Nach seinem starken zweiten Platz bei der Europameisterschaft im ILCA 7 meldet sich Ausnahme-Segler Philipp Buhl eindrucksvoll zurück. Im aktuellen Podcast-Spezial spricht das Gesicht des deutschen olympischen Segelsports gewohnt ehrlich über den harten Kampf um den Olympia-Kaderstatus, die Suche nach neuen sportlichen Impulsen und die harten finanziellen Realitäten einer olympischen Kampagne auf dem Weg nach Los Angeles 2028.

Hinweis: Dieser Artikel ist ein Transkript unseres Podcast-Gesprächs mit Philipp. Hier gehts zur Episode
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Stephan Boden: Der 15. Juni 2026. Wir sind zurück, heute mit einer Spezialfolge. Ihr werdet gleich sehen, was ich damit meine. Aber zuerst begrüße ich tief im Süden den „PodCarsten“ in Hamburg. Hallo, Carsten!
Carsten Kemmling: Tief im Süden, ja. Hallo.
Stephan Boden: Ja, von hier aus gesehen.
Carsten Kemmling: Ja, ich habe gerade gedacht, du moderierst jetzt Philipp an, weil du denkst, er sitzt in Bayern. Aber er sitzt bei dir um die Ecke.
Stephan Boden: Jetzt machst du mir schön meine Moderation kaputt.
Carsten Kemmling: Ja.
Stephan Boden: Super. Willst du weitermachen? Und dann haben wir heute einen Gast. Deshalb eine sehr spezielle Folge, auf die wir uns sehr gefreut haben. Schön, dass es heute klappt: Philipp Buhl ist zum Gespräch da. Hallo Philipp!
Philipp Buhl: Hallo, ihr zwei.
Stephan Boden: Philipp, ich wollte dir schon eine Rechnung schicken. Ich bin ja Freiberufler und rechne nach Tagen oder Stunden ab. Du bist der Segler, wegen dem ich vor Kurzem echt ein paar Tage auf den Tracker geklickt habe – das war vor ein paar Wochen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht, das letzte Mal beim America’s Cup. Weil ich die Europameisterschaft echt verfolgt habe und mich riesig gefreut habe. Ich glaube, alle haben sich gefreut, dass du da den zweiten Platz gemacht hast. Da wollen wir heute Abend mal drüber sprechen: was davor war, was das für Auswirkungen hat und überhaupt. Aber erst mal schön, dass du da bist. Du bist in Kiel?
Philipp Buhl: Ja, genau. Ich sitze im Büro hier neben Olli. Genau.
Stephan Boden: Bereitest du dich schon auf die Kieler Woche vor, trainierst du schon, oder was machst du im Moment?
Philipp Buhl: Ich würde eher sagen, ich bereite mich auf die WM vor. Die ist nämlich im August. Aber die Kieler Woche steht natürlich auch auf dem Vorbereitungsplan. Die Besetzung ist in diesem Jahr für uns international nicht ganz so stark, deshalb ist es eher für ein gutes Training gut, aber kein richtiger Maßstabswettkampf. Aber ja, Kieler Woche Vorbereitung.
Stephan Boden: Vorbereitungen habe ich auch gemacht. Ich habe gesehen, Carsten und du, ihr habt euch schon öfter mal gegenseitig… also Carsten hat dich schon öfter interviewt.
Carsten Kemmling: Ja, ein paar Mal.
Stephan Boden: Ich glaube beim Segelreporter vor 16 Jahren. Kann das sein? Ja, gleich zu Anfang. Ich habe heute so ganz alte Aufnahmen gefunden.
Carsten Kemmling: Ach, krass. Echt? Witzig.
Stephan Boden: Ja, aber es ist auch kein… Ich habe mich ein bisschen gewundert bzw. mich gefragt: Wie viele Olympiaden hast du jetzt hinter dir? Du hast drei Teilnahmen und bist jetzt beim Versuch, die vierte zu machen? Oder waren es bislang vier Versuche?
Philipp Buhl: Drei Olympische Spiele, also drei Teilnahmen. Die Olympiade ist ja immer der Zyklus. Der erste Zyklus, bei dem am Ende Simon Grotelüschen für die Olympischen Spiele 2012 gefahren ist, war ja schon eine seriöse Kampagne mit durchaus einer Chance. Also sind es vier Olympiaden, das hier ist jetzt die fünfte. Dreimal war ich am Start.

Stephan Boden: Okay. Und deshalb war jetzt auch die EM so wichtig für dich. Erklär mal kurz, warum dieser zweite Platz mehr ist als nur… also sowieso Hut ab für den zweiten Platz bei der EM. Das ist, glaube ich, dein zweiter zweiter Platz bei Europameisterschaften, einmal hast du schon den ersten gemacht, einmal einen dritten. Weltmeister bist du auch. Aber der zweite Platz jetzt bei der EM – Chapeau! Das hat ja für dich eine größere Bedeutung, als – nicht falsch verstehen – „nur“ Zweiter bei der Europameisterschaft zu sein. Erklär mal, was daran so wichtig war.
Philipp Buhl: Für mich ist es deshalb so wichtig gewesen, weil da eine menge auf dem Spiel stand: einfach meine Karriere. Da bin ich mir sicher, meine olympische Sportsegelkarriere kann nicht mehr lange dauern. Das ist eine Frage von maximal drei Jahren, jetzt noch bis 2028. Ich habe mir die Frage schon öfter gestellt und mir öfter gesagt: „Nein, ich mache, glaube ich, doch noch mal einen Zyklus weiter.“ Aber diesmal bin ich mir wirklich sicher, dass das maximal bis Los Angeles geht. Und wenn ich davor schon die Olympiaausscheidung nicht schaffe, dann geht das eben nur bis nächstes Jahr. Wenn ich das jetzt mit der Meisterschaft nicht geschafft hätte, dann wäre mir mit der Bundeswehrförderung, in der ich ja auch schon einige Jahre drin bin – ein ganz massiver finanzieller Support –, die Unterstützung weggefallen. Und da ich mir extrem schwertue, Unterstützer für diese fünfte Olympiade beziehungsweise die vierte Teilnahme zu finden – das ist alles andere als ein Selbstläufer –, wäre das ziemlich signifikant gewesen. Dann hätte ich auch nicht gewusst, wie weit das noch gegangen wäre.
Stephan Boden: Wie muss man sich das vorstellen? Wenn du jetzt dort nicht Zweiter oder Dritter geworden wärst, oder nicht unter den Top Ten gelandet wärst – es kann ja immer was passieren, Material geht kaputt oder der Wind passt nicht zu deinen Bedingungen –, hättest du dann gesagt: „Gut, dann war’s das“? Oder was wäre dann passiert?
Philipp Buhl: Wahrscheinlich nicht sofort. Für mich war eigentlich klar, ich werde die Meisterschaft in Split in Kroatien als Zwischenstation sehen. Ich habe in dieser Bootsklasse 2001 begonnen, damals noch Laser Radial, und seit 2006, also vor zwanzig Jahren, bin ich Laser Standard gesegelt, das heutige ILCA 7. Das ist ja schon eine ewige Zeit. In dieser Zeit war ich auch schon ein paar Mal in Split und kenne das Revier. Ich weiß, dass es dort, wie beispielsweise bei der Europameisterschaft 2014, einfach auch mal schwierig sein kann – schwierig mit schlechtem, verrücktem, manchmal sagen wir auch „schweinischem“ Wind oder einfach gar keinem Wind. Damals hatten wir, glaube ich, nur sieben oder sogar nur sechs Wettfahrten geschafft. Ich wusste schon beim Hinfahren, dass das Ziel, in die Top Drei zu fahren, ziemlich ambitioniert ist. Ich fand es fast ein bisschen zu ambitioniert und fast schon unfair.
