Boris Herrmann über Eisgefahr, fehlendes Proviant und den Zweikampf mit “Mirabaud”

Flucht vor der Flautenzone

Boris Herrmann am Grinder. "Neutrogena" kämpft sich an Platz sechs heran. © FNOB

Das zweite Barcelona World Race rund um die Welt entpuppt sich mehr und mehr als zäher Kampf gegen die Uhr. Statt rekordverdächtige Höchstgeschwindigkeiten segelten die zwölf Hochseeyachten im Südpolarmeer hinter dem Kap der Guten Hoffnung in der fünften Regattawoche seit dem Start Silvester meist nur mit gebremstem Schaum.

Erst am Mittwoch (2. Februar) verbesserte sich die Situation etwas. Dennoch hatte die führende „Virbac-Paprec 3“ von Jean-Pierre Dick und Loïck Peyron aus Frankreich noch zwei Drittel der fast 50.000 Kilometer langen Strecke von Barcelona nach Barcelona vor sich. Das Ende des Felds lag schon weit mehr als 4.000 Kilometer zurück.

Boris Herrmann, der einzige Deutsche im Rennen, verfolgte mit Ryan Breymaier (USA) auf der „Neutrogena“ die rund 34 Seemeilen vor ihnen auf Rang sechs liegende „Mirabaud“ der Mixed-Crew Dominique Wavre/Michèle Paret (Schweiz/Frankreich). Die Rückkehr in den Start- und Zielhafen könnte sich auf Anfang bis Mitte April verzögern.

Boris bei der Arbeit. Die Nähe der "Mirabaud" motiviert. Der Rückstand sank in zwei Tagen von über hundert auf nun 34 Meilen. © FNOB

„Die Bedingungen waren bisher völlig anders als erwartet“, berichtete der 29-jährige Herrmann von Bord, „statt Starkwind hatten wir oft nur eine leichte bis mäßige Brise, statt typischer Westwindlagen weht es überwiegend aus östlichen Richtungen.“ Und das bedeutete für die Teilnehmer einen unangenehmen Am-Wind-Kurs, der sie nur langsam vorwärts kommen ließ.

Von den berüchtigten „Brüllenden Vierzigern“ (Roaring Forties), den stürmischen Breiten zwischen 40 und 50 Grad Süd, ist kaum etwas zu spüren. Herrmann: „Wir rechnen bereits mit einer späteren Rückkehr nach Spanien irgendwann im April und versuchen, Proviant zu sparen.“

Ein Hauptgrund für das schleppende Vorankommen ist ungewöhnlich viel Treibeis, das sich in der Antarktis abgebrochen Richtung Norden ausgebreitet hat und die Schifffahrt im Südpolarmeer gefährdet. Die Regattaleitung des Barcelona World Race reagierte darauf sofort und änderte die Segelanweisung, in der der Kursverlauf festgeschrieben steht.

Boris vermisst den Southern Ocean, den er beim Class 40 Rennen mit Felix Oehme noch deutliche weiter südlich durchfahren durfte. © FNOB

Es wurden zwei neue, so genannte Eisgates (Crozet Gate und Amsterdam Gate ersetzen das Kerguelen Gate) bestimmt. Das sind virtuelle Tore, die zumindest an einer Stelle nördlich passiert werden müssen. Die neuen Gates liegen auf 42 Grad südlicher Breite, wodurch die Yachten auf dem Weg nach Neuseeland nicht so tief ins Südpolarmeer eintauchen können, wie sie es sonst getan hätten.

„Das vereinfacht zwar die Taktik, hält uns aber vom wahren Southern Ocean, den ich vor zwei Jahren mit Felix Oehme in unseren Class40-Rennen erlebt habe, noch weiter fern“, erklärt Boris Herrmann, „die Tiefdruckgebiete, mit denen wir schnell nach Osten segeln wollten, ziehen meist unterhalb von uns hindurch.“

Statt Rückenwind, für den die 18,29 Meter langen Boote der IMOCA Open 60-Klasse konzipiert und gebaut sind, gibt es häufig Brise auf die Nase – oder gar keine. „Die vielen Flauten sind zermürbend, aber die Sicherheit geht absolut vor“, zeigte der Weltumsegler volles Verständnis für den geänderten Bahnverlauf. Außerdem sorgte frischer Südwind am Mittwoch für einen Schub nach vorn.

„Am Dienstag lagen wir zwischen zwei Hochdruckzellen eingeklemmt. Wir haben uns dann über Nacht ein Stück nach Süden durchgeboxt und fliehen jetzt vor der Flautenzone. Derzeit schaffen wir 18 Knoten Bootsspeed“, berichtete Boris Herrmann am Mittwochmittag live im Internet (www.barcelonaworldrace.org).

