Frühstart-Gerechtigkeit: Hat die Startlinientechnik eine Chance?

Zu früh oder nicht zu früh?...

Frühstarter werden seit jeher mit dem bloßen Auge identifiziert – oder auch nicht. Bei der Weltmeisterschaft aller Olympischen Klassen in Spanien wurde das Problem neu diskutiert. Könnte Tracking oder Funktechnik nicht längst faireres Segeln garantieren?

Peilung der Startlinie vom Race Commitee-Boot: Kann Technik das ersetzen?  ©Andreas Kling

Peilung der Startlinie vom Race-Committee-Boot: Kann Technik das besser und ersetzen? ©Andreas Kling

Das Prozedere am Start hochkarätiger Regatten ist häufig das Gleiche: An beiden Enden der Startlinie sind die Teilnehmer vorsichtig, um nicht von der Wettfahrtleitung beim Frühstart erwischt zu werden. In der Mitte jedoch quillt ein Haufen Boote dicht an dicht schon vor dem Schuss über die Linie. Längst nicht alle werden schließlich erwischt. Wer sich geschickt in der Sichtabdeckung seiner Nebenleute versteckt, kommt ungeschoren davon. Das ist unabhängig von verschärften Startregeln. Selbst unter schwarzer Flagge gibt es keine Gerechtigkeit, zuletzt auch bei der ISAF-WM in Santander/Spanien.

Dabei könnte es längst fair und zuverlässig zugehen auf den Regattabahnen, behauptet der Australier Roger McMillan, ein kritischer Zeitgeist der Szene (www.mysailing.com.au). Doch der Weltsegelverband ISAF blockiere die technischen Möglichkeiten fahrlässig und nachhaltig. Laut Iain Murray, Regattadirektor des vorigen America’s Cups, sei die beim 34. AC in San Franzisco erfolgreich eingesetzte elektronische Startlinie mit Sensoren an den Booten auch der ISAF angeboten, jedoch abgelehnt worden.

In großen Startfeldern wie hier bei der Hobie 16-EM sind meist nicht alle Frühstarter sicher auszumachen.  ©Marina Könitzer

In großen Startfeldern wie hier bei der Hobie 16-EM sind meist nicht alle Frühstarter sicher auszumachen. ©Marina Könitzer

Die exakten Kosten waren zwar nicht zu erfahren. Jedoch relativierte der Entwickler und Anbieter Stan Honey sie süffisant: „Die ISAF bekäme sie für weniger Geld, als es kosten würde, die ganzen Startoffiziellen aus aller Welt nach Spanien zu fliegen und sie dort in Hotels unterzubringen.“ Ein Nadelstich ins Mark des Weltverbands, der wegen seines üppigen Funktionärsapparats zuweilen scharf in der Kritik steht.

Nun ist König Fußball mit der Torlinientechnik auch nicht gerade Vorreiter gewesen und führt diese inzwischen erst zögerlich bei den wichtigsten Wettbewerben ein. Jedoch zeigt er einmal mehr, dass die Zukunft der Technologie gehört. „Wenn das technisch zuverlässig möglich ist, fördert das die Fairness ungemein und sollte kommen“, sagt der WM-Vierte im Laser, Philipp Buhl (Sonthofen). Er spricht damit sicher der Mehrzahl aller Aktiven aus der Seele.

Walter Mielke im Jahr 2006, als er zuletzt schon beim ISAF-Wettfahrtleiterseminar von der Startlinientechnik erfuhr.  ©Marina Könitzer

Walter Mielke im Jahr 2006, als er zuletzt schon beim ISAF-Wettfahrtleiterseminar von der Startlinientechnik erfuhr. ©Marina Könitzer

Und so neu ist das Thema auch wieder nicht. „Das stand schon vor Jahren auf der Agenda der ISAF-Sitzungen“, erinnert sich der internationale Wettfahrtleiter und Schiedsrichter Walter Mielke, sei dann aber irgendwie ins Stocken geraten. „Schon beim ISAF-Wettfahrtleiterseminar 2006 hat ein belgischer Wissenschaftler die Sache vorgestellt“, so der ehemaliger Regattachef der Travemünder Woche, „aber seitdem ist Sendepause.“ Über die wahren Gründe könnte Mielke nur spekulieren.

