Kajakmaran-Mann: “Over and out”, Andreas Gabriel ist wieder zuhause

"Tränen ohne Unterlass"

NDR BEITRAG VON DER GABRIEL ANKUNFT IN TÖNNING

Andreas Gabriel ist in Tönning angekommen. Seine Abschlussgeschichte beschäftigt sich mit den letzten Stunden auf See. Der NDR berichtet in einem Beitrag über sein Abenteuer.

Mein Pa ist mit seinem Boot auf Föhr. Er würde mich so gerne mit seinem Boot begleiten, wenn ich auf das Eidersperrwerk und Tönning zusteuere, doch die Natur spielt gegen ihn. Bereits in der Nacht um 3, sitzt er draußen an Deck und starrt in den Himmel. 25 Seemeilen, trennen ihn von dem Punkt, an dem wir beide vor St.Peter Ording aufeinander treffen könnten. Er von Norden und ich von Süden.

Andreas Gabriel

Wieder zuhause. Andreas Gabriel bei der Ankunft in Tönning. © Gabriel

Was wäre DAS für ein wundervoller Moment. Doch er entscheidet sich gegen eine Fahrt und trifft damit die einzige seemännisch richtige Entscheidung. 5 – 6 Windstärken können im Heverstrom und draußen vor St. Peter Ording gefährlich werden. Wir wissen es beide…alles ist gut, wie es ist.

Für mich selbst steht keine Entscheidung an. Mit dem ersten Licht, verlasse ich an diesem Morgen Büsum um kurz nach 5 Uhr. Für 10 Uhr 30 ist mein Ankommen am Eidersperrwerk angesetzt. Der Wind füllt meine Segel aus Südsüdwest und es geht rasant los auf Kurs West. Ich muß erst 10 Meilen nach Westen, bis ich um die hohen Sandbänke und Schlickkanten herum bin.

Erst dann geht es für ein paar Meilen nach Nord auf St. Peter zu und schließlich in meinem vertrauten Fahrwasser auf Ost-Kurs meinem Ziel mit auflaufenden Wasser und scharfer Brise im Nacken entgegen. Die 10 Meilen nach Westen, hätte ich an diesem Morgen gerne herausgeschnitten.

“Das ist doch Scheiße”

Andreas Gabriel

Im Kreise der Familie mit den beiden Söhnen und Freundin Sabrina. © Gabriel

Ab 7 Uhr beschleunigt der Wind auf über 20 Knoten, geht auf West und der Strom steht mir voll gegenan. Ich versuche mich ruhig zu halten…schreie diesmal nur kurz: “Das ist doch Scheiße…warum tust Du das? Das ist mein letzter Tag…DAS IST MEIN LETZTER TAG!!!” Das Wasser läuft mir aus den Ohren wieder raus, diese verfluchte Sandbank und ihre kabbelige Brandung wollen einfach kein Ende nehmen.

Ob ich gut in der Zeit bin für die geplante Ankunft? Habe die Meilen nicht abgesteckt. Könnte knapp werden, verflucht nochmal. Irgendwann wird die Brandung plötzlich ruhiger…die weißen Kappen überschaubarer. Jetzt gehe ich auf Nordkurs. Hab die Segel einen Moment zu sehr schlagen lassen…hinten ist am Schothorn ein Bändsel gerissen, vorne hat es den Schotenblock zerlegt.

Kriege die Wellen Stück für Stück achterlicher und flicke, was zu flicken geht. 5 Knoten….6 Knoten…7 Knoten… Yes!!! Thats it!!! Ja…die Zeit passt. Bin eher etwas zu schnell und lasse mich im etwas beruhigteren Fahrwasser 5 Meilen vor dem Sperrwerk für einen Moment quertreiben, um zu überlegen…mein Gefühl auszuloten. Das Fahrwasser geht im Zickzack…”gehe auf Kurs, Andreas…dat passt, wie Faust aufs Auge!”

“Du hast es geschafft!”

Ab jetzt schießen meine Tränen ohne Unterlass und ich will nichts mehr davon zurückhalten. “Du hast es geschafft, mein lieber…Du hast es geschafft!!!” Wie oft nur, habe ich der See gesagt…sie angeschrien, dass meine Zeit noch nicht gekommen ist. Meine Hand gleitet durchs Wasser und ich bin ihr dankbar…fürchterlich dankbar, denn sie weiß es…wir beide wussten es immer. So sehr wir auch gestritten haben.

