Meinung America’s Cup: Das erste Rennen. Eine große Enttäuschung?

Kein echtes Rennen

Das erste echte AC72 Match ist beendet. War es eine Enttäuschung? Es kommt auf die Erwartungshaltung an. Ist sie gering, könnte die Begeisterung groß sein. Wer diese fliegenden AC72 Monster erstmals sieht,  kann sich der Faszination schwer entziehen. Wunderwerke der Technik.

Team New Zealand Luna Rossa

Team New Zealand nimmt die kontrollierende Leeposition ein. Luna Rossa traut sich nicht mehr hinter dem Heck abzufallen. © Gille Martin Raget/ACEA

Unglaublich, dass Menschen es schaffen, trotz limitierender Regeln in diese Dimensionen vorzustoßen. Wer hätte noch vor drei Jahren gedacht, dass man bei einer Regatta mit über 40 Knoten über den Parcours jagen könnte.

Es kommt auf die Erwartung an

Aber mit der Erwartungshaltung ist das so eine Sache. Wie beim Schlange-Stehen. Je platter die Füße, je länger die Nerverei, umso höher der Anspruch an das einzutreffende Ereignis.

Nach dem 2007 America’s Cup, der von einigen als Erfolg gesehen, von anderen zumindest als möglichen Start für bessere Zeiten gewertet wurde, zog sich die Warterei bis zum nächsten „Cup für alle“ aber nun sechs Jahre hin.

Selbst eingefleischte Segelfans begannen die Lust zu verlieren. Zu unsympathisch kamen damals die Sandkasten-Streitereien der Segel-Milliardäre daher. Dabei machten ihre Aussagen eigentlich Hoffnung. Jeder schrieb sich auf die Fahne, im Sinne der Fans zu streiten.

Beide wollten sie eine Veranstaltung kreieren, bei der viele Teilnehmer eine ehrliche Siegchance haben sollten. Mal etwas Neues in der Cup-Historie: Nicht der Verteidiger sollte unbedingt Gewinner sein, sondern der Segelfan. Ihnen gemeinsam war der Wunsch, nicht nur für den Cup Sieg sondern auch als Retter des Segelsports gefeiert zu werden.

Vor Gericht gezerrt

Darüber entbrannte schließlich der Streit zwischen Alinghi-Bertarelli und Oracle-Ellison. Diesen vermeintlich uneigennützigen Zugang nahm besonders Larry Ellison seinem Schweizer Kontrahenten nicht ab. Er zerrte ihn vor Gericht, und die Anwälte entwanden Bertarelli die Kanne. Ellison musste nur noch ihre Steilvorlage auf dem Wasser verwandeln.

Er wollte der Gute sein, und fortan den besten Cup aller Zeiten veranstalten. Er wollte sich an der Außenwirkung messen lassen. Er wollte das US-Spiel der Superlative höher, schneller, weiter spielen. Aber schon jetzt ist er an den Ansprüchen gescheitert. Das war längst klar, seit nur drei Herausforderer am Start sind. Der Todesfall hat das Ganze noch auf die Spitze getrieben.

Aber nach den Verkündungen über die Neuerfindung des Cups im Speziellen und der weltumfassenden Segelbegeisterung im Allgemeinen hatten sich einige Fans wieder in die Schlange gestellt. Die Spannung stieg. Meine Güte, wie unglaublich würde das erste Aufeinandertreffen dieser Geschosse werden?

Kat-Match Race als Langweiler

Es ging am Samstag auch gar nicht so schlecht los. Zwar haben die Veranstalter alles getan, um den Vorstart und damit den spannendsten Moment eines Match Races zu entschärfen. Die Phase wurde von 5 auf 2 Minuten verkürzt und die Eintauchlinie und -Zeit so gestaltet, dass das von links kommende Boot auf jeden Fall vor dem Gegner passieren kann. Dadurch gerieten schon die meisten AC45 Duelle bei der America’s Cup World Series zu absoluten Langweilern.

Dennoch gelingt es in diesem ersten Louis Vuitton Cup Rennen des 34. America’s Cups diesmal den Neuseeländern, Tuchfühlung mit Luna Rossa aufzunehmen und eine klassische Kontrollposition von Lee herzustellen. Ein bewundernswertes Kunststück mit diesen Konstruktionen. Mit anderen gemäßigteren Sportgeräten wäre es für Luna Rossa leicht gewesen, hinter dem Heck des Gegners abzufallen und selber die Kiwis anzugreifen. Aber diese AC72 beschleunigen beim Abfallen so extrem, dass die Gefahr eines Crashes droht.

Wofür auch das Risiko? Den Italienern musste klar sein, wie unwichtig es ist, diesen Start zu gewinnen. Bei den hohen Geschwindigkeiten der Katamarane ist der Abdeckungskegel so schmal, und ineffektiv, dass ein langsameres Boot damit kaum ein schnelleres ausbremsen kann. Diese Waffe ist stumpf. Wer schneller ist, fährt einfach vorbei.

