Karriereende für DSV-Hoffnung: „Wer bin ich überhaupt?“ – Starke Trainingsgruppe schrumpft

„Ausgebrannt“

Nach dem starken Comeback von Philipp Buhl beendet ein potenzieller Nachfolger im ILCA7 seine Karriere im Alter von 24 Jahren. Der Berliner Justin Barth war Mitglied des DSV-Perspektivkaders. Seine Erklärung gewährt tiefe Einblicke in die Belastungen eines ILCA-Leistungssportlers.

Die Nachricht kam für viele Insider überraschend. Während die Trainingspartner im ILCA7 bei der Kieler Woche um aussichtsreiche Ergebnisse kämpfen, befindet sich Justin Barth, einer der aussichtsreichsten deutschen ILCA-7-Segler, zu Hause in Berlin. Er hat seine aktive Leistungssportkarriere vorerst beendet. In einem emotionalen Video gibt er bekannt, dass er mindestens für die nächsten Jahre keine Wettkämpfe bestreiten und sich aus dem Trainingsbetrieb am Olympiastützpunkt zurückziehen werde.

 

 
 
 
 
 
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Dabei betont Barth ausdrücklich, dass es sich nicht zwingend um einen endgültigen Abschied handelt. „Es ist nicht unbedingt etwas Endgültiges“, sagt er. Für die kommenden Jahre sei jedoch klar, dass er sich vom Leistungssport lösen und herausfinden wolle, „was mir im Leben Spaß macht“.

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Noch vor wenigen Wochen sei für ihn klar gewesen, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Selbst das Ausscheiden aus dem Perspektivkader des Deutschen Segler-Verbands änderte daran zunächst nichts. Schließlich zeigte er beim Sailing Grand Slam in Palma mit Platz 16 im Feld von 197 Booten eine aussichtsreiche Leistung. So habe die negative Entscheidung des Verbands zwar vor allem finanzielle Auswirkungen gehabt, aber er durfte weiterhin mittrainieren und seinen Kurs Richtung Weltmeisterschaft im August in Irland unverändert fortsetzen.

Justin Barth
Starke Vorwind-Technik beim Grand Slam in Palma 2026. © Sailing Energy / Princesa Sofía Mallorca

Der eigentliche Wendepunkt kam erst nach der Europameisterschaft, die er auf Platz 32 direkt hinter Schweckendiek und Willim beendete und mit einem starken zweiten Platz im letzten Gold-Fleet-Rennen abschloss. Nach zwei Wochen Pause stieg Barth wieder ins Boot – und erlebte etwas, das ihn selbst überraschte. „Plötzlich schrie alles in meinem Körper danach, dass ich das so nicht mehr machen möchte“, beschreibt er die Situation. Das habe sowohl körperliche als auch mentale Gründe gehabt.

Über zehn Jahre lang war die Olympiakampagne sein Lebensmittelpunkt. Sie war der Grund für seinen Umzug nach Kiel, bestimmte seine Tagesabläufe und seine Zukunftspläne. Studium, Alltag und persönliche Entscheidungen ordneten sich dem großen Ziel unter. Umso erschreckender sei für ihn gewesen, plötzlich festzustellen, dass das innere Feuer verschwunden war.

Justin Barth
Justin Barth © Felix Diemer | DSV

„Dieses Boot und dieses Ziel waren über zehn Jahre mein Antrieb“, sagt Barth. Gerade deshalb habe ihn das Gefühl auf dem Wasser so verunsichert. Zahlreiche Gespräche mit Trainern, Freunden und Wegbegleitern hätten ihn schließlich zu der Erkenntnis gebracht, dass er Abstand brauche – nicht nur vom Segeln, sondern vom gesamten System des olympischen Leistungssports.

Dabei spielt auch die körperliche Belastung eine wichtige Rolle. Barth berichtet von zwei Bandscheibenvorfällen, die er sich im Verlauf seiner Segelkarriere zugezogen habe, und zuletzt einer Achillessehnenentzündung. Hinzu kamen weitere gesundheitliche Probleme in dieser Saison. Gleichzeitig habe er bereits seit längerem mit mentalen Belastungen zu kämpfen gehabt.

Er spricht auch das Thema Leistungsdruck an und beschreibt einen langen Prozess, in dem er mit Sportpsychologie, Visualisierung und intensivem Training daran gearbeitet habe, den Anforderungen des Spitzensports gerecht zu werden. Zwar habe ihn dieser Weg stärker gemacht, dennoch sei zunehmend das Gefühl entstanden, ausgebrannt zu sein.

Justin Barth
Barth im Ausreitmodus bei den Volvo Olympic Days in Aarhus. © Peter Brogger

Die Entscheidung sei deshalb nicht aus einer sportlichen Enttäuschung heraus gefallen. Die Ergebnisse der Europameisterschaft hätten keinen Einfluss auf seinen Entschluss gehabt. Vielmehr sei es die Summe vieler Faktoren gewesen, die sich über Jahre aufgebaut hätten. Bereits seit der Weltmeisterschaft in Australien vor zwei Jahren habe er sich im bestehenden System nicht mehr vollständig wohlgefühlt.

