Clipper Race: Das dramatische Mann-über-Bord-Manöver

+++ „Das war knapp!“ +++

Verdammt hartes Wetter im nördlichen Pazifik © Clipper Race

Verdammt hartes Wetter im nördlichen Pazifik © Clipper Race

Horrorszenario: Andrew Taylor (46) fällt im aufgewühlten Pazifik bei einem Manöver über Bord. Seine Rettung verläuft schulbuchmäßig – und dennoch auf Messers Schneide! Skipper Sean McCarter berichtet ausführlich.

Beim „Clipper Round the World-Race“ ( Die 70-Fuß-Clipper-Yachten sind derzeit auf einer 5.600 Seemeilen-Strecke zwischen Qingdao und San Francisco auf dem Pazifik unterwegs) kam es vorgestern zu einem dramatischen Zwischenfall mit glücklichem Ausgang:

Vorschiffmann McCarter fiel bei einem Manöver über Bord, verschwand kurz darauf in den Wellentälern und konnte dennoch von seinen Teamkameraden gerettet werden. Ein Mitsegler hatte die Nerven und filmte einen Großteil der Rettungsaktion.

„Wie in Zeitlupe“

[ds_preview] (Ab hier Text für SR-Mitglieder)

Gestern verschickte „Derry-Londonderry-Doire“- Skipper McCarter einen detaillierten Bericht über die Rettungsaktion, den wir hier in Auszügen wiedergeben:

„Gestern Morgen flaute nach einer eher harten Nacht der Wind etwa ab und wir beschlossen, vom Klüvertoppsegel 2 auf 3 zu wechseln. Wir brauchten eine Zange; Andrew wollte gerade nach hinten um eine zu besorgen, als wir es doch so schafften, die Schäkel zu öffnen.

Plötzlich krängte das Schiff leewärts und ich sah Andrew wie in Zeitlupe über das bereits geborgene Segel und über die Reling ins Wasser rutschen. Weil ich dachte, dass Andrew angeleint sei, schrie ich dem Rudergänger zu, er solle anluven und das Schiff in den 35-Knoten-Wind stellen, damit wir Andrew abbergen können. Ich beeilte mich, zum Ruder zu kommen und rief dabei laut „Mann über Bord!“

Als ein anderes Crew-Mitglied dann auf die See zeigte und rief, dass sich der Über-Bord-Gefallene vom Schiff entferne, traf mich das wie ein Schock: Andrew war nicht angeleint!
Er muss das irgendwie vermasselt haben, als er eigentlich die Zange holen wollte aber wir sie dann doch nicht brauchten…

Die Crew reagierte sofort und perfekt! Bei keinem kam Panik auf, jeder ging die Prozedur durch, die wir minutiös und gebetsmühlenartig immer wieder in den Vorbereitungen zum Clipper Race geübt hatten. Der MOB-Knopf war längst gedrückt, die Maschine wurde gestartet. Gleichzeitig prüften wir, dass keine (für den Propeller gefährlichen) Leinen im Wasser treiben, alle Stagsegel waren innerhalb weniger Minuten geborgen.

„Wir sehen ihn nicht mehr!“

Zu diesem Zeitpunkt trieben wir langsam von Andrew weg, hatten aber über 200 m Entfernung immer noch Sichtkontakt zu ihm. Das Schiff gegen den Wind in einer vier bis sechs Meter hohen Welle zu dirigieren, war ein echter Kraftakt für die Maschine, aber sie schaffte es!

Ruhig un besonnen reagiert – die Crew der „Derry-Londonderry-Doire“ © Clipper Race

Ruhig und besonnen reagiert – die Crew der „Derry-Londonderry-Doire“ © Clipper Race

Als ich dann Richtung Andrew steuern wollte, erhielt ich genau die Antwort, die ich bis dahin am meisten gefürchtet hatte: „Wir haben den Sichtkontakt zum MOB verloren!“
Plötzlich wurde dieser Pazifik zu einer verdammt großen Wasserwüste!

Wir hangelten uns mithilfe des Plotters entlang unserer Drift-Route zurück und kamen zu dem Punkt, an dem Andrew über Bord gegangen war – kein Lebenszeichen war von ihm zu sehen oder zu hören.

Die Wellen hatten ungefähr Bungalow-Höhe und der Wind nahm wieder zu, die Gischt wehte uns direkt ins Gesicht. Mit einem anderen Crew-Mitglied berechneten wir ungefähre Strömungsrichtungen und begannen, Suchmuster abzufahren.

Wir setzten einen Mayday-Notruf ab und eine Konkurrenz-Yacht, die ungefähr zwei Stunden hinter uns lag, änderte ihren Kurs sofort, um uns später bei der Suche nach Andrew helfen zu können.

