World Match Race Tour: Begeisterung über spannendes Finale – Mehr geht nicht

Jung-Millionäre

Simon Shaw wrap up video Day 6 – Marstrand 2016Simon Shaw wraps up todays events! Today a millionaire was made!

Posted by World Match Racing Tour on Samstag, 9. Juli 2016

Was für eine Show. Begeisternde Segel-Action aus Marstrand. So reißt der Sport auch mäßig interessierte Zuschauer mit. Junge Kiwis werden zu Millionären.

World Match RAce Tour

Die junge Siegercrew schreit ihre Freude heraus. © Ian Roman/WMRT

Zugegeben, ich war sehr skeptisch, als es hieß, dass Segelduelle nun auf Katamaranen ausgetragen werde sollten. Als viermaliger nationaler Titelträger im klassischen Match Race habe ich die Kunst des vier minütigen Ausmanövrierens in der Prestart-Box lieben und schätzen gelernt. Umso größer war der Respekt vor den Profis, die das Spiel des auf-der-Stelle-Manövrierens und Fintierens noch besser beherrschten.

Als nun ausgerechnet Russell Coutts der ehemalige Meister des filigranen Vorstarts, diese Disziplin mit einem Federstrich aus dem America’s Cup Programm strich, den Kurs änderte und mit schwer manövrierbaren Katamaranen nur noch Speed-Rennen veranstalten wollte, war das eine große Enttäuschung.

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Highspeed-Duell bei bis zu 25 Knoten Speed. © Dan Ljungsvik/WMRT

Aber der Mann hatte Recht. Der America’s Cup 2013 war an Spannung nicht zu überbieten. Der neuartige Kurs mit dem Raumschots-Start eliminierte zwar überwiegend die aufregenden Bord-an-Bord-Kämpfe vor dem Start, aber er ließ wider Erwarten noch jede Menge Möglichkeiten zum Überholen.

Match-Race-Szene abgekoppelt

Seit dieser Entwicklung bei der Leitregatta des Segelsports war die Match-Race-Szene abgekoppelt. Bisher hatte sie ihre Relevanz immer dadurch erreicht, dass der America’s Cup in derselben Dsiziplin ausgesegelt wurde. So waren die  Skipper, die einmal den lukrativen Job in einem Cup-Team ergattern wollten, gezwungen, ihre Fähigkeiten im Match Race Zirkus zu zeigen.

Plötzlich ging es aber nicht mehr darum, wer seinen Gegner am besten in der Startbox abstreifen konnte, sondern um das Gefühl für Geschwindigkeit und die Entwicklung von Foiling-Skills.

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Das Spielfeld, der Felsen-Kessel von Marstrand. © Ian Roman/WMRT

Der Wert von Match-Racing-Siegen klassischer Art sank, auch wenn die World Match Race Tour versuchte, unabhängig vom Cup zu agieren und mit einer Aufstockung der Preisgelder, den eigenen Zirkus am Leben zu halten. Aber die Szene schmorte im eigenen Saft. An der Spitze segelten immer die gleichen Teams, die sich auf Monohull-Matches spezialiserten, aber die Musik spielte bei den Foilern.

Schwedischer Investor mit Spielgeld

In dieser Situation erschien Håkan Svensson auf der Bildfläche, der im September 2013 seine Firma für Schiffsantriebe Berg Propulsion an den US Giganten Caterpillar verkaufte und seitdem offenbar ein wenig Spielgeld in der Kasse hat.

Er gründete die neue Firma Aston Harald AB und kaufte die Rechte an der World Match Race Tour sowie die Formen der M32 Katamarane von der Marström Werft. Dann warf er eine Menge Preisgeld in den Ring und lockte die besten aktuellen Match Racer an.

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Dramatischer Zweikampf zwischen Canfield (l.) und Robertson. © Dan Ljungsvik/WMRT

Die zögerten, da die gewohnten schweren Kielyachten wenig mit den neuen 480 Kilo leichten Kohle-Konstruktion, auf denen 120 Quadratmetern Segelfläche zur Verfügung stehen. Aber junge Kiwis und Aussies aus der Nachwuchs-Match-Race-Szene sprangen gerne ein, wie auch talentierte Skandinavier, die schon eine Saison auf einem eigenen Circuit die M32 segelten, sowie externe Promis wie Yann Guichard und Iker Martinez.

