Pogo 50 Test: Cruiser Racer mit Bugstrahlruder

Aus MINI wird MAXI

Pogo-50 from Andreas Lindlahr on Vimeo.

Die Pogo 50, das Boot für Mini-Enthusiasten die zu Geld gekommen sind? Mini Transat Absolvent Andreas Lindlahr hat das neue Flaggschiff der Werft ausprobiert.

Pogo 50 Test

Die Pogo 50 kann sogar ohne Segel gefallen. © Andreas Lindlahr

Ich bin nervös. Die nagelneue Pogo 50 liegt vor mir. Ich darf mit dem Flagschiff der Werft einen Schlag segeln. Eine elegante, graue Perle, die da an der kleinen Steg-Anlage im verträumten Sainte-Marine bei Benodet in der Bretagne in der Morgensonne glänzt. Der Wind weht leicht bis frisch, die Sonne scheint, ideale Bedingungen.

In Erinnerung an die Solo-Atlantik-Überquerung 2009 bei der Mini-Transat-Regatta auf meiner Pogo 2, schlägt mein Herz sofort ein paar Takte höher..

Die Werft Structures in Combrit in der Bretagne baut größer und größer. Die Pogo-50 ist ebenso ein Finot-Design wie die Pogo 2, 10.50, 12.50 (Boat of the Year 2012) und nicht zuletzt die Class-40- Typen Pogo 40 und 40S2. Irgendwie sehe ich hier eine 50-Fuß-Maxi-Version des legendären MINI- Transat-Racers, der Ur-Pogo von 1995, des (fälschlich als Pogo 1 bezeichneten) Pierre Rolland Designs. Die Pogo, war es, mit der 1999 alles anfing, als Werftchef Christian Bouroullec damit das Mini 6.50 Transat gewann und dadurch in Frankreich zu einem Segel-Helden wurde.

Die Mini-Enthusiasten lieben es, auf  kompromisslose Weise mit ihren unsinkbaren Hochsee-Skiffs die Wellenberge herunter zu surfen. Kann die 50er das auch? Mini-Segler sind Hardcore-Segler, Tage und Wochen kaum Schlaf, immer nass, von einer Salzkruste konserviert. Ihre Boote sind winzig, aber sehr schnell, breit und nass. Mehr Segelfläche ist kaum unterzubringen. Achtung Sucht-Potential! Aber Mini-Segler werden älter und bequemer. Die Erfahrungen im Mini machen den Umstieg auf traditionelle Yacht-Designs schwierig.

Kompromissloses Luxus-Monster

Bei der Pogo 50 erkennt man die Form des Minis kaum noch, denn die Dimensionen sind eher umgekehrt proportional. Das Schiff ist mit 9 Tonnen trotz des Innenausbaus zwar immer noch leicht, aber auch dieses Luxus-Monster ist auf seine Weise kompromisslos. Es lässt sich ebenso short-handed segeln wie ein Mini. Sogar ganz ohne Back- und Achterstagen. Familienfreundlich.

Im Gegensatz zur Pogo 12.50, steht im riesigen Cockpit der 50er ein Winschen-Podest. Paneele mit Elektronik für die Bedienung der elektrischen Haupt-Winsch und des Bugstrahl-Ruders, sowie viele Windinstrumente unterbrechen die großen Flächen. Die Elektrowinsch im Cockpit und das Bugstrahlruder registriert der Mini-Enthusiast zwar mit Skepsis, aber diese Gimmiks (sowie ein anklappbarer Kiel), helfen dem bequem, aber nicht unsportlich gewordenen, Mini-Veteranen, das riesige Gerät ebenso locker zu beherrschen, wie zuvor die kleine Renn-Zicke.

Ein mächtiges durchgelattetes Fat-Head-Großsegel am Kohlefaser-Mast (von Axxon Composites in Rumänien) und gut dimensionierte Roll-Vorsegel und Spis sorgen für reichlich Vortrieb.

Wer einmal mit einem breiten Boot die Atlantik- Wellen gepflügt hat, bleibt bei dieser speziellen Art des „Schnell-Segelns“. Yachten ab einem gewissen Gewicht, müssen allerdings etwas bedachter bewegt werden. Ein Linienbus ist ja kein PKW.

Vorsicht beim An- und Ablegen sind geboten. Der Hafen scheint zu schrumpfen. Das Boot fühlt sich unter Motor auf dem Ruder etwas schwer an. Aber sobald die Segel gesetzt sind, springt sie an. Schon die erste Böe setzt die große Yacht in erstaunlichen Speed um.

50 Fußer mit Mini-Feeling

Für Sekunden blitzt da dieses Mini-Feeling wieder auf. Einfach herrlich. Es läuft leicht, das Wasser am Heck reißt ab, wir surfen mit 9 Knoten. Die meiste Steuer-Arbeit erledigt auch hier der NKE-Autopilot. Mit der Fernbedienung um den Hals, einem kühlen Getrünk in der anderen Hand genieße ich diesen Traum.

Die Rumpfform mit Chines, die zunächst nur Racern gute Raumschot-Speeds und hohe Stabilität gaben, gereichen den Cruisern, nebst den ganannten Vorteilen, zu mehr Raum unter Deck. Hier wird auch die Familie, samt Freundeskreis happy. Mit hochgeklappten Kiel, vor Anker in der seichten Traumbucht (Tiefgang nur noch 1,20 Meter statt 3,50 Meter), steht einem opulenten Abendessen mit Freunden nichts mehr im Weg. Statt Gefriergetrocknetem und Wasser aus Kanistern, gekühlter Champagner!