Ungefähr eine halbe Stunde nachdem Andrew über Bord gegangen war, zog eine sehr dunkle Wolkenwand über uns hinweg, die Hagelschauer und 50-Knoten-Böen mit sich brachte. Nach zehn Minuten war der Spuk vorbei und die Sicht besserte sich schlagartig.
Wir fuhren vor dem Wind in Zickzackkursen die ungefähre Drift-Richtung von Andrew ab, konnten ihn aber nicht finden.

„Wir befürchteten das Schlimmste!“

Zu diesem Zeitpunkt trieb Andrew bereits eine Stunde im 11-Grad-Celsius kalten Wasser. Er trug zwar einen Trockenanzug, müsste nach dieser Zeit aber trotzdem ziemlich sicher in eine Unterkühlungsphase eintreten – wenn er nicht schon längst… keiner sagte etwas, aber alle befürchteten bereits das Schlimmste.

Dann schrie der Navigator von unten, dass Andrews Notfunkbake gerade aktiviert wurde. Er gab uns einen Kurs Richtung Andrew durch, der demnach über eine Seemeile von uns entfernt trieb! Andrews Baken-Position machte uns klar, dass er mit einer Geschwindigkeit von vier Knoten getrieben war – wir hatten mit zwei Knoten gerechnet!

Mittlerweile hatten wir einen Ausguck in den Mast auf die Saling gezogen. Er rief laut, als er Andrew in etwa 400 Metern Entfernung ausmachte. Es dauerte noch mehr als eine halbe Minute bis auch wir ihn auch von Deck aus erkennen konnten. Was für eine Erleichterung! Aber zunächst konnten wir nur einen treibenden Körper erkennen. Was, wenn… ?

Knapp geschafft: Andrew Taylor nach seiner Rettung © clipper Race

Knapp geschafft: Andrew Taylor nach seiner Rettung © clipper Race

Doch als wir näher kamen, winkte Andrew und begann zu rufen. Nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen, ihn im hohen Seegang an Bord zu holen, zog sich Andrew nahezu selbst auf das Schiff. Wir brachten ihn in horizontaler Lage unter Deck, schnitten ihm (zu seinem großen Bedauern) den Trockenanzug auf, packten ihn in mehrere Lagen trockene Decken, die wiederum mit Wasserflaschen zusätzlich gewärmt wurden.

Vierundzwanzig Stunden später „chattete“ Andrew bereits wieder mehr oder weniger fröhlich mit seiner Familie.

Drei wichtige Faktoren ermöglichten letztendlich Andrews Rettung:

• Das rigorose MOB-Training für Skipper und Crew im Vorfeld des Clipper Race. Jeder wusste, was zu tun ist und machte seinen Job in aller Ruhe.
• Andrews Henry Lloyd-Trockenanzug, ohne den er die letztendlich langen 1:40 Stunden im 11 Grad Celsius kalten Wasser des Nordpazifiks niemals überlebt hätte.
• Andrews Notfunkbake, ohne die unsere sowieso schon zu lange andauernde Suche noch viel länger gedauert hätte.

Besonderen Dank schulden wir Skipper und Crew der „OneDLL“, die uns genau zu dem Zeitpunkt erreichte, als wir Andrew abbargen.“

Anmerkung der SR-Redaktion: Die Rettungsaktion verlief in der Tag schulbuchmäßig, trotz der schwierigen Wetterverhältnisse. Einziger unklarer Punkt: Warum aktivierte sich die Notfunkbake erst so spät? Oder war sie die ganze Zeit aktiv und der Empfang an Bord der „Derry-Londonderry-Doire“ nicht möglich?

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Clipper Race: Das dramatische Mann-über-Bord-Manöver“

  1. avatar brahms sagt:

    Beeindruckend, aber stimmt, wieso hat es so lange gedauert, bis die “Notfunkbake” ausgelöst hat? Eigentlich hat diese ihm doch das Leben gerettet (+ Überlebensanzug) und weniger das “eingeübte” MOB-Manöver. Immerhin hatten sie ihn doch sehr schnell verloren.
    Gleich die nächste Frage: Was war das für eine “Notfunkbake”? AIS-basiert oder eine PLB, die dann über “Homing” auf 121,5 MHZ lokalisiert werden konnte? Dann braucht man auch das Gerät dazu. Oder war es eine SART, die über Radar gepeilt werden konnte? Vielleicht hat man das Radar erst so spät angeschaltet? Das wäre interessant zu wissen, denn dieses Verfahren hat jedenfalls funktioniert.

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