40. Eiserne am Bodensee: 206 Schiffe bei der kalten Kultregatta – Eagle Katamaran überfahren

Sieg über den Schweinehund

Es hat schon Tradition. Christian Stock schreibt bei SR zum fünften Mal über die Eiserne am Bodensee. Er nimmt jeweils auf verschiedenen Booten teil, diesmal ist es ein A-Cat, mit dem er ziemlich ans Limit kommt.

„Komm, mach dir ein gemütliches Wochenende und leg die Beine hoch. Das Wetter soll grauslig werden. Minus fünf Grad sind angesagt. Und schneien soll es auch. Das Boot steht gut eingepackt im Winterlager, jetzt gönne ihm doch mal eine Ruhepause.“ Der innere Schweinehund hat dieses Jahr verdammt gute Argumente auf Lager, um meine lange geplante Teilnahme an der Regatta der Eisernen in Konstanz zu torpedieren.

Doch so leicht lässt sich der eingefleischte Regattasegler in mir nicht kirre machen. „Hey, ich gehe seit 16 Jahren fast jedes Jahr am Ersten Advent zur Eisernen. Wir hatten schon klirrende Eiseskälte, geschlossene Schneedecke, dichten Nebel und totale Flaute. Und trotzdem hat es immer Spaß gemacht. Dieses Jahr ist 40. Jubiläum, da ist Erscheinen Ehrensache.  Außerdem kann ich diese hässlichen Buchstaben DNC in der Ergebnisliste nicht leiden.“

Eiserne, Bodensee

SAY 10. Die Mannschaft konnte das Rennen nicht beenden. © DMC

Der Schweinehund gibt sich nicht so schnell geschlagen. So viele Niederlagen hat er in den letzten zwanzig Jahren einstecken müssen. Jetzt will er endlich Oberwasser gewinnen. Er geht äußerst gewieft vor: „Hör mal, es sind am Regattatag Böen bis 30 Knoten angesagt. Und du Irrer willst mit einem filigranen A-Cat bei 7 Grad Wassertemperatur segeln gehen? Erinnerst du dich nicht mehr an die stürmische Saisonabschlussregatta im Oktober? Da hattest du mehr Glück als Verstand, dass dein Boot jetzt nicht Schrott ist und du dich nicht verletzt hast. Du musst dein Schicksal nicht herausfordern. Das bist du deiner Familie schuldig. Du trägst Verantwortung.“ Volltreffer. Da hat der Schweinehund Recht.

Umschalten in den Safety-Modus

Doch nicht nur der Schweinehund ist zäh, sondern auch der Regattasegler. „Also gut. Ich werde sofort in Safety-Modus umschalten, wenn es auf dem Wasser haarig wird. Und ich ziehe mein starkwinderprobtes flaches Segel hoch, nicht das neue runde Powersegel.“ Murrend muss sich der Schweinehund vorläufig geschlagen geben.

Am Regattatag begrüßt mich beim Morgengrauen heftiger Schneefall. „Siehst du! An Segeln ist nicht zu denken“, triumphiert der Schweinehund. „Das werden wir ja sehen. Der Start ist erst in vier Stunden. Ich gehe jetzt die Startnummer holen.“ Der reichlich verunsicherte Regattasegler in mir schöpft aber erst wieder richtig Mut, als er die vielen anderen Segler sieht, die emsige Betriebsamkeit an den Tag legen, um ihre zugeschneiten Boote startklar zu machen. Die haben allesamt ihren Schweinehund besiegt. Sage und schreibe 70 schnelle Boote treten auf der großen Bahn an. Auf der kleinen Bahn sind es sogar sensationelle 136 Boote mit einem Yardstickwert größer als 98.

