Rekord-Cruising: The Baltic Run – wer schlägt den Rekord von Robert und Holger?

Vom Walfisch zur gelben Töre-Tonne

Robert lebte seinen Traum – einmal wie Moitessier oder Erdmann was „richtig Großes“ machen. Zum Beispiel einen Rekord im Mare Balticum aufstellen: 10:09:32:20 Tage von Wismar nach Toere/Schweden. Zur Mittsommerzeit!

Manchmal muss man nach Perlen nicht suchen… sie werden uns zugeschickt! Wie neulich die Mail von Robert Nowatzki. Der Berliner schrieb lapidar: „Hier eine kleine Segelgeschichte!“ Klein? Ganz im Gegenteil – das ist großes Kino, nicht nur weil der Film außerordentlich gefällt.

Robert hat nichts Geringeres als eine neue Cruising-Rekordstrecke ausgeschrieben. Den „Baltic Run“: Von der Insel „Walfisch“ vor Wismar – die südlichste Insel der Ostsee – bis zum nördlichsten Mare-Balticum-Punkt, dem legendären schwedischen Töre Hamn (direkt bei der „Gelben Boje“ auf N 65° 54,07´ E 022° 39,00´).

Die Route ist schnurzpiepe, nur die Zeit zählt. Und das in zweifacher Hinsicht: Denn der Törn sollte rund um die Mittsommernacht stattfinden, die Sommersonnenwende muss also während der „Rekordfahrt“ gefeiert werden. Nur wenn die Sonne quasi ohne Unterlass scheint, hat man auch genügend Zeit, die gewiss eintretenden Abenteuer lange genug zu genießen.

Der Clou: Robert Nowatzki meint es ziemlich ernst und hat sogar einen Pokal gestiftet. Den gibt’s aber nur, wenn die Fabelzeit von 10:09:32:20 Tagen, die er mit seiner HR 24 aufgestellt hat, unterboten wird. Kein Zuckerschlecken!

So – und jetzt ihr. Auf der Website könnt Ihr Euch registrieren und dann habt ihr noch fast ein ganzes Jahr Zeit, um euch mental und segeltechnisch auf dieses Ostseestück vorzubereiten.

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Direkte Route © baltic run|nowatzki

Es folgt ein k.k.k.-Törnbericht (kurz.knapp.klar.) der nicht ganz alltäglichen Sorte und die dringende Empfehlung, den obigen Film in aller Ruhe, möglichst mit einem Fischbrötchen (bitte mit Zwiebeln!) auf der Hand anzuschauen (ihr werdet dann schon sehen, warum!). Prädikat: Höchst wertvoll!

Vom Süden in den Norden

Morgen früh werde ich mich wieder auf mein Rad schwingen und zur Arbeit fahren. Ich werde mir eine Tasse aus dem Schrank nehmen und unter den Kaffeeautomaten stellen, der neben der Bürotür steht und jedem Kollegen der vorüber geht einen freundlichen „Guten Morgen“ wünschen. Anschließend wird mir das Willkommensgeräusch des Computers eindeutig klarmachen, dass alles wieder so ist wie vor wenigen Wochen. Aber das stimmt nicht!

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Ein bisschen Glück kann für so einen Törn nicht schaden © baltic run

Es ist nicht so wie vor wenigen Wochen, denn ich habe mir einen Traum erfüllt! Ich bin zusammen mit einem Freund vom südlichsten zum nördlichsten Punkt der Ostsee gesegelt.

Nonstop. Von Wismar nach Töre in 10 Tagen / 9 Stunden / 32 Minuten und 20 Sekunden.

Ich glaube das hat vor uns noch niemand gemacht. Es ist zwar keine Weltumsegelung und Wilfried Erdmann kann sicherlich nur darüber lächeln, aber darum ging es ja gar nicht.

Als ich das erste Mal segelte war ich sofort mit diesem berühmten Virus infiziert. Man beginnt Erdmann und Moitessier Bücher zu lesen und träumt vom eigenen Segelboot. Den meisten Seglern, die ich kenne geht es ebenso. Das eigene Boot ist tatsächlich machbar, aber die Träumerei geht weiter. Lange Reisen, einsame Buchten und große Abenteuer. Eine Weltumsegelung.

