Mini Transat: Mit Harry Potter über den Teich -Jüngster Sieger aller Zeiten vor Clarisse Cremer

20 Jahre auf dem Salzbuckel

Ein allerjüngster Sieger, der sich nach einer weiteren Atlantik-Querung mit mehr Ruhe sehnt, eine emotional überwältigte Zweitplatzierte, die jeden Moment hinter der Ziellinie in vollen Zügen genießt. 

Nein, so richtig viel Spaß habe er nicht gehabt, gibt Erwan le Draoulec nach seiner Ankunft im Ziel etwas konsterniert zu Protokoll. Der 20-jährige ist zwar der jüngste Sieger aller Zeiten im Mini Transat-Zirkus, hat mit faszinierender Bravour auf seinem Pogo 3 „Emile Henry“ die Serienwertung gewonnen, aber seinen Triumph realisiert er noch nicht so richtig. 

Es sei unglaublich hart gewesen, sagt er mit müden Augen und erschöpfter Körpersprache. „Das habe ich mir verdammt nochmal alles ganz anders vorgestellt!“ Erst als er am Steg von Familie, Sponsoren und der handvoll Segelfreunde, die auf ihren Mini-Prototypen schon vor ihm im Ziel angekommen waren, standesgemäß mit typischem Mini-Gedöns begrüßt wird, geht ihm so langsam ein Licht auf. „Mensch, ich bin zum ersten Mal dabei… und hab’ gleich gewonnen!“ 

Mit 20 Jahren auf dem Salzbuckel jüngster Mini Transat-Sieger aller Zeiten: Erwan Le Draoulec © brschi

Im gewissen Sinne war es ein Sieg mit Ansage. Denn der junge Bretone (ausführliches SR-Porträt) galt in der an Talenten nicht gerade armen Trainingsgruppe von Tanguy Leglatin (Pole Course au Large in Lorient) als deutlicher Favorit für die diesjährige Mini Transat. Bei allen Qualifikationsregatten war er vorne und sogar an der Spitze zu finden, gemeinsam mit Clarisse Cremer holte er sich den Mini-Fastnet-Titel und überhaupt sind seine Trainingsduelle gegen Clarisse und den Rest der Welt schon jetzt legendär. 

Vor den Kanaren eingeparkt

Alle wussten: Der Junge hat Biss, wenn es einer schaffen kann, dann er! Und alle schauten ziemlich betreten aus der Wäsche, als auch der hochgelobte und mit reichlich Vorschusslorbeeren bedachte „Benjamin“ dieser Transat-Flotte während der ersten Etappe wie die meisten anderen in der Flaute vor den Kanaren einparkte. Rang 4 und sogar noch hinter Clarisse… das lag deutlich unter seinen Erwartungen. 

„Für mich ist nur entscheidend, dass ich lediglich dreieinhalb Stunden Abstand zum Sieger dieser ersten Etappe habe,“ sagte er damals auf den Kanaren. „Den Rest erledige ich dann auf hoher See!“ 

Mini Transat, Sieger,

Immer am Limit © le Draoulec

Was le Draoulec dann in Etappe 2 beim Sprung über den Teich hinüber nach Martinique ablieferte, war jedoch weit mehr als nur ein „erledigen“. „Ich musste mehrmals über mein körperliches und mentales Limit hinaus gehen. Vom ersten bis zum letzten Moment habe ich nur an das Eine gedacht: Sieg!“ Dafür nahm er hohe Risiken auf sich. 

Wer Boote wie Serienminis über Tausende Seemeilen im Dauerzustand an die Grenzen der Belastbarkeit bringt, muss mit mehr als den üblichen kleinen Problemen rechnen, die passieren können, und mit denen jeder Minist immer mal wieder konfrontiert wird. „Nein, ich war regelrecht auf Krawall gebürstet,“ erzählt Le Draoulec. „Mein Tagesrhythmus war gelinde gesagt animalisch. Steuern, essen, ein ganz wenig schlafen, steuern, steuern, steuern, essen, auf dem Eimer sitzen und zur Abwechslung dann mal wieder Ruder gehen!“

Er habe ein Buch mitgenommen, in dem er keine Zeile gelesen habe. Dafür habe er sich Harry Potter-Audiobücher in der Dauerschleife angehört . „Für mich die einzige Möglichkeit, dem Stress irgendwie zu begegnen. Ich stand ständig unter Strom!“ 

Sehnsucht nach gechillter Wiederholung

Erwan Le Draoulec raste mit Spitzengeschwindigkeiten von 23 Knoten über den Atlantik, schaffte Tagesetmale von 18 Knoten und ließ dabei immer den großen Spi stehen. Erst während der letzten zwei Tage, als es in den Regenschauern zu böig aufbriste, tauschte er den großen Spi gegen den Gennaker. „Ich wusste, dass ich meinen Mast riskiere,“ sagt er. „Aber ich war mir auch im Klaren darüber, dass ich ja noch jung bin und dieses Mini Abenteuer bestimmt nochmals wiederholen kann, wenn was schiefgeht!“

Mini Transat, Sieger,

Rang Eins und Zwei der Serienwertung – zusammen 47 Jahre jung! © breschi

Echte Vorteile gegenüber seinen Konkurrenten erarbeitete er sich durch eine radikale Taktik: Erwan steuerte selbst bevorzugt nachts. „Ich wusste, dass die anderen nachts seltener an der Pinne sitzen. Also sagte ich mir: lieber konzentriert Ruder gehen, immer dann maximalen Speed fahren, wenn sich die anderen auf ihren Autopiloten verlassen!“ 

Clarisse Cremer wirkt auch nach wochenlanger Einsamkeit auf See erfrischend locker © breschi

Das hat Nerven das gekostet. Draoulec bestätigt: „Ich glaube, dass ich unterwegs richtig viel verpasst habe. Ich muss das unbedingt in Ruhe wiederholen. Vielleicht bei der nächsten Mini-Transat eine Genussfahrt auf einem alten Boot ohne Siegchancen. Oder am besten eine Atlantiküberquerung auf einem Fahrtenschiff. Relaxt und mit viel Muße…!“ 

“Magisch!”

