Yachties bilden Konvoi gegen Piraten. SR spricht mit dem Organisator

"Per Schleichfahrt durch Piratengewässer"

Der Golf von Aden ist berüchtigt wegen der Attacken somalischer Piraten gegen Handelsschiffe, die Entführung von Tankern, illegaler Industriefischerei und der Verklappung von Atommüll. Seit zwei Jahren versuchen internationale Marinestreitkräfte die Schifffahrtswege der Großschifffahrt zu sichern. Am Rande dieser Szenerie steht die kleine Community von Weltumseglern. Sie versucht sich per Konvoi gegen die Piraten zu schützen.

„Wir beobachten voller Angst das große, rostige Fischerboot, das vor uns aus dem Morgennebel auftaucht“, erzählt Segler Fatty Goodlander über die Fahrt durch den Golf von Aden zusammen mit einer Gruppe von 27 Yachten. „Keiner sagt es laut, doch alle denken dasselbe: Das Mutterschiff der Piraten.

Aus Spaß wird Ernst. Die Crews der Konvoi-Teilnehmer besprechen die Strategie für ihre 650 Meilen lange gemeinsame Überfahrt von Salalah im Oman bis Aden. © Tom Sampson

Das ist genau das, wovor wir Angst haben. Das Schiff scheint zu warten. Eine Gruppe rau aussehender Männer arbeitet auf dem Achterdeck. Wir segeln weiter, und halten die Formation. Als das Schiff schon so nah ist, dsas wir den Gestank von vergammeltem Fisch riechen können, ertönt plötzlich ein Röhren. Ein großes, schnelles Motorboot fährt hinter dem Heck des Schiffes hervor und rast direkt auf uns zu.

In diesem Augenblick ist es mit der Disziplin vorbei. In Panik brechen mehrere Boote die Funkstille. Schreien, Rufen, Fluchen über Funk. Sie sind direkt neben mir, ich brauche Hilfe, sofort´, schreit eine Frau panisch über Funk. Wenige Sekunden später fällt ihr eine ruhige Stimme ins Wort: Nur ein paar Fischer, die um Zigaretten betteln, kein Problem“.

Die 27 Yachten sammeln sich vor der Abfahrt im Omanischen Hafen Salalah. © Tom Sampson

Der Konvoi wird von Tom Sampson organisiert, einem Offizier der britischen Royal Airforce im Ruhestand „Ich habe mit ein paar Freunden beschlossen die Aktion zu leiten. Und als wir den Hafen von Salalah, in Oman verlassen sind wir 27 Yachten“ so Sampson im Gespräch mit SegelReporter. Es nehmen Schiffe aus 17 Ländern teil, eine Art schwimmende Vereinte Nationen.

Wenn Segler ihre Yacht aus Asien oder dem indischen Ozean zurück nach Europa überführen wollen, stehen sie vor der Alternative, um das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika oder durch den Golf von Aden und den Suez-Kanal zu navigieren. Dabei bedeutet die Route um die Südspitze Afrikas einen mehrere tausend Seemeilen langen Umweg. „Natürlich ist das Seegebiet vor Somalia gefährlich, aber eigentlich gibt es keine Alternative“ so Sampson. Fünf bis sechs Tage dauert die Fahrt.

Der Konvoi verlässt Salalah

Der Konvoi verlässt Salalah © Tom Sampson

Für die Tanker und Frachtschiffe der Handelsschifffahrt bieten die internationalen Marinestreitkräfte im Golf von Aden eine militärische Begleitung in Konvois an. Darüber hinaus ist die Handelsschifffahrt angehalten, hohe Geschwindigkeit mit bis zu 30 Knoten aufzunehmen, um Angriffe zu erschweren.

Die höchstmögliche durchschnittliche Geschwindigkeit einer Segelyacht hingegen liegt bei fünf bis acht Knoten. Deshalb gibt es für sie keine militärische Begleitung. Sampson ärgert sich: „Ich sehe nicht ein, warum die Marine nur der Handelsschifffahrt Begleitschutz anbietet und nicht dem steuerzahlenden Segler“.

So nimmt Sampson die Organisation eines Konvois selbst in die Hand. Die große Gruppe soll Schutz bieten. Der Ablauf ist militärisch durchorganisiert. In enger Formationen von je sechs Yachten, angeführt von einem Schiff, bleibt die Gruppe zusammen. Für die Kommunikation wird jedem Schiff entsprechend seiner Position ein Codename zugewiesen.

