Rund Bornholm: Rekordjagd auf der „Illbruck“ – On-Bord-Bericht vom Skipper

Zieleinlauf mit Leuchtraketen

Rund Bornholm, Illbruck, Rekord

Kreative Vorwind-Variante auf der “Illbruck”. © rostocksailing

Oliver Schmidt-Rybandt von „Speedsailing“ wollte es zum x-ten Mal wissen: Dieser Rekord rund Bornholm muss doch zu knacken sein.

Für viele Regattasegler ist es ziemlich wichtig, spätestens nachmittags um 17:30h das Boot fertig aufgeklart zu haben und beim mindestens zweiten Bier angekommen zu sein. Als Antialkoholiker geht mir das nicht so. Aber auch die in Aussicht stehende Cola lockt weniger, als das Weitersegeln.

Daher sind mir Streckenregatten irgendwie lieber. Eine Nacht nach dem Start macht Regattasegeln Spaß. Der Unterschied zum Fahrtensegeln verschwimmt ein Stück weit. Altmeister Moitessier schrieb schon vor der Golden Globe Regatta in seinem Buch „Kap Horn, der logische Weg“ „Wer mit einem kleinen Boot lange Ozeanreisen unternimmt, der segelt Regatta, ob er das wahr haben will oder nicht!“ Eines der vielen Zitate von Moitessier, das in Stein gemeißelt werden darf.

Kein Harakiri

Bei uns vor der Haustür wird alljährlich das Rennen „Rund Bornholm“ im Rahmen der Warnemünder Woche ausgetragen. Da fahren wir mit. Die drei Volvorenner der 60er Klasse, die wir hier bei „speedsailing“ unterhalten, müssen Geld verdienen. Das machen sie mit Firmenevents. Dann und wann aber dürfen sie auch mal etwas länger geradeaus fahren. Bornholm bietet sich geradezu an.

Um es wirtschaftlich nicht zum Harakiri zu machen, nehmen wir zahlende Gäste mit. In diesem Jahr waren es acht Gäste auf sieben Crewmitglieder. Eine Nichtseglerin, die sich mal ansehen wollte, wie die Boote nach den ersten 100 Meilen aussehen genauso wie Mittsiebziger, die auf die alten Tage nochmal junge Wilde in Aktion erleben wollen.

Menschlich durchaus angenehm die Gäste und eine seglerische Topcrew, das ist keine schlechte Mischung. Überhaupt bin ich in die Position des Skippers von „Illbruck“, mit der wir diesmal teilnehmen, gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Meinem Kollegen Martin Buck ist familiär was dazwischengekommen und er sollte eigentlich statt meiner skippern. Nun darf ich also wieder mein Lieblingsboot fahren.

Rund Bornholm, Illbruck, Rekord

Immer wieder “göttlich” – Horizont im rötlichen Schimmer © speedsailing

Ohnehin ist die Auswahl an Booten für das Rennen groß. Daran teilgenommen habe ich schon unzählige Male. Einmal mit völlig ungeeignetem Fahrtenschiff samt Festpropeller und gerollten Dacronsegeln. Einmal mit einem ketschgetakelten Klassiker, mit dem ich den Rekord für die langsamste Bornholmregatta halte.

Mehrfach mit dem kleinsten Boot der Flotte, als ich den Pogo1 „Pogolino“ um den Felsen scheuchte. Davon einmal als elftes Boot von zwölf Zieleinläufen aus einem Starterfeld von 60 Booten. Das war 2005. In dem starken bis stürmischen Wind war das Feld so stark gebeutelt worden, dass sage und schreibe 48 Boote aufgaben. Wir auf dem Mini trotz langer Kreuz mit drittem Reff nicht. Es bleiben keine offenen Fragen bezüglich der Seetüchtigkeit des Minis.

Pflichtveranstaltung für die Volvos

Diesmal ist es also wieder das größte Boot der Flotte statt einem Pogo30, der zur Verfügung steht oder einer Seascape18, die zeitgleich ihre deutsche Meisterschaft austragen.

