America’s Cup Historie: Große Charakter und Exzentriker – 132 Jahre amerikanische Vormacht

Gute und schlechte Verlierer

America's Cup, Historie

J-Class – die schönsten America’s Cup-Yachten © j-class/Yabe

Sie waren die Pioniere des Sportmarketing, setzten enorme Summen auf Pump ein und dehnten die Regeln des America’s Cup bis zur Schmerzgrenze. Teil II unserer kleinen AC-Historie.

Logisch, beim America’s Cup (AC) geht es in erster Linie um das Eine: Segeln! (siehe Teil 1 der SR-AC-Geschichte). Doch schaut man sich die Historie rund um die älteste und angeblich hässlichste Sporttrophäe der Welt etwas genauer an, wird schnell klar, dass noch andere Faktoren eine essentielle Rolle spielen. 

Wie etwa möglichst unbegrenzte finanzielle Ressourcen oder große, mitunter auch etwas aufgebläht wirkende Egos der segelnden AC-Protagonisten – beides tritt übrigens auch gerne in Kombination auf. Dass es darunter verschiedene Charaktere geben kann, versteht sich von selbst und hat dem America’s Cup seit jeher eine gewisse Würze verliehen. Denn nur so ein bisschen vor der Küste auf- und absegeln kann für den gemeinen Zuschauer an Land mitunter auch etwas fad schmecken. 

Cooler Tee-Ritter

Vorhang auf für Sir Thomas Lipton. Der bis heute legendäre Tee-Baron und fanatische Segler forderte in den Jahren zwischen 1899 und 1930 insgesamt fünf Mal mit jeweils neuen Yachten die Amerikaner heraus und… verlor jedes Mal.  Mit seinen „Shamrock I bis V“ ging er immer wieder aufs Neue enthusiastisch gegen die segelnde US-Elite an den Start und musste nach jeder  Herausforderung „klein beigeben“.

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Bester Verlierer aller Zeiten: Der coole Sir Thomas Lipton © maritime history

Was ihm jedoch auf eine bis heute bewunderte, höchst lässige und gelassene Weise gelang. Die US-Medien stilisierten den „Ritter“ zum „würdevollen Verlierer“ und „typisch-englischen Gentleman“. Was Sir Lipton wiederum überhaupt nicht goutierte – würdevoll, lässig und cool… ja, gerne! Aber „englisch“? Das passte dem Raubein mit irisch-schottischen Wurzeln ganz und gar nicht. 

Doch Sir Lipton war nicht umsonst ein Vertreter jener Oberschicht der damaligen Zeit, die es innerhalb einer Generation durch Handel und Marktgespür zu sprichwörtlich unermesslichem Reichtum gebracht hatte. So machte der Sohn eines kleinen Lebensmittelhändlers ganz nebenbei auch aus dem America’s Cup noch ein Geschäft, indem er als wohl erster Unternehmer der Neuzeit mit Sport den Bekanntheitsgrad seiner Produkte deutlich steigerte.

Durch den simplen Umstand, dass er als Skipper, Herausforderer und letztendlich ehrerbietig als „guter Verlierer“ mit seinem Namen und gleichzeitig dem seiner Produkte genannt wurde, brachte dem Teebaron nachweislich deutlich verbesserte Umsätze im United Kingdom als auch in den USA ein. Vielen gilt Lipton seitdem als erster Sponsor in der Geschichte des modernen Sports – wenn es auch die eigene Marke war, die er promotete.

Die Begeisterung für das Fairplay und lässige Verlierertum des Sir Thomas Lipton ging in den USA sogar so weit, dass speziell für ihn ein besonderer AC-Pokal für den „besten aller Verlierer“ gestiftet wurde. Es wird jedenfalls bis heute geunkt, dass Lipton als Sieger kaum so viel Geld und Achtung verdient hätte mit dem AC, wie als Verlierer.

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Lipton’s Shamrock III im Trockendock. Schön waren die Renner auch schon vor der J-Class © wikipedia

Liptons letzte Herausforderung mit seiner „Shamrock V“ war auch gleichzeitig der Beginn einer neuen Ära unter den Yachten, auf denen der America’s Cup ausgetragen wurde. Erstmals kamen die bis heute als „schönste Segelyachten aller Zeiten“ bezeichneten J-Class-Renner zum Einsatz. Ihre Eleganz und die bis dato so noch nie zuvor erlebte Performance auf dem Wasser unter Unmengen von Segeltuch (701 qm Fläche) machten die 41 Meter langen Schönheiten zum Inbegriff für High-Tech-Segeln. Was sie für viele Menschen bis heute geblieben sind (SR-Berichte zur J-Class).

Die schönsten Yachten aller Zeiten

1930, 1934 und 1937 war der (ebenfalls als Egozentriker bekannte) Harold S. Vanderbilt als Eigner und Skipper erfolgreich. Der „Spross“ der damals bekanntesten, amerikanischen Eisenbahn-Dynastie, an dem förmlich noch der Pioniergeist aus den Wilden-Westen-Zeiten haftete, gewann zunächst 1930 mit der „Enterprise“, trat 1934 mit der „Rainbow“ gegen die Camper-Nicholsons-Konstruktion „Endeavour“ erfolgreich an und machte schließlich den Hattrick mit der Neukonstruktion „Ranger“ im Jahre 1937 perfekt. „Ranger“ war die größte, jemals gebaute J-Class und wurde auch Super-J genannt. In der kriegerischen Zeit bestand Vanderbilt darauf, dass seine Yacht  den gleichen, symbolträchtigen Namen erhielt wie die Fregatte „USS Ranger“. Obwohl die „Ranger“ 1937 insgesamt 37 Rennen segelte wurde sie noch im Jahr ihres Ersteinsatzes außer Betrieb genommen und 1941 verschrottet. 

