Hydroptère: Rekordjäger vertreiben sich die Wetterfenster-Wartezeit in San Francisco

Austoben unter der Golden Gate Bridge

So ist das mit den Jungs. Gibt man ihnen einen neuen, tollen Fußball für ein wichtiges Spiel, von dem man aber noch nicht weiß, wann es stattfinden wird, dann werden sie zunächst nur brav übers Leder streicheln, irgendwann mit dem Gegen-die-Wand-kicken beginnen und spätestens übermorgen auf dem Bolzplatz schon mal eine Runde „vorspielen“. In der Hoffnung, dass der Ball wirklich bis zum großen Match halten wird…

Mal schnell einen Schlag vor der Skyline © Christophe Launay

Mal schnell einen Schlag vor der Skyline © Christophe Launay

Ähnlich, freilich mit ungleich teurerem Gerät, ergeht es derzeit der Hydroptère-Crew rund um Alain Thébault: Seit Wochen warteten sie in Los Angeles auf das ideale Wetterfenster, um sich endlich an ihren ersten großen Rekordversuch auf hoher See zu wagen: Über den halben Pazifik, von L.A. nach Honolulu/Hawaii.

Doch irgendwann wurde es „den Jungs“ dann doch zu langweilig, und sie suchten nach einem nahegelegenen Spielplatz, um sich mal so richtig auszutoben.

Da bot sich die San Francisco-Bay letzte Woche an, als die Speed-Freaks von der America’s-Cup-World-Series dort herumrasten und sowieso die ganze Szene auf das Wasser vor, hinter und unter der Golden Gate Bridge blickte.

Französische Duftmarke: 37,5 kn

Also mal eben schnell die Segel gesetzt, in ein paar Stunden auf den Foils gen Norden geflogen, um gleich nach dem AC-Spektakel eine französische „Duftmarke“ namens „lokaler Rekord über die nautische Meile“ zu setzen. Über die 1,852 km raste die Hydroptère mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 37,5 kn respektive 69,5 km/h.

Angesichts des Weltrekordes, den die Hydroptère in 2009 über die gleiche Distanz, allerdings in anderer Montur segelte (das Schiff wurde letzten Winter für seine Hochseerekordfahrten umgebaut), eher ein „symbolischer“ Rekord, der nicht lange Bestand haben dürfte angesichts der heißen Kite-Surfer-Szene Kaliforniens.

Tatsächlich rief die “Hydroptère” diese Rekordstrecke in der S.F.-Bay überhaupt erst ins Leben, auch auf die Gefahr hin, dass ein „gout bzw. Gschmäckle“ von PR- und Promotion hängen bleiben könnte. Kurz darauf nahmen Thébault und Team dann auch nur noch „symbolisch“ an der legendären Ronstan Bridge to Bridge-Regatta teil:

Zum Apèro auf Foils durch die Bucht von San Francisco © Christophe Launay

Zum Apèro auf Foils durch die Bucht von San Francisco © Christophe Launay

Aus Sicherheitsgründen starteten sie einige Minuten vor dem Feld, in dem sich traditionell reichlich Skiffs, Windsurfer und andere Raser bewegen. Über die 7 Meilen lange, mit Strom, Untiefen und fiesen Winddrehern bestückte Strecke gaben sie dann allerdings die Führung nicht mehr ab und sammelten zumindest wertvolle Erfahrungen in kabbeliger Pazifik-See.

Einmal im Leben

Um erste Erfahrungen ging es auch bei Dutzenden lokaler und internationaler Segelhelden, die während der S.F.-Tage von Thébault auf die Hydroptère geladen wurden. Paul Cayard (Artemis Racing), Paul Campbell James (Steuermann bei Luna Rossa) und sogar Kite-Legende Robbie Douglas (der einzige Segler, der jemals schneller als die Hydroptère segelte) ließen sich über die Bucht „fliegen“.

Doch nicht nur für die Segler an Bord sorgte das schnellste Segelschiff der Welt für reichlich Adrenalinschub – auch wer das Glück hatte, zumindest ein paar Hundert Meter neben dem Monster zu rasen, sprach vom „once-in-a-lifetime-Erlebnis“.

Da wird's selbst gestandenen Speed-Surfern etwas mulmig! © Christophe Launay

Da wird’s selbst gestandenen Speed-Surfern etwas mulmig! © Christophe Launay

So dokumentierte etwa ein Windsurfer auf seinem Blog: „Zunächst sah ich hinter mir nur eine riesige Gischtfontäne auf mich zurasen. Die nahm dann langsam die Formen einer Monster-Spinne an. Ich war schon auf Full-Speed, etwa 30 kn, doch dieses französische Segelwunder raste mit mindestens 40 kn. in Lee an mir vorbei. Dieses Pfeifen und Heulen in der Takelage werde ich nie vergessen!“

Noch warten Thébault und sein Team weiter auf das ideale Wetterfenster (stabiles Hochdruckgebiet im Nordpazifik) für ihren Transpac-Rekordversuch zwischen L.A. und Honolulu. Allerdings müssen sich alle Beteiligten auch darauf gefasst machen, dass dieses Fenster für dieses Jahr geschlossen bleiben könnte. Die Meteorologen sind jedenfalls eher skeptisch…

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Michael Kunst

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