Dazu kommt, dass es ein Revier ist, wo halt noch mal so eine „schweinische“ Woche passieren kann. Deshalb habe ich von vornherein gesagt, es ist eigentlich nicht ausgeschlossen, aber eher unrealistisch. Am Ende hatten wir zum Glück einen für mich ganz gut passenden, fairen Wind und viele Wettfahrten. Deshalb ist es umso schöner, dass das geklappt hat. Über den zweiten Platz habe ich mich extrem gefreut, das hat mich erst mal einiges entlastet. Aber hätte ich es jetzt nicht geschafft – womit ich eigentlich eher kalkuliert hatte –, wäre mein Weg bis zur Weltmeisterschaft im August trotzdem geplant gewesen. Jetzt habe ich erst mal dafür gesorgt, dass ich für die zweite Jahreshälfte noch die Bundeswehrförderung bekomme, vielleicht noch ein paar Reisekosten und gegebenenfalls zusätzlichen Support. Das muss zwar noch mal ausgesprochen werden, aber jedenfalls ist die zweite Jahreshälfte mit der Bundeswehr gesichert. Alles, was fürs nächste Jahr passiert, is wieder eine neue Sache. Da geht es mir so wie jedem anderen Segler auch: Da zählt die Weltmeisterschaft im August, und dort ist das Kriterium Platz eins bis acht. Wenn ich dort nicht in die Top Acht fahre, dann wird es mit dem Kader möglicherweise schwierig. Und die Bundeswehrförderung hängt am Kaderstatus, somit hängt sehr viel an einem guten Ergebnis bei der Weltmeisterschaft für das nächste Jahr.

Die Phase nach Marseille
Carsten Kemmling: Das ist doch soweit auch der normale Ablauf. Ich glaube, wenn du nächstes Jahr im Olympiakader sein willst, musst du in die Top Acht fahren. Was ist denn eigentlich im vergangenen Jahr falsch gelaufen? Das war ja so eine Art Gap. Wir haben ja auch mit Stephan über Marseille sehr viel berichtet. Das ist uns selbst als Fans nicht besonders gut in Erinnerung geblieben, weil da viel Flaute war. Ich kann mich an ein Rennen von dir erinnern, das du bei Starkwind gewonnen hast, das war wirklich eines der Highlights. Aber insgesamt lief es ja nicht besonders toll. Wie ist die Phase danach für dich verlaufen? Was war deine Planung und wie hat sich das ausgwirkt?
Philipp Buhl: Du sprichst jetzt von Olympia in Marseille, oder?
Carsten Kemmling: Genau, Marseille. Das Ergebnis hast du dann nach vier Jahren voller Kampagne stehen. Danach hast du ja auch zum Teil pausiert, wenn ich das richtig verstanden habe.
Philipp Buhl: Ja, genau. Dieses Ergebnis am Ende in Marseille war einfach ziemlich enttäuschend, da bin ich ganz ehrlich. Einerseits ist es schön als Sportler, dass du direktes Feedback bekommst. Das ist eigentlich eine der schönsten Sachen: Wenn du dich reinhängst und gute Arbeit leistest, wirst du honoriert. Wenn du es nicht tust, kriegst du die Quittung. Der Sport hat keine Angst, dir das einfach vorzuführen. Da guckt jemand auf die Ergebnisliste, und dann ist es völlig egal, ob da 20 am Start waren oder 160 oder 40. Am Ende steht da ein Ergebnis, und danach urteilt jeder über dich – sei es die Presse, die Segler, die Freunde oder auch der Verband, der am Ende darüber entscheidet, was mit den Geldern passiert.
Auf der einen Seite ist das eine total dankbare Situation. Manch anderer im Arbeitsleben beschwert sich wahrscheinlich öfter mal, dass er sich reinhängt, aber nicht honoriert wird, während der Arbeitskollege sich nicht reinhängt, aber auch nicht kritisiert wird. Das ist bei uns halt nicht der Fall. Wenn du ein schlechtes Ergebnis hast, interessiert es relativ wenig, ob es eine harte Disziplin ist oder ob irgendwas schiefgelaufen ist. Da steht einfach ein Ergebnis und fertig. Bei mir stand eben ein 13. Platz, und der tut mir natürlich auch weh. Am Ende weiß ich ja, dass das Ergebnis ein anderes ist, als das Ziel war. Dass die Bedingungen ab und zu mal schwierig waren, interessiert die Leute wenig, aber das wusste ich vorher auch.
Ich will das nicht darauf schieben, das habe ich als Sportler gelernt: Am Ende musst du in dieser Woche, egal was ist, irgendwie auf alles vorbereitet sein. Anscheinend war ich das nicht gut genug oder habe nicht genug davon abgerufen. Da sind dann schon einige Jahre meines Lebens in dieses Projekt Leistungssport geflossen. Man hört ja nicht mit ein paar Millionen auf dem Konto auf, wie in manch anderer Sportart, was ich aber auch gar nicht unbedingt brauche. Ich beneide so manchen Fußballer nicht. Ich finde Segeln eine traumhaft schöne Sportart und fand das immer ein großes Privileg.

Trotzdem kam ich irgendwann in das Alter, wo ich auch andere Ziele im Leben habe: Familie, mit der Partnerin zusammen sein. Man kann das nicht ewig lang weitermachen. Das Leben dreht sich ja nicht nur um mich, sondern irgendwann will man eben auch weiterkommen. Diese Zeit danach, nach dem enttäuschenden Ergebnis, war schon besonders. Die Post-Olympia-Depression ist ja eine Sache, die es offensichtlich gibt, darüber habe ich auch gelesen. Wenn ich mir meine Symptome angeschaut habe, dann würde ich sagen, passten die ganz gut: eine ziemlich krasse Antriebslosigkeit und Ziellosigkeit.
Wenn du dann Fragen bekommst wie „Wie geht es weiter?“, und du kannst das nicht genau beantworten, weil du natürlich auch ein bisschen Verarbeitungszeit brauchst und den Plan noch nicht genau hingelegt hast. Mein Herz hat immer gesagt, ich würde gerne noch mal segeln, das kann es jetzt noch nicht gewesen sein. Ich kann mehr, und das habe ich auch in den Regatten davor bewiesen – mir selbst zumindest. Es ist ein schöner Job und eine krasse Herausforderung, gerade in dieser Klasse. Aber genau deshalb mache ich es ja auch. Einmal würde ich es gerne noch machen. Auf der anderen Seite gibt es eben parallele Ziele, die nicht ewig auf sich warten lassen können. Und dieser Prozess war…
Carsten Kemmling: Meinst du damit Familie und Job? Was sind das für Ziele, nur kurz?
Philipp Buhl: Ja, ganz genau. Irgendwann wird man ja auch älter. Ich weiß nicht, ob du heiraten willst, aber ich will vielleicht. Ich will auf jeden Fall Kinder haben, und man will ja auch nicht ewig damit warten. Es gibt andere Ziele und vielleicht auch das Ziel, mal anzufangen, richtig Geld zu verdienen – also die ganz normalen Ziele des Lebens. Die kommen irgendwann.
Carsten Kemmling: Ja, mit 36 muss man sagen, bist du jetzt, oder?
Philipp Buhl: Jetzt bin ich 36, und kurz nach Olympia war ich 34. Das ist schon ein Alter, wo die meisten, die Sport machen, längst weitergegangen sind. Ich habe immer versucht, den Sport lange zu machen. Robert Scheidt ist ja auch so ein Beispiel, der sehr viel Freude am olympischen Segeln hatte, auch wenn dort weniger oder kaum Geld drinsteckt, verglichen mit dem Yachtbereich, dem America’s Cup usw. Aber er hat die größte Befriedigung in diesem Laser-Feld mit so vielen Teilnehmern bekommen – alles One-Design, wo es einfach eng hergeht. So ähnlich sehe ich mich auch ein bisschen.