Auch die Zweitplazierte Serien-Ministin Clarisse Cremer hat im Ziel diesen Blick in den Augen, von dem die Mini-Transat’ler immer so schwärmen, und bei dem sich alle anderen fragen, ob man den so wirklich auch erleben will? Oder jemals erleben darf? Diese Mischung aus Erschöpfung, Glück, wochenlanger Einsamkeit, dem plötzlich fragwürdig erscheinenden Glück, gleich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Erst vor zwei Jahren hatte Clarisse mit der Einhandsegelei angefangen und das große Glück gehabt (wie sie das selbst bezeichnet), unter die Fittiche von Trainer Leglatin genommen zu werden. 

Clarisse Cremer

Clarisse Cremer. © breschi

Seitdem zeichnete sich die 27-Jährige als „Trainingstier“ und mental starke Powerfrau aus. Auch sie etablierte sich schnell in den vorderen Rängen der Mini-Szene und galt bald als die „junge Wilde“ unter den Ministen. Was wiederum eine Menge damit zu tun hat, dass sie erfrischend freche, emotional aufgeladene und trendige Videos von sich produzierte, mit denen sie die Herzen der segelbegeisterten Franzosen eroberte.

„Dass ich nun wirklich Zweite geworden bin, ist für mich magisch,“ sagt sie in ihren ersten Interviews auf dem Steg von Le Marin auf Martinique. Klitschnass natürlich, nach dem obligatorischen Vollbad. „Für mich stand immer Ankommen an erster Stelle, alles andere wäre für mich und alle, die mit mir mitfieberten, eine zu große Enttäuschung geworden!“ 

Sie habe eine Menge Energie in dieses Rennen gesteckt und nicht nur deshalb sei der zweite Rang eine wunderbare Belohnung.

Stundenlang geheult

Auch Clarisse berichtet von eintönigen, aber dennoch faszinierenden Tagen und Nächten, die sie ausschließlich steuernd verbracht habe. „Vor allem die letzten vier bis fünf Tage waren nervenaufreibend. Das Wetter war ausgesprochen kompliziert einzuschätzen, alles kam mir unwirklich vor. Ich bin bald verrückt geworden, als ich die täglichen Positionsmeldungen abhörte und festellte, wieviele Meilen ich gegenüber meinen Verfolgern schon wieder verloren hatte. Ich war die ganze Zeit auf „180“ und es ging nicht richtig vorwärts!“

Sie habe nächtelang geheult, sei mit den Nerven völlig am Ende gewesen. „Als ich dann im Ziel erfuhr, dass ich Zweite geworden bin, fiel alles wie eine tonnenschwere Last von mir ab! Ey, ZWEITE!!!!“ 

Mini Transat, Sieger,

Victory-Finger für Rang Zwei © breschi

Wie es jetzt für sie weitergehe, wird sie noch gefragt. Entgeisterter Blick und Schulterzucken. „Ich habe mich zwei wunderbare Jahre lang für diese Regatta engagiert. Hmm, gute Frage… keine Ahnung wie’s jetzt weitergeht. Muss ich mir mal noch überlegen!“ Sprach’s und springt gleich nochmals ins Hafenbecken… 

Und sonst?

Oliver Tessloff hat durch einen starken Extremschlag im besten Riechers-Stil weg von der Truppe sieben Plätze gutgemacht und segelt 100 Seemeilen vor dem Ziel auf Rang 14 in der Serienwertung. 

Andreas Deubel hat nach seinem Stopp nun Lina Rixgens wieder überholt und beide reihen sich auf Rang 35 und Rang 36 im Mittelfeld ein. 

Tracker

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Spenden
http://nouveda.com

3 Kommentare zu „Mini Transat: Mit Harry Potter über den Teich -Jüngster Sieger aller Zeiten vor Clarisse Cremer“

  1. avatar Fastnetwinner sagt:

    Die MiKu-Artikel sind immer gut!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. avatar Yachti sagt:

    Tolle Leistung der beiden Youngster, die ihre Platzierungen mit grossem Einsatz erkämpft haben, ohne dass ihnen das Glück oder der Ausfall anderer Teilnehmer zu Hilfe kam.

    Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 1

  3. avatar breizh sagt:

    Toller Artikel von zwei super sympathischen Seglern. So lässt sich Segeln vermarkten und die Leistung stimmt auch noch. Einfach klasse. Bin wirkich, wie es mit beiden weiter geht. Da kommen einige sehr sehr gute Segler nach und werden den Kampf um die Sponsorentöpfe aber auch auf den Grand Large Kursen anheizen. Der Winter bleibt spannend.
    Von daher wollen wir hoffen, dass SR aber insbesondere MiKu die Szene weiter verfolgt. An Qualität und Kompetenz im deutschsprachigen Raum eigentlich nicht zu überbieten.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *