Anders leben: Jung-Skipper Guirec und Huhn Monique bezwingen die Nordwestpassage

Eisbären, Narwale, Legehennen

Nordwestpassage, Skipper, Huhn

“Natur, die an Schönheit kaum zu überbieten ist!” © voyage d’yvinec

32 Tage brauchten Guirec Soudée (24) und sein Huhn für die 3.400 Seemeilen Nordwestpassage. Eisbären, kalbende Gletscher, kenternde Eisberge, driftende Eisschollen oder rotierender Kompass – nichts konnte sie aufhalten. Meisterleistung!

Man muss sich das mal vorstellen: Da segelt vor drei Jahren ein blutjunger, damals 21-jähriger Franzose auf einem uralten Stahlschiff los, um die Welt zu umrunden. Ahnung vom Segeln? Minimal. Finanzen? Suboptimal. Enthusiasmus? Maximal!

Mit dieser Beschreibung seiner Ausgangssituation postete er damals erste Videos in den sozialen Medien und begeisterte sofort. Obwohl, so ganz stimmt das nicht. Denn Guirecs erste Reiseberichterstattungen waren eher… sagen wir mal „durchschnittlich“. Doch dann holte sich der erklärte Einhandsegler vor dem Sprung über den Atlantik eine wahrhaft tierische Vorschoterin an Bord: Monique, die Legehenne!

Seitdem sind Huhn und Skipper wahre Stars (nicht nur) in der Blauwasserszene. Ihre Videos und Blog-Posts begeistern mittlerweile zehntausende Fans und das Huhn Monique brachte es sogar zur Kinderbuchautorin. (SR berichtete).

Bei all’ dem Klamauk rund um Guirec und Monique wird jedoch allzu leicht vergessen, dass die Drei (gemeint sind der autodidaktische Skipper Guirec, Eiweißlieferantin Monique und das Stahlschiff Yvinec) im Laufe der letzten Jahre hervorragende seemännische Leistungen erbracht haben. Zumal man, trotz Moniques wohlwollender Hilfsangebote, davon ausgehen kann, dass Guirec seine „Yvinec“ tatsächlich einhand segelt. So kam das Trio immerhin über den Atlantik, tingelte monatelang durch die Karibik, segelte entlang der US-Küste nach Grönland, überwinterte im Packeis und segelte nun nach Alaska.

Respektrevier Nordwestpassage

Von Grönland nach Alaska? Genau, die legendäre Nordwestpassage, unüberwindbares Hindernis für unzählige Abenteuer-Segler, legendäre Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik oder umgekehrt, eine der faszinierendsten Ecken unseres blauen (in diesem Fall: weißen) Planeten war den beiden wohlgesonnen und öffneten ihre Pforten aus Eis.

So bewältigten Guirec und Monique auf stählernem Rumpf in 32 Tagen 3.400 Seemeilen. Aber von wegen „offenes“ Meer: Die Fahrt von Ost nach West war eine irre Slalomfahrt durch Treibeisfelder, um unüberwindbare Eismassen herum, zwischen driftenden Eisbergen.

„Ich dürfte wohl der jüngste Einhandsegler sein, der jemals durch die Nordwestpassage kam. Und eines ist sicher: Monique ist das erste Segelhuhn der Welt, das diese Strecke abgesegelt ist,“ freut sich Guirec auf seinem Blog.

Nordwestpassage, Skipper, Huhn

Zwei reichlich stolze Nordwestpassagenbezwinger © voyage d’yvinec

„Was für eine Zeit, was für Leben, seitdem wir hier im Hohen Norden vor mehr als einem Jahr angekommen sind. So viel ist passiert! Mein Vater starb, danach machten Monique und ich uns an eine lange Überwinterung im Packeis. In dieser Zeit befürchtete ich mehrmals, alles, aber auch wirklich alles zu verlieren.

Auf der anderen Seite diese unbeschreiblich schöne Natur um mich herum, so gewaltig und doch so sensibel, meine neuen Freunde bei den Inuit… ich habe hier einen Teil von mir selbst gelassen. Ich weiß zwar noch nicht wann, aber ich bin mir sicher, dass ich dorthin wieder zurückkehren werde.“

Schlafen? Wird überbewertet!