Carsten Kemmling: Wie alt war Robert Scheidt noch mal bei seinen letzten Olympischen Spielen in Rio oder Tokio? Er war doch 44 oder 45, oder?
Philipp Buhl: Ich weiß es nicht genau, aber Ende 40 war er, glaube ich, bei den letzten Spielen in Tokio. Auf jeden Fall war es eine schwierige Zeit, und es gibt verschiedene Parameter, die alle mit in so eine Entscheidung hineinspielen, ob es noch mal weitergeht oder nicht. Die Entscheidung hatte ich mit Mitte 20 oder mit 28 natürlich nicht. Die haben die ganzen anderen, jüngeren Sportler wahrscheinlich auch nicht. Kaum jemand, der Mitte 20 ist, sagt, er will vielleicht eine Familie gründen und deshalb nicht mehr weitersegeln. Bei mir war das eben so, und ich wollte diese Gedanken auch zulassen, weil es dazugehört. Es kann im Leben nicht immer nur um das Eine gehen.
Da ich wusste, dass die Weltmeisterschaft 2025 circa acht oder neun Monate nach den Olympischen Spielen in Qingdao in China sein würde, war mir klar: Da brauche ich, glaube ich, nicht hinfahren. Es stellte sich heraus, dass das wirklich eine schlechte Weltmeisterschaft mit nur fünf Wettfahrten war. Die hatten kein einziges Gold-Race, das war in der Geschichte der Klasse, glaube ich, die schlechteste Weltmeisterschaft, die je gesegelt wurde. Aber es war nun mal auf dem Papier die einzige Chance, um den Olympia-Kaderstatus zu segeln. Trotzdem habe ich mich dagegen entschieden, weil ich das System ganz gut kenne und mir gedacht habe: „Na gut, es gibt auch noch einen Perspektivkader. Wenn ich eine Perspektive habe und mich dazu entscheide weiterzumachen, dann werde ich da schon irgendeine Förderung bekommen, das macht ja eigentlich Sinn.“
Wenn ich schlecht vorbereitet zu einer Weltmeisterschaft fahre, werde ich diese Top Acht wahrscheinlich auch nicht so einfach aus dem Handgelenk schütteln. Deshalb bin ich dort nicht hingefahren. Auf dem Papier habe ich dadurch keinen Olympiakader ersegelt, was ich in meinem Alter eigentlich hätte machen müssen. Danach, bei meinem Wiedereinstieg in die Saison 2025, bin ich ganz solide gefahren, aber nicht direkt Weltklasse. Ich war in jeder Regatta bester Deutscher, manchmal nur knapp, aber immerhin. Trotzdem reicht das dann halt nicht für den Perspektivkader, und ohne Kaderstatus wurde es schwierig.
Kaderstatus und der DSV
Carsten Kemmling: Ach so! Dann verstehe ich das jetzt erst. Der Spielraum, den der DSV hatte, war dann im Grunde diese Perspektivkader-Geschichte. Sonst sind es ja, wie du es beschreibst, klare Platzierungen und dann heißt es „Go“ oder „No Go“, zumindest kurz vor Olympia. Aber da gab es den Spielraum, und darauf hattest du gehofft. Deshalb warst du auch ärgerlich, weil du dachtest, der Perspektivkader wäre eine Option gewesen. Darüber warst du sauer, oder?

Philipp Buhl: Für mich bedeutete das einfach, dass ich für dieses Jahr, also 2026, ohne Kaderstatus dastand. Glücklicherweise muss ich rückwirkend betrachtet sagen, haben sie mir zwar keinen Kaderstatus gegeben, aber noch eine gewisse Verlängerung der Bundeswehr bis Jahresmitte gewährt. Das war eine kleine Sonderlösung gekoppelt an die Europameisterschaft. Dass das geklappt hat, ist jetzt natürlich ganz cool. Aber ich konnte es einfach nicht nachvollziehen, warum sie mir keinen Perspektivkader gegeben haben. Ich kenne das System natürlich auch und weiß, wie groß der Spielraum in der Vergangenheit dort war – und der war ziemlich groß. Ich war ja lange genug in diesem Gremium als Athletensprecher. Du brauchst im Wesentlichen eine Perspektive. Es sollen am Ende mit den Steuergeldern, die der DSV hat – das sind ja nicht deren eigene Gelder, sondern Steuergelder vom Steuerzahler, die in Richtung DSV fließen –, Olympia-Medaillen gewonnen werden. Sie sollen für die perspektivreichsten Segler eingesetzt werden. Und bei der Kombination, dass ich der beste Deutsche über die letzten zehn oder fünfzehn Jahre war und auch in dem Jahr, in dem ich diese gedankliche Pause brauchte, trotzdem immer vorne dabei war… Dass ich dann in so einem Gremium als nicht perspektivreich eingeschätzt wurde – zumindest habe ich mir das so zusammengereimt, weil sie mir sonst den Kader vermutlich gegeben hätten –, das hat mich ein bisschen enttäuscht.
Carsten Kemmling: Ja, das verstehe ich. Bisher ist es ja sonst so, dass es gerade bei Olympia ganz wenig Spielraum gibt. Aber das hier ist ja drei Jahre vorher. Spielt dabei auch eine Rolle… ich meine, sonst warst du eigentlich fast der Einzige. Bei den letzten Olympiaqualifikationen war noch Nik Willim mit dabei, der ein bisschen Druck gemacht hat, aber sonst waren da nicht viele. Jetzt fällt der Name Julian Hoffmann häufiger, es kommt eine neue Garde nach, die auch bei der Euro stark gesegelt ist. Meinst du, es hat eine Rolle gespielt, dass der DSV sagt: „Okay, jetzt wollen wir den Jüngeren eine Chance geben“? War das aus deiner Sicht zu früh? Du hast dich ja bestimmt auch in die Köpfe der Verantwortlichen hineingedacht.
Philipp Buhl: Ein Faktor, der auf jeden Fall eine Rolle spielt, ist, dass wir einen gewissen Führungswechsel im Deutschen Segler-Verband haben. Es gibt eine leicht veränderte Struktur in diesem Zyklus im Vergleich zu den Jahren davor. Wir haben jetzt einen Cheftrainer, Tom Tijse, und der kommt aus dem englischen System. Ohne dass ich allzu viel darüber weiß: Er bringt ein bisschen mehr Schärfe in das Ganze rein und sagt, wir wollen nicht nur irgendwie Olympiateilnehmer fördern, sondern wir wollen gewinnen – also mindestens Medaillen, am besten eine goldene. Da muss ich sagen, finde ich das im Prinzip erst mal ganz gut zu sagen: Wir müssen unsere Ansprüche und unsere Ziele hoch ansetzen. Wenn wir nicht von Medaillen oder Goldmedaillen sprechen und immer nur jeden im Kader durchwinken, dann werden wir wahrscheinlich auch ein bisschen zweitklassig bleiben. „Zweitklassig“ ist vielleicht ein bisschen hart, aber du musst irgendwie sagen: „Wir wollen gewinnen“, weil sonst wird das nicht passieren. Durch Zufall wird keiner Weltmeister, das habe ich vor vielen Jahren schon mal gesagt.
So gesehen war ich wahrscheinlich einer der Leidtragenden, der unter diesem Mentalitätswechsel als Erster ein bisschen leiden musste. Ob das der einzige Grund war, glaube ich nicht. Aber prinzipiell unterstreiche ich, dass man sich höhere Ziele setzen muss. Das lernt ja auch der Athlet, der hier im Deutschen Segler-Verband is: Nach zwei Jahren weiß jeder, dass es relativ wenige Einzelfallentscheidungen gibt, wie das bei uns heißt. Wenn du in der Vergangenheit ein bisschen vorbeigefahren bist, wurdest du vielleicht noch mal durchgewunken. Jetzt ab dem neuen Zyklus ist das eben seltener der Fall. Das hat der eine oder andere Athlet dann schon ein ganzes Jahr lang im Kopf und kniet sich hoffentlich ein bisschen mehr rein, weil er weiß, was los ist.
