Naturphänomen: James Cook „entdeckte“ eine Insel, die es nie gab

Lost

Insel, Bimsstein, Kartografie

Lost – eine Insel verschwindet von den Seekarten

Sandy Island, eine Insel im Korallenmeer, verschwindet auf mysteriöse Weise und wird von den offiziellen See- und Satellitenkarten gelöscht. Gab es die Sandinsel überhaupt jemals?

Es folgt die Geschichte über eine Entdeckung, hundert Jahre später die Bestätigung derselben, weitere hundert Jahre Achselzucken und schließlich die Untersuchung eines Phänomens. Resultat: Sandy Island, eine Insel im australischen Korallenmeer, hat es als solche nie gegeben. Oder doch, bloß eben nicht als Eiland wie wir es kennen. Wäre es nicht der große Entdecker James Cook gewesen, der Sandy Island seinerzeit höchstpersönlich sichtete und kartografierte, wäre man vielleicht schon etwas früher stutzig geworden. Aber was ein Cook in die Seekarten eintrug, hatte Bestand. Für (fast) alle Zeit.

James Cook © british museum of Arts

Mehr als 24 sm soll Sandy Island lang gewesen sein und ziemlich genau auf 19° 13′ 12? S, 159° 55′ 48? E liegen. Ziemlich.

Zwei Sichtungen? Das muss ja wohl stimmen!

Cook muss die Entdeckung (wie übrigens einige in diesem von Atollen gespickten Seeraum) mehr oder weniger im Vorbeisegeln gemacht haben. Nur Sand, nix drauf, lohnt sich nicht, an Land zu gehen. Abgehakt, und weiter geht’s.

Ziemlich genau 100 Jahre später treibt zufällig der Walfänger „Velocity“ 1876 in der Gegend und sichtet Sandy Island, ziemlich genau an der von Cook angegebenen Stelle. Ziemlich. Auch „Velocity“ kartografiert und gibt einen leicht geänderte Position der Insel an, bleibt aber bei den geschätzten Längenangaben von Cook und bestätigt: Nichts als Sand, kein Baum, kein Strauch.

Neukaledonische See © Tetra Media

Im Laufe der nächsten Hundert Jahre tuckern und segeln viele Schiffe durch die Gegend, die meisten machen brav einen Bogen um die Sandinsel, schließlich gibt es dort nichts zu bunkern und wer weiß, wie weit die etwaig vorgelagerten Sandbänke wirklich alle eingezeichnet wurden. Im 1. und 2. Weltkrieg fuhren dort unten Kriegsschiffe aller möglichen Nationen durch die Atolle, und, ja, man bemerkte, dass „Sandy Island“ ziemlich schwer auffindbar sei. Ziemlich. Ansonsten – wen schert schon dieser Haufen Sand im Ozean? Eben.

Wüstenwanderung im Ozean

Doch seit den 50iger-Jahren des letzten Jahrhunderts waren in dem Seegebiet immer mehr Weltenbummler auf ihren Segelschiffen anzutreffen, die reichlich Zeit hatten und durchaus gerne über ein Stück Wüste mitten im Ozean gewandert wären. Einfach so. Aber sie fanden nichts: Weder Insel, noch Sandbank, noch eine Untiefe.

Dennoch blieb Sandy Island ungeschoren auf den Seekarten aller Nationen, schließlich hatte sie Cook entdeckt!

Zwischenzeitlich wurden die Satellitenkarten immer genauer und über den Koordinaten von Sandy Island konnten die Kameras aus dem Weltall nur Wasser erspähen. Keine Untiefe, keine Sandbank, nur eineinhalb Kilometer tiefer Ozean. Was aber in den Seekartenverlagen kaum jemanden störte; selbst bei „National Geographic“-Kartenmaterial blieb Sandy Island eingezeichnet.

Mitten im Pazifik plötzlich ein "Strand" voller Bimssteine. © Fransson

Mitten im Pazifik plötzlich ein “Strand” voller Bimssteine. © Fransson

Da stimmt doch was nicht!

Vor 15 Monaten war nun ein australisches, geophysikalisches Forschungsschiff in dem an Atollen, Untiefen und Unterwasservulkanen reichen Seegebiet unterwegs, um Daten über die Verschiebung der Kontinentalplatten zu sammeln. Den Navigatoren fiel auf, dass auf vier unterschiedlichen Seekarten vier unterschiedliche Positionsangaben für Sandy Island existierten. Also fuhren sie hin, um Klarheit zu schaffen.

Doch die Wissenschaftler fanden nichts als Wasser, keine Untiefe, es gab keinerlei Anzeichen vulkanischer Tätigkeiten. Die Forscher meldeten ihre Nichtsichtung der Cook’schen Entdeckung und am 26. November 2012 löschte Google Earth als aktuellstes Medium die Sandy Islands aus ihren Karten, alle anderen Seekarten (elektronisch und gedruckt) wurden und werden ebenfalls korrigiert.

Also, was hatte Cook entdeckt?

Diese Frage trieb die Wissenschaftler zur genaueren Untersuchung eines Phänomens, das in diesem Seegebiet öfter beobachtet wird. Nach unterseeischen Vulkanausbrüchen oder nach großen Vulkanausbrüchen an Land treiben oft mysteriöse, riesige Bimssteinfelder durch den Ozean. Mit der Auswertung von Satellitenaufnahmen konnte aufgezeigt werden, dass diese Flächen (oftmals über 50sm lang und ähnlich breit) über Strecken bis 3.000 sm als dichte Masse zusammen bleiben und in einer Art gewaltigen Strom durch das Seegebiet treiben. Eine Masse schwimmender Steine, die selbst von Nahem betrachtet durchaus wie eine riesige Sandinsel aussieht.

Luftig, locker, flockig: Schwimmender Bimsstein © wikipedia

Luftig, locker, flockig: Schwimmender Bimsstein © wikipedia

Dieser Strom, in dem die Bimssteinfelder treiben, führt ziemlich genau an der Position vorbei, wo bis letztes Jahr über Jahrhunderte hinweg Sandy Island vermutet wurde. Welch ein Zufall, dass Endeavour mit Captain Cook und der Walfänger Velocity an der gleichen Stelle auf das gleiche Phänomen hineinfielen. Ziemlich seltsam, oder?

Wissenschaftlicher Artikel über Sandy Island und die “Wanderung” der Bimssteine, in Englisch.

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Naturphänomen: James Cook „entdeckte“ eine Insel, die es nie gab“

  1. avatar Walter S. sagt:

    Aber sicher, gab es die. Sie befindet sich gemäss meinen Seekarten in unmittelbarer Nachbarschaft zum von Capt. Gulliver entdeckten Eiland der Lilliput.

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