Route du Rhum: Das Rennen der Einhand-Giganten über den Atlantik

"Das Höchste der Gefühle"

Loick Peyron – kleiner. großer Mann beherrscht das Monster © rdr

Loick Peyron – kleiner. großer Mann beherrscht das Monster © rdr

Am Sonntag werden acht Trimarane der riesigen „Ultime“-Klasse in St. Malo am Start sein. Auch diese größten Renner unter Segeln werden einhand über den Atlantik gehetzt.

Das Wort „Ultime“ hat im Französischen gleich mehrere Bedeutungen: Letzter oder Letztes, Extreme, endgültig…  aber auch das Höchste (Glück oder Gefühle). Und genau in diesem Sinne kreiert man zur Route du Rhum 2010 die spezielle Klassenkategorie „Ultime“, in der all’ die extremen, gigantischen Mehrrumpf-Boliden ihren Platz finden, um gegeneinander über den Atlantik zu heizen.

Eine halbe Stunde nach dem Start zur Route du Rhum 2010 © miku

Eine halbe Stunde nach dem Start zur Route du Rhum 2010 © miku

Gesteuert von einer einzigen Person, die auf jedem dieser Monster fragil und fast schon hilflos wie eine Ameise wirkt.

Selbstverständlich zieht die „Ultime“-Klasse die meisten Besucher in St. Malo an: Tausende pilgern stündlich an den aufgereihten Monstern vorbei, Dutzende Journalisten und VIPs werden über die Trampolin-Netze geführt, dürfen einen Blick ins Innere werfen, blicken staunend an den unendlich lang wirkenden Masten empor.

Acht „Ultime“-Trimarane haben für die diesjährige Ausgabe der Route du Rhum gemeldet. Ein schöner Erfolg für die Organisatoren, denn die meisten dieser Boliden sind per se nicht auf Einhandbetrieb ausgerichtet und mussten teils sehr aufwändig speziell für die Teilnahme bei dieser legendären Regatta von St. Malo (Bretagne) nach Point-a-Pitre/Guadeloupe umgebaut werden.

Die Klasse steht aber nicht nur für puren Speed und brachiale Rekordfahrten, sondern versammelt auch unterschiedliche Beispiele für äußerst kreativen Schiffsbau und innovative Technik. Ganz in der Tradition der allerersten Route-du-Rhum-Ausgaben in den Jahren 1982 und 1986 – eine Epoche, in der die großen Multis sehr „en vogue“ waren und die spannendsten Konstruktionen vor St. Malo über die Startlinie schossen.

Die Dimensionen sind gigantisch. Hier Peyron auf Banque Populaire © rdr

Die Dimensionen sind gigantisch. Hier Peyron auf Banque Populaire © rdr

Alle Trimarane, die am Sonntag gen Westen rauschen, sind so schnell, dass sie die Reise in die Karibik in weniger als acht Tagen absolvieren können. Dabei dürften sie Geschwindigkeiten von weit über 30 Knoten erreichen und werden, bei günstigen Windbedingungen, tagelang Durchschnittsetmale von 20-25 Knoten schaffen.

Jeder dieser „Ultime“-Giganten ist ein perfekt aufeinander abgestimmtes Gebilde aus Kraft, Leichtigkeit,  Robustheit und letztendlich auch Komfort.

„Solch ein Monster verlangt dir alles ab!“, unterstreicht der legendäre Loick Peyron, Skipper der „Banque Populaire“. „Du musst körperlich topfit sein, immer auf der Hut bleiben und dauernd so feinfühlig segeln, als würdest du eine Porzellanfracht über die Meere steuern!“

Francis Joyon und sein Trimaran "Idec"

Francis Joyon kämpft sich alleine auf seinem 30 Meter Trimaran “Idec” gegen den Wind© JM Liot/DPPI/IDEC

Kurz: Wer einen „Ultime“-Trimaran alleine über den Atlantik steuert und denselben auch noch heil in Pointe-a-Pitre abliefert, hat schon mal eine enorme seglerische Leistung erbracht. Wenn man dabei auch noch den einen oder anderen Konkurrenten hinter sich lässt, dürfte man eine Ahnung vom „Höchsten der Gefühle“ bekommen.

Betrachtet man die diesjährige RdR-Ultime-Klasse unter technischen Aspekten, kann sie in vier Gruppen unterteilt werden.

  1. Der Maxi „Spindrift II“ gesteuert von Yann Guichard. Der größte Trimaran, der jemals speziell für Hochseeregatten konstruiert wurde (131 Fuß Länge, 40 Meter hoher Mast). Ursprünglich gebaut, um mit großen Crews die Rekorde auf den Weltmeeren zu brechen, im vergangenen Winter aufwändig umgebaut für den nun folgenden Einhand-Einsatz.

    Spindrift 2: 40 m Länge, 23 Meter Breite, 21 tonnen Verdrängung, 804 Quadratmeter Segelfäche max. © rdr

    Spindrift 2: 40 m Länge, 23 Meter Breite, 21 Tonnen Verdrängung, 804 Quadratmeter Segelfläche max. © rdr

  2. Drei Trimarane um die 100 Fuß Länge. „Banque Populaire VII“ (Sieger bei der RdR 2010), gesteuert von Loick Peyron (legendärer Mehrrumpf-Skipper und AC-Steuermann, der eigentlich auf dem Trimaran-Klassiker „Happy“ in aller Ruhe teilnehmen wollte und BP vom verletzten Armel le Cleac’h erst kürzlich übernommen hat). Zudem „IDEC Sport“ mit Francis Joyon am Steuer und die „Sodebo Ultim’“ von Thomas Coville. Auch die beiden Letztgenannten zählen längst zu den ganz Großen im Hochsee-Mehrrumpf-Zirkus der Franzosen und sind allemal für Rekordfahrten „gut“
  3. Der sehr leichte (7,2 Tonnen Verdrängung) Maxi 80 „Prince de Bretagne“ mit Lionel Lemonchois.

    Prince de Bretagne: 24 x 18,2 m, 7,2 Tonenn Verdrängung, 441 Quadratmeter Segelfläche maximal © rdr

    Prince de Bretagne: 24 x 18,2 m, 7,2 Tonenn Verdrängung, 441 Quadratmeter Segelfläche maximal © rdr

  4. Die drei nahezu identischen MOD70-Trimarane, freilich ebenfalls teils aufwändig auf Einhandbetrieb umgebaut: „Edmond de Rothschild“ mit  Sebastien Josse, „Oman Sail“ mit Sidney Gavignet und „Paprec Recyclage“, die Yann Ellies anvertraut wurde.

„Es wird nicht zwingend das größte und rechnerisch schnellste Schiff siegen“ sind die Worte, mit denen der verletzte Armel le Cleac’h (mit Blick auf „Spindrift“) schweren Herzens „seine Banque Populaire“ an Loick Peyron übergab. Der weiß das natürlich längst und kann ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, überhaupt auf der anderen Seite des Atlantiks mit solchen Monstern anzukommen. „Es wird die Einheit, das Binom aus Skipper und Tri sein!“

Am kommenden Samstag werden die acht „UIltime-Trimarane“ die Gezeitenschleuse von St. Malo passieren und die letzte Nacht vor dem Start am Sonntag Nachmittag auf Reede verbringen.

Am 2. November um 14 Uhr werden die Teilnehmer aller Klassen in einem Massenstart (Linie nördlich von der „Pointe de Grion“ vor St. Malo) auf den Weg über den großen Teich geschickt.

Theoretische 3.542 Seemeilen haben die Einhandsegler bei dieser 10. Ausgabe der Route du Rhum mindestens vor sich.

Der Start dürfte eines der größten Segelspektakel in diesem Jahr werden.

Website Route du Rhum

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Route du Rhum: Das Rennen der Einhand-Giganten über den Atlantik“

  1. avatar Jürgen Teriete sagt:

    20 – 25 kn Etmale? So halbrichtiges Zeugs stünde nur im “Stern” oder der Freizeitrevue, dachte ich. Oder ist “Etmal” nicht mehr abgesegelte Strecke in 24 Stunden?

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