Schon vor 20 Jahren überzeugte der Präsident des Schweizer Seglerverbands und Chef von IBM Schweiz, Bernie Stegmeier, den damaligen ISAF-Präsidenten Paul Henderson mit einem Besuch bei Swatch Watch von einer Technik, die einen Piep-Ton auslöste, wenn jemand über der Linie war.

Das war seinerzeit auf einen Meter genau, und damit „besser als jeder Regattahelfer im schwankenden Schlauchboot in zwei Meter hohen Wellen“ (Henderson). Die Technik wurde trotzdem verworfen. Beim 34. America’s Cup soll die Genauigkeit zwei Zentimeter betragen haben.

Wagt eine Crew an der Tonne einen Steuerbordstart, ist dem Wettfahrtleiterteam im Schlauchboot schnell der Blick über die Linie komplett versperrt.  ©Marina Könitzer

Wagt eine Crew an der Tonne einen Steuerbordstart, ist dem Wettfahrtleiterteam im Schlauchboot schnell der Blick über die Linie komplett versperrt. ©Marina Könitzer

Solch eine Startlinientechnik würde auch Mielke befürworten, „wenn die Chips definitiv die Bugspitze definieren könnten.“ Das sieht DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner zum Beispiel bei den RS:X-Surfbrettern als mögliches Problem.

Außerdem warnt Stegenwalner davor, sofort Funktionäre einzusparen, die bei einem möglichen Ausfall der Technik fehlen könnten und zudem noch andere Aufgaben hätten. So war zum Beispiel das Tracking in Santander ein Reinfall, obwohl die bewährte Technik der Olympischen Spiele verwendet wurde.

Screenshot des Starts des dritten 470er-Rennens bei der Kieler Woche 2014. Schon die SAP Race Analytics zeigt ziemlich genau, wo die einzelnen Teilnehmer zur Startlinie liegen. Mit einem Mausklick auf die simulierten Boote werden die Namen angezeigt.  ©SAP

Screenshot des Starts des dritten 470er-Rennens der Männer bei der Kieler Woche 2014. Schon die SAP Race Analytics zeigt ziemlich genau, wo die einzelnen Teilnehmer zur Startlinie liegen. Mit einem Mausklick auf die simulierten Boote werden die Namen angezeigt. ©SAP

Letzteres kann sich Stefan Lacher, Leiter der Technologiesponsorings und zuständig fürs Segeln bei SAP, auch beim Mitbewerber nicht erklären. Dennoch ist er milde mit der ISAF. „Die sofortige Einführung der Startlinientechnik wäre eine Kulturrevolution“, so Lacher.

Obwohl er genau weiß, was die Technik schon kann oder könnte, empfiehlt er „lieber eine Evolution“, bei der alle Beteiligten mitgenommen werden, damit das Thema nicht eskaliere. Mit der neuen Race Committee App von SAP würden auch den Wettfahrtleitungen bereits Entscheidungshilfen zur Verfügung gestellt. Und die Trackingaufzeichnungen hätten zum Beispiel bei der Kieler Woche Einzug in den Juryraum gefunden, um die Schieris zu unterstützen.

Lacher widersprach auch dem Gerücht, die ISAF hätte auf das Angebot von SAP, deren Trackingsystem in Santander einzusetzen, noch nicht einmal reagiert. Gespräche gebe es schon lange, und die seien auch nicht abgebrochen. Allerdings schien die Organisation der WM genügend andere Baustellen gehabt zu haben, so dass an kurzfristige Innovationen kaum zu denken war. Unabhängig von den schwierigen Windverhältnissen, für die niemand etwas konnte, zogen sich Beschwerden quer durch viele Nationen.

So beklagte Roger McMillan auch ein ungenügendes Regattamanagement. Ein abgebrochenes Rennen, weil noch kein Leetor auslag, treibende Bahnmarken und Startschiffe, Wettfahrten über dem Windlimit einzelner Klassen und wiederholt schlechtes Timing bei den angesetzten Starts seien in Santander nur die Spitze des Eisbergs gewesen.

