betreibe ich das Matchen nur noch auf Sparflamme. Irgendwann waren wir einmal 24. in der Weltrangliste, nun 490. Die Crew ist eigentlich aufgelöst. Jetzt haben aber die ersten beiden einen Platz beim Berlin Match Race nächste Woche gewonnen. Ist ja nett, aber das bringt doch arge Organisationsprobleme mit sich. Außerdem macht das verprügeln lassen ohne eingespieltes Team auch nicht immer Spaß. Mal sehen, was noch geht.

Der Berliner Yacht-Club mit der Mannschaft um Wettfahrtleiter Matthias Grothues-Spork hat jedenfalls mit dem Schiri-Team um Chief Umpire Rüdiger Schuchard souverän das Mega-Pensum von 47 Rennen in zwei Tagen durchgezogen. So viel Segelzeit bekommt man beim Matchen an einem Wochenende nicht alle Tage geboten.

Ergebnisse:

1. Sehested (DEN)
2. Kemmling (GER)
3. Zbroja (POL)
4. Meister (GER)
5. Feitsma (NED)
6. Litkey (HUN)
7. Oehme (GER)
8. Rosinski (POL)
9./10. Meyer (GER) /Andresen (GER)
11. Hartwig (GER)
12. Pochhammer (GER)

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Spenden
https://yachtservice-sb.com

11 Kommentare zu „Knarrblog: Mütze und Finale gegen Dänen Sehested verloren. Grade 3 Berlin Match“

  1. avatar Lyr sagt:

    Herrlich geschrieben… ich kann mich gut in diese Mütze hineinversetzen 🙂 Würde ich am Wannsee wohnen, täte ich jetzt gut daran, nicht Müh und Kosten zu scheuen und den ganzen See ab zu suchen um mir den wertvollen Kleinod einzuheimsen…. 😀
    und nochmal Glückwunsch! Respektvolle Leistung!

    grüße jan

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar AmTresen sagt:

    Glückwunsch Carsten!
    Ein mehr als verdienter Ausgleich für die Schmach von Anfang Oktober – und eine mehr als notwendige Lehrstunde zum SB3-Segeln fürs nächste Wochende für manchen Tresenexperten :-))

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  3. avatar Christian sagt:

    komm Carsten, den Jochen Schümann packst du am kommenden Wochenende! Er hat doch auch kaum noch Übung im Matchrace. Eric Monin ist auch zu kriegen. Und die anderen? Ok, die werden eine harte Nuss.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  4. avatar Marc sagt:

    Auf dem 1. Foto ist von der Sehested Crew jemand mit den Beinen aussenbords(wohl um mehr Gewicht zu machen an der Kreuz). Dachte das(ausreiten) ist im Laser SB3 verboten? Ist nicht dafür auch diese Metallreling? Oder gilt das im Matchrace nicht?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

    • avatar Carsten sagt:

      Im Match Race sind die jeweiligen Klassenregeln ausgesetzt. Wir haben auf der Metallreling ausgeritten. Das macht eine fiese Rille in den Hintern.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  5. avatar Kurt sagt:

    Das ist doch Krank!
    Eine Kieljolle ohne Ausreit- oder Trapetzvorrichtung….
    Und auf solchen Kackstelzen wird die Meisterschaft der Meister ausgesegelt…….
    Sollte nichtmal die Segel Elite von Deutschland das Recht auf ein Boot haben, womit man anspruchsvoll und sportlich segeln kann?
    Laut Laser kann man wohl mit 35° heel viel schneller fahren als drei Leuten im trapetz und 15°heel…
    Warum sitzten wohl die ganzen Bigboat Segler auf der hohen Kante? Bestimmt mit sie die da oben Aussicht genießen wollen………..

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 13

  6. avatar Yo! Kurt sagt:

    Kurt sechs, setzen!

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

  7. avatar Kurzhaar-Peter sagt:

    Hallo Carsten; sehe Steini zum ersten mal mit Wollmütze …, liegt das doch am Alter??

    Gruss Peter

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  8. avatar Yachti sagt:

    Carsten, warum nur zweiter?

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *