America’s Cup: Noch knapp 100 Tage – Aussichten nach einem Besuch im Bermuda Cup-Revier

Schneller als die Polizei erlaubt

Die heiße Phase des 35. America’s Cups hat längst begonnen. Wie es in Bermuda aussieht, und was die Regatta dort zu suchen hat. SR hat sich vor Ort umgesehen.

America’s Cup in Bermuda, wie kommt man darauf? Umständlicher kann eine Anreise kaum sein. Über London und New York, und dann auch noch der Flug bis ganz nah dran an das Bermudadreieck. Massen von Live-Zuschauer darf man da nicht erwarten, auch wenn es durchaus eine direkte Verbindung von London aus gibt.

Dabei freuen sich die 65.000 Einwohner auf die Besucher. Sie erhoffen sich weitere Verbesserungen der Infrastruktur und sind stolz, für einige Monate im Mittelpunkt der Sportwelt zu stehen. Das lässt der Taxifahrer durchblicken, wie 55 Prozent seiner Landsleute ein Afro-Amerikaner, der wie die Kollegen bei der Einreise am Flughafen fröhliche Stimmung verbreitet.

Er ist beeindruckt von den rasenden Segelmaschinen, die seit Monaten durch den Great Sound rasen, schneller als die Polizei auf öffentlichen Straßen erlaubt. Mit bis zu 100 Km/h werden sie das Speed Limit von 35 Km/h fast dreifach überschreiten.

Erfinder des Bermuda Riggs

Wasser liegt den Bewohnern naturgemäß sehr nahe. Es gibt jede Menge davon. Schließlich besteht das Land aus einer Ansammlung von insgesamt 360 Koralleninseln. Aber das Segeln ist etwas in Vergessenheit geraten. Dabei soll hier im 17. Jahrhundert das Bermuda-Rigg erfunden worden sein, mit dem moderne Segelboote heutzutage ausgerüstet sind.

Diese Nähe zu dem Sport möchte Bermuda wieder aufleben lassen mit der Bewerbung um den America’s Cup. Und die Oberen des britischen Überseegebietes fanden bei Larry Ellison und Russell Coutts überraschend offene Ohren, als sie den Bieterprozess für sich entschieden.

Land Rover BAR verliert seinen Steuermann bei einer Foiling Tack auf der Great Sound:

Der Wind soll verlässlich sein, das war eine der wichtigsten Vorgaben für das Revier. Es dürfen keine Rennen ausfallen, wenn man Übertragungsrechte verkaufen will. Und da passt die Statistik.  Aber anderswo hätte es spektakulärere Windbedinungen gegeben. Zum Beispiel in San Francisco, dem logischen Austragungsort, dem Sitz von Ellisons St. Francis Yacht-Club, dem vielleicht besten Segelrevier der Welt. Oder in Chicago, der Windy City.

Ellison will Geld verdienen

Aber der Status als Steueroase dürfte die wichtigste Rolle gespielt haben. Sie bringt große Erleichterungen auch für die Cup Teams mit sich. Und Ellison will diesmal Geld verdienen und die Einstiegshürden für Teams senken. Nach dem unerwartet spektakulären Cup-Finale 2013 wähnt er die Zeit gekommen, dass er seine gegen viele Kritiker durchgesetzte Brutalo-Strategie versilbern könnte. Er glaubt, ein Produkt geschaffen zu haben, dass auf dem Sport-Markt gut verkauft werden könnte.

So ließ er es mit der Entscheidung für Bermuda in der Kasse klingeln. Und dann sollte auch noch Comissioner Harvey Schiller dafür sorgen, dass die TV-Rechte ordentlich verkauft werden können. Die Fans blieben dabei auf der Strecke. Während noch 2013 die Cuprennen frei auf YouTube zu sehen waren und einen nie für möglich gehaltenen Hype ausgelöst hatten, sollten nun selbst die wenig aussagekräftigen World-Series Rennen nur noch per bezahlter Mobile App zu sehen sein.

Aber viele Rennen fielen aus, oder wurden bei unwürdigen Bedingungen durchgeprügelt, wie im Windschatten der Wolkenkratzer von Manhattan. Die zum Foiler umgebauten alten 45 Fuß Kats segeln erst bei Starkwind spektakulär, und den konnten die Veranstaltungsorte überaus selten liefern. Auch entwickelten sich die Trainingsboote technisch so weit, dass sie inzwischen so wenig mit den alten Einheitskatamaranen zu tun haben, wie 49er im Vergleich zu 470ern.

