Alinghi ist zurück: Wie sich das Team neu aufstellt, was es erreichen will

Schweizer Garde

Ernesto Bertarellis Motivation, beim vergangenen America’s Cup in Barcelona anzutreten, war die Entwicklung einer neuen Schweizer Alinghi-Garde. Davon hat er sich nun aber verabschiedet. Wer sein neues Team anführt.

Die ersten Sechs für Alinghi. © Samo Vidic/Tudor Team Alinghi

Kommt er zurück, kommt er nicht? Das Spielchen zog sich über Monate. Möglicherweise genoss es Ernesto Bertarelli, für einen gewissen Zeitraum der wichtigste Mann im America’s Cup zu sein. Erst setzten seine Kritik und der Verzicht auf die Teilnahme die Macher unter Druck, dann kam er doch wieder zurück und rettete damit in gewisser Weise den Cup.

Eine sportlich durchdachte Entscheidung scheint das nicht zu sein. Zwar war der Schweizer angetreten, um mit Red Bull als Partner langfristig wieder mitzumachen und vermutlich zwei Zyklen zu bestreiten, aber nach dem Misserfolg in Barcelona brach die Beziehung auseinander. Nun ist Alinghi erneut so spät dran, dass kaum noch Zeit bleibt, ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen.

Alinghi beim AC40 Training vor seiner Basis in Barcelona. © Tudor Team Alinghi/ Samo Vidic

Knapp einen Monat vor dem ersten AC40-Event in Sardinien ist nun aber klar, dass sich Bertarelli von der ursprünglichen Entscheidung, eine neue junge Generation Schweizer Profisegler zu entwickeln, verabschiedet hat. Denn die sechs Segler, die Alinghi der Öffentlichkeit für die erste Regatta vorstellt, sind eine echte Söldner-Truppe.

Teamdirektor David Endean hatte noch vor wenigen Wochen in einem Interview mit Sailorz darauf hingewiesen, nichts überstürzen zu wollen: „Wir wissen, dass wir sehr spät dran sind. Wir müssen wirklich vorsichtig sein, kluge Entscheidungen zu treffen und die Kerngruppe von Leuten aufzubauen, mit der wir vorankommen können.“

Die SUI-Segler bei ihren SailGP Teams

SeglerSailGP-TeamRolle
Paul Goodison GBRBrazil SailGP TeamTaktiker (on board)
Pietro Sibello ITABrazil SailGP TeamWing Trimmer
Phil Robertson NZLItaly SailGP TeamDriver / Skipper
Jason Waterhouse AUSAustralia SailGP TeamFlight Controller
Nicolas Rolaz SUICanada SailGP TeamReserve Sailor
Nathalie Brugger SUI

Das Team ist nun in kürzester Zeit auf 50 Mitglieder angewachsen. Dabei war es nicht leicht, noch Spezialisten zu rekrutieren, die nicht schon von der Konkurrenz beschäftigt wurden. Endean sagt: „Das Boot hat während der letzten Saison ziemlich schwere Schäden davongetragen. Das Boot wurde zwar repariert, aber wir müssen nun prüfen, wie es strukturell um alles steht. Wir müssen das Boot also testen, ähnlich wie damals, als es neu gebaut wurde. Wir müssen unser Mastprogramm noch einmal überprüfen und herausfinden, wie es damit weitergeht, ebenso wie bei den Anhängen.“

Beim Segelteam ist nun klar, dass die beiden Steuerleute von 2024 wohl keine neue Chance erhalten werden. Maxime Bachelin ist seitdem in der Welt des Profisegelns nicht mehr aufgetaucht, hat aber zuletzt bei der Eissegel-WM im DN-Schlitten die Silberflotte gewonnen. Und Arnaud Psarofaghis ist zwar immer noch beim Schweizer SailGP-Team als Wing Trimmer aktiv, liegt aber in der Saison abgeschlagen auf dem letzten Platz. Das Duo war in Barcelona eines der schwächsten in der Startbox.

Paul Goodison, der neue starke Mann bei Alinghi. © Samo Vidic/Tudor Team Alinghi

Endean sagte dazu: „Wir überprüfen das gesamte Team … wir haben mit mehreren Teammitgliedern aus der letzten Saison gesprochen. Nicolas Rolaz ist zu uns gestoßen. Wir nutzen die Gelegenheit auch, um zu prüfen, welche internationalen Segler wir gewinnen könnten.“

Nicolas Rolaz © Tudor Team Alinghi/ Samo Vidic

So ist es nun auch gekommen. Nicolas Rolaz, ehemaliger Optimist- und U21-ILCA7-Weltmeister, ist noch als Schweiz-Repräsentant dabei, ebenso wie Nathalie Brugger, die dreimalige Olympionikin (ILCA6 und Nacra17) sowie AC40-Steuerfrau beim Women’s America’s Cup 2024 für Alinghi. Das war es aber auch schon aus Schweizer Sicht.