Segelpromis aus verschiedenen Disziplinen

Guichard (42) ist einer der besten Katamaransegler der Welt und war schon 2000 für Frankreich Olympia-Vierter im Tornado, segelte aber auch für Alinghi in der Extreme Sailing Series sowie den Maxi-Trimaran Spindrift mit Rekordspeed um die Welt. Martinez (39) holte für Spanien Gold und Silber im 49er, wurde beim Volvo Ocean Race Dritter und WM Neunter bei seiner Nacra17 Olympiakampagne, die für ihn aber nicht nach Rio führte.

Die verpasste Nominierung durch den spanischen Verband ermöglichte ihm einen kurzfristigen Einsatz auf der World Match Racing Tour der prompt auf Platz zwei beim Event in Kopenhagen führte.

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Robertson feiert ausgelassen in Schweden. © WMRT

Die großen Namen zogen. Aber alte Erfolge zählten nichts. Das Spielfeld war völlig neu bereitet. Die ersten Regatten zeigten: Jeder konnte jeden schlagen. Das war umso spannender, weil es am Ende nicht nur um die Ehre ging, sondern um richtig viel Geld. Håkan Svensson hatte 1 Millionen Dollar für den Sieg bei der WM-Regatta in Marstrand ausgelobt.

Emotionen im Felsen-Stadion

Dieses Geld sorgte für die großen Emotionen im Felsen-“Stadion” des schwedischen Marstrand. Den sechsmaligen Match-Race-Weltmeister Ian Williams aus England erwischte es im Viertelfinale als er gegen den 23 Jahre jungen Aussie Chris Steele sang und klanglos 0:3 ausschied und wutentbrannt seinen Helm aufs Trampolin warf.

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Passiermanöver unter Gennaker. © Dan Ljungsvik/WMRT

Zuvor war es schwer zu glauben, dass die High Speed Katamarane mit mehr als 20 Knoten in dem engen Felsenkessel umherschießen könnten. Und tatsächlich lief auch schon mal jemand auf die Steine. Aber am Ende ging es nicht nur wie befürchtet um Speed allein. Der schlau ausgelegte Kurs und das neue Strafsystem verhinderten allzu frühe Vorentscheidungen.

Die vom America’s Cup bekannten Luv- und Leegates wie auch die Spielfeldgrenzen verhinderten Einbahnstraßen-Kurse. Die Wettfahrtleitung zog gar eine Marke des Leegates weiter nach Luv, um einen Ausgleich für die zusätzlich notwendige Halse zu schaffen. Und wenn man bei einem Penalty oder Frühstart einfach nur den Gegner vorbei lassen muss, dann ist ein Rennen immer noch offen.

Größte Segel-Preisbörse aller Zeiten

Der Rahmen stimmte für das Millionen-Drama im Finale, die Entscheidung um die größte Segel-Preisbörse aller Zeiten. Und so passte es perfekt, dass sich auch das Wetter nicht lumpen ließ. Wind über 25 Knoten beschleunigte die gerefften Katamarane enorm.

Gewöhnungsbedürftig sind nach wie vor die schlechten Wenden, die mit den M32 Katamaranen bei starkem Wind nur möglich sind. Aber am Ende kam es eben genau darauf an. Welche Crew schafft es am besten, die Wendetechnik zu beherrschen?

Der Top-Favorit Taylor Canfield (27) hatte es eigentlich in der Hand, das Finale zu gewinnen. Im entscheidenden Rennen lag der Mann von den US Virgin Islands zur Hälfte der letzten Kreuz vor dem Australier Phil Robertson (29). Der schien schon ziemlich die Nerven zu verlieren angesichts des Millionen-Schecks, der auf dem Spiel stand.

Nerven verloren

Robertson hatte 2:1 vorne gelegen, dann aber beim entscheidenden Überholmanöver Canfield voll am Heck erwischt und einen schweren Schaden verursacht. “Wir sinken”, dramatisierte Canfield im Bordmikrofon und folgerichtig bekam Robertson für sein Foul die schwarze Flagge gezeigt, die seinen sofortigen Ausschluss zur Folge hatte. Außerdem bekam er noch einen Punktabzug für die verschuldete Kollision, so dass Canfield beim nächsten Duell Matchball hatte.

Aber der Kiwi glich zum 1:1 aus. Dabei verlor er den Start, segelte bis zu 100 Meter hinterher, schaffte aber das Überholmanöver kurz vor dem Luvtor im letzten möglichen Moment.

Das letzte Rennen (ab 1:47 im Livestream Replay unten) musste also die Entscheidung bringen. Matchball für beide Crews: Canfield schafft es nach dem Start mit einem Harakiri-Manöver kurz vor der ersten Tonne noch in Luv am Gegner vorbei zu rutschen.

Vier Führungswechsel im Finale

Aber schon nach der ersten Halse rauscht Robertson wieder mit 25 Knoten Speed vorbei. Die Kreuzen entscheiden sich, weil bei der Rundung der linken Gate-Tonne (von unten gesehen) eine Wende weniger notwendig ist, um die Strecke nach Luv zu bewältigen. Canfield nutzt das, um seinerseits den Aussie zu überholen. Er bleibt auch bei der folgenden Runde vorne und erlaubt dem Gegner nicht den Split am Leetor.

Robertson rundet zwei Längen achteraus, da scheint nicht mehr viel zu machen. Aber bei der simultanen Wende beider Teams kommt Canfield deutlich schlechter um die Ecke. Er verliert, ist aber dennoch in der Lage, den Gegner an der Wende zu hindern.

Bis dieser an die Spielfeldgrenze kommt. Dann hat er das Recht zur Ausführung des Manövers. Robertson wirft die Pinne herum und ebenso auch Canfield. Aber dieser will zu viel. Er hält sich nicht weit genug frei. Es kommt zur Kollision. Die Schiedsrichter bestrafen Canfield. Er muss warten, bis der Gegner zwei Längen voraus ist. Game over!

Jubel über den Millionen-Scheck

Der Jubel der Robertson-Crew kennt keine Grenzen. So freut man sich über einen Millionen-Scheck. Die Jungs aus Downunder haben bisher viele Entbehrungen ausgehalten und einige Schulden angehäuft, um den Weg des Segel-Profis zu gehen. Nun zahlt sich die Investition aus.

Ein dramatisches Finale findet einen würdigen Abschluss. So gut wurde Segeln selten präsentiert. Dieses Format hat das Zeug, Menschen zu begeistern. Wenn man jetzt noch Boote findet, die besser wenden, ist auch sportlich noch mehr drin. Aber dies ist ein Vorgeschmack auf den America’s Cup. Wenn die Cupper durch die Wenden foilen, ist noch mehr Segel-Action und Spannung zu erwarten.

Vielleicht schafft es die World Match Race Tour noch, einen Weg in diese Richtung zu gehen. Dann wird man die Protagonisten sicher auch auf den zukünftigen America’s Cuppern finden. Das ist das Ziel der jungen Wilden.

Aber auch ein Yann Guichard ist begeistert. Er will auch die nächste Saison auf der Tour bestreiten. Und dann schadet es auch nicht, wenn er zwischendurch mal wieder mit seinem Maxi-Tri um die Welt hämmert.

Ergebnisse Marstrand

Video-Clips zu entscheidenden Szenen in Marstrand

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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6 Kommentare zu „World Match Race Tour: Begeisterung über spannendes Finale – Mehr geht nicht“

  1. avatar Manfred sagt:

    Moin Karsten,
    was Du immer mit den Wenden hast… Bei der Welle am oberen Bildrand wäre auch ein Einrümpfer hin-und wieder eingeparkt worden. Unten im glatten Wasser sahen die Wenden auch bei 25kn Wind teilweise richtig gut ausgeführt aus. Teilweise elegant. Und das schaffte zusätzlich Spannung. Man fieberte doch förmlich mit, ob die Wende gelingt oder nicht. So muss doch Sport sein. Ganz tolle Übertragungen und das Finale genau rechtzeitig (16.00h) zum medienfreiem Familienkaffee beendet.