Für die Volvos von „speedsailing“ ist Bornholm eine Pflichtveranstaltung, weil der Streckenrekord hochgradig einfach zu knacken scheint. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von lumpigen 9,45 Knoten wäre er unser. Lachhaft – und doch noch nie geschafft. Schon zum elften Male versucht sich „speedsailing“ an dem Rekord und scheitert. Seit über einem Jahrzehnt war Bornholm mit irgendeiner Flaute versehen, so sehr es auch zuvor oder danach geweht haben mag.

Rund Bornholm, Illbruck, Rekord

Sicher starten – bloß keinen Bruch fahren !© speedsailing

2012 waren wir auf bestem Weg, den Rekord zu brechen, obwohl wir bis zur Insel genau VMG bergab und danach ohne nennenswerte Dreher VMG bergauf unterwegs waren. Selbst dabei könnte der Volvo schneller als neuneinhalb auf direktem Weg sein. Aber bei Flaute fährt kein Boot. So groß der Code0 auch sein mag.

Zum Start haben wir diesbezüglich noch keine unmittelbaren Sorgen. Crew und Gäste sind eingeteilt, die Arbeitsbesegelung steht und der als nächstes folgende Code liegt an Deck. Damit bloß nichts kaputt gefahren wird starten wir etwas verhalten, aber durchaus in der ersten Hälfte. Nach einigen Verzögerungen durch einen unklar gekommenen Code läuft das Boot endlich mit 12 Knoten Darßer Ort entgegen und die Konkurrenz wird achternaus langsam kleiner.

Die Schwierigkeiten beginnen, als wir nach dem ersten Segelwechsel Wasserballast auffüllen. Der dafür erforderliche Hilfsdiesel schafft die Tanks fast, dann wird er langsamer und bleibt stehen. Co Skipper Otto begibt sich unter Deck und nimmt das Kraftstoffsystem auseinander. An Deck raumt der Wind. Zuerst geht das Ballastwasser wieder raus, dann wechseln wir von Code auf leichten Mastheadrunner.

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Guter Speed am Wind. Fock steht wie eine Eins © speedsailing

Krisensitzung unter Deck

Otto kommt kurz für den Wechsel raus und schraubt dann weiter. Tankansaugung, Entlüftung, Filter – der Reihe nach kann das alles ausgeschlossen werden. Querab Hiddensee hat er die Diagnose fertig. Es ist die Vorförderpumpe. Das Boot fährt derweil stabil tief raum bei zunehmendem Wind. Bis knapp 20 Knoten sind prognostiziert. Das sollte der leichte Spi noch gut mitmachen.

Überhaupt sind die alten Volvos bergab ziemlich unterpowert. Die Spinnakerfläche war laut Klassenregeln auf 300 qm begrenzt. Ab 20 Knoten kommt man damit halbwegs voran, über 25 fängt es sogar schon an Spaß zu machen und ist bei 30 Knoten noch nicht mal zu viel Tuch. Der Wechsel auf den nächstkleineren Spinnaker erfolgt erst, wenn im Wetterbericht etwas von Sturmwarnung die Rede ist. Irgendetwas muss man sich mal ausdenken, mehr Fläche zum Tragen zu bringen.

Einstweilen bin ich unter Deck zwecks Krisensitzung mit Otto verabredet. Solange der Wind genau in Richtung Insel weht, brauchen wir kein Ballastwasser. Nach der Rundung aber wäre es soweit. Da geht es an die Kreuz und ohne Ballast würde ein knapper Knoten fehlen. Wir bauen also die Lenzpumpe um. Die kleine Impellerpumpe würde es in einer guten Stunde schaffen, die Tanks zu füllen. Wohlgemerkt im Gegensatz zu zwei Minuten, die die Ballastpumpen bräuchten, solange der Hilfsdiesel sie nur antriebe.

