Golden Globe Race: Susie Goodall (28) als einzige Frau dabei – 30.000 sm auf einer „Rustler 36“

Durchschnittsalter drastisch gesenkt

Sie will auf ihrem Langkieler die ganz große Runde schaffen und dabei Geschichte schreiben: Wird und kann die 28-jährige Segellehrerin Susie Goodall durchhalten?

“Das Golden Globe Race ist nur was für alte Spinner, nostalgische Ewiggestrige und suizidgefährdete Ü60-Salzbuckel!” Diese oder ähnlich formulierte Bewertungen der Einhand-Nonstop-Weltumseglungs-Regatta (SR-Bericht), die zum 50-jährigen Jubiläum von Robin Knox-Johnston Sieg beim mittlerweile legendären Golden Globe Race ab kommenden Sommer stattfinden soll, kursieren derzeit in den achso Sozialen Medien. 

Golden Globe Race

Erfrischend junges Gesicht beim Golden Globe Race 2018 © goodall

Und tatsächlich, schaut man sich die Teilnehmer-Porträts auf der offiziellen Golden Globe-Website an, dann überwiegen tiefe Falten, graue bis weiße Haare und wettergegerbte Passatseglerhaut. Immerhin wird der älteste Teilnehmer zum Start der Regatta, bei der die Segler auf jahrzehntealten Bootstypen, ohne moderne Navigationshilfen und elektronische Autopiloten unterwegs sein werden, 74 Jahre „auf der Logge“ haben. Und dennoch soll das Durchschnittsalter aller Startwilligen „nur“ 47 Jahre betragen? Versteckt sich da etwa jemand, der oder die das durchschnittliche Alter der Gruppe drastisch senkt?

Zwischen all’ den alten Bärten

Tatsächlich, ziemlich unten in der Reihe strahlt dem Besucher der GGR-Website ein erfrischend junges Gesicht entgegen: Susie Goodall, 28 Jahre, Britin, behauptet sich mit einem frechen Grinsen zwischen all den Bärten und Wetterfalten ihrer Konkurrenten. Sie ist derzeit die einzige Frau unter 23 gemeldeten und von der Rennleitung akzeptierten SkipperInnen, die im Juni 2018 vor les Sables d’Olonnes zur Retro-Einhand-Weltumseglung Golden Globe Race starten werden. Eine Brasilianerin wird noch auf der Warteliste geführt, hat aber inoffiziell bereits ihre Bewerbung wieder zurückgezogen.

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Als Kleinkind mit den Eltern unterwegs – mittlerweile hat sie allerdings den richtigen Durchblick © goodall

Susie Goodall… nie von gehört? Kein Wunder, denn die junge, im gewissen Sinne professionelle Seglerin, hat sich bisher (noch) keinen Namen im britischen oder internationalen Regattazirkus gemacht. Vielmehr ist sie gerade darauf stolz und behauptet in Interviews immer wieder gerne, dass man für eine Weltumseglung eher möglichst viele gesegelte Seemeilen in rauer See vorweisen sollte, als etwa beim Regattasegeln einen Pin-End-Start zu schaffen oder die Startkreuz grundsätzlich für sich zu entscheiden.

Obwohl Mrs. Goodall von allem etwas vorzuweisen hat. Denn die junge Seglerin turnte während ihrer Jugend eifrig auf einem Laser und schaffte es auf der „Kühlschranktüre“ aber nicht über Mittelfeldränge in großen Regatten hinaus. 

Auf ihrer Rustler während der Atlantik-Umseglung © goodall

Dafür fühlt sie sich auf Hoher See umso heimischer. Die sei nämlich in einem gewissen Sinne ihr Zuhause, schreibt sie auf ihrer Website. Nicht nur deshalb, weil sie schon als Dreijährige auf wochenlange Törns von ihren Eltern mitgeschleppt wurde und sich die familiäre Fahrtensegelei durch ihre gesamte Kindheit und Jugend zieht, sondern auch, weil sie in ihrem jungen Leben eigentlich mehr auf dem Wasser war als an Land. 

Und genau daraus seien Weltumsegler geschnitzt, stellte der alte Haudegen Robin Knox-Johnston kürzlich klar, als er auf die junge Teilnehmerin in der Jubiläumsregatta angesprochen wurde. „Warum also nicht auch eine junge Britin, die in meinem Kielwasser segeln wird?“ fragte der Sieger des bislang einzigen Golden Globe Race.

Segellehrerin und Bootsfrau

Susie Goodall holte sich ihr „Rüstzeug“ für die anstehenden 30.000 Seemeilen nonstop und ohne jegliche Hilfe von außen als Bootsfrau und Überführungsskipperin im nördlichen Atlantik. 

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Die Rustler 36 vor dem großen Refit © goodall

Sie startete ihre berufliche Karriere als Segellehrerin auf der Isle of Wight (Goodall: „Ganz nett, bringt dich aber nicht richtig weiter“), arbeitete darauf im Superyacht-Business (Goodall: „Nice, mehr aber auch nicht“) und fand schließlich ihr Glück für mehrere Jahre auf diversen Yachten, die sie im nördlichen Atlantik, bevorzugt von und nach Island, segelte. 