    Hier die korrekten Daten des Neuseeländers. Kiwis werden nicht gerne mit Aussies verwechselt:
    Phil Robertson (NZL) Waka Racing
    Nationality: Kiwi (New Zealander)
    Residence: Auckland, New Zealand
    Date of Birth: 1987-05-13

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    • avatar Andreas Borrink sagt:

      War mir doch auch so, als wäre der Robertson ein Kiwi……..so what, der liest bestimmt nicht den SegelReporter und mit einer Mio auf dem Konto kann ihm das nun auch egal sein.

      Hinsichtlich der Wenden gebe ich Dir Recht; der Anspruch, das Timing zu treffen ist groß und auf der linke Kursseite war das eben schwer. Ich bin überzeugt, dass die guten Crews das bald noch besser beherrschen werden. Bei Regatten unter derartigen Bedingungen ist Erfahrung eben noch Mangelware. Konnte an auch gut daran sehen, wie unterschiedlich downwind die Foils gefahren wurden. Da ist noch viel Lust nach oben.

      Toll, wie offensichtlich unbekümmert der Robrtson das gerissen hat; Canfild wirkte ervös und stand offenbar unter hohem Druck.

      Und spannend war’s, bis zuletzt. Aber das erschliesst sich wohl nicht jedem…….Und Punkt 16:00 war Schluss, der Familienfrieden war gesichert.

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      • avatar Andreas Borrink sagt:

        Ey, Fakt…..wo bist Du? Freue mich auf Deine kompetenten Statements!

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        • avatar Fakt sagt:

          Mich hat die Veranstaltung ohne deutsche Beteiligung einfach nicht gereizt. Alle 3 bis 4 Jahre ein AC, dem man entgegenfiebern konnte, war OK. Inzwischen hat die Anzahl der Cups inflationäre Ausmasse angenommen und mein persönliches Interesse sinkt.

          Des weiteren sind die Kat-Rennen ja eher auf den amerikanischen Zuschauergeschmack zugeschnitten: Hohe Geschwindigkeit im Kreis herum, wie bei der Indycar-Serie. Die Feinheiten, wie z.B. die Überholmanöver oder auch die Taktik kommen dabei zu kurz.
          Mein Geschmack sind eher die J/70 Regatten, die ich mir übrigens auch als Olympische Segeldisziplin vorstellen könnte.

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      Hi Manfred, bei den Wenden geht es darum, dass sie im Vergleich zum Speed so lange dauern, dass eine zusätzliche Wende automatisch einen Rückstand bedeutet. Somit entfällt die Möglichkeit, sich durch geschickt ausgenutzte Winddreher einen Vorteil zu verschaffen. Und darum geht es doch eigentlich beim Rennsegeln. Das richtige Lesen des Windes macht eigentlich die Spannung aus. Die M32 müssen aber zu den Spielfeldgrenzen segeln und hoffen, dass es die richtige Seite ist.
      Dass die verkorksten Wenden beim Finale eine große Rolle spielten war natürlich spannend.Es dürfte aber auf Dauer nicht so bleiben, wenn sich die Teams länger mit den Kats beschäftigen. Wenn beim Cup dann hoffentlich auch stabil durch die Wenden gefoilt wird, wie es viele Moth-Segler schon jetzt hinbekommen, erhöhen sich die Optionen, auf Windschwankungen eingehen zu können, und es wird noch spannender.
      p.s. den kiwi habe ich natürlich verwechselt. edit

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  2. avatar Flo sagt:

    “Die favorisierten Amerikaner konnten zunächst mit 1:0 in Führung gehen. In der zweiten Begegnung profitierte Robertsons bereits zurückliegendes Team von einem Winddreher und konnte die Partie noch drehen. Anschließend kam es in dem ‘Best of three’-Duell zum Showdown.”

    Die Damen und Herren von der Yacht haben den ersten Crash nicht mitbekommen…

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