Ainslie Team mit Pluspunkten

So bringt der Sieg des Land Rover BAR Teams in der Weltserie Ben Ainslie zwar wichtige Pluspunkte für die Playoffs und lässt sich bei den Sponsoren gut verkaufen, aber er sagt noch sehr wenig über die tatsächliche Leistungsfähigkeit des Teams aus.

Land Rover BAR

Der erste AC50 auf dem Great Sound von Bermuda ist der Kat vom Land Rover BAR Team. © Harry KH

Tatsächlich waren Beobachter sogar erschreckt über die Probleme des britischen Teams nach seinem späten Bermuda-Umzug. Die ersten offiziellen Practice Races in Bermuda gegen die Konkurrenz liefen nicht gut. Aber das muss noch nicht viel heißen. Denn es wurde noch mit den Entwicklungsbooten vom Typ 45S gesegelt. Längst gilt aber die ganze Konzentration der Teams den AC50 Cuppern, den Katamaranen, die tatsächlich in vier Monaten um die Kanne segeln.

Der Taxifahrer auf Bermuda weiß noch wenig über diese sportlichen Hintergründe. Er ist besser im Bilde über die Big Player in der Fußball Bundesliga und schwadroniert über die aktuellen Probleme von Bayern München als er seinen Land Rover Shuttle im Zeitlupentempo über die schmalen Straßen der Insel steuert. Eigentlich seien so große Wagen gar nicht auf der Insel erlaubt, aber im Zuge des America’s Cups gebe es viele Ausnahmeregelungen. Er hoffe nur, dass Oracle oder Artemis gewinnen. Die wollen den Cup in Bermuda belassen.

Steueroasen in der Kritik

Die Erleichterungen betreffen insbesondere die Bautätigkeit. Die Royal Naval Dockyard, die der britischen Royal Navy 200 Jahre lang als wichtigste Basis in der westlichen Hemisphäre diente, wird massiv umgebaut. Damit wollen die Behörden den Tourismus stärken und wohl auch von ihrem Steuerfrei-Geschäftsmodell ablenken. 

Bermuda Shorts

Die Bermuda-Shorts gibt es wirklich. Sie wird auch zu offiziellen Anlässen zum Klumpfuß getragen. © SegelReporter

Steueroasen stehen nicht erst seit Bekanntwerden der “Panama Papers” in der Kritik.   2009 verließen zahlreiche internationale Konzerne die Insel als die G20-Staaten Maßnahmen gegen Steuerflucht beschlossen. Und 2016 hat auch die EU verfügt, die Kapitalflucht in Länder die auf der schwarzen Liste der Steueroasen auftauchen, verstärkt zu bekämpfen.

Hochklassige Sportwettkämpfe wie der America’s Cup können dem Böser-Bube-Image entgegenwirken. 2018 bis 2020 hat sich Bermuda auch das Recht für die Austragung für drei hochwertige internationale Wettkämpfe der Union World Triathlon Series gesichert.

Erstmal muss sich der kleine Inselstaat aber beweisen, dass er den America’s Cup bewältigen kann. 100 Tage vor dem Start der ersten Rennen ist noch nicht viel Glanz sichtbar. Im Umkreis der Royal Naval Dockyard dominieren Bagger und Lastwagen das Bild. Baulärm liegt über der Bucht. Vom America’s Cup Village sind kaum die Konturen zu erkennen. Auch die Basen der Teams weisen wenige Parallelen auf mit den vergleichsweise mondänen Bauten in der “Boxengasse” von Valencia 2007.

Regen als Quelle

Vielleicht liegt der wenig glänzende erste Eindruck am Regen, der im Februar häufig in die Zisternen der Häuser prasselt. Er ist wichtig als einzige Trinkwasser-Quelle auf der Insel. Aber bei bedecktem Himmel kommen die Farben nicht richtig zur Geltung. Nur wenn die Sonne hinter den Wolken hervor lugt, nimmt das Wasser die berühmte türkise Farbe der Traumspots dieser Welt an. Dann erstrahlen die Häuser in ihren variantenreichen Pastell-Tönen. Es gibt einen inoffiziellen Wettbewerb auf der Insel, Wandfarben anzumischen, die noch kein Nachbar benutzt hat. entsprechend fröhlich und frisch ist das Erscheinungsbild der Insel.