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Eigentlich wie Erdmann. Oder fast… © baltic run/nowatzki

Immer wieder träumen

Allerdings ist der Unterschied zwischen einem Wochenende in der Dänischen Südsee und einer Weltumseglung deutlich spürbar. Kaum hat man sich an Bord richtig eingenistet, heißt es Wecker stellen und zurück ins Büro.

Die letzten zehn Jahre habe ich so verbracht. Segelliteratur lesen, Träumen, Segelschein machen, Arbeiten gehen, Segeln auf der Havel und dem Greifswalder Bodden. Und immer wieder träumen von etwas Größerem, etwas das hinaus geht über das für mich Übliche. Aber was?! Als ich dann irgendwann an dem großen Globus drehe, der bei uns im Wohnzimmer steht, springt mich die Antwort an. Die Ostsee! Einmal durch. Gab es da nicht so eine berühmte Tonne ganz im Norden? Alles scheint jetzt logisch. Die Strecke, die Zeit und auch ein Mitsegler ist schnell gefunden.

Mit BLUP und Holger

Plötzlich ist es der 20. Juni 2016. Holger und ich tuckern mit Außenborder in die Wismarbucht und setzen uns gleich auf Grund. Super, der erste dumme Fehler noch bevor wir richtig gestartet sind!

Diese kleine Sandbank stellt sich allerdings als perfekte Segel-Hoist-Plattform heraus, da wir gegen den Wind aufgelaufen sind. Die Großschot dicht und das Vorsegel back holen. „BLUP“ legt sich auf die Seite und der Bug wird wie von Zauberhand ins Fahrwasser zurück gedrückt. Schoten wieder auf und Pinne rum, Vorsicht Halse!

Glücklichster Segler der Welt

Jetzt gehts aber wirklich los, auf nach Norden! Nun wird sich herausstellen wovon meine Segelhelden immer gesprochen haben. Wir erleben kurze Unwetter und lange Flauten. Die Segel werden in alle möglichen Richtungen gezogen. Backbord, Steuerbord und immer wieder hoch und runter.

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Öl auf der Fahrt gen Norden © baltic run/nowatzki

Wir lernen, dass schwedische Schären nicht nur Bootsrümpfe, sondern auch Freundschaften auf die Probe stellen, aber auch dass ein gemeinsamer „Ausnahmsweise-Rum“ aus der Sunset Bar alles schnell wieder einrenkt.

Am 30. Juni schiebt uns der Wind unter Gennaker mit 6 Knoten Richtung Töre. Ich bin der glücklichste Segler auf der Welt und weil der Sonnenuntergang hier oben nicht enden will, bleibe ich das auch noch sehr lange.

Text: Robert Nowatzki

Website

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Was is’ denn nun mit der Nacht? © baltic run/nowatzki

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4 Kommentare zu „Rekord-Cruising: The Baltic Run – wer schlägt den Rekord von Robert und Holger?“

  1. avatar Firstler sagt:

    Genial! Würde mein Kahn in der Ostsee liegen – ich käme wirklich ins Grübeln, die Herausforderung anzunehmen….obwohl…eigentlich komme ich auch so schon ins Grübeln…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar Addi sagt:

    Wir hatten auf dieser Reise alleine schon 10 Stehtage 🙂
    und insgesamt 48.
    Im Vergleich sieht man erst was die beiden geleistet haben, Respekt!

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  3. avatar Uwe R. sagt:

    Eine durchaus vergleichbare Reise habe ich 1994 mit einem Freund auf einer Malö 106 gemacht. Wir sind am 23.07 um 10:10 Uhr in Travemünde gestartet und haben am 02.08 um 02:30 Uhr in Röytta (kurz vor Haparanda) festgemacht (extra das Logbuch hervor gekramt…). Die Strecke sind wir nonstop in einer Zeit von 9 Tage, 16 Stunden, 20 Minuten gesegelt.

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  4. avatar Marina sagt:

    Ganz tolle Fotos. Respekt!

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