Kieler Woche Olympia Weltcup: Nett war gestern. 470er Frauen protestieren gegeneinander

Hängen geblieben

Tina Lutz und Susann Beucke bleiben nach einem Ausweichmanöver an der Ankerleine der Startlinienbegrenzung hängen. Das zählt nicht als Berührung. © SegelReporter.com

Es wird Ernst bei der Olympiaentscheidung in der 470er Frauenklasse. „Unfair“, sagt Tina Lutz über ihre Gegnerin Kathrin Kadelbach. Die erwidert: „Ich bin stinksauer.“ Nett war gestern, jetzt sind die Fronten in der 470er Frauenklasse deutlich abgesteckt. Es gibt nur ein Olympiaticket, und das gewinnt selten der Netteste.

Was ist passiert? Es geht um einen Vorfall im letzten Rennen vor dem Medalrace. Der Wind weht im Unterschied zu den vorherigen Tagen leicht. Die Karten sind neu gemischt. Wer ist bei diesen Bedingungen besser?

Ein Pfiff, zwei ungläubige Blicke Richtung Jury Boot. Ein Mann wedelt mit einer gelben Flagge und zeigt auf Tina Lutz (20) und Susann Beucke (20). Die 470er Frauen sind gerade im Start-Infight mit ihren ärgsten Konkurrentinnen Kathrin Kadelbach (28) und Rike Belcher (29) verstrickt.

Bord an Bord kämpfen sie um die beste Position. Und nun will die Jury unerlaubten Vortrieb gesehen haben? Shit. Schnell drehen die Gesamtzweiten die fälligen Strafkreise, hasten dem Feld hinterher, ärgern sich, versuchen zu retten was geht.

Ist da schon der Gedanke an die Olympiaquali, den großen Traum? An die einzige Fahrkarte? Sie beginnen diesen Tag in Kiel auf der Liste vor der nationalen Konkurrenz. Sie tragen die blauen Leibchen für Platz zwei. Die erfahrenen Duellantinnen, die sich in Weymouth ein kleines Punktepolster erarbeitet haben, dürfen das violette Hemd für die Dritten überstreifen.

Gestern bei Starkwind segelten Lutz/Beucke exzellent. Tolle unbeschwerte Starts, guter Amwindspeed und die Plätze 3/3/1. Und nun das. Aber….Es huuuupt vom Startschiff. Sammelrückruf. Puh, Schwein gehabt.

Nächster Anlauf, nächster Start. Der Wind wird immer weniger, dreht in der letzten Minute stark nach links. Kadelbach und die führenden Amis besetzen die Top Spots links an der Linie. Die US-Mädels kommen nicht an der Startmarke vorbei, Kadelbach Belcher wenden sofort, passieren das gesamte Feld und gewinnen das Rennen später mit einem großen Abstand.

Lutz/Beucke erleben eine erneute Grenzsituation. Sie finden von links keine Lücke, müssen der Junioren Weltmeisterin Victoria Jurczock ausweichen, kollidieren mit der Ankerkette des Lee-Startschiffes, drehen die zwei Strafkreise, nehmen als letzte das Rennen auf…der absolute Supergau. Schlimmer kann es nicht kommen.

Die Konkurrentinnen segeln einsam vorne weg. War sie das schon, die Olympiafahrkarte? Sind das die Punkte, die am Ende fehlen? Dieser verdammte Kopf. Die Gedanken müssen ausgeblendet werden. Vielleicht kommt die Chance in diesem Lauf noch. Beim Segeln ist vieles möglich.

Das Duo aus Bayern und Kiel ist aber an der ersten Tonne immer noch Letzte. Nur die Ungarinnen sind noch in Reichweite. Trainer Zizi Staniul, der Lutz unter anderem schon zum Opti-Weltmeistertitel gecoacht hat, rauft sich den grauen Haarschopf auf seinem Motorboot.

Dann die zweite Kreuz. Alles oder nichts. Anschlag rechte Seite. Vielleicht geht da noch was. Tatsächlich. Druck und Dreher, das junge Team ist wieder im Spiel. Vor dem Wind holt es weiter auf. Rang sechs. Die Konkurrentinnen sehen sich das Spiel entspannt jenseits der Ziellinie an. Sie haben mir riesigem Vorsprung gewonnen.

Lutz/Beucke atmen durch. Nach dem Start-Drama war ihnen das Glück doch noch hold. Aber an Land droht neuer Ärger. Victoria Jurczock protestiert den Startvorfall. Die Gegnerinnen hätten zwar zwei Strafkreise gedreht, aber sie glauben, dass es eigentlich drei sein sollten, wegen zusätzlicher Berührung der Startbahnmarke.

Susann Beucke sagt im Interview auf der Audi Bühne, dass sie Kadelbach hinter der Aktion vermutet. „Wir haben sie zusammenstehen gesehen.“ Die Berlinerin weist das zurück: „Das war Victorias Protest. Wir haben nichts damit zu tun, sondern nur auf Nachfrage ein Video bereit gestellt, auf dem der Vorfall zu sehen ist.“ Sie ärgert sich darüber, öffentlich vorgeführt worden zu sein, ohne Stellung nehmen zu können.