Auf all’ die Gefahren in der gnadenlosen und doch so großzügigen Natur setzte der Autopilot sozusagen noch das Sahnehäubchen drauf. Denn in der Nähe des magnetischen Pols spielte der Kompass in der Selbststeuerungsanlage verrückt. Was bedeutete, dass Skipper Guirec und Co-Skipperin Monique über Tausende Seemeilen Ruder gehen mussten.

„Schlafen? Das wird sowieso überbewertet,“ meint Guirec. Zehn Minuten hier, zehn Minuten dort meldete er sich ab. Doch die unzähligen Hindernisse und somit Gefahren, die überall lauerten und an denen die “Yvenic” zu zerschellen drohte, waren und blieben omnipräsent.

„Manchmal bin ich aus einem meiner Minutenschläfchen geschreckt, weil es plötzlich so unheimlich ruhig war,“ erinnert sich Guirec. „Da klopfte ausnahmsweise mal kein Treibeis an die Bordwand unserer braven ‘Yvenic’. Andere Male meinte ich , da vorne im Dunst oder sich lichtenden Nebel Land ausgemacht zu haben. Ich dachte, ich hätte stundenlang falsch gesteuert und würde jetzt auf die Katastrophe zufahren.“ Also Plünnen runter, Motor an… und neu orientieren.

Nordwestpassage, Skipper, Huhn

Da müsen wir durch! © voyage d’yvinec

Das ging tage- und wochenlang so. Vorschoterin Monique machte sich bei ruhigem Wetter immerhin als Ausguck auf der obersten Saling nützlich, manchmal ging sie Gueric auch am Ruder zur Hand bzw. Kralle.

„Was wir beide jedoch gemeinsam genossen, war diese überwältigende Natur,“ erzählt Gueric weiter. „Da waren zunächst diese unglaublichen Farben am Horizont. Oder die Formen der Eisberge. Und natürlich die Tierwelt. Wir wurden stundenlang von allen möglichen Walarten begleitet, darunter auch die faszinierenden Narwale.

Seehunde begleiteten uns, Eisbären schauten uns von den Schollen aus nach – einer schwamm sogar um unser Schiff herum. Bis auf diesen einen Fall freute sich Monique immer lautstark, wenn sie von Kollegen aus der Tierwelt begleitet wurde. Was sich übrigens positiv in der Eierproduktion bemerkbar machte.“

Gnädige Natur

Dass sie Anfang September tatsächlich in Nome/Alaska ankamen, führt Guirec in erster Linie auf eine Menge Glück zurück. „Wie wir alle wissen, ist es keineswegs selbstverständlich, dass man über Wochen hinweg durch die Nordwestpassage segeln kann!“ sagt er. Zahlreiche fehlgeschlagene Versuche in den vergangenen Jahren zeigen das mehr als deutlich.

„Außerdem war mir die ganze Zeit bang ums Herz. Vielleicht war es ja diese Vorsicht, die uns bis ans vorläufige Ziel gebracht hat. Jedenfalls bin ich richtig stolz darauf, es bis hierhin geschafft zu haben. Das hätte ich mir niemals träumen lassen, als wir unseren Törn damals über den Atlantik starteten. Und jetzt bin ich hier: Ohne sogenannte „erfolgreiche Schulabschlüsse“ – ich habe sage und schreibe 13 Schulen auf dem Zähler – ohne Geld, nur mit viel Enthusiasmus und Spaß am Leben versehen, habe ich es immerhin auf eher ungewöhnlichem Wege bis in den Pazifik geschafft!“

Nordwestpassage, Skipper, Huhn

So kamen sie durch! © voyage d’yvinec

Die Nordwestpassage: Ein Törn, den andere nur mit speziell ausgerüsteten, millionenschweren Expeditionsschiffen wagen und die selbst von den erfahrenen Blauwasserseglern aus guten Gründen gemieden wird, wurde jetzt mal eben mehr oder weniger locker von einem 24-Jährigen und seiner Vorschoterhenne Monique geschafft. Das ist eine Verbeugung wert.

„Ist aber noch nicht alles, Leute!“ meint Guirec jovial. „Im Pazifik warten noch reichlich Abenteuer auf uns!“ Und Monique gackert schelmisch dazu…

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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Ein Kommentar „Anders leben: Jung-Skipper Guirec und Huhn Monique bezwingen die Nordwestpassage“

  1. avatar Kugelfisch sagt:

    Respekt!

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