Dem widerspricht Nadine Stegenwalner nicht, sah jedoch das Hauptübel übergeordnet in der schwachen Gesamtorganisation, die viele Fehler der Wettfahrtleitungen nach sich gezogen hätten. Dazu Philipp Buhl: „Dass der Anker des Startschiffs zu klein ist, und deshalb bei Premiumwind zwei WM-Rennen verpasst werden, darf überhaupt nicht passieren.“ Das war insgesamt offenbar kein Ruhmesblatt des Weltsegelverbands ISAF.

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8 Kommentare zu „Frühstart-Gerechtigkeit: Hat die Startlinientechnik eine Chance?“

  1. avatar Hans C. sagt:

    Das Problem mit dem Anker haben wir vor Warnemünde auch alljährlich. Das Problem ist, dass die teils ehrenamtlich bereit gestellten Startboote, keine ausreichend großen Anker haben, um kurz vor der Brandung in somit steilen Wellen sicher zu ankern. Wer ankert schon mit insgesamt 5 m² Flaggen bei mehr als 4 Windstärken? eben deshalb muss man sich für jedes Start- und Zielschiff einen übergroßen und für die Grundverhältnisse geeigneten Anker zulegen, wenn man international bedeutende Regatten veranstaltet. Wir geben pauschal schon immer vor Warnemünde 10m Kette und 100m Leine an den Anker, bei ca. 8 Meter Wassertiefe. Vielleicht etwas übertrieben, aber nichts ist schlimmer, als ein treibendes Startschiff und 30min Startverschiebung jedesmal.
    Auch bei den Tonnen nutzen wir von 30 bis zu 50 kg Armierungsstahl als Grundgewicht und nochmal etwa 15kg als Aufrichtgewicht. Ist immer nen richtiger Kraftakt eine Tonne zu verschieben. Aber um Welten besser als treibende Marken. Wir haben auch schon unter anderen von 14-Footern Lob bekommen, dass bei 6 Nummern keine einzige Tonne gerutscht ist, was andere Großereignisse nicht schaffen.
    Alles ehrenamtlich organisiert und ausgerichtet schafft man das. Da sollten die ISAF, ihr hauptamtliches Team und um vielfaches höhere Startgelder das ebenso schaffen, wenn sie wollen.

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  2. avatar philip sagt:

    Das mit dem Material ist eine Sache der Erfahrung im jeweiligen Revier. Die ISAF-WM war ja nun nicht die erste Regatta in Santander. Deswegen fällt es mir schwer, zu glauben, dass es vor Ort nicht ausreichend passendes Material geben soll.
    Allerdings fällt es mir genauso schwer, zu glauben, das vorher keiner im ISAF-Personal auf die Idee gekommen ist, danach zu fragen bzw. eine Checkliste zu schicken und abarbeiten zu lassen. Es würde aber zu der deutlichen Kritik passen, die es bei der International Regatta in Rio de Janeiro an den Handlungen der ITOs der ISAF gegeben hat.

    Was Startlinientechnik usw. angeht: Tracking ist abhängig von GPS. Ziviles GPS hat aber eine Fehlweisung von mindestens 3 bis 5m, also bis zu einer Bootslänge. Damit kann man nicht mal zuverlässig erkennen, ob ein Boot eine Bahnmarke korrekt rundet oder innen vorbeigeschossen ist. Für den Start ist es meiner Meinung nach überhaupt nicht geeignet.
    Die Startlinientechnik mit “Chip an der Bugspitze” deckt auch nicht alle Probleme ab, eben weil die Bugspitze bei weitem nicht immer dafür sorgt, dass ein Boot als Frühstarter identifiziert wird.
    Denn die Bugspitze kann hinter der Linie sein, das Boot aber mit annähernd einer halben Breite (je nach Bootsklasse inkl. Ausleger) drüber, wenn es entlang der Linie fährt.
    Mit einem Chip an der Bugspitze ist ein Boot auch dann auf der Vorstartseite, wenn es von Luv kommend gerade so in die Linie eintaucht. Dass es dann aber mit fast einer Länge in Luv der Linie ist, erkennt das System nach obiger Darstellung nicht.
    Solche Situationen sind keinesfalls ungewöhnlich. Da ist der Mensch in der Peilung um Welten zuverlässiger. Deswegen muss man sich auch nicht wundern oder darüber beklagen, wenn die ISAF hier abwinkt.

