Erfolgsstory: Wie in Lorient das wichtigste Hochseeregattazentrum entstand – Aufstieg mit Mini und Figaro

Mekka unter Segeln

Möwenperspektive © Liot

Eine Geschichte von Nazi-Bunkern, segelbegeisterten Außenministern, aufstiegswilligen Mini-Seglern, investitionsfreudigen Sponsoren und manchmal etwas zu großen Trimaranen.

Viele Wege führen bekanntlich nach Rom – nur vier Wege führen zum Mekka der Hochseesegler. Der erste verläuft am Fischereihafen von Lorient entlang mitten hinein in ein Gelände mit abbruchreifen, maroden und meist leerstehenden Industriegebäuden, in deren Hintergrund düster wirkende, riesige Mauern aufragen. Mitten in diesem Szenario: Dutzende Mini 6.50 und Figaros, die hinter großen Zäunen akkurat aufgereiht ihrer SkipperInnen harren. 

Der zweite Weg ist eine lange, gerade Straße, die sich zwischen zehn Stockwerke hohen, bedrohlichen Bunkeranlagen hindurch erstreckt. Anfahrt Nummer Drei ist ungleich schöner: Segelnd oder unter Motor vom Atlantik durch die „Rade de Lorient“, vorbei am malerischen Port Louis und dem Yachthafen Kernevel. Der vierte und besonders empfehlenswerte Weg führt zunächst durch ein modernes Geschäftsviertel, in dem sich viele aus dem Segelsport bekannte Firmen und Unternehmen niedergelassen haben zum bildschönen Tabarly-Museum, dessen Architektur an eine Welle erinnert. Vor dem Gebäude liegen (wenn sie nicht gerade ausgiebig gesegelt werden) drei bis vier der alten Pen Duick-Yachten – Tabarlys Renngeschosse aus den Zeiten, als die Hochsee-Regattasegelei noch in den Kinderschuhen steckte. Direkt hinter dem Museum folgen die Kult-Bar „La Base“, in der man jetzt möglichst nicht „hängen bleiben“ sollte, kurz darauf könnte ein pechschwarzes, aufgedocktes Museums-U-Boot beeindrucken, auf das die „suchenden“ Segler jedoch schon gar nicht mehr schauen, weil sich vor ihnen endlich die ersehnte Sicht auf ein wirklich ungewöhnliches Szenario öffnet: In einem großen Hafenbecken liegen an breiten Stegen einige der wohl schönsten und spektakulärsten Hochsee-Regattayachten, die derzeit die Sieben Meere besegeln. Ultim-Trimarane, IMOCA, Class 40, MOD 70, Figaro und – logisch – Minis, Minis und nochmal Minis… 

Video über das Training beim Pool “Grand Large”

Es ist offensichtlich, dass der Hafen „La Base“ im bretonischen Lorient ein Ort voller Gegensätze ist. Die riesigen, schmutziggrauen Bunker aus dem zweiten Weltkrieg, in denen die Nazis während der deutschen Besetzung Frankreichs den größten Stützpunkt für die U-Boote der Kriegsmarine errichten ließen, wirken zunächst wie martialische Relikte aus düsteren Zeiten. Doch mit dem Aufbau und der Integration des Regattahafens „La Base“, der „Cité de la Voile“ (Stadt der Segel) und großer Werfthallen in die Bunkeranlagen gelang ein symbolischer und optischer Kontrapunkt: Die friedliche Welt des Segelns bringt alles auf einen neuen Kurs. 

Politiker gibt Anstoß

Angefangen hat alles mit der Begeisterung eines Politikers für den Segelsport. Jean-Yves Le Drian (mittlerweile Außenminister Frankreichs) war Bürgermeister von Lorient, als sich die französische Marine in den Neunzigerjahren peu a peu aus ihrem U-Boot-Marine-Stützpunkt in den ehemaligen Nazi-Bunkern zurückzog. Le Drian setzte sich dafür ein, dass es finanzielle Unterstützung aus Paris für ein außergewöhnliches Projekt gab: Neben dem (in solchen Fällen üblichen) Marine-Gedenkstätten sollte ein Museum errichtet werden, in dem die Hochseesegelei den segelinteressierten Franzosen näher gebracht wird. Zudem sollte ein Regattahafen ausgebaggert und eingerichtet werden, in dem Hochseesegler eine Art „ultimatives Zuhause“ finden. 

Lorient, Port, La Base

Platz für (fast) alle – hier wird der Mast beim Ultim -Trimaran Gitana 17 gesetzt © miku

Die Idee dahinter war und ist klar: die an touristischen Attraktionen nicht gerade reiche Stadt Lorient wollte einen Anziehungspunkt für Urlauber schaffen, vor allem aber große, finanziell potente Hochsee-Kampagnen in die Stadt bzw. den neuen Hafen locken. Ganz so, wie es andere Hafenstädte , etwa   La Trinité sur Mer oder La Rochelle bereits (im kleineren Stile) vorgemacht hatten. 

