Route du Rhum: 13 gaben auf nach 24 Stunden – Coville erklärt Kollision

"… dann war da diese schwarze Wand!"

Zerbrochenes Schiff, gebrochener Mann? Thomas Coville bei der Pressekonferenz am Steg, nachdem er seinen havarierten Ultime-Trimaran nach Roscoff gebracht hatte © courcoux

Zerbrochenes Schiff, gebrochener Mann? Thomas Coville bei der Pressekonferenz am Steg, nachdem er seinen havarierten Ultime-Trimaran nach Roscoff gebracht hatte © courcoux

Nach einer eher ruhigen zweiten Nacht wird Bilanz gezogen: 13 Aufgaben, fünf nach Pit-Stop wieder im Rennen. Loick Peyron führt weiterhin.

„Es war der schlimmste Moment meines Lebens!“ stottert Thomas Coville noch sichtlich gezeichnet in die Mikrofone regionaler Fernsehsender, nachdem er gestern mit seiner  ramponierten „Sodebo Ultim’“ im Hafen von Roscoff festmachte.

„Ich hatte die Verkehrszone, die wir meiden sollten, längst querab liegen. Es lief ziemlich gut, ich war ehrlich gesagt richtig schnell unterwegs. Zuvor gab es ein kleines Problem am Großbaum. Aber das war mittlerweile behoben und ich konnte aufdrehen, wollte in der Nacht zu Loick aufschließen. Irgendein Batterie-Warnton schallte von unten und ich ging nachschauen, was da wohl los war. Nichts, offenbar ein Fehlalarm. Ich warf noch mal schnell einen Blick auf den Radar… und erstarrte: Da waren zwei Cargoschiffe richtig nah, auf Kollisionskurs!“

Das Drama im Bild © courcoux

Das Drama im Bild © courcoux

Man könne sich gut vorstellen, so Coville weiter, dass man nachts, bei einem Seegang von mehreren Metern, nur wenig Fernsicht auf den Trimaranen hat. Man müsse also wie ein Flugzeugpilot im Nebel nach Radar fahren. „Das Problem dabei: Wir sind richtig  schnell auf den Ultimes-Trimaranen unterwegs! Wenn also so ein Cargo-Schiff mit ca. 18 Knoten auf mich zufährt fährt und ich hatte gerade 25 Knoten auf der Uhr… dann ergibt das addiert über 40 Knoten!“

Video-Zusammenfassung Tag 1

In das Heck gekracht

Thomas Coville schätzt, dass er die zwei Seemeilen Abstand zwischen seinem Trimaran und dem Cargoschiff in eineinhalb Minuten zurücklegte. „Und dann sah ich diese riesige schwarze Wand vor mir auftauchen. Unglaublich! Ich versuchte noch abzufallen, irgendwie. Es hätte auch beinahe geklappt, aber eben nur beinahe. „Sodebo“ krachte auf den letzten drei Metern in das Heck des Frachters! Drei Meter weiter seitlich versetzt, und es wäre nichts passiert!“

In Roscoff lecken die Skipper und Schiffe ihre Wunden © courcoux

In Roscoff lecken die Skipper und Schiffe ihre Wunden © courcoux

Bei der Kollision wurden Rumpf und Steuerbordschwimmer im vorderen Drittel vollständig abgebrochen. Erstaunlich, dass es Coville schaffte, das „angeschlagene Monster“ ohne fremde Hilfe wieder in den Hafen zurück zu bringen.

Am Ruder eingenickt

Sein Kollege und Konkurrent Loick Peyron war auf „Banque Polulaire“ heute Morgen bereits vor Porto unterwegs. Auch er hatte während der bewegten ersten Stunden dieser Route du Rhum reichlich Energie gelassen: „Ich bin mehrere Male am Steuer eingeschlafen,“ berichtete er, „wenn der Verkehr 150 Seemeilen vor der Küste auch nicht gerade sehr dicht ist, so darf mir das schon wegen der Fischer nicht passieren!“

Peyron führt die RdR-Flotte weiterhin an. Er berichtet von einem instabilen Wind zwischen 25 und 40 Knoten Stärke und segelt derzeit mit zwei Reffs im Groß und Sturmfock mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Knoten Richtung Insel Madeira, die er heute Abend querab liegen lassen wird.