Trainerfragen und neue Impulse
Carsten Kemmling: Das Thema „Impulse“ spielte ja auch eine Rolle, das hast du ja nach all den Jahren auch öffentlich gemacht. Du versuchst dir ja immer neue Impulse zu geben, um deine Leistung zu verbessern. Wie war das mit dem Coaching? Hat das mit Alex Schlonski nicht mehr ganz so geklappt, oder was war da der Punkt?
Philipp Buhl: Ja, da muss ich jetzt natürlich vorsichtig sein. Ich kann da schon drüber sprechen. Ich bin der Meinung, dass es in jeder Sportart ganz normal is, dass ab einer gewissen Zeit einfach neuer Input rein muss. Es waren ziemlich viele schöne Momente und eine erfolgreiche, produktive Zeit mit Alex am Anfang. Wir haben 2017 angefangen, und bis letztes Jahr waren das knapp neun Jahre – achteinhalb sage ich immer, weil das Jahr 2025 ja eigentlich nur ein halbes war. Das ist eine lange Zeit. Am Anfang war es super, wir haben am Ende auch einen WM-Titel gemeinsam erreicht. In dieser Zeit hatten wir eine richtig coole internationale Gruppe und eine geniale Revier-Vorbereitung. Da war echt richtig Feuer in der Gruppe und in der Zusammenarbeit. Dann hat das ein bisschen nachgelassen, es hat sich eingeschliffen. Irgendwie kannten wir unsere eigenen Probleme, jeder hatte seinen Standpunkt. Es gab zwar nicht viele Punkte, aber an ein paar Sachen sind wir nicht weitergekommen. Bei sehr vielen Dingen waren wir uns einig und haben uns blind verstanden. Das ist ja auch viel wert, wenn du nicht mehr viel reden musst, sondern genau weißt, was los ist und was du zu erwarten hast. Da gab es viele gute Sachen.

Trotzdem stand bei meiner Olympiaauswertung neben den Sachen, die ich falsch gemacht habe und an denen ich an mir selber arbeiten muss, eben auch, dass es im Coaching aus meiner Sicht ein paar Sachen gibt, die verbessert werden können. Dann ist eben die Frage: Wie geht man das an? Ist es der bestehende Trainer, der noch mal einen Mentalitätswechsel hinkriegt, oder muss es ein externer Input sein? Da hatten wir einfach generell verschiedene Meinungen. Ich war der Meinung, ich brauche mehr Input. Alex hat das vielleicht nicht so gesehen.
Stephan Boden: Aber es ist doch ein völlig normaler Vorgang bei Sportlern, egal in welcher Sportart. Viele machen das turnusmäßig und sagen nach einer Weile: „Ich tausche mal den Trainer, um andere Impulse zu kriegen, eine andere Richtung einzuschlagen und mich weiterzuentwickeln.“ Natürlich schleicht sich in einer Zusammenarbeit nach so vielen Jahren eine gewisse Normalität ein. Ich will es nicht Schlendrian nennen, aber es fehlen vielleicht die neuen Reize. Von meiner Warte aus – ich bin kein Profisegler, sondern ein klassischer Fahrtensegler – halte ich es nach achteinhalb oder neun Jahren nicht für außergewöhnlich zu sagen: „Vielleicht versuchen wir mal was anderes.“
Philipp Buhl: Vielleicht hatte ich auch einen Fehler gemacht, indem ich dachte, es wäre das Sinnvollste für die gesamte Gruppe, jetzt einen anderen Trainer zu haben. Da kann ich ja offen drüber reden: Ich hatte eigentlich ein bisschen dafür gepusht zu sagen, lasst uns jemand anderen suchen. Ich wusste zwar nicht genau wen, weil Alex an sich erst mal ein guter Trainer ist und viele wichtige Eigenschaften mitbringt. Ich werde hier auch nicht negativ über ihn sprechen. Aber meines Erachtens fehlen halt ein paar Eigenschaften für jemanden wie mich – das würde ich jetzt, ein Jahr später, so sagen. Während er für die gesamte Gruppe, vor allem für Ole, der erst ein oder zwei Jahre dabei ist, vielleicht genau perfekt ist. Der ist jetzt in der Phase, in der ich 2017, 2018, 2019 oder 2020 war: viel neuer Input, viele Sachen, die einfach gut laufen, ein zuverlässiger, deutschsprachiger Trainer. Da funktionieren viele Sachen richtig gut.
Der richtige Weg nach diesem komplizierten Jahr wäre für mich gewesen, sich darauf zu einigen, dass ich einfach ein bisschen mehr Freiraum bekomme. Alex ist die Bundestrainer und für viele vielleicht die beste Wahl, aber derjenige, der am längsten dabei ist – also ich –, bekommt ein bisschen mehr Freiraum und kann sich hier und dort seinen eigenen Input von anderen Trainern abholen oder mal was eigenständig machen, aber trotzdem mit der Gruppe trainieren.
Carsten Kemmling: Ist das schon die Entscheidung, also quasi euer Deal? Das macht ja völlig Sinn. Ich habe gerade noch mal überlegt: Es gab ja immer solche Phasen. Das ist schon Urzeiten her, aber ich weiß noch, Bundestrainer Peter Blyth hat bei den Tornados in Kiel immer gekämpft, war auf dem Hafengelände der Ansprechpartner für Roland Gäbler mit seinen verschiedenen Olympiakampagnen. Er war einer, der technisch was mitgebracht hat, der gute Kumpel war, aber natürlich wenig neuen Input für junge Leute brachte, die frisch reinkamen und Gas geben wollten. Das soll nur heißen: Lange Olympiakampagnen und Leute, die frisch dabei sind, erhoffen sich oder brauchen oft etwas anderes als erfahrene Segler, die neue Impulse suchen. Im Coaching ist das ein bekanntes Thema. Im Tennis probieren Spieler auch mal einen Boris Becker bei Djokovic aus. Das Problem sollte eigentlich bekannt sein. Wenn es für dich jetzt so eine Lösung gibt, ist das doch gut, oder?
Philipp Buhl: Ja, so ganz gelöst ist es vielleicht noch nicht, aber es geht auf jeden Fall stark in die Richtung. Ich habe jetzt einen Vertrag unterschrieben, den ich auch nicht allzu lange nachgelesen habe. Eine Sache stand drin, die mir wichtig war: dass ich mit dem Headcoach, also mit Tom, meinen Plan machen kann. Ich kann sagen, was ich brauche, und wenn er damit einverstanden ist, habe ich erst mal grünes Licht. Das ist mir das Wichtigste. Wer das dann bezahlt, wenn ich mit meinem eigenen Coach unterwegs bin, ist noch nicht ganz geklärt. Ich verstehe, dass der DSV kein uneingeschränktes Budget hat und mir nicht einfach jeden bezahlt, den ich will. Aber ich würde es nicht verstehen, wenn ich komplett auf mich alleine gestellt wäre. Ich bin der Meinung, dass ich mit meinen Ergebnissen in diesem Jahr, aber auch in der Vergangenheit, genug dazu beigetragen habe, um ein bisschen was vom Steuergelder-Kuchen abzubekommen, über die reinen Reisekosten hinaus. Da müssen wir, glaube ich, noch eine Regelung finden. Ich hoffe auf einen kleinen Zuschuss.