Doch die „Macher“ von Lorient La Base wollten noch mehr. Sie wollten zum wichtigsten Hochsee-Regattahafen der Welt werden. Nicht mehr und nicht weniger. 

Trainingsgruppen als Initialzündung

Die ersten Jahre unter diesem Anspruch verliefen, gelinde gesagt, schleppend. Zwar gab es manche namhafte Segler – allen voran: Alain Gauthier, 1. Vendée Globe Sieger – die sich mit ihren Kampagnen in „La Base“ niederließen. Und auch die Mini-6.50-Szene machte sich etwa ab Beginn des neuen Jahrtausends auf den erwähnten Hinterhöfen breit. Das Konzept, die Regattaboote sozusagen auf Zuruf von ihren Landliegeplätzen ins Hafenbecken zu kranen, damit die Segler direkt nach Anreise ohne großen Schnickschnack zum Training aufbrechen können, fand immer größeren Anklang. Zudem bildeten sich erste Trainingsgruppen, die gemeinsam für die Mini-Transat trainierten. 

Lorient, Port, La Base

Eve Bougault © miku

„Diese Zeiten waren so etwas wie eine Initialzündung für Lorient Grand Large,“ erinnert sich Eve Bougault. Die 45-jährige Kommunikationsmanagerin erzählt SR so entspannt wie temperamentvoll in der neu eröffneten Creperie der „Base“ und ist dabei unverhohlen stolz auf alles, was sich in den letzten Jahren im Umfeld getan hat. 

„Die Ministen waren tatsächlich der Anfang unseres Erfolges. Uns wurde bald klar, dass wir mehr machen müssen, als „nur“ eine korrekte Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Also gründeten wir den „Pole Courses et Evenement“, mit dem wir spezielle Hochsee-Trainingskurse etwa für Ministen und Figaro-Segler anboten. Wir hatten damals das Glück, dass sich einige der besten Hochseetrainer bei uns um eine Teilnahme bewarben und so kam es, dass wir uns innerhalb weniger Jahre einen Namen als echte Leistungszentrum machen konnten!“ Das Prinzip war einfach: man ging davon aus, dass sich Mini-Segler weiter entwickeln wollen. Etwa in die Figaro Klasse, danach vielleicht auf einen IMOCA usw.  

Offen fürs Publikum

Ganz so, wie das die meisten der französischen Hochseestars gemacht hatten, aber auch die Deutschen wie etwa Boris Herrmann oder Jörg Riechers, die Deutschfranzösin Isabelle Joschke oder die Schweizerin Justine Mettraux. „Und, klar, wir hofften natürlich, dass diese Aufsteiger ihrem Hafen mehr oder weniger treu bleiben würden,“ sagt Eve. So wie die heutigen IMOCA-Segler Thomas Ruyant, Conrad Coleman, Alan Roura, Tanguy de Lamotte…

Lorient, Port, La Base

IMOCA-Reihe © miku

Die Rechnung sollte aufgehen. Wenig später bezog Franck Cammas mit seinen Groupama-Projekten, dem Volvo Ocean Race und dem America’s Cup ein großes Bürogebäude und eine Werfthalle direkt neben dem Hafen. „Wir vergrößerten, bauten breitere Stege, weil wir den Publikumseffekt des Ganzen erkannt hatten,“ berichte Eve weiter. Dafür ließ man die Stege grundsätzlich für jeden Publikumsverkehr offen, die Leute flanieren an den Booten vorbei, fotografieren was das Zeug hält und bekommen so einen hautnahen Eindruck, zumindest von den Vorbereitungen auf den großen (und kleinen) Hochseerennern.

Bald erkannten auch die Veranstalter von Hochseeregatten im Stile des VOR den „Wert“ dieses Hafens und nahmen Lorient La Base als Etappenziel in ihr Programm auf. 

„Der Sieg von Franck Cammas beim Volvo Ocean Race und sein unermüdliches Werben für Lorient waren nicht nur Highlights, sondern weitere Turbo-Zündungen für unseren Hafen und den Trainings-Pool“ stellt Eve heute klar. „Plötzlich wollten alle etwas mit La Base zu tun haben. Große IMOCA-Kampagnen siedelten sich im wahrsten Sinne des Wortes bei uns an, nicht zuletzt weil wir damals noch vermeintlich unendlich viel Platz zur Verfügung hatten. Es wurden Werfthallen in und neben die Bunker gebaut, sogar ganze Bürogebäude neu errichtet!“ 

Fast alle Stars in einem Hafen

Heute sind 11 IMOCA, 11 Class 40, 17 Figaros, 40 Minis und (vorerst) zwei Ultim-Trimaran Kampagnen in „La Base“ zuhause. Namen wie Alain Gauthier, Franck Cammas, Jean Pierre Dick, Sebastien Josse, Armel le Cleac’h, Francois Gabart, Sam Davies, Isabele Joschke, Alan Roura, Justine Mettraux und Anna-Maria Renken, die alle hier leben… sie und viele mehr haben sich zu Zugpferden für unsere Ziele entwickelt,“ sagt Eve schmunzelnd. „Segler sind letztendlich auch nur Menschen: Sie sammeln sich gerne dort, wo die „anderen“ sind.“ So ist es im Rückblick wenig erstaunlich, dass sich vor allem im Laufe der letzten drei Jahre enorm viel in La Base ergeben hat. 