Besonders nachdenklich stimmen Barths Aussagen über die persönliche Bilanz des Leistungssports. Er sei überzeugt gewesen, den Sprung weiter Richtung Weltspitze schaffen zu können. Gleichzeitig habe sich für ihn das Verhältnis zwischen Aufwand und persönlichem Gewinn immer weiter verschoben.

„Für mich hatte sich die Gleichung zwischen Input und dem, was ich persönlich daraus bekomme, verändert“, erklärt er. Letztlich gehe es bei einer Olympiakampagne nicht nur um Ergebnisse, sondern auch um Spaß, Leidenschaft und persönliche Erfüllung. Genau diese Elemente habe er zunehmend vermisst. Das Studium habe zwar auch Priorität – Masterstudent, Wirtschaftsingenieurswesen Materialwissenschaften in Kiel – aber „jetzt muss ich erstmal überlegen, wer bin ich überhaupt, was mache ich jetzt mit meiner Zeit und wo will ich hin?“

Justin Barth
Phillip Buhl und Justin Barth feiern den gemeinsamen Sieg bei der Meisterschaft der Meister 2026. © HSC

Trotz des Rückzugs blickt Barth keineswegs verbittert zurück. Im Gegenteil. Er spricht mehrfach davon, wie dankbar er für die Unterstützung von Familie, Freunden, Trainern und Vereinskameraden sei. Besonders wichtig sei ihm gewesen, dass sein Umfeld die Entscheidung nicht als Scheitern interpretiere. Im olympischen Leistungssport werde häufig nur zwischen Erfolg und Misserfolg unterschieden. Wer Olympia erreiche, habe es geschafft. Wer vorher aufhöre, gelte schnell als gescheitert. Dieser Sichtweise widerspricht Barth ausdrücklich. 

Ganz verabschieden will er sich vom Segelsport allerdings nicht. Vielmehr deutet er an, seine Erfahrungen künftig auf andere Weise einbringen zu wollen. Sein Ziel könne es sein, jungen Seglern zu helfen und Strukturen zu schaffen, die nachhaltiger seien und dem hohen Leistungsdruck im olympischen System etwas entgegensetzen könnten.

Justin Barth
Barth hängt mit Buhl im VX One auf der Alster. © HSC

„Ich werde dem Ziel Olympia trotzdem verbunden bleiben – vielleicht nicht als Athlet, sondern indem ich mich an die Menschen wende, die mich unterstützt haben, und versuche, etwas für die Zukunft und den Nachwuchs aufzubauen. Vielleicht auch als ein Gegenmodell zu dem starken Leistungsdruck im aktuellen System des Deutschen Segler-Verbands.“

Mit Justin Barth verabschiedet sich damit ein zweiter deutscher Nachwuchssegler aus dem starken Junioren-Jahrgang, der international für Aufsehen sorgte. Ende 2025 warf Nico Naujock im gleichen Alter das Handtuch wie Barth. Der Berliner segelte insbesondere bei Starkwind auf höchstem internationalen Niveau und wurde 2024 bester Deutscher bei der EM in Griechenland (18.).

Beide sorgten dafür, dass die deutsche Trainingsgruppe höchste Qualität erreichte. Nun sind von den sechs deutschen ILCA7-Seglern, die bei der EM in der Gold-Flotte segelten, in Kiel nur noch vier am Start. Denn auch Julian Hoffmann, zweitbester Deutscher bei der EM hinter Buhl (16.), sieht sich nach einer Alternative um und sucht nach neuen Impulsen. Er macht bei der Kieler Woche mit Olympia-Bronze-Gewinnerin Alica Stuhlemmer seine ersten Gehversuche als Steuermann im Nacra17. Kaum ein Schritt dürfte größer sein als der vom vergleichbar langsamen ILCA7 zum schnellen Foiler mit Trapez. In bisher sieben Rennen gelangen im 21-Boote-Feld immerhin schon zwei Topfen-Plätze.

Hoffmann segelt aber auch schon sehr erfolgreich in der Switch-Klasse, eine Art Onedesign-Moth, die für viele als möglicher Ersatz für die überteuerte Nacra17-Klasse bei den Olympischen Spielen 2032 gilt. Er wurde im September bei den Switch Global Championships auf dem Gardasee starker Zweiter im Feld von 57 Booten, vor Philipp Buhl (11.) oder America’s Cup Legende Francesco Bruni (13.) 

Ein Kommentar zu „Karriereende für DSV-Hoffnung: „Wer bin ich überhaupt?“ – Starke Trainingsgruppe schrumpft“

  1. jorgo

    sagt:

    Kommt mir sehr bekannt vor.
    Ging mir mit 23 haargenauso. Die selben Fragen – das selbe Gefühl. Bin aus freien Stücken trotz seglerisch bester Perspektive aus der DSV Mannschaft ausgestiegen. Meine Regattapause dauerte dann 12 Jahre lang. Irgendwann fing es dann wieder an zu „jucken“.

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