Kleine „l’Hydroptère.ch“ gewassert + “Hydroptère”-Mitsegel-Reportage

Mini-"Hydroptère" fliegt über den Genfer See

Der kleine "Hydroptère" schwebt über dem Genfer See, wo er als Leichtwind-Labor-Plattform für einen geplanten riesigen Weltumsegler-Foiler dienen soll. © Gilles Martin-Raget

Seit “Hydroptère” den Weltrekord für Segelfahrzeuge hält, ist das Rekord-Projekt mit einem ordentlichen Budget ausgestattet, mit dem die Entwicklung ernsthaft vorangetrieben wird. Nun konnte der Franzose Alain Thébault einen wichtigen Schritt weitergehen, indem er auf dem Genfer See die geplante kleinere 10,80 Meter Version „l’Hydroptère.ch“ zu Wasser ließ. Mit ihm sollen die Leichtwindschwächen der Konstruktion ausgebügelt werden.

Die Pressemitteilung: Die Zeit ist reif für ein neues ehrgeiziges Projekt unter Segeln: In Ecublens am Genfer See wurde das derzeit innovativste Segelschiff vorgestellt. Die 10,80 Meter lange und 10 Meter breite „l’Hydroptère.ch“ ist das zweite Schiff von Skipper und Visionär Alain Thébault. Ihm steht nun ein Laborschiff zur Verfügung, das helfen soll, die Rekorde purzeln zu lassen, aber auch die Möglichkeiten des maximalen Vortriebs auf Schiffen durch Windenergie zu erforschen.

Alain Thébault, der Antreiber des Speed-Projektes © Gilles Martin-Raget

Alain Thébault, der Antreiber des Speed-Projektes. © Gilles Martin-Raget

Der Franzose Alain Thébault arbeitet bereits seit 1985 mit seinem französisch-schweizerischen Team an einem „fliegenden“ Segelschiff, das kaum noch Wasser verdrängt, sondern mittels Foils über das Wasser fliegt und so Geschwindigkeiten von 100 km/h erreichen kann. 2009 stellte die Crew mit der 18 Meter großen „l’Hydroptère“ Weltrekorde auf 500 Metern und einer Seemeile auf. In Deutschland war die „l’Hydroptère“ dieses Jahr auf der Kieler Woche zu erleben, mit Leichtigkeit segelte die Crew 42 Knoten. Dieses futuristische Segelschiff wurde speziell für die Sprintstrecken gebaut, doch jetzt will Thèbault beweisen, dass sein Schiffstyp auch Ozeane in Rekordzeiten überqueren kann. „Da sind Kompromisse gefragt und zwei Hauptprobleme zu lösen. Unser aktuelles Schiff hebt bei etwa 12-15Knoten Wind mit den Foils ab und segelt dabei doppelt so schnell wie der Wind. Also müssen wir die Segeleigenschaften auch bei wenig Wind stark verbessern. Dieser Aspekt ist sehr wichtig, da Hochseerennen oft in windarmen Zonen entschieden werden. Die zweite Anforderung ist schweres Wetter mit hohem Seegang, dafür muss das neue Schiff an Stabilität gewinnen, ohne dabei zu schwer zu werden“, so Skipper Thébault.

Die Taufe. Thébault mit typischer Flieger-Pose. © Gilles Martin-Raget

Das Forschungsteam unter Leitung von Jean-Mathieu Bourgeon will nichts dem Zufall überlassen, so wurde ein 1:3 reduziertes Modellschiff gebaut und nun der Öffentlichkeit vorgestellt: die „l’Hydroptère.ch“. Das Laborschiff, ausgestattet mit über 40 Sensoren aller wichtigen Funktionen an Bord, soll die am PC berechneten Werte bestätigen, aber man will auch neue Erkenntnisse für das geplante 30 Meter lange Allround-Schiff der Superlative gewinnen, der „l’Hydroptère maxi“. Ziel ist es, Windenergie maximal in Vortrieb umzuwandeln um alle Hochseerekorde zu brechen, aber vor allem die Welt in etwa 40 Tagen zu umrunden. Derzeit liegt die Marke bei 48 Tagen.

SegelReporter Ralf Abratis ist  zur Kieler Woche mit dem “echten” 18 Meter langen “Hydroptère” gesegelt. Er vermittelt in seiner Reportage ein Gefühl vom Hochgeschwindigkeit-Segeln:

“Alain Thébault hat Spaß an seinem Gefährt, das merkt man dem smarten Franzosen auf den ersten Blick an. Freundlich begrüßt er seine Gäste an Bord, mit dem Lächeln eines Kindes im Gesicht, das gleich seine Geburtstagsgeschenke auspacken darf. „Wir werden heute ihre persönliche Rekordmarke brechen“, erklärt der Skipper.