SegelReporter Bermuda

SegelReporter bei der Land Rover BAR Taufe. © SegelReporter

Das deckt sich mit dem Eindruck, den der Besucher bei der Ankunft am Flughafen erhält. Die Zöllner fragen freundlich nach dem werten Befinden und wünschen noch einen schönen Tag. Ein krasser Gegensatz zu den beängstigenden USA-Formalitäten bei der Einreise über New York.

Ein Oracle-Katamaran präsentiert sich hinter Vitrinen-Glas, und die Grenzwächter nehmen Fingerabdrücke in ihren fünf Boxen, die jeweils mit Videos rasender Foiler-Katamarane bespielt werden. “Welcome to the Home of the 2017 America´s Cup”, grüßt der Bermuda Premierminister Michael Dunkley von einem Bild über dem Ausgang.

Hier ist der America’s Cup zuhause! Diese Botschaft geht nicht unter wie vielleicht noch in San Francisco, wo die wichtigste Segelsport-Veranstaltung der Welt nur eine unter vielen Attraktionen war. Die Stadtväter wollten auch für den 35. Cup kaum mehr Platz für die Segler machen und müssen nun ohne die Ellison-Regatta auskommen.

Kleinstkinder im Cup Tross

Das Leben für Cup-Gäste findet zum großen Teil im Hamilton Princess Hotel statt. Hier wohnen in einem der 400 Zimmer auch viele Segler mit ihren Familien, die auf der Suche nach begrenztem privaten Wohnraum nicht fündig geworden sind. Beim Frühstück  wirbeln Klein- und Kleinstkinder durch die Hallen. Man merkt, dass durch die Segler beim America’s Cup durch die anspruchsvolle Physis deutlich jünger geworden sind.

Der Transfer zu den Team-Basen erfolgt per Boot. Es ist die schnellste Verbindung zu fast allen Zielen auf der Insel. Hübsche bunte Häuschen grüßen von exponierten Grundstücken direkt am Wasser. Auf einem weht stolz die Schweizer Flagge. Hat sich Ernesto Bertarelli schon eingerichtet?

Der Great Sound, auf dem die Rennen stattfinden, ist extrem klein angesichts der hohen Geschwindigkeiten. Es passt gut, dass die Rennen nur gut 22 Minuten dauern sollen. Mehr Platz ist auch nicht. Die natürliche Hufeisenform des nach Nordosten geöffneten Reviers sorgt für guten Schutz gegen Wellen. Denn der Wind weht im Mai und Juni überwiegend aus West oder Ost über Land. Laut Statistik erreicht er kaum mehr als 9 Knoten im Schnitt.

Wenig Tidenhub

Das sind beste Voraussetzungen für drehenden Wind. Einbahnstraßensegeln wird in Bermuda auch wegen des nur geringen Tidenhubs von 0,5 bis 0,8 Metern nicht erwartet. Durch die Kürze der Rennen in Verbindung mit dem variablen Wind sollten tatsächlich auch langsamere Boote nach starker seglerische Leistung siegfähig sein. Das sind beste Voraussetzungen für spannenden Segelsport.

Der eher leichte Wind wird nicht so viele spektakuläre Duelle am Windlimit wie in San Francisco kreieren. Andererseits wird erwartet, dass die Teams den einen ihrer beiden erlaubten Tragflächen-Sätze mit einer Effektivität versehen, die stabile Flugeinlagen inklusive Foiling-Wenden schon ab sechs Knoten Wind erlauben.

Der 35. America’s Cup hat das Potenzial, ein echter Hit zu werden. Schade, dass er so weit außerhalb der Reichweite europäischer Segelfans liegt. Aber er muss nicht unbedingt vor Ort konsumiert werden. Das aus San Francisco bekannte Übertragungsprodukt hat gezeigt, wie gut Segeln am Bildschirm zu verfolgen ist.

So bleibt nur zu hoffen, dass der Fan nicht durch teure Bezahlschranken ausgeschlossen wird. Denn erst einmal müssen die Cup-Macher beweisen, ob sie die Erwartungshaltung erfüllen können. Der Hype von 2013 ist längst vergessen. Vorher muss viel Aufbauarbeit geleistet werden. Deutschsprachige Zuschauer können hoffen, dass Servus TV wieder in die Bresche springt.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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