Knarrblog: 12mR Duelle mit “Trivia” beim Sterling Cup in Flensburg

Fast durch den Wolf gedreht

Schon eine Woche ist es her, dass wir wieder mal mit dem Zwölfer “Trivia” vor Flensburg durch die Ostsee pflügten. Einmal im Jahr trifft die nordische 12mR Flotte in Deutschland aufeinander, um beim Robbe & Berking mR Sterling Cup die Klingen zu kreuzen.

Acht Zwölfer erscheinen an der Startlinie aber eigentlich haben wir mit “Trivia” nur drei Gegner. “Anitra”, “Sphinx” und “Evaine” segeln noch in der gleichen Liga. Zuletzt sind wir deutlich zu oft Zweite geworden. Bei der WM 2011 , in Kopenhagen oder vor einem Jahr in Flensburg.

Jetzt steht beim fünften und letzten Rennen wieder alles auf dem Spiel. Wer siegt gewinnt. “Evaine”, die mit einem Teil der siegreichen dänischen WM-Crew um Finn-Dinghy-Doppelweltmeister und Skipper Stig Westergaard besetzt ist und wohl noch nie so schnell gesegelt wurde,  die einheimische Flensburger “Sphinx”, die im Vorjahr gewann, oder eben wir.

Wende, Halse, Höchststrafe

Ich stehe auf dem Achterdeck und versuche die Position zur Startlinie zu timen. 16 Mann kauern auf ihren Positionen. Tags  zuvor hab ich es ziemlich verpeilt. Etwas zu weit in Luv positioniert, den Gegner “Evaine” nicht genau beobachtet und der Fuchs Westergaard schubst uns in Luv am Startboot vorbei. Wende, Halse, Höchststrafe.

Mit diesen 21 Meter langen 27 Tonnen Gefährten schießt man nicht mal eben in den Wind zum Stoppen oder fällt mal eben ab zum Beschleunigen. Vorausschauendes Segeln ist gefragt. Immerhin haben wir in diesem Rennen Glück, dass es sich um eine ungeliebte Langstrecke handelt. Der Kurs weit raus auf den Flensburger Sund und wieder zurück lässt noch eine Aufholjagd zu.

Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, den Oldtimer mit dem iPad in der Hand auf spitzem Spikurs um die Fahrwassertonnen zu navigieren. Die Schoten knarzen in den Blöcken, das Wasser schäumt über die Scheuerleiste, jedes andere Boot würde bei der Krängung aus dem Ruder laufen.

Ein paar Mal fällt der Spi ein. Ohrenbetäubend flattert das Tuch. Kein Spaß wenn gut 270 Quadratmeter ruckartig am Holz-Rigg zerren. Kurz vor der Leetonne ist es dann auch so weit. Der Lappen löst sich in seine Bestandteile auf. Gut, dass wenigstens die Liekleine hält. So ist auch der Fetzen im Topp noch zu bergen.

Der Start wird entscheiden

Aber das alles ist jetzt vergessen. Das letzte Rennen zählt. Wir müssen es gewinnen. Der Start wird entscheiden. Auf dem kurzen Kurs ist ganz schwer, am Wind die extreme Windabdeckung der Zwölfer zu durchbrechen. Nur vor dem Wind besteht eine Chance.

Besser ist es, den Start zu gewinnen. Anluven, abfallen, aufstop. “Antira” will es noch mal wissen. Das wunderschöne Holzschiff vom Bodensee ist aggressiv an der Linie. Aber sehr früh dran. Zu früh. Einzelrückruf! Wir auch? Nein. Start frei.

Mit starker Position in Luv von “Evaine” rauschen wir nahe dem Startschiff über die Linie. Es folgt ein langer Zweikampf auf Backbordbug. Die Dänen quetschen sich aus der Leeposition hoch. Langsam rutschen sie in die Sichere Leestellung, sind von uns aber blockiert für die Wende. Die rettende Anliegelinie zur Luvtonne naht. Noch etwas drüber halten, dann sicher als Erster an der Luvtonne.

Es folgt ein atemberaubendes Rennen. “Evaine” greift immer wieder an. Am Leegate nehmen sie die andere Tonne, dann entwickelt sich ein Wendeduell. Meine Güte. Unsere Jungs an der Genua müssen 100 Quadratmeter Tuch dichtkurbeln. Es wird gekämpft, gekeucht, geschwitzt. Besonders gemein: Die Gegner haben eine Grinder-Apparatur im Cockpit stehen.

