Barcelona World Race: Ruder gebrochen, Patenthalse – Riechers mit Problemen

"Scary moment"

Jörg Riechers erklärt, warum er zuletzt so viele Meilen auf Platz drei verloren hat. Ein Teil des Ruders abgerissen. Außerdem beschreibt er die letzte Patenthalse.

Das beschädigte Ruderblatt auf Renault Captur. © Riechers

Das beschädigte Ruderblatt auf Renault Captur. © Riechers

“In der Nacht von Samstag auf Sonntag segelten wir bei 25 Knoten Wind raumschots unter J1 und einem Reff im Gross unter Full Power. Dabei müssen wir mit etwas kollidiert sein. Bei diesen Bedingungen nimmt man solche Zusammenstöße nicht wahr, aber wenn das Boot mit bis zu 20 Knoten Speed durch die Wellen powert sind solche Impacts schon “gehaltvoll”.

Als wir am nächsten Tag Algen vom Ruder entfernen wollten stellten wir fest, dass gut 30 Zentimeter vom Steuerbord Ruder fehlen. Und die Aussenseite vom Ruder ist komplett delaminiert. Wir haben entschieden, das Ruder am Dienstag zu wechseln, wenn laut Routing eine Halse anstehen würde.

Neutrogena (rot) reiht sich nach dem Notstopp wieder auf Platz zwei ein. Es ist aber knapp.

Neutrogena (rot) reiht sich nach dem Notstopp wieder auf Platz zwei ein. Es ist aber knapp.

Jedoch merkten wir, dass das Boot schwerer zu steuern ist und weniger aufs Ruder anspricht. Wir entschieden uns die Reparatur vorzuverlegen bzw. das Blatt früher zu wechseln.

Unter zweifach gerefftem Groß lassen wir uns treiben um möglichst wenig Druck auf den Rudern zu haben. Als wir das Ruder aufholen und den Zustand sehen sind wir froh über die Entscheidung. Eine weitere Nacht mehr hätte das Ruder nicht überstanden.

30 Meilen verloren

Wir wechselten das Ruder in nur zwei Stunden. Das hat uns ca. 30 Meilen auf Gaes gekostet. Aber nun sind wir wieder voll einsatzfähig. Nun segeln wir bei 26kn Hardcore Reaching unter J1 und gerefftem Groß mit unserem neuen Ersatzruder Richtung Kap Hoorn.”

Zum Leben im Southern Ocean schreibt Riechers: “Wir sind jetzt irgendwas bei 2,5 oder 3 Wochen im Southern Ocean, so genau sagen kann ich das gar nicht, weil die Zeit hier so ein wenig verwischt.

Es ist so wie ich es mir vorgestellt habe – kalt und grau und auch recht windig, obwohl die Windstärken nicht so schockierend sind. Schlimmer sind eher die Wellen. Vor allem im Indischen Ozean sind die Wellen unangenehm und manchmal auch eindrucksvoll.

Schwierig zu handhaben sind die sich sehr schnell ändernden Bedingungen, sozusagen Möhnesee auf Extasy. Der Wind dreht gerne mal um 30 Grad in 5 Sekunden bei immer noch 30kn Wind. Das macht einen nicht ganz glücklich, da man weiß, dass sich nun in einigen Stunden Wellensystem Nummer drei zu dem 5 Meter Southern Ocean Swell aus West zu den 4 Metern Windwelle aus Nordwest gesellt.

In die Wasserwand brettern

Danke lieber Indische Ozean so habe ich mir das nicht vorgestellt. Diese Art von Welle führt dazu, dass das Boot manchmal mit 25kn in eine Wasserwand brettert und in 2 Sekunden auf 15kn abbremst, das sind die Momente, in denen es einem im Boot den Boden unter den Füßen wegreißt.

Naja, und dann kommen diese ständigen Schwankungen in der Windstärke dazu, auf der Rückseite der Tiefs schwankt der Wind ständig zwischen 25 und 40kn. Man segelt also unterpowered und gnadenlos überpowered in 30 Minuten Abständen und man weiss leider nie, ob die Wolke hinter einem nun 30kn, oder 40kn im Gepäck hat. Kurzum, man hat das Gefühl wie ein Idiot zu segeln – das ist nicht gut für die Psyche, zumal es hier eh so grau ist.

Auch unser Autopilot ist nicht immer ein Fan dieser Bedingungen. Am Ende der letzten Kaltfront hatten wir diesen Scary Moment – wir segelten vor dem Wind (146 TWA) mit der J2 und einem Reff im Gross bei 34kn Wind – leicht am Limit aber noch völlig OK – ich gab gerade die Wache an Seb ab, und meinte Boot verhalte sich super, und die Bedingungen seien easy als wieder eine dieser 40kn Feger daher kam.

Chinese Jibe aus dem Bilderbuch

Das Boot schoss leicht in den Wind, was so 4 bis 5 mal am Tag vorkommt und etwas ist, was uns schon nicht mehr so beunruhigt. Der Pilot regelt die Sache normalerweise. Das sah auch diesmal so aus. Die Ruder griffen wieder – also alles wieder easy –  jetzt kann ich darüber nachdenken, was es zu essen gibt.

Aber die TWA Anzeige zeigt Beunruhigendes. Sie bleibt nicht bei TWA 150 stehen, der Pilot übertsteuert und fällt weiter 160 – 165 (hier wird man beunruhigt) – 170 (der Sprint an Deck beginnt) 175 (das ist nun extrem uncool) 180 (FUCK! Das kann doch nicht wahr sein).

Es folgt eine Chinese Gybe aus dem Bilderbuch. Danach ist nichts wie es mal war, man kann auf dem Mast spazieren gehen, genau wie die Kabinen-Wände nun mein Fussboden sind. Während Seb das Chaos an Deck richtet, mache ich mich auf zur Keel Control, um den Kiel auf die neue Luvseite zu schwenken, danach zurück zum Inferno an Deck, Backstagen dichtholen und die wild schlagende J2 einrollen, damit sie sich nicht in Stücke schreddert. Dieses Segel dürfen wir auf KEINEN Fall verlieren. Am Ende ging alles gut. Nach 30 Minuten und 15 verlorenen Meilen waren wir wieder auf Kurs und unter Kontrolle – Welcome to the South….”

Neutrogena konnte sich nach ihrem Notstopp in Neuseeland noch auf Rang zwei halten, knapp 300 Meilen vor Riechers und gut 60 Meilen vor Gaes. Es könnte noch einmal spannend werden im Kampf um Rang zwei.

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