Hetzt derzeit mit über 60 Seemeilen Abstand hinter Loick Peyron her: Yann Guichard auf Spindrift 2 © spindrift

Hetzt derzeit mit über 60 Seemeilen Abstand hinter Loick Peyron her: Yann Guichard auf Spindrift 2 © spindrift

Der buchstäblich „große Konkurrent“ Yann Guichard hat mit seiner „Spindrift 2“, dem größten Boliden der Flotte,  auf den zweiten Platz aufgeholt. Das 40-Meter-Monster liegt noch 61 Seemeilen zurück, fährt bei der Messung um 11 Uhr mit 25 Knoten – Peyron rast mit 32 Knoten weiter davon.

Azorenhoch angepeilt

Die IMOCA verlassen derzeit die Biskaya mit einer Geschwindigkeit um 20 Knoten. Francois Gabart führt auf „Macif“ weiterhin, mit immerhin bereits 32 Seemeilen Abstand auf Jeremie Beyou (Maitre Coq) und Marc Guillemot (Safran, + 47 Seemeilen). Die acht noch im Rennen verbliebenen Open 60 (Bertand De Broc hat wegen einer Verletzung am Ellbogen aufgegeben), visieren offenbar direkt das Hochdruckgebiet über den Azoren an.

Gabart wie gewohnt an der Spitze des IMOCA-Feldes © stichelbault

Gabart wie gewohnt an der Spitze des IMOCA-Feldes © stichelbault

Die Class 40 sind noch in der Biskaya unterwegs und müssen wohl noch mit einer weiteren ausgesprochen rauen Nacht rechnen. Am Cap Finisterre werden weiterhin bis zu 35 Knoten Windstärke vorhergesagt, bei einer sehr aufgewühlten See. Sebastien Rogue führt weiterhin mit acht Seemeilen Abstand vor Thibault Vauchel-Camus auf „Solidaire en Peloton“ und Kito de Parvant (Bastide Medical, + 22 Seemeilen).

Legende Robin Know-Johnston hat es in seiner „Rhum“-Klasse eher bedächtig angehen lassen. Die chaotischen Wetter- und Seeverhältnisse haben dem 75-Jährigen Respekt abgerungen, er fährt in der Mitte des Feldes auf Rang 11 mit 144 Seemeilen Abstand zum Rhum-Leader Andrea Mura. „Ich greife an, wenn wieder die Sonne scheint“, hat Knox-Johnston von seiner „Grey Power“ verlauten lassen.

Angriff, wenn die Sonne scheint

Dreizehn Einhandsegler haben mittlerweile aufgegeben, fünf sind nach einem Pit-Stop an der bretonischen Küste wieder im Rennen. Auszug aus der Begründungsliste: Kollision mit Frachter, Verletzung am Ellbogen, Autopilot-Problme, Mastbruch, gebrochener Schwimmer, zerfetztes Großsegel, gebrochenes Ruder, verlorener Kiel (2 x), sonstige Verletzungen und sonstige technische Probleme.

Es bleibt spannend.

Tracker

Route du Rhum Eventseite

Im Rennmodus: Loick Peyron lässt von Anfang an nichts anbrennen © banque populaire

Im Rennmodus: Loick Peyron lässt von Anfang an nichts anbrennen © banque populaire

 

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Route du Rhum: 13 gaben auf nach 24 Stunden – Coville erklärt Kollision“

  1. avatar dubblebubble sagt:

    Coville sollte vielleicht mal ein Sabbatical-Jahr an Land verbringen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

    • avatar RMM sagt:

      … der hat aber wirklich sowas von kein Glück…

      Rogues wurde von der Rennleitung abberufen, einen MOD50 Segler abzubergen und hat dadurch etwa 30sm verloren. Ich frage mich, wie das am Ende verrechnet wird…

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      • avatar Olli Schmidt-Rybandt sagt:

        Ganz einfach: er kommt als erster der Klasse an und keiner muß sich Gedanken machen über eine eventuelle Gutmachung.

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

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