Aber wir schlagen uns gut. Und dann ist auch “Sphinx” plötzlich wieder im Spiel, die auf der Startkreuz mit einem Extremschlag nach rechts eigentlich alle Chancen vergeben hatte. Wenn sich zwei streiten freut sich der Dritte. Aber so weit kommt es nicht.

Es wird noch einmal knapp, als ich an der letzten Leetonne im Manöver einen leichten Zug am Shirt spüre. “Was ist denn?” will ich schon genervt fragen. Als wenn da jemand zupft und mir etwas sagen will. “Jetzt nicht!” An der Leetonne muss ich immer auf dem Achterschiff in die Parten der Schot  greifen, um dabei zu helfen, diesen 140 Quadratmeter Lappen dicht zu reißen.

Aber mir will niemand etwas sagen. Es sei denn es ist die ungestüme Art von “Trivia”, sich zu artikulieren. Mein Shirt hängt in ihrem Großschotblock. Aus dem Zupfen wird ein Zerren. Ich werde nach hinten gezogen. Die Gute will mich durch den Wolf drehen. Nur ein beherzter Riss am Stoff rettet die Plauze vor der Rolle. Die Sauerei hätte niemand sehen wollen. Puh!

Aber so bleibt mein kleines Missgeschick ohne Wirkung. Und nur der Shirt-Fetzen am Leib erzählt von dem Fauxpas. Die Geschichte, dass ich mir beim Sieg das Hemd vom Leib reißen wollte wie Diskuswerfer Harting, passt besser. Aber die Freude beim Zieldurchgang ist groß. Unglaubliches karibisches Wetter auf der Flensburger Förde, jede Menge Wind, spannende Rennen und endlich gewonnen.

Ergebnisse Robbe & Berking mR Sterling Cup 2013

 

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Carsten Kemmling

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5 Kommentare zu „Knarrblog: 12mR Duelle mit “Trivia” beim Sterling Cup in Flensburg“

  1. avatar jibman sagt:

    Glückwunsch! Toller Bericht – DAS ist für mich Regattasegeln….nicht zu vergleichen mit dem aktuellen AC….
    Weiter so!

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  2. avatar Günther Ahlas sagt:

    Solltet Ihr nicht endlich die gleiche Sicherheitsausrüstung tragen wie die aufm AC72 ???

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  3. avatar AC 90 sagt:

    Schade das für dieses Event kein Livesteam eingerichtet wurde. Scheint mir das diese alten Ladies spannendere Rennen liefern als diese Flugufos in San Francisco.

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  4. avatar o nass is sagt:

    Also, wenn auf Evaine nix umgebaut wurde, steht der Grinder immer noch an Deck vor dem Navigationshaus, nicht im Cockpit (wo m.E. nach auch gar kein Platz wäre). Interessanterweise ist daran eine einzige Winde gekoppelt, auf die gerade mal 3 oder 4 Gänge passen. Man hat also nur eine Genua-Winde – sprich: In der Wende erst loswerfen, dann die andere Schot draufwickeln, dann kurbeln.
    Ist gar nicht so simpel, besonders, wenn man sich mal die Schotdimensionen ansieht (Durchmesser, Last, Länge bzw. Weg) und die schiere Grösse der Genua mit einbezieht.
    Ob das nun einen Vorteil gegenüber einem gängigen Winden-Layout darstellt, wage ich zu bezweifeln. Zumal ich ein paar Mal selbst an dem Mörderding drehen musste – äh: durfte. Aber damals sahen wir in Flensburg wohl gar nicht schlecht aus. Ist aber auch so um die 10 Jahre her.

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    • avatar Stefan Z sagt:

      Aus meiner Sicht bringt der Grinder auf einem klassischen Zwölfer nicht so wahnsinnig viele Vorteile. Entscheidend für eine gute Wende ist der Zeitpunkt wann so richtig an der Schot gerissen werden muss. Das darf erst passieren, wenn das Schothorn um die Wanten herum kommt. Außerdem hat man durch die nicht unerhebliche Krängung einen ziemlichen schlechten Stand am Grinder und kann dadurch die Kraft relativ schlecht umsetzen. Es wäre auf jeden Fall eine Sünde für vermeintlich schnellere Wenden einen Grinder auf die Trivia zu stellen. Ich bin mir aber sicher, dass das nicht passieren wird.

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