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Die Ranger und die Endeveaour im Luvkampf © America’s Cup

Bleiben wir noch ein wenig bei den „Großen Charakteren“. Der „Sieges-Lauf“ der Amerikaner setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg noch über acht weitere Regatten (vornehmlich auf 12-Meter-Formel-Yachten) fort. Bis sich Ende der Siebziger- und zu Beginn der Achtziger-Jahre die Australier ernsthaft mit dem Thema „America’s Cup“ auseinander setzten.

Dabei spielte erneut ein Exzentriker und sogar in seiner Heimat als „dubios“ bezeichneter Geschäftsmann eine gewichtige, weil finanzstarke Rolle: Alan Bond! Der Mann, der Australien ganze Universitäten und ein Van-Gogh-Gemälde für über 50 Millionen Dollar schenkte (die Hälfte der Hälfte der summe lieh er sich beim Auktionshaus Sothebys), der TV-Sender (auf Pump) kaufte und ausbaute, engagierte sich insgesamt vier Mal für seine Heimat als Herausforderer im America’s Cup. 1974, 1977 und 1980 ging das Vorhaben gewaltig daneben, doch am 26. September 1983, während der vierten australischen Herausforderung, sollte der Coup gelingen: Nach 132 Jahren gewann erstmals eine andere Nation den America’s Cup!

Conners Schmach

Keiner in der Welt des Segelns wollte mehr daran glauben, dass die als unbesiegbar geltenden Amerikaner jemals geschlagen werden – und ausgerechnet die stets als etwas „rückständig“ belächelten Aussies von „down under“ schafften das Unmögliche. Mit Steuermann John Bertrand und einem revolutionären Flügelkiel gelang der „Australia II“ teils deutlich mehr Speed auf allen Kursen, so dass die Amerikaner erstmals in der America’s Cup-Geschichte „in Grund und Boden“ gesegelt wurden.

Dass dies ausgerechnet dem größten Segelhelden, den die Amerikaner damals aufzubieten hatten passierte, setzte ein weiteres Fanal: Eine vergleichsweise kleine, technische Verbesserung machte selbst dem großen Dennis Conner den Garaus (17 AC-Rennen gewonnen, vierfacher AC-Sieger). Oder wie es Finanzier Bond bissig beschrieb: „Andere können auch segeln und basteln!“  

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Der revolutionäre Flügelkiel der Australia II machte den Unterschied ª

Für die Australier sollte dieser AC-Sieg einen gewaltigen Schub im Segelsport bringen, für Alan Bond wird die Zeit jedoch als der Anfang vom Ende bezeichnet. Im Rahmen seiner AC-Finanzierung kamen erste undurchsichtige Geldgeschäfte in seinem Imperium zutage, vier Jahre später verlor er beim Schwarzen Montag-Börsencrash einen Großteil seines Vermögens und 1992 musste er seine Firmengruppe mit mit neun Milliarden Austr. Dollar Schulden für bankrott erklären. Anschließende Betrugsverfahren brachten Bond für sieben Jahre ins Gefängnis. 

Ein kleines Schmankerl am Rande, das deutlich die Selbstsicherheit der Amerikaner im Zusammenhang mit dem America’s Cup beschreibt, ist der Einsatz mehrerer Handwerker vor der Pokalübergabe. Die „Kanne“ war nämlich sage und schreibe in ihrer Vitrine im New York Yacht-Club festgeschraubt und verankert! 

Erster Katamaran

Und apropos Ego: Die Schmach, als bis dato erfolgreichster, aber wohl auch exzentrischsten Segler der USA die berühmteste Segeltrophäe der Welt „verloren“ zu haben, konnte Dennis Conner natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Bei der ersten AC-Titelverteidigung außerhalb amerikanischer Gewässer holte sich die schwergewichtige Segellegende 1987 vor dem australischen Perth „die Kanne“ wieder zurück. 

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Die Star’s ‘n Stripes gegen den riesigen neuseeländischen Monorumpfer – Beginn einer neuen Ära? © star’s and stripes

Um sie schon ein Jahr später nur mit Mühe und Not verteidigen zu können. Denn die andere, höchst talentierte Segelnation auf der südlichen Halbkugel, die Neuseeländer, forderten die Titelverteidiger mit einer riesigen 36-Meter-Yacht heraus. Dem konnte Conner nur mit einem Stilbruch und einer „Präzedenzregeldehnung“ kontern – er und sein US-Team siegten erstmals in der AC-Geschichte auf einem Katamaran gegen den riesigen Monorumpfer. 

Womit die vielleicht unschönsten Zeiten des America’s Cup begannen, die von Gerichtsverfahren, Regeländerungen, Willkür und teils sehr persönlichem, verbalen und gerichtlichen Schlagabtausch geprägt waren. 

Die wir in der nächsten und letzten Folge der AC-Historie etwas näher beleuchten wollen. 

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „America’s Cup Historie: Große Charakter und Exzentriker – 132 Jahre amerikanische Vormacht“

  1. avatar Backe sagt:

    Schöne Reihe … obwohl vieles schon bekannt ist, ist die zeitliche Einordnung schön. Und ein paar Anekdoten waren mir tatsächlich neu. Freue mich auf Teil 3, wenn dann so richtig die Fetzen fliegen.

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