Stefan Mauer hat schon kundig und amüsant auf SegelReporter berichtet. Es ging per Kielzugvogel nach Vlieland, zum Männertörn vor Neustadt, und schließlich mehrfach mit dem Jollenkreuzer durch das Wattenmeer. Nun berichtet er über die Kanalinseln (Teil I) und hier vom Trockenfallen vor der berühmten Abtei Le Mont-Saint-Michel.

Am nächsten Morgen starten wir noch vor Morgengrauen Richtung Guernsey. Wir wollen die Umrundung der Insel durch „The Swinge“ vollenden, der Enge zwischen Alderney und dem benachbarten Felshaufen Burhou. Auf der Karte sind hier tatsächlich Strudelsymbole eingezeichnet, und die Logge zeigt warum: bei max. 1-2 Knoten Wind weist sie über 6 Knoten über Grund aus. Als das Wasser zu brodeln scheint und man tatsächlich Strudel mit Schaumkronen sehen kann, geht es in der Spitze mit 7,8 Knoten voran. Nicht auszudenken, was hier bei Starkwind gegen Strom abgeht. Laut Handbuch läuft die Tide bei großen Koeffizienten mit über 9 Knoten durch Swinge und Alderney Race – diese Konstellationen muss man auf jeden Fall vermeiden.
Grund für diese unglaubliche Strömung ist die Kombination aus Engstelle und Unterwasserprofil, die auf engstem Raum zu extrem unterschiedlichen Wasserständen sorgen. Am nur rund 7 Seemeilen entfernten französischen Festland ist am Kap von La Hague die Flut 2m höher und 30min früher als im 14 Meilen entfernten Cherbourg. Zum Vergleich: in Cuxhaven erreicht die Flut ihren Höchststand rund 1,5 Stunden später als im 35 SM entfernten Helgoland – bei ähnlichem Tidenhub. Während wir das Spektakel an diesem ruhigen Tag genießen, brauchen wir nicht viel Fantasie, um uns die Overfalls vorzustellen, vor deren Gefahr das Handbuch ausdrücklich warnt. Heute gibt es keinen Grund zur Sorge: Nach dem Naturschauspiel im Wasser läutet ein malerischer Sonnenaufgang einen weiteren Traumtag ein.

Nach 30 Seemeilen steuern wir zunächst eine Ankerbucht an der Süd-Ost-Spitze von Guernsey an. Dafür lassen wir Herm sausen, die kleinste der fünf Kanalinseln, deren weißer Sandstrand zwar nach Trockenfallen schreit, uns aber wegen ungünstiger Tide zu viel Zeit kosten würde. Die Bucht entschädigt uns prächtig: felsige Ufer, von Sandbuchten unterbrochene Steilküsten mit grün bewachsenen Plateaus erinnern an Neuseeland. Wir gehen baden, lassen es uns im Cockpit gut gehen und warten, bis die Flut einsetzt, mit der wir wieder ein Stück nordwärts segeln und in den Hafen von St. Peter Port einlaufen.
Auch dieser Hafen hat eine Barriere, die verhindert, dass er bei Niedrigwasser trockenfällt. Um am nächsten Morgen früher loszukönnen, machen wir diesseits des Sills an einer Django 750 fest. Der nette Skipper freut sich scherzhaft, endlich mal ein kleineres Boot als sein eigenes zu treffen, schließlich trennen uns rund 25cm Wasserlinie. Tatsächlich sind wir bisher immer das kleinste Boot gewesen. Wir tauschen uns aus, bis seine Frau zum Essen ruft und wir Guernsey erkunden. Der große Hafen, das über seinen Eingang wachende mächtige Cornet Castle und die vergleichsweise mondäne Bebauung von St. Peter-Port lassen die Insel größer erscheinen als sie ist: als zweitgrößte Kanalinsel umfasst sie mit rund 60km² nur die Hälfte von Jersey.

Wir flanieren von der Hafenpromenade bergauf an Zweigstellen sämtlicher renommierter Kreditinstitute und Banken vorbei und werden daran erinnert, dass alle Kanalinseln aufgrund niedriger Steuern und hoher Vertraulichkeit bis vor ein paar Jahren der Deutschen liebste Steueroasen waren. Bis zur Einführung von Transparenzgesetzen, Meldepflichten und internationalem Informationsaustausch wurde hier weit mehr Geld geparkt als in der Schweiz oder in Luxemburg. Einheimisches finden wir auch auf der Suche nach Abendessen nicht und müssen mit dem schlechtesten Futter der ganzen Tour vorliebnehmen, bevor wir am nächsten Morgen in aller Frühe Guernsey den Rücken kehren, um nach Minquiers zu segeln.
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