Andreas Gabriel

Gabriel mit der Sieger Faust. Das Projekt ist geglückt. © Gabriel

Um 10 Uhr 13 klingelt mein Telefon. “Wo bist Du? Wir können Dich nicht sehen.” Ich habe euch im Glas”, erwidere ich.” Meine Karre ist ein Uhrwerk, bin gleich da.” Am Sperrwerk sind Menschen, ob die wegen mir da sind? Bernd das alte Rauhbein ist mit seinem Kutter da. Fernsehen an Bord, Kumpels und Freunde. Dieser Moment ist einer der Schönsten in meinem Leben. Meine Schwester und Familie, Sabrina mit großem Transparent, meine Söhne. Gehupe und Getöse…bin überfordert und überwältigt.

Mit Hindernissen und einem müden Außenborder, fahre ich in das Sperrwerk ein, an dem sich mittlerweile bei geöffneter Brücke eine riesige Autoschlange in beide Richtungen gebildet hat. Auf der Eider hält Bernd etwas Abstand mit dem Fernsehteam und seinem riesigen Kutter. Ich habe jetzt auf den letzten Meilen etwas Zeit für mich.

Einlaufen unter Vollzeug

Weine…schreie…repariere mein “Besan-Opti:-), damit ich unter Vollzeug einlaufe” und bin einfach nur glücklich. Unbeschreiblich glücklich, dass sich mein Bild der Ankunft in die Wirklichkeit verwandelt hat. Es ist jetzt fast zu Ende.

Andreas Gabriel

Das verbliebene Proviant sieht nicht mehr appetitlich aus. © Gabriel

An der Einfahrt zum Hafen dann der absolute Vollhammer. Gefühlte 200.000 Menschen. Woooooow!!!! Meine Mutter…ich sehe meine Mutter…krass!!! Sie hatte mir Tage zuvor telefonisch abgesagt, weil sie ihren Friseursalon leider nicht verlassen könne an diesem Tag. Ab 10 Uhr jedoch hat es in ihr angefangen zu brodeln. Sie hat ihren letzten Kunden einfach abgesagt…alles stehen und liegen lassen, den Laden abgeschlossen und mächtig Gummi auf dem Asphalt hinterlassen.

Der Wind bringt mich bis vor all die Leute. Tränen, gelache und gehupe. Ich habe mir diesen Moment oft vorgestellt. Doch so toll? So herzlich und überschwenglich? Nein! Rund Europa ist zu Ende und eine Familie hat zu mir gehalten, wie ihresgleichen wohl nur schwer zu finden ist. Danke für alles. Ohne euch alle, hätte ich dieses Abenteuer nicht durchgestanden. Ich liebe euch sehr.

Tönning am 06.08.2013

Andreas Gabriel sagt: “over and out”

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Andreas Gabriel

... ist Frohnatur, Geschichtenerzähler, Abenteurer und Maurer zugleich. Er brach von Tönning in NORDfriesland Ende April 2011 auf, um mit seinem Kajakmaran Europa zu umrunden. Über Kanäle, Rhein, Main, Donau, ins Schwarze Meer und dann über das Mittelmeer zurück. Alles ohne Geld. Andreas Gabriel erzählt wahre Geschichten, die er unterwegs erlebt, und seine Zuhörer freuen sich, dass er eigentlich ihren Traum lebt. Ihre Unterstützung kommt postwendend. Dass dieses spannende und intensive Reisen funktioniert, hat er schon in den ersten 2 Etappen bewiesen. In der dritten Etappe geht es von Laredo / Nordspanien nach Hause nach Tönning. Seine Webseite lautet www.der-mit-dem-wind-faehrt.de
Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

3 Kommentare zu „Kajakmaran-Mann: “Over and out”, Andreas Gabriel ist wieder zuhause“

  1. avatar bg sagt:

    So jemand verdient Respekt! Wer braucht die ganzen satten Leute wie Schenk etc. die nur für ihr Geseier von der Segler-Bravo hofiert werden…?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 22 Daumen runter 10

  2. avatar Ostnordost sagt:

    Gratulation Andreas,
    und danke, dass du deine Leser auf dieses verrückte Abenteuer mitgenommen hast.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 39 Daumen runter 2

  3. avatar Lyr sagt:

    Du hast es geschafft!!
    Wie geil, hab beim lesen Deines Textes auch ein bisschen Gänsehaut und feuchte Augen.. als wenn ich ein bisschen dabei gewesen bin. Habe von Anfang an Deine Reise mitverfolgt und Deine mitreißenden Texte gelesen…
    Meine herzlichsten Glückwünsche und Respekt für diese Leistung und eindrucksvoller Sturheit bis zum Schluss:)

    Viel Glück noch!
    Jan

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

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