Ein zentral eingebauter großzügiger Kühlschrank und eine fette Pantry reichen aus, eine größere Gesellschaft kulinarisch zu versorgen. Licht kommt von allen Seiten, durch schicke Panorama-Fenster auch von oben. Mein Blick schweift über elegante Holz- Funiere, statt über feucht-nasses Mino-Chaos.

“Abendspaziergang im Heck”

Auch im MINI-Transat-Racer, meiner Pogo-2, war bei 6.50 Meter Länge unter Deck Platz für mehrere (sitzende oder liegende) Personen, aber man musste Abstriche machen. Die Dusche, die beim MINI aus salzigem Spritzwasser als kostenloses Zubehör zugegeben war, gibt’s auf der POGO- 50 im Vorschiff als integrierte Option. Hier allerdings salzfrei und besser temperiert. Ich versuche mir vorzustellen, wie ich statt mit dem Zwerg, mit diesem Riesen durch den Atlantik zische, während meine Familie unter Deck brutzelt, duscht, Fernsehen guckt und kalte Getränke genießt.

Das Cockpit der 50er dürfte in der Breite ausreichen, meinen Mini von damals quer als Beiboot aufzunehmen. 5,15 Meter!! Ich assoziiere, „Abendspaziergang am Heck“ oder „Tischtennis Match am Heck gefällig?“

525.000 EUR für das reine Schiff. Davon kann ich auch gut 15 Serien-Minis kaufen; vielleicht einen ganzen Segelverband glücklich machen, oder eine Villa erstehen.

Aber so alt bin ich nun auch wieder noch nicht. Und so reich schon gar nicht. Aber die Pogo 50 ist faszinierendes Stück Yachtbau. Ein bisschen Träumen muss erlaubt sein. Aber nichts wird jemals über meinen MINI 6.50 gehen. Ich schwöre es!

Die technischen Daten der Pogo 50:

Lüa (Rumpflänge):   15,20 m
Gesamtlänge mit Bugspriet:   16,15 m
Breite:  5,15 m
Tiefgang mit Schwenkkiel:  1,50 – 3,50 m
Gewicht:  8,9 t
Großsegel:  88 m2
Genua:  63 m2
Trinquette:  35 m2
Gennaker:  200 m2

Pogo Structures ist auf der BOOT in Düsseldorf mit einem Infostand vertreten, allerdings ohne ausgestellte Yacht.  Auch das neue Werft-Highlight, die Pogo-30, ist noch nicht rechtzeitig fertig geworden.

Andreas Lindlahr wird auf der Messebühne bei Pogo Structures auf dem Stand einen Vortrag zum Quebec-St.Malo-Race halten, das er mit Mathias Müller von Blumencron bestritten hat. Sein Video darüber ist schon auf SegelReporter erschienen.

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5 Kommentare zu „Pogo 50 Test: Cruiser Racer mit Bugstrahlruder“

  1. avatar Meteosailor sagt:

    Toller Bericht, wahrlich spürt man das Herzblut 😉

    Breim Preis scheint man immer mehr den Realitätssinn zu verlieren. Vielleicht gelingt es daher kaum mehr Jugend zu motivieren. Für 525.000 Euronen arbeitet man gut und gerne 25 Jahre. wer soll sich also solch ein Gerät noch gönnen können. Lediglich die Oberschicht wirds schaffen, schad drum, wie der Autor richtig erkennt!

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    • avatar ewU sagt:

      Das ist ja ein SKANDAL! 50 Füsser nur für die Oberschicht erschwinglich??? Vor 20 Jahren hatte noch jeder Bergbau Kumpel einen 50er in Porto Cervo liegen, und heute? Jaja, die Schere zwischen reich und noch reicher wird immer größer! (BTW: muss ich mich jetzt als Eigner einer U40 Yacht zum Prekariat zählen?)

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  2. avatar SR-Leser sagt:

    Schöner Bericht. Ist der Autor nicht sonst bei der Yacht? Früher oder später scheinen alle bei SR zu landen.

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  3. avatar Frank Eckardt sagt:

    Hallo Andreas,
    Bei 16m würde ich aber mehr als 9kn erwarten oder gab es nur Schwachwind ? Das schafft ja der fast 10m kürzere Mini auch und unser Clubschiff (W-IV) schafft das sogar am Wind …

    2 Sachen schrecken mich aber irgendwie ab – mehr als 5m Breite – da ist ja die Sturzhöhe bei >30 Grad Lage enorm … und der fehlende (echte) Bugspriet – da fehlt mir irgendwie die (beim Mini) tolle Möglichkeit den Segeldruckpunkt extrem nach vorn zu bringen.

    Eine Pinnensteuerung auf einem Serien-50er ist dagegen toll.

    VG, Frank

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  4. avatar pl_stefan.wieser sagt:

    Nicht motzen über den Preis Jungs! Ich kenne die Pogo 30 und die Pogo 12.50 bestens. Beides vom Feinsten! Wer das nötige Kleingeld hat, kriegt Qualität und jede Menge Spass. Aber wieso neidisch werden? Vom 01.-08.10.2016 habe ich die Pogo 50 in Griechenland http://www.fastsailing.gr/the-yachts/pogo-50/?lang=de gechartert. Für EUR 950 könnt ihr eine Woche Spass haben!

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