Auf der Vulkaninsel hörte sie dann auch zum ersten Mal von der anstehenden Jubiläumsregatta, worauf sie sich ein paar Tage Auszeit und ein Boot nahm, um in aller Ruhe bei einem Törn entlang der isländischen Küsten über eine Teilnahme nachzudenken. 

„Seit meiner Kindheit träume ich von einer Weltumseglung. Und das GGR ist die einzige Regatta rundum, die mir irgendwie finanzierbar scheint,“ sagte sie kürzlich in einem TV-Interview. Für alle anderen, vergleichbaren Regatten seien Millionenbudgets nötig, die auf Jahre hinaus im Prinzip immer in der gleichen Szene verteilt würden. 

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… und danach: Cooler Kahn, oder? © goodall

Als sie ein paar Wochen später wieder in heimatlichen Gefilden unterwegs war, gestand sie Eltern und Brüdern ihren Entschluss am GGR teilzunehmen. Was keineswegs Jubelstürme in ihrer Familie verursachte. Doch als allen (zukünftig) Beteiligten klar wurde, dass es Susie „bierernst“ meinte, hielt die Familie zusammen. Auch wenn ihre Mutter sich manchmal fragt, auf was für eine Reise sie ihre Tochter da eigentlich „schickt“.

Rustler soll’s richten

Gemäß den Regeln des Golden Globe Race musste sich Susie Goodall ein Boot mit Langkiel besorgen, das zwischen 32 und 36 Fuß lang bzw. kurz ist und dessen Riss aus dem Zeitraum von vor 1988 stammt. Das Boot muss dann zwar mit modernstem Sicherheitsequipment ausgestattet sein, die Segler dürfen aber lediglich Sextant und Karte für die Navigation nutzen. Ebenso sind elektronische Autopiloten nicht erlaubt. So wollen die Organisatoren des Rennens sicherstellen, dass die Retro-Jubiläumssegler unter möglichst ähnlichen Bedingungen wie seinerzeit Robin Knox-Johnston oder etwa Bernard Moitessier unterwegs sein werden. Moitessier hatte das Rennen auf seiner legendären „Joshua“, in virtueller Führung liegend kurz vor der zweiten Überquerung des Äquators abgebrochen, um erneut rundum in die polynesische Südsee zu segeln. Der zu erwartende Rummel um seine Person im Ziel war ihm nicht geheuer gewesen. 

Susie Goodall wird im Juni 2018 auf einer Rustler 36 das große Abenteuer angehen. Sie segelte auf der „Ariadne“ im letzten Jahr bereits solo, allerdings mit Stopps rund um den Atlantik. Von Großbritannien nach Lissabon, wo sie zwei Monate lang (selbst ist die Frau) an ihrem Boot bastelte und grundlegende Veränderungen für die Langfahrt vornahm. Danach schipperte sie via Lanzarote nach Antigua, wo sie wieder einen Monat mit Bastelarbeiten verbrachte. Schließlich segelte sie solo zu den Azoren und nach Falmouth/England, wo die Rustler derzeit in einer Werft generalüberholt und topfit für die große Reise gemacht wird. 

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Selbst ist die Frau © goodall/PPL

Als bisher einzige und zudem noch sehr junge Frau im Rennen fiel ihr die Sponsorship-Suche relativ leicht, betont Goodall in den meisten Interviews. Mit dem Paketzusteller DHL sei sie jedenfalls die gröbsten finanziellen Sorgen los, sagt Susie ziemlich locker in die Mikrofone. „Und , hey, alle anderen Probleme bei so einer Weltumseglung werde ich dann schon in den Griff kriegen!“

Ob das wirklich alles so klappen wird? Es wird viel geunkt rund um die junge britische Teilnehmerin des GGR. Doch jetzt mal ehrlich: Gibt es was Schöneres als den unbekümmerten Enthusiasmus junger Menschen? Und ganz egal wie weit sie kommen wird: Sie hat mitgemacht, den Schritt in die richtige Richtung getan. Viel, viel meer, als die meisten Couchpotatoes jemals leisten werden!

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Golden Globe Race: Susie Goodall (28) als einzige Frau dabei – 30.000 sm auf einer „Rustler 36““

  1. avatar breizh sagt:

    Zu mindestens einmal ein unkonventionelles Gesicht für die Veranstaltung 🙂 und sympathisch auch noch.

    Wobei ich mich frage, ob wir die Positionsmeldungen von dem GGR dann nur von Llyods erfahren. Müsste zu mindestens so sein, wenn es nach dem Original geht. Bin mir nur nich so sicher, ob heutigen Seefahrer noch so viel mit der Flaagenkombination M.I.K. anfangen könnten. Und Zwillenschießen müssten die Teilnnehmer auch noch lernen.

    Wenn Bernard Moitessier damals nicht noch Osten abgebogen wäre, wäre er der Taberly und damit der fanzösische Segelheld schlecht hin. Und wir könnten davon ausgehen, dass die Joshua wohll auch am Start wäre.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Thomas sagt:

    Ich bin als zahlender Deckschrubber mit Susie als 1st Mate von Stavanger nach Island gesegelt, kurz nachdem Sie die Entscheidung getroffen hatte. Ein sehr schöner Törn. Sie hat uns Jungs an Bord locker gezeigt wo der Hammer hängt. Eine wirklich sehr sympathische Seglerin.
    Ich hab keine Zweifel, dass Sie das durchstehen wird und drücke ihr die Daumen!

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