Der dritte Punkt betrifft das gemeinsame Training, und da haben wir, glaube ich, wenig Probleme miteinander: dass wir ab und zu einfach gemeinsam trainieren. Wenn so wie letzte Woche, kommende Woche oder im Juli der Bundestrainer Alex mit seiner Gruppe trainiert, dann brauche ich nicht nebenherzufahren. Darauf haben wir uns verständigt, gemeinsam zu trainieren, das macht für alle Beteiligten viel mehr Sinn. Für mich macht es Sinn, weil ich nicht alleine jemanden organisieren und bezahlen muss. Und die Jungs, die zum Teil jünger sind, freuen sich natürlich, wenn jemand wie ich committed beim Training dabei ist.
Carsten Kemmling: Ich glaube, in den letzten Monaten war es teilweise so, dass die in Kiel trainiert haben und du warst auch da, hast aber nicht mitgesegelt, oder?
Philipp Buhl: Ja, genau. Ich weiß nicht, ob es komplett ausgeschlossen gewesen wäre, aber ich habe es wirklich vermieden, Alex zu fragen. Ich glaube, wenn ich ihn gefragt hätte, hätte er wahrscheinlich gesagt: „Na gut, eher ungern, aber ja.“ Prinzipiell ist es ja nicht unvernünftig. Ich habe das ein, zwei Mal mitgekriegt: Wenn ich gefragt hätte, hätte er mich schon mitmachen lassen. Aber ich wollte vermeiden, dass ich, wenn ich ein Segel oder irgendwas anderes testen will, während der Einheit sagen muss: „Nee, ich muss jetzt was anderes machen.“ Entweder bin ich voll dabei oder ich bin nicht dabei. Deshalb hatte ich gesagt, die zwei, drei Einheiten in dieser Woche mache ich einfach alleine und dann ist okay.
Klare Worte und mediale Wogen
Stephan Boden: Das hört sich für mich irgendwie seltsam an. Du bist schließlich der erfolgreichste deutsche Segler seit Langem.
Carsten Kemmling: Ja, das Gesicht des deutschen Segelsports, so nenne ich ihn immer. Zumindest im olympischen Bereich.
Stephan Boden: Dass du dann so außen vor gelassen wirst… Guck mal zur Fußball-WM: Ein Manuel Neuer wird wieder zurückgeholt, weil er der Beste ist. Ich fand das von außen betrachtet echt seltsam. Ich muss dazu sagen, ich bin der klassische Fahrtensegler, der mit verbranntem Rücken im Cockpit sitzt, ich kenne mich im Detail in dem Bereich gar nicht so aus. Aber es hörte sich für mich als Sportinteressierten komisch an. Ich kann dich da sehr gut verstehen. Wir haben eine Gemeinsamkeit: Wir sind Menschen der klaren Worte. Steht dir das manchmal im Weg, oder hast du den Eindruck, dass das nicht so gewollt ist? Du kannst jetzt so vorsichtig antworten, wie du willst. Soll heißen: Jetzt hau mal richtig einen raus!
Philipp Buhl: Nein, ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass ich so bin. Das steht mir ab und zu hundertprozentig im Weg. Aber ich weiß nicht, ob es mir in dieser Sache im Weg stand. Es hat mir das Leben echt schwer gemacht. Ich kann das wirklich nicht gut, politisch zu antworten, viel zu reden und eigentlich wenig zu sagen. Ich will es konkret machen. Um überhaupt dahin zu kommen, wo ich jetzt in dieser Sportart bin – in einer Disziplin, wo ich niemanden hatte, dem ich einfach nachgehen konnte. Ich sehe mich da immer ein bisschen als Pionier, weil wir in Deutschland damals drei Olympische Spiele lang überhaupt gar keinen Teilnehmer dort hatten. Das heißt, wir waren als deutsche Laserkader nicht nur zweitklassig, sondern vielleicht dritt- oder viertklassig. Um von dort nach vorne zu kommen, kannst du nicht überall rumeiern. Da musst du dir die Sachen ganz konkret und klar zurechtlegen und so schnell wie es geht vorangehen. Das ist wahrscheinlich generell eine Persönlichkeitsgeschichte. Dass ich da öfter mal ein bisschen zu klar bin, hat mir mit Sicherheit nicht immer geholfen. Es hat die Sache erst mal schwieriger und komplizierter gemacht. Auch bei der Kieler Woche letztes Jahr zum Beispiel. Das hat mich nicht so sehr berührt, weil ich wusste, dass ich an vielen Punkten einfach recht hatte. Aber klare Worte werden heutzutage schon hart kritisiert.
Stephan Boden: Zumal es ein anderes Gewicht hat, wenn du etwas sagst, im Vergleich dazu, wenn ich etwas sage. Gerade in deinem Sport. Carsten erst recht. Deine Aussage bei der Kieler Woche letztes Jahr hat ja riesige Wogen geschlagen, das ging durch die Blätter bis zur Bild-Zeitung. Ich weiß nicht, ob dir das immer so bewusst ist. Aber mein Opa hat immer gesagt: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ Er meinte das zwar beim Essen, aber jetzt haben wir für die Kieler Woche einen Fünf-Punkte-Plan vorgelegt bekommen. Da muss man sagen, aus meiner Sicht scheinen da wirklich viele Verbesserungsansätze drin zu sein. Ihr könnt das besser beurteilen.
Carsten Kemmling: Bei der Kieler Woche? Richtig.
Stephan Boden: In der Rückbetrachtung kann man sagen, die ganze Aufregung hätte gar nicht sein müssen, guck mal, jetzt wird ja was getan. Jetzt kann man sagen: „Ey komm, ist doch super, darüber gesprochen zu haben.“ Klar hast du mitgekriegt, wie so was funktioniert: Du sagst was, dann wird ein Statement gegeben, alle sind völlig aufgelöst und die Wogen gehen hoch. Jetzt sind sie vermutlich geglättet. Wenn hinten was Gutes rauskommt, ist alles gut. Wir hatten die Verantwortlichen der Kieler Woche ja auch noch im Podcast, nachdem wir sie kritisiert hatten. Carsten war als Teilnehmer vor Ort und hat das mitgekriegt, ich ja auch. Wenn man sieht, dass sich da was tut und es jetzt besser wird, kann man sich die Hand geben und sagen, es ist super, dass es so funktioniert hat.
Es ist lustig, ich habe gestern und heute ein bisschen bei YouTube geguckt, was ich von dir finde. „Segler des Jahres“ warst du ein paar Mal, das letzte Mal, glaube ich, 2020 zu Corona-Zeiten. Da hat Carsten dich interviewt, das Video habe ich mir angeguckt. Da wurde Mona Küppers zugeschaltet, hat dich beglückwünscht, aber auch gesagt, dass du ein Freund der offenen Worte bist und 2018 mal eine Pressekonferenz in Kiel aufgemischt hast. Ich weiß nicht, was da vorgefallen ist, ich habe es nicht mehr rausgefunden. Ich dachte nur: „Okay, Philipp hat da eine ganz schöne Historie.“ Aber ich mag das. Im Fußball wird immer gesagt, die Spieler seien alle so aalglatt, keiner sagt was, und wenn mal einer was sagt, kriegt er richtig Haue. Ich würde dir raten: Mach so weiter, es hat ja schließlich funktioniert. Oder, Carsten?
Carsten Kemmling: Ja, definitiv. Wer sich selbst ständig infrage stellt, wäre sportlich gar nicht so weit gekommen. Das ist einfach eine Wesensart. Und im ILCA bist du umso mehr Einzelkämpfer. Das ist noch mal etwas anderes als in anderen Klassen, auch wenn ich mir mit der Aussage vielleicht Feinde mache. Aber wo du das gerade sagst, erinnere ich mich an etwas: Es war ja nicht nur der DSV oder die Kieler Woche. Weißt du noch, Philipp, als du im Sportstudio gesessen hast und Jochen Schümann zugeschaltet war? Da ging es darum, dass das Team nicht zum America’s Cup fahren sollte, oder?