Fast alle Segler freuen sich nach den Leichtwindregatten der vergangenen Jahre auf eine windreiche Wettfahrt. Doch gerade bei den Jollen- und Katamaranseglern ist eine gewisse nervöse Anspannung nicht zu übersehen. Alle wissen, dass bei diesen Temperaturen nicht zu spaßen ist. Vor einigen Jahren ist ein Segler an Unterkühlung bei der Eisernen gestorben. Nicht von ungefähr herrschen strenge Sicherheitsbestimmungen, deren Missachtung vom Schiedsgericht völlig zu Recht mit Disqualifikation geahndet wird.

Chaos an der Startlinie

Rechtzeitig zum Start klart das Wetter auf. Der Wind ist zwar böig und konfus, aber von segelbarer Stärke. „Hey Schweinehund, bin ich froh, nicht auf dich gehört zu haben!“, kann sich der Regattasegler das Nachtreten nicht verkneifen.

Wie immer herrscht an der Startlinie großes Chaos, das durch den mittlerweile auffrischenden Wind nicht gerade kleiner wird. Erste Mannschaften melden sich bereits mit geborgenen Segeln bei der Wettfahrtleitung ab. „Komm, fahr auch nach Hause. „Siehst du nicht das dampfende Wasser dort am Ufer? Das ist die Bodensee-Therme. 36 Grad im Außenbecken. Kannst du umgehend haben, wenn du jetzt vernünftig bist.“ Aber der Regattasegler ist längst im adrenalingesättigten Race-Modus, er hört schon gar nicht mehr richtig zu.

Endlich Startschuss! Verdammt, warum ist es hier an der Linie eigentlich so einsam um mich? Und was ist das für ein blödes zweites Schallsignal? Alarmiert schaue ich zum Startschiff und sehe eine kleine, aber dennoch eindeutig weiß-blaue Flagge. Oh nein, Einzelrückruf!!! Gilt er mir??? Egal, ich liege weit vor den anderen Startern, jetzt drehe ich nicht mehr um. No risk, no fun. OCS sieht in der Ergebnisliste viel besser aus als DNC, DNS, DNF oder gar DSQ. Das hat mir jedenfalls früher mal ein erfahrener Regattasegler beigebracht.

Das Heck ragt aus dem Wasser

Als ich mich gerade mit dem Gedanken anfreunde, als erster um die Luvtonne zu gehen, parke ich auf der rechten Bahnseite eine gefühlte Ewigkeit lang ein. Links ziehen einige Katamarane vorbei, darunter der große Ventilo-M2-Katamaran. Er ist mit einem Yardstickwert von 55 das schnellste Boot im Feld. Vor allem aber liegt nun mein direkter Konkurrent vor mir, ein A-Cat aus der Schweiz. Bis ich im elendig drehenden Wind endlich wieder eine vernünftige Strömung am Segel anliegen und die Tonne gerundet habe, hat er souverän 200 Meter Vorsprung herausgefahren.

Vom Schweizer Seeufer fallen immer kräftigere Böen ein. Mit einer Mischung aus Schadenfreude, Mitleid und Erschrecken sehe ich, wie der A-Cat vor mir einen Stecker fährt und kentert. Wenige Sekunden später erwischt es neben mir einen F16-Katamaran mit rotem Gennaker. Sekundenlang bohrt er mit den Bugspitzen im Wasser, das Heck ragt aus dem Wasser.

Der Vorschoter schmeißt die Gennakerschot auf. Doch dann fliegt der Steuermann aus dem Trapez ab und besiegelt die Kenterung. Es handelt sich um Andreas Lutz, ein erfahrener Karamaransegler und Seriensieger hier bei der Eisernen. Später an Land sagt er mit einem breiten Grinsen: „Es war a bissle risky, da noch mit Doppeltrapez zu segeln. Aber es isch so was von geil gsi!“

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Christian Stock

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Ein Kommentar „40. Eiserne am Bodensee: 206 Schiffe bei der kalten Kultregatta – Eagle Katamaran überfahren“

  1. avatar dubblebubble sagt:

    Heiner W. könnte mit seinem Carbon-Knowhow doch gut die ruhmreiche Tradition des deutschen A-Cat-Baus fortsetzen. Auf geht’s!

    Schöner Bericht, übrigens 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

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