Ralf Abratis dokumentiert in Kiel den Leedurchbruch mit "Hydroptère" bei einem Zweimaster © Ralf Abratis

Und während er weiß, was bei Windstärken um fünf Beaufort passieren wird, sind die Neuankömmlinge doch etwas zögerlich. Über 100 km/h war der 18-Meter-Trimaran, der sich bei entsprechenden Bedingungen aus dem Wasser hebt und nur noch auf drei Stummelflügeln dahinfliegt, im vergangenen Herbst schnell, knackte damit eine bis dahin als unüberwindbar geltende Marke.

Ein Jahr zuvor überschlug sich die „l’Hydroptere“ allerdings auch bei einem Rekordversuch. Die zaghafte Nachfrage, wo man denn am sichersten sitze und sich festhalten könne, scheint daher angebracht. Thébault indes winkt ab: alles kein Problem. Ein wenig auf die Schoten aufpassen, ansonsten könne man sich auf dem Trampolin frei bewegen. Da das Boot zudem über dem Wasser schwebe, werde man auch kaum nass. Wer’s glaubt?!

Und dann legt Thébault auch schon los: Die Crew dreht das Boot auf Raumschot- Kurs, rollt die Fock aus und manövriert das Gefährt ein wenig aus dem Gewimmel in der Strander Bucht heraus. Eine Gruppe Laser setzt sich auf die Welle und gleitet mit dem Tri mit. Alain Thébault lächelt, sucht eine Lücke, luvt etwas an. Dann winkt er den Laser-Seglern noch einmal zu, die Crew zieht die Schoten dicht. Und als hätte jemand Fahrstuhlknopf und Gaspedal auf einmal betätigt, ruckt die „l’Hydroptere“ zwei Meter in die Höhe und schießt nach vorn. In Sekundenschnelle zeigt die Logge über 30 Knoten.

...die Lasersegler setzen sich kurz auf die Heckwelle dann ist sie weg. © Ralf Abratis

„Willkommen an Bord, wir fliegen“, lacht der Skipper. Mit dem Surfergruß „Hange Loose“ nach achtern schrumpfen die Laser zu kleinen Punkten auf dem Wasser. Und Thébault hat Recht: Man wird nicht nass. Das Wasser kann gar nicht schnell genug nach oben spritzen, da ist der Tri schon davongeflogen. Die Gischt fliegt nicht achteraus, sie schießt davon. Und das Erstaunlichste: Die „l’Hydroptere“ macht zu keiner Phase den Eindruck, als lasse sie sich von irgendeiner Welle, von irgendeiner Böe beeindrucken. Wie auf Schienen zieht sie ihre Bahnen, ein leises Zischen beim Zerschneiden des Wassers zurücklassend.

„Mit gerefften Segeln wie jetzt ist das Schiff sehr stabil, unter vollen Segeln wird es etwas ruppiger“, erklärt die Crew. Und Thébault hat seinen Spaß am Lenkrad, hinter dem er aussieht wie ein jugendlicher Computerspieler vorm Videogame. Bei 35 Knoten winkt er den anderen Schiffen zu, bei 40 hebt er beide Hände vom Lenker und breitet die Arme wie zum Flug, 42,5 Knoten erklärt er zum Top-Speed des Tages, und der Autor staunt: Am Tag zuvor ist er in zwei Stunden von der Kieler Innenförde nach Schilksee gesegelt, nun bewältigte er die gleiche Strecke – in 20 Minuten.

Nach eineinhalb Stunden ist der Rausch beendet, doch das Adrenalin schwappt noch eine ganze Weile durch die Adern. Ein unvergessliches Erlebnis: Der eigene Speedrekord ist atomisiert, und Thébaults Grinsen hat sich längst auch in die Gesichter der Gäste gemeißelt.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Kleine „l’Hydroptère.ch“ gewassert + “Hydroptère”-Mitsegel-Reportage“

  1. avatar Dipl.-Ing. Herbert Gebauer sagt:

    Superklassse – der Franzose zeigt einmal wieder der Welt, was Sailing wirklich in unserem begonnenen Jahrtausend heißt und ist.

    Bin schon vor Jahren mit einem Hochsee-Katamaran von Hamburg nach Amsterdam als Mitsegler und Steuermann mit mehr als 15 Knoten unterwegs gewesen. Aber das sind Dimensionen von vorgestern.

    Bin demnächst dabei für alle Segler eine Kleinbiogasanlage zu konzipieren, um auch den Umweltschutz
    beim Segeln voran zu bringen.

    Besuchen Sie mich doch auf http://www.eurobiogebauer.de!

    Mit den besten Sailing-Grüßen in die Welt

    von dem begeisterten Segler und Biogastechnologen

    Herbert Gebauer

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