Philipp Buhl: Ja, genau. Damals hat das Sailing Team Germany den America’s Cup für uns mitunterstützt. Finanziell war es aber, glaube ich, einfach schwierig, das Geld aufzutreiben – das ist meine Interpretation, das sage ich jetzt ganz offen und ehrlich. Meines Erachtens hatten die Verantwortlichen vom Sailing Team herausgefunden, dass die Finanzierung doch nicht so einfach stand. Dann gab es den traurigen Todesfall von Andrew Simpson im America’s Cup Training mehrere Monate davor. Das war dann der Auslöser für das Argument, das sei alles zu gefährlich. Es gibt auf jeden Fall ein Risiko, das stimmt schon, aber wir haben gesagt, das ist ein überschaubares Risiko, wir wollen dorthin, das ist eine Karrierechance. Heute, 13 Jahre später, segelt Erik Heil, der damals gesteuert hat, auf fast den gleichen Booten. Das hat alles in diesem America’s-Cup-Zyklus angefangen. Wir haben damals alles selber finanziert, beziehungsweise Erik hat ganz maßgeblich die Sponsoren überzeugt. Viele Jahre später hat er wieder die Richtigen überzeugt und ist genau in diesem Zirkus drin. Er hat quasi bewiesen, dass es funktioniert. Das war damals ein großes Thema, ja.
Carsten Kemmling: Genau, deshalb das Sportstudio mit Jochen Schümann zugeschaltet. Aber du hattest recht, das war ja dann im Endeffekt wieder gut.
Philipp Buhl: Ihr wisst ja selber, wie das mit den Medien is: So ein Aufhänger ist ein gefundenes Fressen. Da musste sich Jochen Schümann, der Segler in Deutschland schlechthin, vor der Kamera geradestehen. Das ZDF freut sich da natürlich.
Carsten Kemmling: Klar. Der Segelsport lechzt ja irgendwo nach Aufmerksamkeit. Wenn mal etwas in die allgemeinen Medien rüberschwappt, das kein Drama oder Todesfall ist, sondern sportlicher Natur, ist man dankbar dafür. Insofern war das ZDF dankbar, ohne Frage.
Die harten Zahlen einer Olympiakampagne
Carsten Kemmling: Ich würde jetzt gerne noch mal wissen: Es hört sich alles positiv an, und es geht für dich in die richtige Richtung. Aber ist das für dich schon in trockenen Tüchern für die nächste Kampagne? Wir sprechen über die Unterstützung des DSV und die Finanzierung durch die Bundeswehr. Ich habe gerade noch mal im aktuellen Proposal der Oceania Sailing Federation, zu der Australien und Neuseeland gehören, gelesen, wie teuer Olympiakampagnen beziffert werden. Eine ILCA-7-Kampagne wird da auf umgerechnet 300.000 Euro für vier Jahre geschätzt. Ein Nacra soll übrigens 820.000 Euro kosten, aber das Thema wollen wir jetzt nicht aufmachen. Beziffern diese 300.000 Euro den Unterhalt für alles? Wie berechnet sich das? Und die andere Frage: Bist du finanziell safe? Bei den vergangenen Kampagnen hattest du immer noch einen Sponsor on top, Nixdorf hat geholfen, das NRW Olympic Team hat jahrelang viel geholfen. Brauchst du wieder einen eigenen Sponsor, sollen wir für dich die Werbetrommel rühren? Wie ist der aktuelle Stand für die nächsten Spiele?
Philipp Buhl: Der Stand ist so, dass bei mir alles andere als irgendwas in trockenen Tüchern ist. Diese 300.000 Euro sind immer eine Frage der Berechnung. Wenn du versuchst, einen Trainer über vier Jahre davon zu bezahlen, reicht das im Leben nicht, wenn du das eigenständig machst.
Stephan Boden: Oder du kriegst einen ganz schlechten, wahrscheinlich.
Philipp Buhl: Ja, selbst dann. Du musst Material kaufen, die Reisekosten für dich selbst und den Trainer finanzieren, Unterkünfte und Containerkosten bezahlen. Das frisst so viel Geld, so einen günstigen Trainer gibt es gar nicht. Über vier Jahre gesehen, speziell für einen Australier, der sehr viel in Europa verbringt… Die müssen super viel reisen. Da haben wir in Europa sogar noch ein bisschen Glück, weil man mit dem Auto relativ viel abfahren kann: Palma, Hyères, diese Tour und die Kieler Woche. Wenn du in einem Verband unterstützt wirst, wo du einen guten Trainer hast und gewisse Reisekosten übernommen werden, dann ist diese Rechnung, glaube ich, richtig. Dann kannst du damit arbeiten.
Mir ist wichtig – weil ich will es ja nicht einfach nur noch mal machen, sondern ich will auch den einen oder anderen Experten dabeihaben. So jemanden wie Robert Scheidt, den wir dank Markus Brennecke für zwei Trainingscamps vor Marseille dabei hatten. Das war ein Shortcut. Er ist jemand, der mehr Zeit auf so einem Boot verbracht hat als alle anderen zusammen. Michael Blackburn ist vielleicht noch so jemand, der genauso viele Gedanken und Zeit in diese Disziplin und Bootsklasse gesteckt hat. Aber es gibt so wenige, die so viel wissen. Wenn du die anzapfen willst, sind sie natürlich nicht günstig, da sind 20.000 Euro sehr schnell weg. Wenn du öfter mit solchen Kalibern arbeitest – wie es die Medaillenkandidaten Matt Wearn aus Australien oder Michael Beckett aus England tun –, dann geht schnell viel Geld drauf. Das ist aber der Anspruch, um dieses Gap zu schließen. Deshalb sind diese 300.000 Euro on top, glaube ich, nicht ganz weit hergeholt.
Carsten Kemmling: Wenn du eine Zahl nennen müsstest, würdest du eher das Doppelte sagen? Ein normaler Sterblicher kann sich das schwer vorstellen. Du musst davon ja schließlich auch leben, du hast ja sonst keine Einnahmen.
Stephan Boden: Da wollte ich ganz kurz einhaken: Wenn du einen Kaderplatz hast, was genau wird dir dann bezahlt oder ermöglicht, und was fehlt noch?
Philipp Buhl: Grundsätzlich gibt es erst mal die Grundförderung durch die Bundeswehr. Das ist ein monatliches Gehalt für den Lebensunterhalt und eine Versicherung, was in meinem Alter schon mal wichtig ist. Früher habe ich bei 600 Euro angefangen, jetzt bin ich irgendwo bei rund 3.000 Euro im Monat. Damit kann man erst mal arbeiten. Alles, was mit einem Bundeskaderplatz kommt, beinhaltet viel Infrastruktur und Logistik: Ich zahle nichts für den Trainer, nichts für das Motorboot des Trainers oder den Sprit. Ich kann mein Boot auf einen Anhänger packen und bekomme ein Auto gestellt, mit dem wir in Europa rumfahren können. Wenn wir nach Übersee, nach Los Angeles oder Australien reisen, gibt es ein Budget für den Containerversand. Ich muss mich im Wesentlichen um mein Material kümmern, das muss ich mir selber organisieren. Und wenn ich Experten dazu holen will, bleiben die Kosten großteils an mir hängen, beziehungsweise an den Leuten, die sich finanziell beteiligen.
Dieser ganze infrastrukturelle und logistische Teil ist enorm groß. Als Kadersegler bewegt man ziemlich viel Geld. Wenn man sich das mal bewusst macht, schätzt man das auch ein bisschen mehr. Ansonsten kann man sich ganz gut zurücklehnen, einfach Kadersportler sein und es geht einem ganz gut. Aber man muss sich den finanziellen Aufwand tatsächlich mal vor Augen führen.
Stephan Boden: Und wenn jetzt so eine WM ansteht – die ist in Portugal, richtig?
