Rund Skagen extrem

Röttgering berichtet: Regattamodus wird zur Qual

Den bekennenden Fahrtensegler und SEGELreporter Uwe Röttgering hat das Regattafieber gepackt. Er segelt das Pantaenius Rund Skagen Race und berichtet von Bord einer IMX 40, die er als Navigator mit Profi-Skipper Oliver Schmidt-Rybant um Dänemark bugsiert. In seinen ersten Berichten schreibt Röttgering von den Schwierigkeiten vor dem Start. Nun erzählt der Navigator von dem harten Törn, bei dem fast die gesamte Crew durch Seekrankheit ausfällt. Auch Skipper Schmidt schildert seine Sicht der Dinge.

Von Navigator Uwe:

Eines vorweg. An Bord ist alles ok. Der Grund, warum wir bislang wenig von uns haben hören lassen sind 30 recht anstrengende Stunden. Der Umstand, dass dieses Rennen – soweit wir per Telefon erfahren haben – zu einigen Seenotfällen geführt hat und viele Teilnehmer aufgegeben haben, deutet vielleicht an, dass dies kein Kaffeetörn ist. Die Seekrankheit hat hart bei uns an Bord zugeschlagen – zeitweilig waren nur zwei von sieben Leuten einsatzklar. Aufzugeben war für zwei der Seekrankheitsopfer zeitweilig eine Option, für den Rest dankenswerter Weise nicht.

Wir haben unsere Seekranken nur zu sehen bekommen, wenn sie einen Eimer mit Erbrochenem oder anderen Körperflüssigkeiten aus dem Niedergang heraus gereicht haben. Zwar hatten wir nur 20 bis 30 Knoten von vorne, doch wird das Segeln unter diesen Bedingungen dann zur Qual, wenn man im Regattamodus unterwegs ist.

Dass wir die meiste Zeit in diesem Modus gesegelt sind, ist Skipper Olli zu verdanken, der große Einsatzbereitschaft und Härte gegen sich selbst gezeigt hat. Er stand so lange am Ruder und hat sich die Gischt um die Ohren hauen lassen, bis seine automatische Weste aufgegangen ist… Die ersten 24 Stunden habe ich ihn nicht ein Mal unter Deck gesehen. Respekt.

Die Schäden an Bord halten sich in Grenzen: Ein U-Rettungsring ging über Bord, einige Schnappverschlüsse sind kaputt und ein Crewmitglied ist in den Backofen geflogen, wobei die Scheibe in Stücke gegangen ist. Die Heizung ist zwischenzeitlich ausgefallen, da Wasser in den Auspuff gekommen war. Mister Fix-it, alias Olli, hat das aber wieder hinbekommen, sodass wir das Boot nach der Rundung von Skagen einmal durchheizen konnten.

Bislang folgenlos blieb, dass Olli irrtümlich aus einer mit Urin gefüllten Apfelschorleflasche getrunken hat, die in der Pantry stand. Ob neben Eigenurin auch Fremdurin gesundheitsfördernd ist, konnten wir bislang nicht heraus bekommen. Er wirkt jedenfalls ganz munter.

Unsere Yacht hat sich ganz gut bewährt. Strukturell hatte ich keine Bedenken und Speed und Höhe am Wind waren ok. Allerdings kommt das Dayracer-Konzept unserer IMX 40 bei einer solchen Tour an seine Grenzen. Überall läuft Wasser ins Boot und vor allem der Niedergang war ein steter Quell neuen Wassers im Boot.

Jetzt segeln wir mit Maximalbesegelung und bei Sonnenschein im Kattegat Richtung Ziellinie. Das hinter uns liegende Elend ist vergessen. Den Plan, mein eigenes Boot unmittelbar nach dem Zieleinlauf in Kiel an den Erstbesten zu verschenken, habe ich aufgeben. Segeln ist halt doch super.
PS: kurz nach Fertigstellung dieser Mail haben sich die Bordinstrumente verabschiedet. Wir haben aber noch eine GPS Maus für meinen Navi-PC und drei GPS fähige Handys an Bord. Ohne Winddaten und Echolot ist es natürlich alles andere als optimal. Aber ich bin sicher, dass wir das Ziel auch nur mit Kompass und Papierseekarten erreichen würden, wenn uns die GPS Satelliten noch auf den Kopf fallen sollten.

Von Skipper Olli Schmidt-Rybandt:

Nur zum Erholen ist das hier nicht gerade. Es war auch bekannt, dass wenig an eine Spazierfahrt erinnern wird, aber eine derart große Ausfallquote überrascht dann doch. Bis auf unseren Navigator Uwe hat die Seekrankheit allein irgendeiner Form erwischt.

Gedacht war ein Zweiwachsystem mit wachfreiem Skipper, draus geworden ist ein Zweiwachsystem bestehend aus Skipper und Navigator. Gut, dass Einhandsegler an Bord sind. Immerhin hat das Boot nirgendwo an Deck, Rigg und Segeln Schäden davongetragen und in aussichtsreicher Position liegen wir auch noch. Momentan zweiter nach berechneter Zeit in unserer Gruppe.

Wie groß diese noch ist, wissen wir allerdings auch nicht. Dass Feld soll sich ja ganz schön ausgedünnt haben. Zwei Mastbrüche, ein Feuer, ein sinkendes Boot und jede Menge kleinerer Schäden. Unseren direkten Konkurrenten, die zweite IMX40 im Feld ist ebenso ausgeschieden, wie der Pogo40.