Die Schiffe bleiben in Sechsergruppen eng zusammen. Das langsamste Boot gibt die Geschwindigkeit vor. © Tom Sampson

Sampson entscheidet, dicht südlich der Küste des Jemen zu segeln, um die bekannten Schiffahrtsrouten mit häufigen Piratenangriffe zu meiden. Auch von der jemenitischen Seite des Golfes von Aden habe es schon Überfälle gegeben. Deshalb hält sich der Konvoi zwölf Seemeilen südlich der Küste. Weit außerhalb will man möglichst unbemerkt bleiben.

Der Konvoi durch die Piratengewässer ist nach dem Prinzip „Nicht auffallen“ konzipiert. Die Positionslaternen der Yachten bleiben aus. Es sollen nur schwache Lichter für die Nachbaryachten zu sehen sein.

In einer Nacht sei ein Frachter mit hoher Geschwindigkeit beinahe in den Konvoi gefahren. „Ich habe allen Yachten gesagt, sie sollen sofort ihre Ankerlaternen anschalten. Daraufhin hat der Tanker sehr schnell abgedreht,“ berichtet Sampson.

Die Marine der Coalition Force ist zwar im Golf von Aden präsent, kann den langsamen Yachten aber kaum helfen. © Tom Sampson

Während der Fahrt herrscht weitgehend Funkstille. Kommuniziert wird nur über kleine Handfunkgeräte mit geringer Reichweite. Niemand außer den Konvoi-Teilnehmern kann mithören. Über Funk werden keine Positionen, sondern nur Peilungen und Entfernungen mitgeteilt. Die vorher vereinbarten, Wegpunkten sind nur den Konvoi-Teilnehmern bekannt.

Auf Radareflektoren wird verzichtet. „Wir schleichen auf Zehenspitzen durch die Piratengewässer“ beschreibt Segler Goodlander die Taktik des Konvois.

Auf den 650 Seemeilen von Salalah im Oman bis Aden gibt es keinen Stopp. „Die Geschwindigkeit des Konvois richtet sich nach der langsamsten Yacht, aber auch die sollte fünf Knoten fahren“ sagt Sampson. Wenn eine Yacht Motorprobleme hat, müssen alle warten, bis der Schaden repariert ist. „Ein Boot wird 250 Seemeilen geschleppt. Wir lassen niemanden zurück“.

Problematisch sind nicht markierte Fischernetze. In der letzten Nacht vor Aden verheddern sich acht Yachten darin.“ Mitsegler Goodlander: „ Jedes Mal muss der Konvoi warten, bis sich das betroffene Boot befreit. Einige Skipper springen mit dem Messer zwischen den Zähnen ins schwarze Wasser“.

Die Organisation von Konvois ist in eine Selbsthilfe-Aktion der Segler. Zwar patrouillieren die internationalen Seestreitkräfte der European Naval Forces (EUNAVFOR) und Militärschiffe anderer Nationen durch den Golf von Aden und die Gewässer Somalias. Doch sie können nur begrenzt Sicherheit garantieren. Das Seegebiet ist mit 530.000 Quadratkilometern Wasserfläche schlicht zu groß.

Deshalb sähen die Seestreitkräfte es lieber, wenn die Segler das Gebiet ganz meiden. „Riskieren sie nicht unnötig ihr Leben“ warnten Offiziere der EUNAVFOR die Seglercommunity Ende Oktober auf einem Treffen im britischen Northwood.

Vor der Passage durch den Golf von Aden müssen sich die Yachten beim Maritimen Sicherheitszentrum der internationalen Seestreitkräfte am Horn von Afrika anmelden. „ Zudem haben wir einmal täglich wir per Satellitentelefon unsere Position übermittelt“ berichtet Mitsegler Goodlander. „Wir kooperieren mit den internationalen Seestreitkräften, aber sonst ist unsere Beziehung neutral“ resümiert Sampson das Verhältnis.

Laut Sampson passieren jährlich etwa 120 Yachten, meist Weltumsegler, den Golf von Aden. Zuletzt sei die Zahl der Yachten eher zurückgegangen. Dies könne sich aber wieder ändern.

