America’s Cup: Kommission empfiehlt Herabsetzung des Windlimits

"Prinzipiell sehr sicher"

Zwei Wochen nach der tragischen Artemis Kenterung, hat Regatta Direktor Iain Murray die Empfehlungen seines Untersuchungs Kommittees zur Erhöhung der Sicherheit bekannt gegeben. Zu den 37 Punkten gehört die Herabsetzung des Windlimits von 33 auf 23 Knoten.

Der Artemis AC72

Der Artemis AC72 ist kurz nach der Kenterung nur noch ein Wrack.

Das mit Spannung erwartete Ergebnis der Murray-Kommission macht nach vor keine Aussagen zu den Ursachen der Artemis Kenterung. Der Empfehlungskatalog geht allerdings sehr detailliert auf technische Veränderungen ein.

So wird die Fläche der Ruderflügel definiert, was darauf schließen lassen könnte, dass ein Zusammenhang mit der Kenterung gesehen wird. Der Artemis AC72 konnte sich zwar nicht vollständig aus dem Wasser heben, hatte aber die T-Foils an den Rudern montiert. Gerade beim Abfallen sollen sie Abtrieb generieren und die Hecks nach unten ziehen.

Außerdem sollen die Schwert Hydraulik Systeme einer weiteren Überprüfung unterzogen werden. Sie ziehen jeweils das Luv-Schwert nach oben und mögen einen neuralgischen Punkt enthalten. Eine einschneidende Maßnahme könnte auch die Erhöhung des maximalen Gewichtes der AC72 um gleich 100 Kilogramm sein. Damit mag das aufrichtende Moment deutlich erhöht werden.

Kopfzerbrechen für die Konstrukteure

Diese Maßnahmen dürften den Konstrukteuren schon viel Kopfzerbrechen bereiten. Aber besonders schwierig ist die Reaktion auf das um zehn Knoten herabgesetzte Windlimit von 33 auf 23 Knoten für das AC Match im September und 20 bis 21 Knoten bei den Louis Vuitton Matches ab Juli.

Der große Windbereich war von den Organisatoren weniger wegen des Spektakels eingesetzt worden. Er sollte vielmehr den Fernsehstationen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine garantierte Übertragungszeit anbieten. Zugunsten der Sicherheit müsse man nun aber darauf verzichten, sagt der Repräsentant des St. Francis Yachtclubs Tom Ehman.

Aber Schiffe, die bei 30 Knoten schnell sind müssen normalerweise anders gebaut sein, als wenn sie auch bei leichterem Wind funktioniern sollen. Besonders die Neuseeländer hatten schon darauf hingewiesen, dass sie ihr Schiff so robust – und entsprechend schwer – gebaut haben, um bei den im Protokoll festgelegten Starkwind-Bedingungen bestehen zu können. Die Tests hätten gezeigt, dass ihr AC72 sehr zuverlässig sei.

Regeländerungen für eigene Zwecke?

Grant Dalton sagte dem New Zealand Herald am Montag:  “Der Unfall ist eine absolute Tragödie. Aber es ist unsere Hoffnung, dass von den Teams nicht versucht wird, das Umfeld zu manipulieren indem sie Regeländerungen für ihre eigenen Zwecke propagieren. Wir haben etwa 50 Tage mit den AC72 gesegelt und glauben dass diese Boote prinzipiell sehr sicher sind.”

Diese Aussage schien sich gegen den Luna Rossa Chef Patrizio Bertelli zu richten, der vehement eine Herabsetzung des Windlimits gefordert hatte. Aber dazu sagte Dalton, dass nach Gesprächen mit den italienischen Trainingspartnern die Herabsetzung auf 20 bis 25 Knoten vom Tisch sei. Man sei sich einig. Er nannte aber keine weiteren Fakten, über die Art der Übereinstimmung.

Das jetzige Windlimit entspricht dem offenbar nicht. Dennoch deutete ein Sprecher des Team New Zealands gegenüber dem San Frcisco Chronicle Zustimmung an. “In nur sechs Tagen hat das Kommittee eine bemerkenswerte Arbeit abgeliefert. Die Details müssen noch ausgearbeitet werden aber wir sehen nichts, was sich für den Ablauf der Veranstaltung nachteilig auswirken könnte.”

Vorteil für Oracle?

Offensichtlich sehen die Neuseeländer das Windlimit also nun doch nicht als problematisch für ihre Konkurrenzfähigkeit besonders im Vergleich zum Oracle Team USA an. Dabei hatten Beobachter vermutet, dass die Amerikaner nach ihrer Kenterung im vergangenen Herbst und der dadurch verlorenen Trainingszeit gerade bei absolutem Starkwind von den Neuseeländern in Bedrängnis gebracht werden könnten.

Aber nun hat der America’s Cup Verteidiger Oracle für notwendige Umbau-Maßnahmen mehr Zeit – Geld sowieso – weil er erst im September in den Wettkampf eingreift. Seine Struktur ist laut Rolf Vrolijk ohnehin auf eine deutlichere Gewichtsersparnis ausgerichtet.

Zuvor hatte sich Luna Rossa Skipper Max Sirena geäußert, dass diese Schiff bis zu 19 Knoten extrem viel Spaß machen. “Aber über 20 Knoten ist es ein völlig anderes Spiel, das kann ich euch sagen! Man beginnt dann, sich Sorgen über das Boot zu machen, weil sie so viel Kraft entwickeln und man den Druck nicht so sehr herausnehmen kann, wie man möchte.”

“Dieser America’s Cup Sicherheitsplan ist eine wichtige Komponente, um von der Coast Guard die Zulassung für die Rennen zu bekommen”, sagt Stephen Barclay der America’s Cup CEO. Es werden nun einige Arbeitsgruppen mit Experten gebildet, um einzelne technische Verbesserungen in die Tat umzusetzen.

Iain Murray betont, dass alle vier Teams in einer konstruktiven Art kooperiert hätten. Es sei ein klarer Wunsch von allen gewesen, die Sicherheit deutlich zu erhöhen.

Unfall-Ursache immer noch offen

Offen bleibt allerdings immer noch die tatsächliche Ursache des Unfalls. Artemis hat dazu seit zwei Wochen keine Stellung bezogen. Deshalb kursieren schon Gerüchte, dass die Hälfte des Design-Teams an die Luft gesetzt worden sei, allen voran Star-Konstrukteur Juan Kouyoumdjan. Ein Rückzug vom Event schien auch immer wahrscheinlicher.

Aber nun hat Artemis CEO Paul Cayard diese Gerüchte dementiert. “Artemis ist wieder zurück bei der Arbeit.” Aber das Team werde nur segeln, wenn es glaubt, dass die AC72 sicher sind. Diese Überzeugung hänge von vielen Kriterien ab. Die wichtigsten seien die neuen Sicherheitsbestimmungen und Regeländerunge, die die Organsatoren einführen wollen.

Zum Unfall-Hergang sagt Cayard: ” Ich verstehe die Frustration da draußen wegen der vielen offenen Fragen zum Unfall. Aber es war ein sehr komplexer Vorfall. Wir möchten der Untersuchung die nötige Zeit und Professionalität gewähren, die notwendig ist und danken für die Gedult während dieses Prozesses.”

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Carsten Kemmling

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5 Kommentare zu „America’s Cup: Kommission empfiehlt Herabsetzung des Windlimits“

  1. avatar andreas borrink sagt:

    Zur “Erhöhung des aufrichtenden Moments” dürften 100kg mehr kaum beitragen, denn das sind ja gerade mal knapp 2%. Der Grund für diese Erhöhung des unteren Gewichtslimits wird wohl eher darin liegen, dass man dieses zusätzliche Gewicht in mehr Festigkeit investieren kann (muß??), was dann wiederum die Sicherheit erhöht.

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  2. avatar Wilfried sagt:

    bleibt die Frage, wie man so kurz vor dem Cup die Struktur neu berechnen und ändern soll damit die 100 kg an der richtigen Stelle sitzen. Nebenbei. Mehr Gewicht des Katamarans um das aufrichtende Moment zu erhöhen? Dann hätte man ja auch einen Mann mehr zulassen können.
    Was ist denn jetzt oben im Artikel gemeint? Das Minimumgewicht geht nach oben oder das Maximumgewicht?

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    • avatar Uwe sagt:

      “The maximum sailing weight specified in A C72 Class R ule 5.10 shall be increased by 100kg “

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      • avatar Peter sagt:

        Kriegen manche Personen hier eigentlich pauschal dislikes? Uwe hat doch klar und ohne Polemik die Frage beantwortet.

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  3. avatar jorgo sagt:

    Ich finde es erstmal gut, dass deutliche Konsequenzen gezogen werden. Das erhöht die Sicherheit für die Segler ungemein und war überfällig. Ohne natürlich selbst jemals auch nur in der Nähe gewesen zu sein erscheint es mir logisch, dass ein Gerät welches potenziell die Power hat mehr als doppelte Wingeschwindigkeit zu segeln ab 20-25 Knoten Wind zunehmend extrem schwer beherrschbar ist. – auch wenn nichts bricht!

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