Deutsche Segelpioniere. Im 6,15 Meter Schiff um die Welt

“Wir stehen auf den Schultern anderer”

In der Zeitschrift Yacht 19/2010 war ein sehr schöner Artikel von Johannes Erdmann über die Weltumsegelung des Ehepaars Zenker zu lesen. Zwei Dinge haben diese Weltumsegelung besonders gemacht: Die Zenkers waren Mitte der 1960er Jahre das erste deutschsprachige Paar (sie segelten unter kanadischer Flagge), das die Welt umsegelte und sie haben dies in einem Boot von 6.15 Meter Länge getan. Eine Größe, die bis heute meines Wissens nach nicht unterboten wurde.

Nach allem, was ich heraus gefunden habe, war diese Reise im deutschsprachigen Raum praktisch unbekannt, bis Johannes sie „entdeckt“ hat. Nicht, dass die Zenkers ein Geheimnis aus der Fahrt gemacht hätten. Immerhin gibt es ein englischsprachiges Buch über die Reise. Aber aus mir nicht erklärlichen Gründen gehört diese Reise nicht zum kollektiven Erinnerungsschatz deutscher Langfahrtsegler.

Bei weltumsegelnden deutschen Ehepaaren fällt einem der Name Koch ein, aber Siggi und Hein Zenker? 
So gibt es einige bemerkenswerte Segelpersönlichkeiten, die dem Vergessen anheim gefallen sind. Der (fast) nonstop Weltumsegler Horst Timmreck ist so ein Fall. 
Oder Walter Kaminski.

Dieses Jahr habe ich den heute 80 jährigen Berliner ausfindig gemacht, der 1960 um Haaresbreite an den Start des ersten Einhand-Transatlantikrennens OSTAR gekommen wäre. Fünfzig Jahre später habe ich die Geschichte für eine Segelzeitschrift aufgeschrieben. Bis dahin hatte sich niemand für diesen Mann, der mit etwas mehr Glück in die Annalen des Segelsports eingegangen wäre, interessiert.

Ein anderer Fall ist ein Mann mit dem sperrigen Namen Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld. Er hat in den 1950er Jahren mit einem selbstgebauten Katamaran Namens „Gerümpel“ den Atlantik überquert. Auch über diese Reise gibt es ein Buch (Auszüge hier / 4,5 MB PDF). Trotzdem kann man nicht einmal sagen, dass er als Mehrrumpfbootpionier in Vergessenheit geraten ist, da er als Pionier auf diesem Gebiet wohl zu keiner Zeit unter deutschen Seglern präsent war.

Die genannten Beispiele zeigen, dass es um die Geschichtsschreibung in Sachen Blauwassersegeln hierzulande trübe bestellt ist. Nach Auskunft eines von mir befragten Sporthistorikers und des Deutschen Schiffahrtsmuseums in Bremerhaven gibt es hierzulande zum Thema keine wissenschaftliche Arbeit und auch Institutionen wie der Deutsche Segler Verband haben sich des Themas bislang nicht angenommen. 
Rühmliche Ausnahme ist der Autor Joachim Schult, der mit seinem Buch „Erstleistungen deutscher Segler“ einen wichtigen Beitrag geleistet hat, frühe Reisen deutscher Segler vor dem Vergessen zu bewahren.

Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn ich in Zukunft von weiteren unbekannten Pioniertaten unserer Altvorderen lesen könnte. Ohne ihren Wagemut und Einfallsreichtum sähe unser Sport heute ganz anders aus. Denn auch beim Blauwassersegeln steht man mit dem, was man macht, immer auf den Schultern anderer.

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Uwe Röttgering

... der, der das Blauwasser Segeln liebt, aber zu immer schnelleren Schiffen tendiert - ob das am Einfluss von SR liegt ? ;o) Mehr findest Du hier.
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