Diesmal wird Alinghi von einem internationalen Ansatz geprägt – vielleicht so, wie Bertarelli damals in Neuseeland mit einem Kiwi-Team inklusive Jochen Schümann den Cup aus Auckland entführte. Jedenfalls steht nun Paul Goodison als Skipper und Steuermann im Zentrum des Segelteams – der Brite, der sich als Steuermann von American Magic neben Tom Slingsby so unglücklich vor den wichtigen Rennen in Barcelona verletzte.

Phil Robertson © Tudor Team Alinghi/ Samo Vidic

Der Olympiasieger im Laser und Taktiker beim Brazil SailGP Team wird vom Neuseeländer Phil Robertson am Lenker unterstützt, der beim Italy SailGP Team das Steuer übernommen hat und als ehemaliger Match-Race-Weltmeister für den America’s Cup eine noch größere Relevanz haben sollte. Robertson hat Alinghi schon beim vergangenen Cup als Coach begleitet.

Die starke Präsenz von SailGP-Seglern ist wie auch bei den gegnerischen Teams auffällig – ein Trend, den Endean selbst ausdrücklich unterstreicht: „Das Segeln und die Rennen, die der SailGP den Seglern bietet, sind derzeit die besten, die es gibt – sie sind einfach unübertroffen.“ Entsprechend wichtig sei es, dass die Athleten dort weiter Rennen fahren, um unter Druck Entscheidungen zu trainieren und das Foiling-Handwerk zu perfektionieren.

Nicolas Rolaz © Tudor Team Alinghi/ Samo Vidic

Mit Pietro Sibello (Wing Trimmer im Brazil SailGP Team, ex Alinghi Coach) und Jason Waterhouse (Flight Controller im Australia SailGP Team) kommen zwei weitere Spezialisten aus dieser Liga. Auch Nicolas Rolaz arbeitet noch als Reservist beim kanadischen SailGP-Team. Anders als den konkurrierenden AC-Teams gelingt es Alinghi allerdings nicht, eine echte Partnerschaft mit dem heimischen SUI SailGP Team zu knüpfen. Man ist sich nicht grün.

Auch deshalb muss der Teamdirektor vielleicht die Erwartungen dämpfen: „Aus unserer derzeitigen Position heraus glaube ich nicht, dass wir in einem Jahr … so konkurrenzfähig sein werden, wie wir es gerne wären.“ Man fühle sich „ein bisschen wie der Außenseiter“.

Zusammenarbeit mit Ainslie

Der AC75 des Teams befindet sich derzeit in Genua, Italien, wo er an die neuen Spezifikationen für den 38. Louis Vuitton America’s Cup angepasst wird. Das Schweizer Team hat eine Zusammenarbeit mit dem Challenger of Record, GB1, begonnen, wie es das Protokoll zulässt. Endean sagte dazu: „Ja, wir arbeiten mit ihnen zusammen. Die Beziehung befindet sich noch in einem frühen Stadium. Die Änderungen im Protokoll erlauben nun den Austausch von Informationen … und angesichts der Budgetobergrenzen und der Ausgangslage hatten wir irgendwie das Gefühl, dass wir Partner finden mussten, und die Zusammenarbeit mit GB1 schien naheliegend: Wir arbeiten mit ihnen zusammen, sie können einige unserer Leute und einige unserer Design-Tools aus der letzten Kampagne nutzen, und wir können von einigen ihrer Designelemente profitieren.“

© Samo Vidic/Tudor Team Alinghi

Endean fährt fort: „Ich denke, es gibt Möglichkeiten, dies noch weiter auszubauen, wenn die Teams dazu bereit sind. Es ist sicherlich ein ganz anderes Gefühl, sich mit einem Cup-Team an einen Tisch setzen und solche Dinge austauschen zu können. Ich weiß, dass Emirates Team New Zealand dies mit dem französischen Team tut und wahrscheinlich mittlerweile auch mit den Australiern. Aber es erfordert viel, um die Leute dazu zu bewegen, ihre Bücher offenzulegen und Informationen zu teilen. Es ist also nicht einfach, aber ich denke, die Bereitschaft beider Seiten ist wichtig. Das Potenzial ist groß, insbesondere was Kosteneinsparungen angeht.“

Das Tudor Team Alinghi rechnet damit, dass seine AC75 gegen Ende des Jahres einsatzbereit sein wird, bevor Anfang 2027 in Neapel ein intensives Training beginnt, um sich auf den 38. Louis Vuitton America’s Cup vorzubereiten.

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