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    • avatar Sven 14Footer sagt:

      Bei der elektronischen Auswertung habe ich nicht nur eine Momentaufnahme sondern kann auch die Sekunden davor (wie SAP Analytics) mir zeigen lassen, dann würde ich den von Luv eintauchenden und auch den parallel zu Linie Fahrenden schnell herausfinden.
      Interessanter finde ich Thematik Genauigkeit: 2 cm finde ich extrem. Das kann nicht mit handelsüblichen zivilem GPS gehen.

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    • avatar Peter der Zwote sagt:

      Die oben dargestellten Probleme sind lösbar, wenn nicht nur die absolute position des Chips berücksichtigt wird, sondern auch der “Geschwindigkeitsvektor”. Dann gibt man die Boxgröße des Schiffes ein und fertig.
      Technisch ist das kein Problem.

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      • avatar Jörg sagt:

        Zudem gibt es Differential GPS, wenn nicht mit eigens installierten Sendern und darauf abgestimmten Empfangseinrichtungen ein ‘eigenes’ Bezugssystem aufgebaut wird.
        Mit genügend Kohle und hochwertigen Empfängern geht das alles.
        Aber wie teuer sowas genau ist für ne größere Flotte… Keinen Schimmer:-)

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  3. avatar GOL sagt:

    Die Technik handelsüblich und auf TP52 und Mini Maxi Yachten bereits Standard.
    Gute GPS Antenne (z.B. Novatel (AC 34),… ) und mit einer Referenzstation an Land sind dann 2cm kein Problem.
    So machen es auch die Landwirte bei der Bestellung ihrer Felder, oder woher meint ihr kommen die parallelen Fahrspuren 😉

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  4. avatar Lyr sagt:

    Moin,

    ich fände es allerdings auch wichtig, dass man an den Segler in der Mitte denkt, der sicher mehr Probleme hat die Linie abzuschätzen, als die Segler am Rande der Linie… (sind ja auch nur ein Menschen;) Ich hatte jedenfalls immer Probleme damit.
    Vielleicht sollte man da auch mal über technische Lösungen nachdenken, dass die Segler besser die Linie visualisiert oder akustisch dargestellt bekommen.
    Ansonsten sicher ein sehr interessantes Thema, was in Zukunft sicher noch mehr Beachtung finden wird/sollte.

    gr jan

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  5. avatar Drachenfan sagt:

    “könnten Tracking oder Funktechnik nicht längst faireres segeln garantieren?” – Ich glaube nicht das Tracker das segeln fairer machen. Das sind nun mal die Steuerleute (im Wesentlichen) die fair segeln oder nicht. Sich eine gute Position am Start zu erarbeiten ist grundsätzlich fair. Dabei auch mal eine wenig drüber zu sein gehört zum Sport dazu. 2cm Toleranz bei einer Startlinie von > 200m Länge und mit 2m Wellengang erscheint mir weniger eine Frage der technischen Möglichkeiten sondern einfach unsinnig in unserem Sport. Lasst uns doch einfach mal segeln und die Tracker zur Berichterstattung nutzen.
    Trackerauzeichnungen in Protestverhandlungen sind alleine auch kein Allheilmittel, da sie die Situation Bord and Bord und Segelstellungen, etc. überhaupt nicht darstellen – geschweige denn ausladende Hecks oder tanzende Mastspitzen. Wenn man da wirklich etwas ereichen will muß man Videokameras mit Drohnen an den Tonnen positionieren…ich glaube aber nicht, dass wir das wollen als Segler. Wenn die Profis das wollen bei Olympia und ISAF WM´s ist ja gut, aber ansonst lass uns lieber segeln und nicht die ganzen Abende protestieren wegen 2 cm..

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