Rund Bornholm, Illbruck, Rekord

Improvisieren unter Deck: Coladosendeckel, Wasserflaschen… © speedsailing

Der rettende Einfall kommt mir mit der Erinnerung an Tagestanks, mit denen ich auf größeren Schiffen zu tun hatte. Otto frage ich, ob er wohl eine leere Getränkeflasche mittels Schlauch an die Einpritzpumpe geschlossen bekäme. Das schon, sagt er, gibt aber zu bedenken, dass wir den Diesel nicht aus dem Tank in die Flasche löffeln können.

So wird kurz die Hauptmaschine bemüht. Über die abgenommene Rücklaufleitung bekommen wir innerhalb kurzer Zeit eine Colaflasche mit Diesel befüllt. Schnell die Maschine aus und den Rückwärtsgang wieder rein, denn im Leerlauf faltet sich der Propeller irgendwie auseinander und bremst.

Gute Leute muss man haben

Nun ist wieder Otto MacGyver dran. Zuerst macht er einen Versuch mit Tape. Der leckt aber, und außerdem hat die Flachpfeife von Boatcaptain nicht genug Tape mitgenommen. Huch, das bin ja ich! Otto nimmt den Schlauchanschluss von der kaputten Vorförderpumpe ab und bolzt ihn in den Coladeckel. Das Loch schält er mit einer Schere aus der Segelmachertasche. Abends besteht der Hilfsdiesel seinen Probelauf ohne Befund. Filmzitat aus „Das Boot“: „Gute Leute muss man haben!“

Wir halten genau auf das erste Verkehrstrennungsgebiet westlich von Bornholm zu. Um da nicht durchzufahren, halsen wir. Zwischen den VTGs und der Insel wäre der Kurs spitzer. Den Umweg wollen wir nicht machen und entscheiden uns, gegen den Uhrzeigersinn zu runden. Das wollten wir eigentlich nicht tun, aber bei der Steuermannsbesprechung wurde nochmal auf KVR konfirmes Befahren der VTGs gepocht. Hätten wir gewusst, dass hinter uns das halbe Feld durch die Verkehrstrennungsgebiete fährt, wären wir auch mit Steuerbordschoten weitergefahren. So aber halsen wir und wechseln kurze Zeit später in zunehmendem Wind auf schweren Mastheadrunner.

Rund Bornholm, Illbruck, Rekord

Es sind immer die einfachsten Lösungen, die alles retten © speedsailing

Die nächste Halse passt gut und wir lassen morgens Dueodde knapp an Backbord. Nach der Rundung von Bornholm geht es gegenan. Das ist Illbrucks Kurs. Ab und zu lief uns schon auf heimischen Rennen schnellere Konkurrenz über den Weg. Sei es Varuna oder Opal, unsere Boote sind zu alt, um noch die schnellsten zu sein.

Gegen solide 20 Knoten Wind aber steht die Arbeitsgarderobe noch ungerefft und das Boot rennt mit knapp 10 Knoten gegen die kurze Ostseewelle. Einige Ausfälle sind zu beklagen. Das eine oder andere Frühstück wird hin und zurück befördert. Aber es dauert nicht lange, dann lässt der Wind nach. Kein Bornholmrennen ohne Flaute.

Der in diesem Seegebiet sehr zuverlässige dänische Seewetterbericht hat die Flaute auch in Aussicht gestellt. Aber genaues Studium der Details ergab einen kleinen Brisenstrich zwischen Rügen und Bornholm auf der Breite von Rönne. Daher legen wir die erste Wende so, dass wir genau in diesen Korridor kommen.

Es glückt. Die Konkurrenz steht teilweise stundenlang, während wir bei zwar stark abgenommenem Wind aber durchaus noch segelbaren Bedingungen weiter fahren, hochluven und Vorsegel auf tiefen Code 0 wechseln können. Das Stagsegel geht hoch und einige Zeit später erfolgt das Peeling auf leichten Mastheadreacher.

