Mini Transat: Jörg Riechers in starker Position – Zahlt sich der Extremschlag aus?

Gegen den Strom

Jörg Riechers hat beim Mini Transat alles auf eine Karte gesetzt. Gut einen Tag vor dem Ziel ist eine Vorentscheidung gefallen. Jetzt könnte sogar noch mehr drin sein.

Jörg Riechers

Jörg Riechers mit einer ganz starken Vorstellung beim Mini Transat. © Breschi

Der Mann schwimmt nicht gerne mit dem Strom. Sonst wäre er nie auf die Idee gekommen, bei der Vendée Globe teilzunehmen. Verrückt! Als Deutscher hat man solche Pläne nicht. Aber Jörg Riechers war ganz nahe dran mit seinem Mare-Projekt: Mini, Class 40, IMOCA60, ein logischer Weg.

Dann scheiterte er krachend, als eine Teilnahme am Barcelona World Race ganz nahe lag – der IMOCA wurde schon umfangreich für ihn umgebaut. Aber der treue Mare-Sponsor Nikolaus Gelpke “zog die Reißleine” , als sich partout kein Co-Sponsor finden ließ. Sieben Jahre hatte er den Hamburger unterstützt.

mare, open 60

Riechers segelte seinen Open 60 “Mare” mit reichlich Druck beim Fastnet Race. Danach sollte der Bug umgebaut werden. © Breschi/Mare

Riechers stand vor den Scherben seiner Segel-Karriere. Und jeder andere hätte mit 49 Jahren wohl seine Berufsausrichtung überdacht. Aber der Hamburger ist eben nicht jeder andere. Fast trotzig hielt er an seinem Plan fest, verwurzelte noch mehr in der französischen Seglerszene, feierte jüngst dort sogar Verlobung mit einer Französin und startete einen Neuanfang.

Er organisierte sich mit Jens Kuphal und Robert Stanjek im German Offshore Team, plante und baute in kürzester Zeit in Tunesien einen äußerst konkurrenzfähigen Plattbug-Mini, traf in letzter Minute die Entscheidung auf die geplanten Foils zu verzichten, baute das Boot wieder zurück und prügelt es nun über den Atlantik. Dabei schickt er sich an, sogar den unumstrittenen König der Klasse in Bedrängnis zu bringen: Ian Lipinski.

Mini Transat, Etappe 1

Jörg Riechers bei der Mini Transat. © mini transat

Riechers liegt gut einen Tag vor dem erwarteten Zieleinlauf der Mini Transat 2017 sensationell auf Rang zwei und kommt dem Führenden immer näher. Dabei hat ihm erneut seine Non-Konformität den Weg zum Erfolg geebnet.

Tage lang lieferte er sich einen Bord-an-Bord-Kampf mit dem Schweizer Simon Koster und merkte schließlich, dass er auf direktem Weg nicht vorbei kommt. Also entschloss er sich zum Extremschlag. Er tauchte am weitesten von der gesamten Flotte Richtung Süden ab, eine Taktik, mit der er schon oft gescheitert ist.

Der Moment, als Riechers aus dem Kielwasser von Koster (pink) weghalst und den Angriff startet.

Der deutsche Mini-Segler entfernt sich mehr als 300 Meilen von seinen direkten Gegnern.

In dieser Position halst Riechers zurück.

Jörg Riechers

An dieser Stelle ist klar, dass Koster (pink) hinter dem Deutschen (rot) passieren muss.

Aber der Mann hat einen Lauf. Beim Zusammentreffen mit Koster nahm er ihm gut 70 Meilen ab. Und der Rückstand zu dem führenden Lipinski ist von 150 auf jetzt nur noch 80 Meilen geschrumpft. In dieser Konstellation sollte Riechers in der Addition mit Etappe eins Gesamtplatz zwei nicht zu nehmen sein. Gut ein Tag ist noch zu segeln und der Deutsche macht weiterhin Boden gut.

Natürlich hat es Riechers geholfen, dass gleich drei direkte Konkurrenten, die auf der ersten Etappe noch vorne waren, von großen technischen Problemen gebremst wurden. Aber auch ihnen wäre es sehr schwer gefallen, bei den vorherrschenden Vorwind-Bedingungen “Lilienthal” in Bedrängnis zu bringen.

Romain Bolzinger segelt mit seinem Notrigg in die Karibik. © Mini Transat

Der Etappen-Vierte vom ersten Abschnitt – Riechers wurde Siebter – hat sich inzwischen nach seinem Mastbruch ein Notrigg gebaut und versucht der Strecke in die Karibik noch Herr zu werden. Er hat noch 1000 Kilometer vor sich.

In der Serienklasse segelt Oliver Tessloff auf Rang 20, Lisa Rixgens ist im Mittelfeld von 56 Booten auf Platz 34 platziert und, Andreas Deubel hat nach seinem Boxenstopp mit einem südlichen Kurs wieder 10 Plätze aufgeholt auf Rang 35.

Tracker Mini Transat

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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7 Kommentare zu „Mini Transat: Jörg Riechers in starker Position – Zahlt sich der Extremschlag aus?“

  1. avatar Thomas sagt:

    Super Geil was Jörg dort macht! Hut ab!

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  2. avatar Kerstin sagt:

    Ja, Wahnsinns-Lesitung bislang, Go Jörg Go

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  3. avatar Andreas Borrink sagt:

    Das war echt spannend! Zeitweilig sah es ja sogar so aus, als wäre da noch ein Etappensieg drin, als südlich der Layline plötzlich die Windpfeile länger wurden als im Norden. Aber nun sind sie wieder gleichlang und das Ziel ist in Reichweite. Trotzdem: Mit einem unerprobten Boot “out of the box” in diesem hochklassigen Feld ist Rang 2 eine wirklich tolle Leistung!

    Vielleicht wird ja mal wieder ein Sponsor auf Jörg aufmerksam; das wünsche ich ihm!

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  4. avatar Ignorant sagt:

    Wieso wieder Sponsor? Das klingt fast so, als hätte er schon mal einen gehabt. Nicolas und Jens sind Mäzene. Hat nicht viel mit Sponsoring zu tun, außer daß Geld fließt.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 8

  5. avatar Ignorant sagt:

    Zu gönnen ist es ihm trotzdem. War wahrscheinlich eine Rechnung: das ganze Leben lang sind die Extrem Schläge aus Verzweiflung schief gegangen. Nun ist die Zeit reif für einen Erfolg.

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    • avatar eku sagt:

      “Who am I?” – ..
      bzw “Who are you?” – Da steht ja wohl etwas mehr als ein spontaner Kommentar hinter.

      Grüße
      eku

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 3

  6. avatar breizh sagt:

    Tolle Leistung von Jörg Riechers aber Ian Lipinski ist ein Gigant auf sechseinhalb Meter! Er ist schon wieder deutlich vor allen anderen im Ziel und gönnt sich seinen Siegerrum.
    In der Serienklasse scheinen auch die beiden nächsten Nachfolger von Lipinski vorzusegeln. Ganz starke Leistung von den beiden Jungen Le Draoulec und Crémer. Man konnte ja phasenweise den Eindruck gewinnen, dass die beiden nicht ohne den anderen können, so nah wie sie teilweise beieinander gesegelt sind. Aber mittlerweile hat sich Le Draoulec einen Vorsprung ersegelt um ihr zu entkommen . Mal sehen, ob er ihn bis ins Ziel rettet.

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