Knarrblog: Abenteuer Alster-Drachenregatta. Crash, Chaos und eine gute Serie

"Der Draht reißt mit einem dumpfen Knall"

Enstpannung sieht anders aus. Aber Jörg arbeitet konzentriert an den Spischoten und wir liegen gut vor dem Feld. © Matthias Reith

Es gibt diese Tage, an denen alles schief läuft. Dieser scheint dazuzugehören. Eine Drachenspitze steuert plötzlich auf uns zu. Eben noch zeigte sie weit von uns weg Richtung Kennedybrücke auf der Alster, wo wir vor dem Start zur Herbst-Verbandsregatta beim Norddeutschen Regatta Verein die erste Kreuz austesten. Nun schwingt der Bug herum. Er zeigt auf unsere Bordwand.

Ich höre mich schreien. Der Kollege hat uns nicht gesehen. Keine Zeit zum Ausweichen. Dabei verläuft die Kollision in Zeitlupe. Wir sitzen schließlich auf einem Drachen.

Meine Stimme überschlägt sich. Sie klingt fremd. Äußerst unentspannt. Es hilft nichts. Der erste Einschlag erfolgt auf Wantenhöhe, der zweite eine Armlänge dahinter, der dritte an meinem Rücken. Ein Reflex verhindert Schlimmeres. Es bleibt nur eine Schramme. Dann fädelt die Bugspitze am Backstag ein. Der Draht reißt mit einem dumpfen Knall.

Super. Nach dem ersten Schock wandert der Blick zur Uhr. Noch knapp 20 Minuten bis zum Start. Es ist unsere dritte größere Drachenregatta und wir würden diesmal gerne ein wenig mitspielen. 36 Teams sind am Start und selbst 505er Weltmeister Wolfgang Hunger ist aus Strande angereist, um sich erstmalig in der Beherrschung der schweren Schiffe zu üben.

Ordentliches Drachenfeld bei der Herbst-Verbandsregatta auf der Alster. 36 Schiffe zwängen sich durch das Leetor. © Matthias Reith

Wir haben nach wie vor fleißig bei den Mittwochregatten auf der Alster teilgenommen und uns langsam bei einem sechsten Platz eingependelt. Wenig Steigerung in Sicht. Die Raumschot-Starts vor dem Clubhaus a la America’s Cup scheinen problematisch.

Aber bei dem echten Wettrennen soll es klappen. Dafür sind wir extra am Donnerstag noch zum See, haben „Dragonheart“ ausgekrant und der alten Dame die Muscheln vom Kiel gekratzt. Alles jetzt umsonst? Ohne Backstag geht es nicht.

Der gerissene Teil ist unter Deck verschwunden. Hektisch schraube ich die Klappe zum Achterschiff auf und schiebe mich in die dunkle Höhle. Irgendwie muss der Draht wieder von unten durch die Deck-Umlenkung. Aber die Rissstelle ist so aufgedröselt, der Platz unter Deck so gering und das Licht so spärlich, dass es nicht gelingt.

Schöne Position vor dem Feld. Das geflickte Backstag hält. © Matthias Reith

Dabei quetsche ich den Kopf so weit wie möglich ins Heck, um die Öffnung zu sehen. Plötzlich bleibt die Luft weg. Das Achterstag spannt sich über meinen Hals. Mit gurgelnden Lauten und zappelnden Beinen mache ich die Kollegen auf meine Lage aufmerksam. Wieso trimmen die jetzt am Achterstag rum?

Es soll eine Böe gewesen sein, die das Rigg nach vorne geworfen und den Draht gespannt hat, sagen sie später. Aber der Verdacht eines Mordversuchs ist noch nicht vom Tisch. Keine schöne Vorstellung im Achterschiff der „Dragonheart“ zu verrecken.

Noch zehn Minuten. Ich quetsche mich hustend aus der engen Höhle. Das Rennen scheint gelaufen. Wir steuern Richtung Hafen. Aber Plan B macht plötzlich Hoffnung. Beschlag von außen abschrauben, Draht abknipsen und dann durchstecken, Palstek rein, mit dünnem Tau und Stopperstek verbinden, alles abtapen und wieder aufschrauben. Mac Gyver lässt grüßen. Bingo.

Während ich auf dem Achterdeck hektisches mit dem Leatherman hantiere, ist der Startcountdown bei einer Minute angelangt. Was für ein Chaos. Jörg kreist um das Startschiff. Ich springe an die Pinne, erwische eine hübsche Lücke und eine freie Spur. Nach vier runden liegen wir auf Platz drei hinter den Zachariassen Brüdern, die auf der Alster eine Klasse für sich sind.

Das Leetor liegt eng unter Land. Die Kreuz verspricht mal auf der linken Seite aber oft auch rechts Erfolg. © Matthias Reith

Es folgt noch ein zweiter Platz und der Sonntag beginnt sogar mit einem Sieg. Beim vierten Rennen scheint der Höhenflug gebremst. Eine plötzliche Linksdrehung versaut den Start. 30 Sekunden vor dem Schuss drückt uns die Genua fast zur Wende. Wir stehen im Wind. Und bis wieder Fahrt im Schiff ist segelt das Feld auf und davon. An der ersten Tonne liegen kaum fünf Schiffe hinter uns.

Aber dann folgt ein Rennen, das so nicht jeden Tag passiert. Runde um Runde holen wir auf. Selbst ein armlanger Riss im North-Spi, als Folge eines verunglückten Berge-Manövers ist noch nicht das Aus. Das Tuch hält noch zwei Runden und am Ende liegen wir auf Rang drei. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Was für eine erstaunliche Dramaturgie. Wie an diesem gesamten Tag. Manchmal läuft es eben.

Vor dem zweiten Wochenende der zweiteiligen Herbst-Verbandsregatta haben wir jetzt sechs Punkte Vorsprung zum zweiten Platz. Mal sehen, was das Schicksal dann auf Lager hat.

Ergebnisse

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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6 Kommentare zu „Knarrblog: Abenteuer Alster-Drachenregatta. Crash, Chaos und eine gute Serie“

  1. avatar Markus O sagt:

    Glückwunsch.
    Schöner Artikel.
    Dieses Phänomen, der Lastminute-Panik vor dem Start und dann einer exzellenten Wettfahrt(en), habe ich auch schon erlebt und viele Gedanken, wie man diese Adrenalinzufuhr simulieren kann.

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  2. avatar Jollenfutzi sagt:

    Moin Carsten
    bist du derzeit in der “Findungsphase” und testest alles mal durch ?
    zuerst Pfingsten im 505er mit Willi (der jetzt schon so alt ist das er Laser Master am Wochenende am Wittensee mitsegeln darf…) und jetzt mal im Drachen in HH
    wohin geht der Weg füer 2012 ??
    Ahoi

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  3. avatar Christian sagt:

    Hi Carsten, wahrscheinlich hast du jetzt ein neues Trimm-Paradigma bei den Drachen gesetzt: Weniger Backstagspannung verhilft zu mehr Speed 😉 Durchhang im Genuavorliek bringt es!! Und jeder Regattasegler muss den Stopperstek beherrschen!!!

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    • avatar Wilfried sagt:

      und dann noch mal testen ob wrinkles in der Genua nicht noch schneller sind. Soll ja boote geben…

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