Carsten Kemmling: In Irland.
Philipp Buhl: Die WM ist dieses Jahr in Irland, bei Dublin.
Stephan Boden: In Irland, okay. Ich weiß gar nicht, wie ich auf Portugal komme, aber egal. Musst du da immer noch eigenes Geld in die Hand nehmen, um das zu finanzieren, oder ist das alles bezahlt?
Philipp Buhl: Wenn ich einfach nur das Kaderangebot annehmen würde, müsste ich nichts aus eigener Tasche bezahlen. Das heißt, wenn ich mit dem Bundestrainer und der Gruppe dorthin fahre, wird unsere Unterkunft bezuschusst. Wenn ich das richtig weiß, gibt es Obergrenzen für die Erstattung, die sind nicht allzu hoch. Wenn wir in Irland oder bei Dublin eine extrem teure Unterkunft buchen müssen, weil es nichts anderes gibt, bleiben Restkosten, aber das sind dann prozentual nur ein paar Prozent der Gesamtkosten. Alles andere wird übernommen. Da ich aber plane, mit meinem eigenen Trainer dort anzureisen, muss ich mich selber um Motorboot, Auto, Trailer und die Anreisekosten kümmern. Und der größte Batzen ist natürlich immer das Trainerhonorar.

Carsten Kemmling: Wer wird dein Trainer sein? Ist das schon klar?
Philipp Buhl: Das weiß ich noch nicht genau, das ist noch offen.
Stephan Boden: Im Gegensatz dazu steht wahrscheinlich die EM, die du gerade als Zweiter beendet hast. Da habt du großartig gar keine Unterstützung gekriegt, oder?
Philipp Buhl: Genau, zumindest nicht vom Deutschen Segler-Verband. Unterstützung kam aber vom Bayerischen Seglerverband und von der Heinz Nixdorf Vereinigung. Heinz Nixdorf hat mir ein Auto zur Verfügung gestellt. Das kostet den Verein nicht so viel, weil sie mein Auto in der Zeit hatten. Aber mir hat es unglaublich viel geholfen, weil wir ein Auto hatten, das gut funktioniert und eine Menge Platz hatte. Das hat das Ganze erst möglich gemacht. Es ist ja kein Selbstläufer, weil in so einem Gremium nicht immer alle dafür sind und sagen: „Komm, wir machen das jetzt möglich.“ Da braucht es jemanden, der in dem Fall gesagt hat: „Okay, ich mache das jetzt einfach. Nimm das Auto, gib mir deins, Let’s go!“
Stephan Boden: Und was würdest du jetzt noch für eine perfekte Vorbereitung auf die Olympiakampagne brauchen?
Philipp Buhl: Ich will ungern Zahlen nennen, aber es ist noch eine ganz große Stange Geld. Das hängt auch davon ab, wie der Verband sich aufstellt. Wenn ich Trainingslager oder Regattabetreuungen komplett selber bezahlen muss, weil ich keinen Zuschuss für einen Trainer bekomme – weil nach acht Jahren mit dem Bundestrainer für mich der Input einfach ein bisschen abgelaufen ist und ich jemanden anderes haben will –, dann wird es sehr, sehr teuer. Ich haue mal raus, dass es deutlich über 100.000 Euro sind, wenn ich es über alle Events hinweg komplett alleine finanzieren muss. Je mehr Kompromisse ich eingehe, desto günstiger wird es natürlich.
Stephan Boden: Eine große Stange Geld ist ja schon mal eine Aussage. Also, liebe Hörer mit großen Stangen Geld da draußen… Unsere eMail Adresse habt ihr ja.
Carsten Kemmling: Du bist groß und stark. Die Hörer, die sich bekanntlich hier tummeln, das wissen wir ja. Die Redaktion vom Segelreporter vermittelt das gerne.
One-Design und die Jagd nach der Benchmark
Stephan Boden: Im Fußball sagt man immer: „Geld schießt Tore.“ Nachweislich, siehe Paris, schießt Geld Tore. Ist das beim Segeln auch so? Geld hilft auf jeden Fall, und mehr Geld hilft noch mehr, oder ist irgendwann Schluss?
Philipp Buhl: Grundsätzlich würde ich sagen: Ja. Aber am wenigsten in unserer Klasse. Es ist einerseits die günstigste Klasse, zweitens ist es am meisten One-Design. In anderen Bootsklassen kannst du dir mit viel Geld viel Know-how einkaufen und das Boot tunen lassen, das macht ja kaum noch ein Segler selber, dass er da mit der Familie am Schwertkasten rumschleift. Bei uns ist das anders: Wir fahren zu einer WM oder zu Olympia und bekommen das Material gestellt, das dürfen wir quasi nicht anfassen. Diese ganze Materialoptimierungskomponente scheidet zu 98 Prozent aus. Eine Materialselektion für die Olympia-Ausscheidungswettkämpfe kann ich schon selber machen, das ist möglich, aber der Einfluss ist vergleichsweise gering.
Trotzdem ist das Feld brutal eng. Es gibt ein paar wenige Kniffe – Entscheidungsmuster auf dem Race Course, der eine oder andere Experte wie Robert Scheidt oder ein Meteorologe, der dir in einem von zehn Wettfahrten den entscheidenden Unterschied liefert. Die machen das alle auch nicht umsonst. Wenn es um das Quäntchen mehr geht, das dich in den Top Ten und nicht irgendwo um Platz 30 landen lässt, und das der entscheidende Faktor für ein paar Plätze weiter vorne im Gesamtergebnis ist, dann musst du das Geld eben investieren können. So gesehen helfen mehr monetäre Mittel einfach.

Carsten Kemmling: Damit schließt sich wieder der Kreis, weil mich das an die Tennisszene erinnert, die du bestimmt auch verfolgst. Die Spieler haben zwar ähnliche Schläger, aber wenn man sieht, wer alles in der Box sitzt: Physio, Psychologe… Ein gutes Beispiel ist auch Erik Heil, das Team Germany stellt jetzt witzigerweise einen Psychologen vom HSV ein – Stephan musste schon drüber lachen. Da sind Data-Analysten dabei. Das scheint im ILCA mittlerweile auch so angekommen zu sein. Bestes Beispiel sind Matt Wearn und Michael Beckett, die schwer zu knacken sind. Australien ist seit Ewigkeiten an der Spitze, England bei Olympia generell. Was machen die Nationen anders? Haben die diese Spezialisten, von denen du gerade sprichst?
Philipp Buhl: Matt Wearn ist auf jeden Fall die Benchmark, das muss man ganz objektiv anhand der Ergebnisse betrachten. Er hat die Olympischen Spiele in Tokio nach einem Materialbruch am ersten Tag gewonnen. Er hat danach fast alle wichtigen Regatten in dem Zyklus Richtung Paris gewonnen, an denen er teilnehmen konnte – er war mal ein Jahr lang krank und bei zwei WMs nicht dabei, aber die anderen hat er gewonnen, die Pre-Olympics und dann die Olympischen Spiele auf einem Revier, dessen Bedingungen so schlecht wie nur möglich auf ihn zugeschnitten waren. Er hat es ziemlich dominiert, wenn man weiß, worauf man in der Ergebnisliste gucken muss, und er hatte noch Reserven. Jetzt kam er wieder und hat wieder gewonnen. Er ist ohne Zweifel die absolute Benchmark und vielleicht der beste Typ, der jemals dieses Boot gesegelt ist.
Er hat einfach den Experten zu Hause: Michael Blackburn. Das ist für mich die absolute Nummer eins in Sachen Know-how für dieses Boot, weil er vor 26 Jahren schon eine Bronzemedaille in Sydney gewonnen hat und vier Jahre davor in Atlanta auch schon bei den Olympischen Spielen war.