Hoffnung verbreitet auch der holländische Wetterguru Marcel van Triest: „Das Hochdruckgebiet westlich der Kerguelen Inseln, das den Weg für alle blockiert hat, dürfte sich zum Wochenende (4./5. Februar) abschwächen und nach Osten verlagern. Das sollte die Bahn für günstigere Westwindlagen durch Tiefdruck frei machen.“

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Davon sollte auch die führende „Virbac-Paprec 3“ profitieren, deren Vorsprung auf die Spanier Iker Martínez/Xabi Fernández mit der „Mapfre“ nach und nach auf unter 500 Seemeilen schmolz. In einem Zweikampf fast in Sichtweite überholte die französische „Groupe Bel“ mit Kito de Pavant und Sébastien Audigane die „Estrella Damm“ der Spanier Alex Pella und Pepe Ribes und schob sich im Zwischenklassement auf dem dritten Podiumsplatz vor.

Rang fünf, Regattaziel von Herrmann und Breymaier, bleibt die „Renault“ von Pachi Rivero und Antonio Piris aus Spanien, die den nördlichsten Kurs aller Konkurrenten einschlugen.

Trotz der positiveren Wetteraussichten machen bereits Hochrechnungen die Runde, das Rennen könne 100 oder mehr Tage dauern. Von Jules Vernes 80 Tagen um die Welt redet schon lange niemand mehr. Die Mannschaft der „Neutrogena“ hatte mit 13 Wochen auf See geplant, also 91 Rationen Proviant mitgenommen.

„Durch die Kälte hier sind wir immer hungrig und können nicht viel zurücklegen“, meinte der gebürtige Oldenburger, „aber wir haben uns schon etwas vom Munde abgespart.“ Bis zu einer Woche sei die Verpflegung ohne weiteres zu strecken. Aber was ist, wenn die Regattareise zwei oder gar drei Wochen länger dauert?

Mit diesen Vorstellungen möchte sich derzeit noch niemand zu konkret auseinander setzen. Alle konzentrieren sich weiter voll und ganz darauf, so schnell wie möglich „Meilen zu fressen“. Herrmann: „Wir leben hier in unserem Mikrokosmos von Tag zu Tag. Die Stimmung in unserer noch jungen Ehe auf Zeit ist auch als Sechs-Quadratmeter-WG hervorragend.“

Kleine und größere Reparaturen sorgten für genug Abwechslung, so dass erst gar kein grauer Alltag einkehren könne. Unter anderen war bereits zum zweiten Mal ein für die Stromerzeugung an Bord unentbehrlicher Hydrogenerator am Heck des Schiffs abgerissen, was den Chefmechaniker Ryan Breymaier zu nächtlichen Bootsbaukünsten trieb.

Der direkte Gegner der „Neutrogena“ heißt schon seit den letzten Januartagen „Mirabaud“. Doch der Schweizer Wavre ist ein erfahrener Fuchs und hat schon mehrere Weltumseglungen auf dem Buckel. „Außerdem ist sein Schiff moderner und durch seine Rumpfform bei Halbwind auch schneller“, erklärt Herrmann, der den Rückstand zwischendurch schon einmal von nur noch 30 Seemeilen wieder auf mehr als 100 ansteigen sah.

Während das deutsch-amerikanische Duo mit gut 1.300 Seemeilen etwa vier bis fünf Tage hinter den Spitzenreitern hinterher segelt, trennen die Letzten schon mehr weit mehr als eine Woche – Tendenz steigend. Und die noch vorletzte „Central Lechera Asturiana“ mit Juan Merediz / Fran Palacio (beide Spanien) muss noch für eine Reparatur des Hydraulikzylinders am Schwenkkiel in Kapstadt/Südafrika stoppen. Das könnte am Ende gar ein Osterfest auf See bedeuten.

Weitere Informationen und während des Rennens aktuelle Positionsmeldungen:

www.barcelonaworldrace.org
www.borisherrmannracing.com
www.breymaiersailing.com

Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

Ein Kommentar „Boris Herrmann über Eisgefahr, fehlendes Proviant und den Zweikampf mit “Mirabaud”“

  1. avatar Jan sagt:

    sieht doch gerade irgendwie ganz gut aus aufm Tracker. Morgen früh sind sie an Mirabaud vorbei…! Da leg ich mich jetzt einfach mal fest. 🙂

    grüße und Daumendrück
    Jan

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