Die Jury weist den Protest schließlich ab. Das Startschiff sei nicht berührt worden, sondern nur die Ankerleine. Deshalb sei kein weiterer Strafkreis nötig.

Entspannung dürfte durch diese Entscheidung nicht in das brisante Duell kommen. Kadelbach/Belcher gehen als zweite mit zwei Punkten Vorsprung in das Medalrace. Der Zweikampf tritt in die entscheidende Phase. Beide Teams kämpfen nun mit offenem Visier.

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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6 Kommentare zu „Kieler Woche Olympia Weltcup: Nett war gestern. 470er Frauen protestieren gegeneinander“

  1. avatar Christian sagt:

    die Headline “470er Frauen protestieren gegeneinander” ist ein klein wenig irreführend… denn Kadelbach/ Belcher protestieren ja nicht gegen Lutz/ Beucke, sondern wären allenfalls Nutznießer des Protests gewesen… ein wenig Geschmäckle hat es da schon, wenn das Video vom Team Kadelbach/ Belcher kommt (womöglich sogar von einem gewissen C.K.?) Heikel ist sowas… auch wenn es hier wohl eher zur Entlastung von Lutz/ Beucke beigetragen hat.

    Eins ist tatsächlich gewiss: die Nerven liegen blank. Ist bei dem Erwartungsdruck auf die Seglerinnen aber auch kein Wunder. Vielleicht kann seriöser Segeljournalismus hier ein wenig mäßigend wirken, indem er nicht nur Podiumsplatzierungen als hervorragende Leistungen würdigt. Die Konkurrenz ist heutzutage in den olympischen Klassen extrem stark und sehr eng beieinander, anders als zu Zeiten eines Willy Kuhweide (ohne dessen Leistungen schmälern zu wollen).

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    • avatar Carsten sagt:

      “irreführend”, du magst recht haben. es ist eine journalistische verkürzung, weil “jurczok protestiert gegen lutz und kadelbach wäre nutznießer” nicht in die headline gepasst hätte. ansonsten hoffe ich eigentlich, dass die sache kein geschmäckle hat. yep, das video kommt von mir, weil ich das kadelbach mobo gefahren habe. aber tina hat das gleiche video und die wollte victoria vermutlich nicht so gerne danach fragen. ansonsten bemühe ich mich, objektiv zu berichten. die betreuer-funktion war eine möglichkeit, nah am geschehen zu sein und etwas olympialuft zu schnuppern. ich muss sagen, ich bin beeindruckt davon, was die mädels bei den überwiegend stürmischen bedingungen geleistet haben. das war großer sport!

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      • avatar Christian sagt:

        Kathrin Kadelbach war im Live-Interview jedenfalls mächtig aufgewühlt… Sie kündigte an, mit Lutz/ Beucke bald reden zu wollen. Hoffentlich vertragen sie sich bald wieder, denn Zoff setzt eine Abwärtsspirale in Gang, von der nur andere Nationen profitieren.

        Damit wär das Thema dann ja auch für uns durch. Schnee von gestern. War da was? nö

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  2. avatar Manfred C. Schreiber sagt:

    Lutz/Beucke liegen durch ein tolles Rennen (Medal Race) in der OL Ausscheidung vorne (Glückwunsch! und auch Danke für die gute Übertragung, ruckfrei im sail.tv) und Kathrin Kadelbach hat im Online TV Interview klar gemacht, dass sie nicht damit einverstanden ist, dass diese Sache einseitig von der Presse vor die Öffentlichkeit gezerrt wird. Bravo für Ihre Äußerungen! Für mich war das reine Sensationshascherei von Seiten der Presse. Die Fragen von Reporter Kaden vielleicht bei teuer bezahlten Fussballprofis angebracht doch nicht im pressemäßig noch jungfräulichem Segelsport.

    Da muss man den Aktiven noch reichlich Zeit und Gelegenheit geben zu lernen, damit umzugehen. Gute Berater und Betreuer vom DSV müssen verhindern, dass der frische Teamgeist im DSV Olympia Team von Reportern auseinander dividiert wird.

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    • avatar Peter W. sagt:

      Naja Lutz/Beucke sind ja auch erst 20. Da lässt man sich schon mal zu so Aussagen hinreissen. Vor allen Dingen wenn da die (vielleicht überergeizigen) Eltern mitmischen 😉

      Hoffe nur es bleibt fair und beide Mannschaften verstehen sich weiterhin gut. Segeln ist nunmal auch Taktik. Ich erinner nur an Ulrike Schümann und Kristin Wagner, die nachher beide fast letzte wurden, aber Schümann somit Wagner aus den Top 10 hielt und das Olympiaticket löste. So lange alles regelkonform ist, sollte sich niemand aufregen. Und auf dem Wasser ist auf dem Wasser und auf dem Land ist auf dem Land. In anderen Klassen wird sich auf dem Wasser ja auch nichts geschenkt und anschließend zusammen nen Bierchen getrunken und drüber gelacht.
      Aber das unterscheidet halt auch den Amateur vom Profi. Wobei ich deswegen auch lieber Amateur bleibe 😉

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  3. avatar Marc sagt:

    Kann man das Video irgendwo sehen?

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