Echte Klatsche

Nach dem Start zeigten die Italiener, dass sie beim Topspeed durchaus mithalten können. Besonders auf dem Vorwindkurs waren sie konkurrenzfähig. Aber bei den Manövern, auf dem Am-Wind-Kurs sowie durch eine Stopp-Strafe für das Erreichen der Spiefeld-Grenze fielen sie über fünf Minuten zurück und verpassten somit sogar das Zeitlimit. Die Wertung erfolgte als DNF. Eine echte Klatsche.

Der Leistungsfähigkeit der beiden Teams liegt so weit auseinander, dass kein echtes Rennen zustande kommen kann. Ob es so bleibt? Luna Rossa Steuermann Chris Draper zeigte sich ehrlich überrascht von den Nachteilen beim Amwind-Kurs, versprach aber Besserung.

Viel Hoffnung darf man sich aber nicht machen für das nächste Duell am 21. Juli. Die Italiener haben spät gemeldet und von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, dass sie eigentlich nur auf den nächsten Cup schielen. Mit dem alten Design der Kiwis und keinem zweiten Neubau ist der Louis Vuitton Cup nicht zu gewinnen.

Verkorkste Kampagne

Schwer vorstellbar auch, dass Artemis dagegen halten könnte. Ihre völlig verkorkste Kampagne war schon vor der Kenterung durch eine falsche Design-Strategie zum Scheitern verurteilt. Jetzt muss man Angst haben, dass das Cayard Team mit dem dann kaum getesteten AC72 überhaupt in einem Stück den Parcours bewältigen kann.

Das erste und vielleicht auch einzige spannende Rennen des 34. America’s Cups wird wohl zwischen Emirates Team New Zealand und Oracle Team USA stattfinden. Unwahrscheinlich zwar, dass ihre Leistung nahe genug beieinander liegt, um segeltaktische Entscheidungen für den Sieg verantwortlich werden zu lassen.

Bis dahin kann man sich nur in die Schlange stellen und sich von der neuen technischen Dimension der fliegenden Segel-Monster beeindrucken lassen. Dem einen reicht das aus an Faszination, dem anderen nicht. Für eine spannende Live Übertragung ist das allerdings sicherlich zu wenig.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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7 Kommentare zu „America’s Cup: Das erste Rennen. Eine große Enttäuschung?“

  1. avatar bläck sagt:

    Danke Carsten, gute Berichte. Lese sie gerne.

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  2. avatar Sven sagt:

    Hallo Carsten,
    sehr schön analysiert und kommentiert. Und dabei so sachlich, das finde ich gut.
    Wenn ich auch denke, dass man nach einem Rennen, den LVC noch nicht abhaken sollte. Allerdings ist die ewige Vorrunde bei 2 oder doch 3 Teilnehmern einfach überflüssig.

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  3. avatar 12er Enthusiast sagt:

    technisch faszinierende Segelgeräte – aber damit hat sich das Ganze auch. Der Rest ist einfach eine Farce und wird aufgrund des Formats und der reinen Geschwindigkeitsfrage der Langweiler schlechthin (wenn es nicht noch einen Crash mit weiteren Toten gibt), mit einem 8 Wochen dauernden Vorspiel. Dass Larry Ellison oder Russel Coutts daraus ihre Lehren ziehen ist nicht zu erwarten und so werden wir, so lange die beiden am Drücker sind, auf jeden Fall keinen interessanten AC auf seglerischer Ebene erleben.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 13 Daumen runter 12

    • avatar Stefan sagt:

      Warum wird wird hier eigentlich immer die Vergangenheit verklärt?

      Auch die rennen mit den IACC in der Vergangenheit waren langweilig. Und abgesehen von Perth 1987 waren es auch die mit den 12ern.

      Carsten hat das in einem Artikel für die Yacht schon 2003 ganz treffend beschrieben. Spannend ist lediglich der Start. Und was dann auf der Bahn passiert ist zu 99% vorhersagbar.

      http://www.yacht.de/panorama/news/spritzwasser-muss-her/a2330.html

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  4. avatar Fastnetwinner sagt:

    Wenn ich auch vorher gegen eine Berichterstattung zum AC geschrieben habe, muss ich gestehen, daß diesen Fliegern schon eine gewisse Faszination innewohnt…

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  5. avatar CDR sagt:

    Du hast es auf den Punkt gebracht:
    + was die mit den Schiffen veranstalten, ist unglaublich
    + die Wettfahrt war -als Rennen- langweilig
    + es ist schade um die coolen Stunts in der Vorstartphase

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    • avatar Stefan sagt:

      Wir haben erst eine Vorstartphase gesehen. Zudem eine in einem Rennen bei dem es um nichts geht. Auch kann man davon ausgehen, dass die derzeitigen Teams sich erst langsam und nach und nach an die heißen Sachen heranarbeiten werden.

      Jetzt hier zu urteilen halte ich für verfrüht.

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 5

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