Aus einem Regattamodus mit dem Ziel, möglichst schnell zu segeln wurde nicht lange nach dem Start nur noch der Selbsterhaltungsmodus, irgendwie durchzukommen. Dem Boot fehlen zu allem Verdruß auch Starkwindsegel. Nach zwei Reffs im Groß und Genua III kommt nur noch Sturmfock.

Gestern hatten wir über mehrere Stunden hinweg genug Druck für die kleine Genua ohne Groß. Die Mengen Wasser, die auf diesem Halbwindkurs über das Deck geschossen sind, waren mitunter auch recht beeindruckend. Die Crew allerdings hat es nicht so recht erreicht. Der Rekord liegt bei 30 Stunden in der Koje…

So war schon in den frühen Morgenstunden heute allerhand los. Einerseits kam das erste Mal ein Spi aus dem Sack, andererseits mussten alle Klamotten, Schlafsäcke und sogar Polster getrocknet werden. Die Heizung wollte erst nachdem sie teilseziert wurde ihren Dienst versehen und in Sicht kommende Konkurrenz übte einen gewissen Druck aus. Nun segeln wir halbwinds mit leichter Genua I das Kattegat
südwärts und hoffen auf nicht zu flaue Winde.

Von Navigator Uwe:

Wie wir inzwischen erfahren haben, ist es im Verlauf des Rennens zu anderen, bzw. weniger schwerwiegenden Schäden an anderen Yachten gekommen, als von uns zunächst angenommen. Es bleibt aber die Frage, warum ein Tag mit Starkwind ausreichend ist, ein Regattafeld von als „hochseetauglich“
klassifizierten Yachten derart zu dezimieren.

Der gestrige Tag hat uns das frustrierende Erlebnis beschert in einer Flaute zu liegen, während von achtern die Konkurrenz unter Spi aufschließen konnte. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit lagen wir zu siebt bei schwachen, umlaufenden Winden vor Grenaa. Der einsetzende Nordwind hat unsere kleine Flotte die Spis wieder setzen lassen und ab ging es in die Nacht.

Im ersten Morgenlicht hatten wir immer noch sieben Yachten im Blick (alle unter Spi), wobei sich die Rangfolge geringfügig verschoben hatte. Ärgerlich für uns: die Nixe hat uns im Ranking einen Platz abgenommen. Gerade haben wir die Brücke über den großen Belt passiert und die Nixe ist Steuerbord
voraus. Wir kämpfen um jeden Meter – die Stimmung an Bord ist gut. Sobald wir über die Ziellinie sind, melden wir uns mit ein paar Bildern.

Von Skipper Olli:

3. Tag im Rennen
Das Rennen wird quasi neu gestartet. Gestern habe ich noch meiner Crew für Skagen einen Neustart in Aussicht gestellt, der nur uns betreffen sollte und bei dem wir Wachsystem und Rollenverteilung neu etablieren sollten. Nun, einen halben Tag später wird auch der Rest des Rennens mit den Meisten der
verbliebenen Konkurrenten neu gestartet.

Nördlich von Fornaes dümpeln neben uns nun schon acht weitere Yachten in der Flaute und regelmäßig trudeln von Achtern weitere ein. Wenn es so weitergeht, brauchen wir noch drei bis vier Tage, um die Ziellinie zu erreichen. Das nervt.

Immerhin ist das Wohlbefinden und die Kommunikation an Bord wieder komplett hergestellt. In der Nordsee hat man sich noch, wenn überhaupt zusammen an Deck, alle zwei Stunden einen Satz zugebrüllt, nun herrscht munteres Gequatsche im Cockpit und unter Deck.

Langfahrtalltag stellt sich ein. Es wird geschlafen und gekocht, gelesen und gekramt. Hauptsächlich letzteres. Unter Deck sieht es noch immer so aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Zum Aufräumen konnten wir uns noch nicht aufraffen. Durchschnittliche Suchzeit für einen Pullover/Rettungsweste/Hose beträgt gut und gerne fünf Minuten.

Die Heizung läuft nunmehr klaglos und wird alle paar Stunden zugeschaltet, um ja keine Feuchtigkeit aufkommen zu lassen. Die Erinnerung an die Tropfsteinhöhle von Gestern ist noch zu frisch, als dass wir es drauf ankommen ließen.

Darüber hinaus sind auch noch nicht alle Klamotten wieder trocken. Seit meine Stiefel kurz nach Horns Rev vollgelaufen sind, habe ich keine trockenen Schuhe mehr und die meisten nassen Klamotten sind überhaupt am Körper getrocknet. Bei der Gelegenheit sei ein Hoch auf moderne Kunstfasern ausgebracht.

Ein weiteres Hoch würden wir ja zu gern auf den Wettergott ausbringen, den wir noch während der Rundung von Skagen mit einer kleinen Rede und einem mehr als ordentlichen Schluck aus der Pulle bedacht haben. Das war als Dank für die bis dahin schnelle Fahrt gedacht. Nun aber ist ihm wohl der gute
Skagen Rum von Pantaenius zu Kopf gestiegen. Da kann kommen was will, wird sich der Wettergot gedacht haben, mit so viel Rum (andere Teilnehmer werden wohl ähnlich verfahren) schläft es sich gut. So läßt uns der alte Alkoholiker also allein.

Uwe Röttgering / Oliver Schmidt-Rybant
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