Vendée Globe: Thomsons Vorsprung bleibt stabil – aber der “Schakal” lässt nicht locker

Der "Boss" kommt nicht weg

Alex Thomson hat den Äquator in einer neuen Vendee-Globe-Rekordzeit erreicht. Er war einen Tag und vier Stunden schneller. Aber die Konkurrenz knabbert an seinem Vorsprung.

Der Brite hatte die Hoffnung geäußert, nach seiner schnellen Doldrum-Passage der hetzenden Meute noch einige Meilen abnehmen zu können. Der Wind sollte vorne zunehmen und etwas nach links drehen. Stattdessen hat Armel le Cleac’h den maximalen Rückstand von 90 Meilen in zwei Tagen auf 58 Meilen drücken können.

“Hugo Boss” kommt offensichtlich mit dem spitzeren Kurs nicht so gut zurecht. Thomson spricht darüber, dass die konventionellen Konstruktionen ohne Foils schneller auf Am-Wind-Kursen sind, was inzwischen nichts Neues mehr ist, aber er verliert eben auch gegenüber Le Cleac’h.

Hugo Boss Thomson

Thomson quert auf spitzem Kurs den Äquator in Rekordzeit. © Hugo Boss
© Hugo Boss

Beim letzten Positionsreport hat er den Vorsprung aber wieder stabil halten können. Das Selbstbewusstsein ist merklich gewachsen. Er preist seine Entwickler. “Wir haben einige Sprünge gemacht, obwohl wir immer noch unterentwickelt sind im Vergleich zu vielen anderen Booten.”

Die Situation am Äquator. "Hugo Boss" hält einen soliden Vorsprung von etwa vier Stunden.

Die Situation am Äquator. “Hugo Boss” hält einen soliden Vorsprung von etwa vier Stunden.

Damit weist er auf den Zeitverlust hin, der seinem Projekt eigentlich schwer hätte schaden sollen. Die Kenterung samt Mastbruch und drohendem Totalverlust vor etwa einem halben Jahr hat sechs Monate Refit-Zeit in der Halle erfordert. Zeit, die in einem Profi-Projekt eigentlich kaum aufzuholen ist.  Zumal sich Thomson nicht mit anderen Teams gemessen hat und beim Training von ihnen lernen konnte. Er beharrte auf den Vorteil, dass die Gegner wenig vom Leistungsvermögen seines Bootes wissen, und das scheint sich jetzt auszuzahlen.

Le Cleac’h scheint dagegen immer noch die Taktik zu verfolgen, bei Trimmfahrten im Rennen das Leistungsvermögen seines Foilers zu verfeinern. Diesmal hat er sich Vincent Riou als Sparringspartner ausgesucht, nachdem der einen Tag lang Bord an Bord mit Sébastien Josse beim Austritt aus den Doldrums an seinem Leichtwind-Trimm getunt hatte. Es ist einfach leichter, die Auswirkungen einer Trimm-Änderung beim Vergleich eines nebenher segelnden Gegners zu messen als sich auf die Instrumente zu verlassen.

Der Weg, der noch vor den Einhand-Skippern liegt.

Der Weg, der noch vor den Einhand-Skippern liegt. Sie jagen nach Süden und biegen dann nach rechts ab. Die gepunktete Linie dürfen sie nicht queren.

Als sich Le Cleac’h dazu gesellte, drehte Josse mit einem radikalen Schlenker nach Westen ab. Ein Zufall, erzeugt durch eine Regenwolke? Oder wollte er sich vom “Schakal” nicht in die Karten schauen lassen. Riou mögen sie beide nicht ernst nehmen im Kampf um den Rennsieg. Ohne Foils sollte er im Southern Ocean keine Chance haben. Aber bisher hat er viele Beobachter überrascht. Vielleicht schafft er doch noch den ganz großen Coup.

Riou und Le Cleac’h filmen sich gegenseitig beim Anpassen:

Das Aus hat inzwischen den Franzosen Tanguy De Lamotte ereilt, der auf Platz elf ordentlich im Mittelfeld platziert war gut 200 Meilen hinter Thomson. Nach dem Bruch der Mastspitze ankerte er vor Mindelo bei den Kapverden, um in den Mast zu klettern. Aber dort stellte sich das Problem als nicht reparabel heraus.

“Ich gebe nicht auf”, sagt Lamotte trotzig. Aber er dreht Richtung Les Sables d’Olonne. “Der Schaden ist zu groß, um die Weltumseglung fortzusetzen. Aber er ist nicht groß genug, um mich davon abzuhalten, mein Boot alleine zurück nachhause zu bringen.”

Damit ist Lamotte der erste echte Ausfall dieser Vendée Globe, was eine sehr gute Quote ist. Vor vier Jahren waren zu diesem Zeitpunkt nach den ersten beiden Wochen schon sieben Skipper draußen.

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Carsten Kemmling

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4 Kommentare zu „Vendée Globe: Thomsons Vorsprung bleibt stabil – aber der “Schakal” lässt nicht locker“

  1. avatar C.H. sagt:

    Hallo Carsten,

    kannst Du mal die Strömungskarte mit den Booten verlinken? Die Ansicht finde ich deutlich interessanter und übersichtlicher als den Tracker.

    Danke und viele Grüße
    Christian

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  2. avatar Fabian sagt:

    Liegen zwei Boote 90 sm auseinander und eins der Beiden segelt schneller und holt 25 meilen auf, ist das wirklich nur Boatspeed? Oder könnte da, ganz rein theoretisch auch mal ein Windunterschied sein? Thomson hatte laut high res gribs weniger wind und den mehr aus Süden. Ob das so stimmt? Keine Ahnung. Aber man sollte nicht aus ein paar Stunden unterschiedlicher Geschwindigkeit auf Unterschiede in der Designqualität schliessen. Carsten K. hat Thomson ja schon am Kap Finisterre abgeschrieben, weil zu langsam, irgendwie war er es dann ja doch nicht.
    Man sollte das alles nicht überbewerten. Auf dem Tracker sieht es aus als hätten sie gleiches Wetter, das ist aber nicht unbedingt so. 60 sm Vorsprung sind bei einer Vendee Globe nix. Die sind ganz schnell wieder weg. Also, abwarten. Das einzige was man sagen kann ist, dass die neue Imoca Regel gut ist, alte (also 4 Jahre alte) Boote können noch mithalten (da leichter und höheres RM) aber die neuen haben auf gewissen Kursen einen kleinen Vorteil. Ist doch super.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 16 Daumen runter 0

    • avatar Fabian sagt:

      Nachtrag: in den letzten 3 stunden hat die zu langsame Hugo Boss der Bank Pop wieder 3 meilen abgenommen.

      PS: Bin kein ausschlieslicher Alex T Fan…

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 2

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