Binnenexotik: Stadtrandsegeln auf der 6-Seen-Platte – Duisburgs “Schären”

"Wohl dem, der nah am Wasser baute"

Duisburg, 6-Seen-Platte, Binnenexotik

Klar bei Anker © Mauer

Unsichere Fahrwasser mit schlecht beleuchteten Angelkähnen, Zeppeline trotz Gewitterhimmel, Ankern in “eigener” Bucht, Abendbad der Damen und Marlspieken mit Youtube-Tutorial – Binnensegeln ist alles, nur nicht langweilig. 

Wohl dem, der nah am Wasser gebaut oder – wie in unserem Fall – ein altes Haus bezogen hat: da kann man, wenn es Wetter- und Zeitfenster erlauben, eine Seefahrt auch mal spontan in den Familienkalender einbauen. Letzten Samstag war es wieder soweit: nach Sommerferien am statt auf dem Wasser verlangten sogar die Kinder lauthals danach, in See zu stechen. Also wurde kurzerhand das Auto gepackt und los ging´s.

Die Fahrt verging wie im Fluge. Am Hafen angekommen, wurden Kind und Kegel ausgeladen, die obligatorischen Ikea-Tüten auf Handwagen umgepackt und zum Liegeplatz gekarrt. Wetterbericht und Windfinder lagen leider leicht daneben: statt versprochenen 12 – 15 kn Wind und sonnigen Abendstunden war der Himmel spektakulär düster und es schüttete immer wieder wie aus Kübeln. Das Ganze wurde begleitet von 90 Grad Drehern, weshalb ich mich sicherheitshalber für die kleine Fock und ein Reff entschied.

Durch die Enge kreuzen

Wir wollten die Nacht in einer geschützten Bucht vor Anker verbringen, allerdings galt es bis dahin noch ein paar Schläge zu machen. Die Seekarte hatte ich sicherheitshalber online geladen, auch wenn ich das Revier wie meine Westentasche kannte. Vor allem das Fahrwasser rund um die Brücke hatte es in sich, weshalb wir dieses Seestück unbedingt noch bei Tageslicht passieren wollten: Gegenverkehr am besten in Form schlecht beleuchteter Angelkähne sind kein Spaß, wenn man durch die Enge kreuzt, und man hörte immer wieder von Beinahkollisionen. Soweit reichte sogar die weibliche Fachkenntnis an Bord, weshalb Muddern ihre Töchter zur Eile trieb.

Zum Abschied erschien ein Zeppelin und zeichnete ein so spektakuläres Bild an den Gewitterhimmel, dass Klein-Tilli sogar ihren Schwimmwesten-Protest vergaß. Der Hinweis darauf, dass das Luftschiff bei akuter Gewitterwarnung garantiert nicht gestartet wäre, beruhigte die Erziehungsberechtigte vollends und es konnte losgehen. Die Kinder machen sich mittlerweile immer besser an Bord, was ich natürlich meiner nautischen Früherziehung zu Gute halte. Ruckzuck waren die Leinen los geworfen, die Segel gesetzt und wir unterwegs.

Die Brückenpassage war diesmal unsere ganz private Seestraße; kein Boot weit und breit, nur wir im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne an der Kreuz. Dummerweise schlief der Wind zusehends ein. Ausgerefft hatte ich schnell, nur keine Lust, die Fock zu wechseln, aber ab und zu setzte sich unter Land ein Windstrich durch, an dem wir uns lang hangeln konnten.

Traveller als Bettgenosse

Als wir „unsere“ Bucht erreichten, war es längst dämmerig. Das Ankermanöver gelang auf Anhieb und wir lagen herrlich geschützt. Nur starker Ostwind hätte die Lage etwas ungemütlich machen können, aber ich vertraute Anker und Bleivorlauf und entließ die Damen zum Abendbad. Angesichts der Vollbelegung mit 6 Personen musste ich im Cockpit unter der Kuchenbude schlafen, während sich die Mädels unter Deck tummelten. Nach Rotwein unterm Sternenhimmel hatte ich dann den Traveller als Bettgenossen und ging Ankerwache.

Reise Reise … © Mauer

Am nächsten Morgen rief gleich nach dem Frühstück die Pflicht: ich hatte entdeckt, dass der Vorlauf des Großfalls am seidenen Faden hing. Daraufhin hatte ich die älteste Tochter mit einem Youtube-Video, Feuerzeug und provisorischem Marlspieker an den Mast beordert, um das erste Mal in ihrem Leben zu spleißen. Muddern verwies hektisch auf den Geburtstagskaffee von Klein-Tilli: um 15:30h war die Verwandtschaft geladen und wir mussten zuhause noch klar Schiff machen und Kuchen backen. Die Angst war unbegründet: 10min später hatte Frieda einen lupenreinen Augspleiß fabriziert, das Groß ging hoch, wir segelten unter Vollzeug gen Heimat und hatten sogar noch Zeit für das geliebte Hinterherziehen.

Sieben Minuten Heimfahrt

15 Minuten später waren wir zurück im Hafen. Die Kinder gingen schwimmen, während ich das Boot klarierte, Muddern das Auto holte und wir gegen 13h die Heimreise antraten. Dank wenig Verkehr brauchten wir dieses Mal nur 7 Minuten für die 5km von der 6-Seen-Platte nach Duisburg-Neudorf und machten uns flugs an die Vorbereitungen für den Geburtstagskaffee.

Wohl dem, der nah am Wasser gebaut hat – für einen Ausflug in die Schären reichen ein Baggerloch, ein Jollenkreuzer und ein bisschen Phantasie.

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Ein Kommentar „Binnenexotik: Stadtrandsegeln auf der 6-Seen-Platte – Duisburgs “Schären”“

  1. avatar kaic holzwurm sagt:

    Sehr geil Stefan, die Duisburger Sechs Seen Platte…. immer wieder eine Reise wert. Da weiß ich doch warum ich öfter die lange Anreise aus Köln (schei..A3) auf mich nehme um dann in den Duisburger Schären zu segeln/übernachten. In besonderer Erinnerung wird mir immer der diesjährige Törn zur Mittsommernacht bleiben, die gesamte Crew von 16und4 eingeschlossen. Freue mich auf unserer weiteren gemeinsamen Erlebnisse an unserem HEIMAT-REVIER und mit unserem 16er Jolli.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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