Rund Bornholm, Illbruck, Rekord

Innovative Passat-Beseglung.  © rostocksailing

Drei Eier und der Strom

Nun laufen wir in stabiler Brise auf spiegelglatter See mit rund 10 Knoten dem Ziel entgegen. Es ist früh nachmittags und wir bekommen über einen Windpark Telefonverbindung. Anrufe an die Heimatbasis bringen zutage, dass wir mit gewaltigem Abstand in Führung liegen. Weit genug, dass es für eine sehr gute berechnete Zeit reichen sollte. Die Stimmung steigt. Um den Rekord zu brechen, müssten wir so schnell weiterfahren wie bisher.

Es ist mir völlig klar, dass dies nichts wird. Zwar können wir noch ein Flautenloch austricksen, indem wir blitzschnell von Kite auf Code wechseln, Richtung See halten, Halsen und schnell wieder zurück auf den flachen Kite wechseln, aber in den frühen Abendstunden stehen wir eingeparkt irgendwo vor Wustrow.. Die Logge zeigt lakonische 0,00 Knoten, die berühmten drei Eier und der Strom schiebt uns dankbarer Weise immerhin 0,2 Knoten schnell dem Ziel entgegen. So müssen wir nicht ankern.

Die Presseabteilung der Warnemünder Woche nebst Rennleitung meldet sich per Telefon. Fragt nach dem Vorankommen. Irgendwie muss die Lokalpresse Wind davon bekommen haben, dass der Rekord wackelt. Wir können sie beruhigen. Das Ziel ist zwar in Sicht, aber der Rekord wird wegen Flaute verschoben. In eben dieser liegen wir nun gefühlte vier Stunden. Dann und wann kommt Wind. Einmal können wir noch den Code0 bemühen. Sonst aber ist es die Fock, mit der wir uns dem Ziel entgegen schleppen.

Haben wir die Ehrungen verdient?

Kurz vor Mitternacht kreuzen wir in die Warnow. Eine entgegenkommende Fähre hat einen Freund als Kapitän. Der begrüßt uns mit dem Typhon, weckt Warnemünde auf und geht sofort in gewaltiger Musik unter, die von der Kaikante herüberschallt. Wir werden in Scheinwerferlicht getaucht und Leuchtraketen sind in der Luft. Der Empfang ist atemberaubend. Vorgesehen war er für den Fall eines neuen Rekordes.

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Speedsailing nimmt zahlende Gäste bei Regatten auf ihren VO-Racern mit © speedsailing

Aber nachdem feststand, dass es nichts wird wollte keiner die Arbeit zunichte machen. So werden uns Ehrungen zuteil, die wir nicht verdient haben. Fest steht aber, wir haben ein gutes Rennen gefahren. Sind durch kein Verkehrstrennungsgebiet gebraten, haben die richtigen Segel zur richtigen Zeit eingewechselt und waren taktisch mit glücklicher Hand unterwegs.

Die Gäste sind begeistert. Unser Freund, Fotograf und Skipperkollege Martin Kringel macht beeindruckende Bilder vom nächtlichen Zieleinlauf aus dem Schlauchboot, die auch in ein paar Jahren noch das Gefühl des tollen Einlaufens zurückholen können.

Dass der Rekord mal wieder nichts wurde, ist in Anbetracht eines hervorragenden berechneten zweiten Platzes nicht allzu tragisch. Erster nach ORC wurde Holger Streckenbach. Der Freund aus Greifswald hat es verdient. Erster über alles wurde eine Varianta 44. Der Truppe ist es erst recht zu gönnen. Und außerdem möchte ich den Rekord nicht aufstellen, denn niemand hätte ihn in der Position des Skippers mehr verdient, als mein Kollege und Freund Martin Buck.

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Ein Kommentar „Rund Bornholm: Rekordjagd auf der „Illbruck“ – On-Bord-Bericht vom Skipper“

  1. avatar Konrad sagt:

    Nur was zum Sieger bei Rund Bornholm:

    Ergebnisse:
    http://www.raceoffice.org/data/wawo2015/wawo2015.11449.pdf

    Die Varianta’s fahren nen viel zu hohen 86er Yardstick und räumen immer die ersten Plätze in der Yardstickwertung ab. In den ORC Wertungen traut sich ja keiner mit na VA44 mit. Holger fährt ne X-41.

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