America’s Cup: Der Tag nach dem Oracle Überschlag

Wer hoch fliegt...

Oracle Team USA bemüht sich mit dem neuen Video über die Kenterung von “USA 17” um eine Begrenzung des Image-Schadens, der das teuerste und wohl beste Segelteam der Welt zu einer Truppe von Bruchpiloten degradiert. Deshalb mag der Mega-Kat erst einmal segelnd in Erscheinung treten und dann kommt Superstar Ben Ainslie, der nicht an Bord war, zu Wort.

Wer hoch fliegt... © Guilain Grenier / Oracle Team USA

Wer hoch fliegt… © Guilain Grenier / Oracle Team USA

Skipper Spithill verkündet Durchhalteparolen. Was soll er auch sagen? Aber die Fotos vom Team Fotografen sprechen eine andere Sprache. Die Enttäuschung ist groß. In vielen Gesichtern ist Angst zu sehen. Könnte das schon der entscheidende Rückschlag bei der Verteidigung des Cups sein? Wie konnte es dem reichsten und erfahrensten Team passieren, über die Limits zu gehen?

Die Segelwelt rätselt. Stand das US-Team unter größerem Druck, als es zugeben mochte? War der Zeitverlust durch den Schwert-Abruch Ende August schwerwiegender als geplant?

Sicher ist, dass “USA 17” an diesem Tag eigentlich keinen Starkwind-Test geplant hatte. Die Vorhersage sah 18 Knoten für die San Francisco Bay vor. Als es ungeplant bis auf 30 Knoten auffrischte, hätte man das Training für den Tag wohl eigentlich abbrechen sollen. Aber die Trainingstage sind limitiert. Das Unglück passierte am achten Tag, während die Neuseeländer schon zwölf absolviert haben. Ein halber abgebrochener Tag zählt als ganzer.

Ließ sich Oracle vom Zeitdruck puschen?

Außerdem nimmt der Wind in San Francisco zu dieser Jahreszeit permanent ab. Die Starkwind-Tage sind also gezählt, das wichtigste Wetterfenster ist durch den Schwertbruch verpasst. Schon gab es Gerüchte, dass Coutts und Co als Reaktion auf den Zeitverlust die Basis im Winter auf Hawaii aufschlagen wollten. Dort weht der Wind verlässlich stark. Puschte das Team vor diesem Hintergrund zu hart an diesem Tag?

Offenbar gab es immer noch Probleme mit der kontrollierten Flugphase auf den Hydrofoils. Als technischer Hintergrund für den “Stecker” ist wohl die Funktionsweise der Unterwasser-Tragflächen zu sehen. Beim Abfallen beschleunigt “USA 17” enorm, hebt sich auf den L-Foil am Schwert und kippt dann doch mit dem Bug ins Wasser. Wie konnte das passieren?

Der extrem schmale und im Vergleich zum Team New Zealand deutlich weniger voluminöse Bug konnte nicht genügend Auftrieb gewähren, um das Vorschiff wieder aus dem Wasser zu wuchten. Das ist auch nicht der Plan bei dieser Konstruktion. Vielmehr ist der Anstellwinkel der Foils entscheidend. Dabei kommt besonders dem T-Flügel an der Ruder-Endspitze eine wichtige Bedeutung zu. Wenn er das Heck herunter zieht, wirkt der Auftrieb des L-Flügels am Schwert effektiver.

Wie schnell kommt Oracle auf die Beine?

Bei einer Motte kann man mit einer Gewichtsverlagerung nach hinten diesen Effekt erzielen. Vermutlich hat bei dem 72 Fuß Katamaran konstruktionsbedingt der Winkel noch nicht gepasst.

Immerhin scheint der Schaden auf den ersten Blick nicht so groß wie befürchtet. Der zwei Millionen Dollar teure Flügel ist zwar verloren, aber die Plattform scheint intakt. Nun ist die große Frage, wie schnell das Favoriten-Team wieder auf die Beine kommt.

Die weiteren Herausforderer werden der Kenterung sicher interessiert zugesehen haben. Artemis soll sich immer noch mit Belastungstests beschäftigen, bevor es seine Rennmaschine auf das Wasser bringt. Luna Rossa will in der nächsten Woche segeln gehen. Die Italiener haben eine Kooperation mit den Neuseeländern vereinbart und dürften deutlich schneller in Fahrt kommen als die konkurrierenden Mega-Kat-Flugpioniere.

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Carsten Kemmling

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Ein Kommentar „America’s Cup: Der Tag nach dem Oracle Überschlag“

  1. avatar Stu sagt:

    Für den Preis des kaputten Flügels könnte man theoretisch 100 nagelneue Mach2-Motten kaufen und sie ehrgeizigen Jugentlichen zur Verfügung stellen. Die wären dann damit ähnlich schnell unterwegs wie die 11 Freunde auf dem Kohlenschiff. Nur so als Hinweis an Larry…

    Dieses AC-Ding ist doch nur wegen der Crashs und der vielen verbrannten Dollars interessant. Seglerisch ist das doch tote Hose und jede Opti- oder Folkeboot-Regatta bietet ungleich mehr Sport und Vergnügen für alle Beteiligten.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 33 Daumen runter 22

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