Denn der vermeintlich sicherere Umweg um Afrika herum berge immer mehr Gefahren. So werden auch vor den südöstlich von Somalia gelegenen Seychellen im indischen Ozean vermehrt Piraten-Angriffe auf Yachten gemeldet. Dabei wird das Gebiet eigentlich von der Royal Navy als „sicher“ eingestuft. Auch auch vor dem südlich von Somalia gelegenen Tanzania habe es Überfälle gegeben.

Wie gefährlich sind die Gewässer vor Somalia wirklich? Die langsamen und kleinen Segelboote sind für Piraten in Schnellbooten grundsätzlich eine leichte Beute. Immer wieder werden in den Gewässern um Somalia Yachten angegriffen und ihre Crews verschleppt.

Weltweit Schlagzeilen machte der Angriff auf die französische Superyacht „Ponant“ 2008. Vor drei Wochen entließen die Piraten ein britisches Ehepaar aus einjähriger Gefangenschaft gegen Lösegeldzahlung. Fast gleichzeitig wurde ein weiteres Paar aus Südafrika gekidnappt.

Generell stellt die Großschifffahrt in den meisten Fällen ein lohnenderes Ziel für Piraten dar. „In einer Nacht hörten wir über Funk wie ein Frachter nur 30 Meilen entfernt von uns von Piraten angegriffen wurde“ erzählt Mitsegler Goodlander. Aber das kann nur die wenigsten Yachties beruhigen. Die Angst fährt immer mit.

Ist der Yacht Konvoi der geeignte Gegenmaßnahme? Laut Sampson wurde bis jetzt noch keine dieser Gruppen von Piraten angegriffen. Das aber sei wohl eher Glück gewesen, sagt ein maritimer Sicherheitsexperte gegenüber der britischen Zeitung Telegraph. Die Segler würden ein gefährliches Spiel spielen.

„Natürlich wissen wir nicht genau, ob sich die Piraten nicht an große Konvois wagen“, sagt Sampson. „Aber wir hoffen darauf.“ Deshalb werden sich die Segler weiterhin in Gruppen zusammenschließen. Der nächste Konvoi soll im Frühling 2011 in See stechen.

Autor Moritz Wichmann ist Crew-Mitglied auf einem Dreimaster und studiert in Berlin.

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https://northsails.com/sailing/de/

5 Kommentare zu „Yachties bilden Konvoi gegen Piraten. SR spricht mit dem Organisator“

  1. avatar O.H. sagt:

    und was ist nu mit dem Milan Egrmajer? Ein paar Infos dazu wären nach dem Teaser auf der Hauptseite nicht schlecht….

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    • avatar Carsten sagt:

      Ich dachte, dass wäre hier vielleicht zu viel Piraterie auf einmal und habe den link zu den Egrmajers nur bei facebook gepostet. Seine Tochter (24) hat wohl das Schiff alleine mit dem erschossenen Vater an Bord aus der Gerfahrenzone gesteuert. Es ist noch nicht klar, wie sie sich retten konnte. Sie befindet sich auf einem Schiff nach Australien

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  2. avatar O.H. sagt:

    Ich hätte ja ne Idee wie sie sich gerettet hat. Hat die Piraten eigentlich jemand gesehen?
    Sind leider alles was wenig Informationen, mit den vorhandenen könnte man auch auf andere Gedanken kommen….

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  3. Warum dürfen sich Yachtys nicht bewaffnen dürfen, oder seid Ihr Alle überkandilte Möchtegern-Abenteurer?

    Wenn ich in die Wildnis gehe, hab ich was zum schießen dabei, Gesetz hin Gesetz her!

    Das ist reiner Selbstschutz und dafür würde ich auch vor einem deutschen Gericht streiten. lieber ein toter Räuber als ich und meine Besatzung.

    Auf den Weltmeeren herrscht Selbstjustiz, siehe Raubfischer, zb.!

    Fritz Raddatz

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    • avatar Andreas sagt:

      wieso sollten sich Yachtis nicht bewaffnen dürfen. Ich habe eine maritime Ausbildung im schiessen mit AR15 und 12/76 Flinte und bin bewaffnet wie auf einem Kriegsschiff. Räuber schiess ich nur ins Knie, Piraten in den Kopf und weine keine Träne nach. Ich habe hart für mein Boot gearbeitet und werde es wie auch meine Familie bis zum letzten Atemzug verteidigen. Und das ist nicht nur Gerede oder hohle Luft…..

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