Lorient, Port, La Base

Boris Herrmanns IMOCA “Malizia” (links) und Sebastien Josses Ultim-Trimaran “Gitana” (rechts) haben manchmal das große Glück, dass sie neben formschönen Mini-Klassikern liegen dürfen © miku

„Als Etappenort des Volvo Ocean Races 2015 erhielten wir dann endgültig auch in den großen Medien, die sich nicht gerade auf Segelsport spezialisiert haben, einen Namen. Und vor der letzten Vendée Globe bereiteten sich allein zehn Teilnehmer auf ihren Schiffen bei uns auf die Weltumseglung vor!“ stellt Eve klar. 

Dass nun neben (zeitweilig) Francois Gabart auf Macif und (ganzjährig) Sebastien Josse auf Gitana , Armel le Cleac’h auf Banque Populaire auch noch Sebastien Josse mit seinem neuen Ultim-Trimaran in Lorient „sesshaft“ werden will, bereitet jedoch so langsam Probleme. Denn die riesigen Trimarane lassen selbst das überaus großzügig angelegte Hafenbecken ziemlich „klein aussehen“. Erste Um- und Ausbaumaßnahmen seien schon vorgesehen, versichert Eve.

Was selbstverständlich Geld kostet.Inwieweit sich der Hafen mittlerweile selbst trägt oder der Trainings- und Eventpool „Grand Large“ schwarze Zahlen schreibt, will Eve nicht näher beziffern.  Doch andere Werte lassen erahnen, dass man auch wirtschaftlich höchst optimistisch in die Zukunft blickt. „Wir wurden bisher über die Jahre hinweg mit insgesamt 16 Millionen Euro unterstützt,“ erklärt Eve. „Im Gegenzug sorgen allein in diesem Jahr ansässige Kampagnen für einen Umsatz zwischen 20 und 30 Millionen Euro!“  Logisch, dass da keiner den Geldhahn zudrehen wird. Zumal allein im letzten Monat sage und schreibe vier offizielle Anfragen von großen IMOCA-Rennställen bei „La Base“ eingegangen sind. „Solche Anrufe erhielten wir in den letzten Jahren höchsten ein bis zwei Mal im Jahr,“ freut sich die Kommunikationsmanagerin. 

Keine Konkurrenz, sondern Ergänzung

„Doch wir dürfen bei all dem derzeitigen Erfolg nicht unsere Basis aus den Augen verlieren,“ macht Eve Bougault deutlich. „Es sind unterm Strich die Trainingsgruppen und die Events mit den Minis und den Figaro-Seglern, die uns bekannt gemacht haben und für unseren guten Ruf sorgen. Wir müssen permanent dafür sorgen, dass der Nachwuchs bei der Stange bleibt.“ 

Lorient, Port, La Base

Immer was los – hier beim Volvo Ocean Race-Etappenfest 2015 © Grand Large

So versteht sich etwa der Trainings- und Eventpool „Grand Large“ keineswegs als Elite-Veranstaltung – obwohl sie das natürlich längst ist: die besten Ministen und Figaro-Segler kommen aus Lorient. „Insofern wollen wir keine Konkurrenz zu Port la Foret sein, wo unter der Regie vom französischen Seglerverband trainiert wird. Sondern eher eine Ergänzung, mit der wir alle ernsthaft an Hochseergatten interessierten Segler auffangen wollen!“ 

Die wirklich spannenden Zeiten kommen also erst noch – da ist sich Eve sicher. „Das Konzept geht ja jetzt erst so richtig auf, es blüht!“ Und auch wenn es bald schon Nachahmer geben dürfte – so geht etwa das Gerücht, Alex Thomson Racing wolle ein ähnliches Projekt in Großbritannien angehen – ist doch eines sicher: Lorient La Base und Grand Large haben es mittlerweile geschafft, zum wichtigsten Hochsee-Regattazentrum Europas zu avancieren. Vielleicht sogar zum wichtigsten der Welt. 

Website Port la Base

Website Cité de Voile

Website Grand Large 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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Ein Kommentar „Erfolgsstory: Wie in Lorient das wichtigste Hochseeregattazentrum entstand – Aufstieg mit Mini und Figaro“

  1. avatar Breizh sagt:

    Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Nur noch einmal der Hinweis UNBEDINGT besuchen. Es gibt nichts aber auch gar nichts vergleichbares in D. Es gibt keinen Ort Hochseesegeln zu erleben ohne auf dem Meer zu sein.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

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