Langfahrt: 70-jährige Deutsche segelt einhand nach Tahiti – im 6,40 Meter kleinen Holz-Bötchen

Mal eben den Sohn besuchen

Weltumseglung, Einhand, Deutsche, 70 Jahre

Birgit Habelt mit ihrem Sohn Tammo © habelt

Birgit Habelt brach ohne Aufhebens mit ihrem Mini-Cruiser vom Typ Muscadet auf, um nach vielen Jahren der Trennung ihren Sohn in der Südsee zu treffen. Story einer Understatement-Langfahrt.

Man muss sich das mal vorstellen! Da legt eine (damals) 69-Jährige im Oktober 2015 vom Steg in Roscoff/Bretagne ab, winkt unter ihrer rosaroten Pudelmütze freundlich ein paar Kumpeln und zufällig vorbeischlendernden Spaziergängern zu und segelt alleine los – Richtung Tahiti!

Damit nicht genug. Birgit Habelt steht nicht etwa auf einer dieser typischen Rentner-Langfahrt-Yachten, die mit Hightech vollgestopft bis unter die Mastspitze, stark motorisiert und alle irgendwie erdenklichen Sicherheitsstandards erfüllend manchmal mehr an Expeditionsschiffe erinnern, als an Segelboote. Nein, Frau Habelt segelt auf einer Muscadet los.

Das ist ein 6,40-Meter kleines Holzboot, das in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts seinen Siegeszug vor allem auf dem französischen Markt begann und besonders Familien begeisterte. Einige Fans bezeichnen das Bötchen zwar als hochseetauglich, aber im Prinzip wird es seit Jahrzehnten nur noch zum nostalgischen Regattasegeln vor den Küsten Frankreichs genutzt.

Birgit Habelt macht sich also auf ihrer pinkfarbenen Muscadet namens „Fleur d’Ajonc“ (Stechginsterblüte) auf den Weg in die Südsee. Zwischen den wenigen Zeilen, die bretonische Tageszeitungen über das Vorhaben schreiben, ist deutliche Skepsis zu lesen: Ob das wohl was wird? (SR berichtete)

Zum Geburtstag nach Tahiti

Doch die Senior-Seglerin stellte von Anfang an klar, dass sie derartige Reisen auf kleinen Schiffen durchaus gewohnt sei und schon seit Jahrzehnten über die Weltmeere segelt. Sie mache nur eben daraus keinen Bohei mit anschließenden Buchveröffentlichungen, Vortragsreisen oder aufgemotzten Facebook-Seiten.

Habelt wollte spätestens am 23. Mai auf Moorea sein, um an diesem Tag gemeinsam mit ihrem (dort lebenden) Sohn Tammo auf See dessen Geburtstag zu feiern. „Es sollte wieder ganz genau so sein wie vor 20 Jahren,“ berichtete sie später der Polynesischen Website „Tahiti Infos“.

„Damals war ich mit Tommy ebenfalls auf dem Pazifik unterwegs. Ich hatte ihm heimlich einen Ananas-Kuchen gebacken, den erhielt er als einziges Geschenk.“ Ein Kuchen, von dem Tammo später behaupten sollte, er sei der mit Abstand beste seines Lebens gewesen.

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Die Muscadet in einer Bucht vor Moorea © habelt

Als Habelt vor einem Jahr in Roscoff lossegelte, waren ihre Vorbereitungen für den langen Törn noch nicht ganz abgeschlossen. Doch sie habe damals befürchtet, das sich gerade öffnende Wetterfenster sei das letzte, um problemlos über den Atlantik zu kommen.

Entsprechend musste sie mit „kleineren, noch ungelösten Problemen“ (wegen denen schon so mancher Einhand-Transatlantik abgesagt wurde) klarkommen. So funktionierte ihr Autopilot nicht und der „Mast brauchte meine besondere Aufmerksamkeit!“ sagte Habelt später.

Sie segelte zu den Kanaren, blieb dort eine Woche weil sie in der Zwischenzeit krank geworden war und machte sich nach Genesung gleich weiter auf den Weg Richtung Karibik. Wohlgemerkt einhand über den Atlantik, in einem 6,40-Meter-Holzboot ohne Autopilot!

Ohne Autopilot alleine um die halbe Welt

Auf Martinique bleibt sie schließlich sechs Wochen, um endlich ihr „Mastproblem“ zu lösen, über das sie übrigens keine Details weitergibt. In diesen Wochen sei ihr Zeitplan durcheinander geraten und sie habe damals schon geahnt, dass sie den Geburtstag von Tammo wohl verpassen werde. Aber was sind schon ein paar Tage, wenn frau ihren Sohn jahrelang nicht gesehen hat?

Schließlich schipperte Birgit Habelt auf ihrer hölzernen, pinkfarbenen Stechginsterblüte per Außenborder durch den Panamakanal und segelte bei Ankunft im Pazifik gleich weiter. Die Zeit drängte. Am 13. Juni erreichte sie die Marquesas, herzlich begrüßt von ihrem Sohn Tammo. Danach segelten sie gemeinsam von Nuku hiva nach Moorea.

Tammo erzählt von diesem Törn später, es sei wie eine Art Befreiung gewesen. „Vor 19 Jahren bin ich mit meiner Mutter auf einem Boot hier in Moorea gelandet und dort geblieben. Seitdem war ich kein einziges Mal mehr auf einem Segelboot gewesen und bin ein richtiges Landei geworden. Nach diesem Törn habe ich wieder zum Meer zurückgefunden!“

Birgit Habelt ist erst mit 48 Jahren zur Seglerin geworden – Weltenbummlerin war sie allerdings schon zuvor: Ihr Vater war Diplomat, sie selbst ist in Indien geboren, ihre Schwester in New York. „Wir waren auf Guadeloupe, Tammo hatte gerade sein Abitur gemacht, ich hatte ein paar Jahre als Hostess gearbeitet und wir kauften dann ein Boot, die „poco loco“ (ein bisschen verrückt), wollten um die Welt, segelten über den Pazifik nach Tahiti.” Tammo blieb und versuchte dort sein Glück, seine Mutter segelte weiter. Sie sei jung gewesen und habe die Zeit für sich gebraucht.

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In den nächsten Monaten will Birgit ihr altes Boot “Poco Loco” restaurieren © habelt

Habelt segelte auf mehreren Yachten nach Hawaii, nach Neukaledonien, Südamerika. Mit ihrem Freund „Popeye“ scheiterte sie am Kap Hoorn. Sie kenterten und erreichten nur mit viel Mühe und reichlich Glück die chilenische Küste. „Es gibt keine bessere Pumpe als einen Mann mit einem Eimer, der richtig Angst hat!“

„Poco Loco“ blieb damals bei Tammo, berichtet Habelt weiter gegenüber „Tahiti Infos“. Sie habe versprochen, ihr gemeinsames Schiff wieder zu restaurieren. Vielleicht geht sie mit ihrem Sohn wieder segeln, vielleicht wird sie den Törn um die Welt vollenden. Es wäre wohl ein Klacks nach der Leistung mit der kleinen Muscadet.

 

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Langfahrt: 70-jährige Deutsche segelt einhand nach Tahiti – im 6,40 Meter kleinen Holz-Bötchen“

  1. avatar Thomas W. sagt:

    Immer wieder coole Stories. Vielen Dank Michael.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. avatar Friedrich sagt:

    Krass, Wahnsinn, absolut tolle Geschichte. Leute, geht Segeln! Richtige Segler werden nicht alt, sondern älter.

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