Bayesian, Kroatien, Bodensee – sobald ein schwerer Seeunfall passiert, dauert es nicht lange, bis Segler das Verhalten der betroffenen Segler bewerten. Oft ohne jegliches Hintergrundwissen, und sehr oft sind die Schuldigen schnell ausgemacht. Warum urteilen ausgerechnet Segler so schnell über andere Segler? Die Antwort ist versöhnlich.
Die Antworten unter entsprechenden Beiträgen ähneln sich verblüffend. „Die hätten doch einfach ausweichen können.“ „Motor an und weg.“ „Wahrscheinlich völlig unerfahren.“ Oder besonders geschmacklos: „Jetzt sind sie tot, weil sie auf ihrem Recht bestanden haben.“
Dabei weiß in den ersten Stunden nach einem Unfall praktisch niemand, was tatsächlich passiert ist. Auch im Fall in Kroatien war das so, bei dem vier Segler starben, als eine Fähre die Yacht von hinten mit hoher Geschwindigkeit überfuhr. Trotzdem wurden aus Vermutungen schnell Tatsachen. Plötzlich hieß es irgendwo im Internet, niemand an Bord habe einen Führerschein gehabt. Tatsächlich ging es nach bisherigem Kenntnisstand darum, dass der Rudergänger keinen Bootsführerschein besaß, der verantwortliche Skipper aber sehr wohl. Aus einer Information wurde eine Geschichte, und aus der Geschichte wurde für viele die Wahrheit. Stille Post.
Auch nach dem Untergang der Bayesian dauerte es kaum ein paar Stunden, bis der Schuldige gefunden wurde: der Kapitän, der einfach keine Ahnung hatte. Zwar stellt sich das nach der ersten Untersuchung der MAIB anders dar und die Stabilität des Schiffes, beziehungsweise die zu wenig davon vorhandene, ist das problem, aber diese Meinung hält sich noch immer hartnäckig.
Bei vielen Kommentaren denke ich: „Hättest Du vorm Schreiben mal nachgelesen, was eigentlich passiert ist. Zur Einordnung des folgenden Kommentars und dem „weiche ich zu seinem Heck aus“: Die Schnellfähre in Kroatien kam mit über 30 Knoten von hinten, befand sich auf nahezu identischem Kurs. Da „zum Heck“ auszuweichen, das soll mir mal einer zeigen.
„Wenn ich als Sportbootskipper ein Berufsschiff sehe, weiche ich frühzeitig zu seinem Heck aus, egal ob ich Vorrecht habe oder nicht. Ist Überlebensinstinkt.“
Mich beschäftigt weniger, dass solche Kommentare überhaupt geschrieben werden. Mich beschäftigt vielmehr, warum sie so häufig von Seglern kommen. Gerade sie müssten doch wissen, wie schnell auf See aus einer harmlosen Situation eine komplizierte werden kann. Jeder, der lange genug unterwegs ist, kennt Momente, in denen Entscheidungen innerhalb weniger Sekunden getroffen werden müssen und längst nicht jede Möglichkeit noch zur Verfügung steht. Jeder Segler sollte eigentlich wissen, dass es zu einer Situation immer viele Faktoren braucht, selten etwas für andere von außen schnell ersichtlich ist.


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