Carsten Kemmling: Ich glaube, in Atlanta war er Vierter oder Fünfter.
Philipp Buhl: Und dann hat er selber eine Bronzemedaille gewonnen, ziemlich sicher in Sydney. Danach war er für eine Olympiakampagne von Tom Slingsby vier Jahre nicht dabei, und danach hat er Slingsby zu Gold gecoacht, Tom Burton zu Gold gecoacht und Matt Wearn ebenfalls zu Gold gecoacht – jetzt zum zweiten Mal. Mittlerweile ist er Headcoach des Verbandes. Er ist länger an der Weltspitze als Segler oder als direkter Betreuer als jeder andere Mensch auf der Welt. Er kennt das Boot in- und auswendig, ist super analytisch. Was der alles weiß… Wenn ein System dann so ein Talent hat wie Matt Wearn – der die Körpergröße hat, eine unendliche Lust auf Segeln und eine Emotionslosigkeit wie kaum ein anderer (ich kenne niemanden, der so robotermäßig entscheidet) –, kombiniert mit dem australischen Segelverband und Michael Blackburn als Know-how-Geber, dann ist das wie Carlos Alcaraz im Tennis. Der ist einfach hart zu besiegen, nicht unmöglich, aber verdammt schwer. Michael Beckett ist derjenige, der am nächsten dran ist. Aber das australische System hat einfach alles, was du brauchst.
Stephan Boden: Also liebe Hörer, meldet euch gerne, wenn ihr eine riesige Stange Geld habt. Philipp, noch mal eine Frage zum Olympiakader: Die nächsten Olympischen Spiele sind 2028. Heißt das, wenn du jetzt gut segelst, bist du automatisch dabei, oder was muss noch passieren, damit du in L.A. auf dem Boot stehst?
Philipp Buhl: Die Förderung wird immer jährlich vergeben, da gibt es ganz wenige Ausnahmen. Du musst jedes Jahr wieder gut segeln und deine Kriterien erfüllen, damit du wieder ein Jahr lang Förderung genießt. Wenn ich jetzt bei der Weltmeisterschaft den Olympiakader-Status mit einem Top-Acht-Ergebnis einsegeln würde und angenommen der beste Deutsche wäre, hat das mit der Olympiateilnahme erst mal gar nichts zu tun. Für die Selektion zur Olympiateilnahme sind zwei Stufen erforderlich: Erstens muss irgendjemand von uns deutschen Seglern einen Nationen-Startplatz in dieser Disziplin für Deutschland ersegeln. Wer das macht, ist komplett egal. Der erste mögliche Zeitraum, in dem wir das gleich schaffen wollen, ist bei der Weltmeisterschaft im nächsten Jahr. Die ist schon im Januar, also ziemlich bald. Da hoffen wir, dass wir einen der ersten 20 vergebenen Startplätze holen, das hat die letzten Male auf Anhieb geklappt. Danach gibt es voraussichtlich drei Kriteriums-Wettkämpfe, die für uns deutsche Segler die Qualifikation definieren. Da musst du mindestens Position XY erreichen und gleichzeitig bester Deutsche sein – komplett unabhängig davon, ob du jetzt einen Kaderstatus hast oder nicht. Da könnte theoretisch auch Carsten Kemmling sein Comeback versuchen.
Carsten Kemmling: Lass mal, mir tut jetzt schon der Rücken weh, wenn ich daran denke. Aber mir liegt tatsächlich noch etwas auf der Seele, bevor wir langsam zum Ende kommen. Der Kreis schließt sich vielleicht in dem Sinne, weil Stephan am Anfang über die Trackeranalyse sprach, die wir alle verfolgt haben. Rocky schrieb mir noch – den wir eben gegrüßt haben –: „Hast du diese unfassbare Kreuz gesehen?“ Das führt mich zu einer generellen Frage: Es ist relativ schwer, Leistung zu erfassen, und du beschreibst ja, wie die Leistungsdichte im ILCA viel enger ist und viel mehr Boote am Start sind als im Nacra, wo bei der WM 35 Boote starten. Im ILCA ist es zwar auch gedeckelt, aber es sind fast 200 Boote. Das ist ein Unterschied.
Der letzte Tag in Split war, glaube ich, das entscheidende Rennen. Ich finde es unfassbar, wie du Leistung unter Druck bringst – du hast das ja selbst öfter betont. Und da war wirklich Druck: Du musstest, glaube ich, eine Medaille gewinnen, das war das Minimum. An diesem Tag lief das erste Rennen für dich nicht gut, es wurde dann wegen eines Winddrehers abgebrochen. Das nächste Rennen hatte auch keinen optimalen Start, aber du bist sensationell durch das Feld Mitte nach links gefahren, hast den Dreher erwischt und es irgendwie gedeckelt. Was geht da in dir vor? Bist du in so einem Moment robotermäßig unterwegs, oder kommt das Gefühl auf: „Oh Gott, jetzt geht alles schief“, oder bist du da immun?
Philipp Buhl: Immun bin ich nicht. Da sind wir letztendlich in der Psychologie drin, was in einem Sportler vorgeht, wenn man anfängt, zu viel nachzudenken. Diese Gedanken kommen mit Sicherheit irgendwann bei jedem, die Frage ist nur, wann sie kommen und wie gut du damit umgehen kannst, im Moment „robotermäßig“ zu sein. Also an das zu denken, was jetzt relevant ist für die nächste Entscheidung. Beim Start denkst du nur an den Start und welchen Move du danach machen musst, wie du die Pinne bewegst oder wie du im Graubereich agierst, um eine bessere Lücke zu bekommen. Wenn du in deinen Routinen bist und dich auf das Fokussierst, was entscheidend ist, dann machst du viel richtig. Das ist das, was du kontrollieren kannst.
Wenn dann aber, so wie an diesem letzten Tag in Split, die Bedingungen einfach so schwierig lesbar sind – es kommt ein großer Berg im Hintergrund, Böen kommen mit Winddrehern von 30 bis 40 Grad runter, die du nicht immer sehen kannst –, dann kannst du nicht alles kontrollieren. Wenn ich dann als 30. um die Luvtonne gehe, muss ich versuchen, im Ziel zumindest ein bisschen weniger weit hinten zu sein. Das ist das Einzige, was ich kontrollieren kann. Ich ärgere mich natürlich trotzdem über ein schlechtes Ergebnis, aber ich muss versuchen, das so schnell wie möglich abzuhaken und weiter nach vorne zu denken.
Carsten Kemmling: Daran anschließend die Frage: Glaubst du an eine ausgleichende Gerechtigkeit im Segeln? Gibt es diesen Segelgott? Wenn das erste Rennen an dem Tag, bei dem du nicht gut lagst, nicht abgebrochen worden wäre und du als 30. ins Ziel gehst, wäre das doof gewesen. Im Endeffekt muss man aber sagen, du hast nicht einfach nur Glück gehabt: In den ersten Rennen der Woche lagst du ein- oder zweimal vorne, und genau da wurden die Rennen abgebrochen. War das am Ende eine ausgleichende Gerechtigkeit, oder denkt man an so was gar nicht?

Philipp Buhl: Ich versuche, relativ wenig abergläubisch zu sein. In dem Rennen, das am letzten Tag abgebrochen wurde, waren meine direkten Konkurrenten – ich glaube der Neuseeländer, aber auf jeden Fall Pavlos Kontides – noch deutlich hinter mir. Es war also gar nicht so klar, da hätten sich mit Sicherheit ein paar Leute aus der zweiten Reihe, so von Platz vier bis zehn, nach vorne bugsiert. Irgendwer muss das Rennen ja gewinnen, und die waren halt weiter vorne. Das hätte eine andere Dynamik angenommen, und letztendlich musst du es nehmen, wie es kommt.
Carsten Kemmling: Okay, also es gibt den Segelgott nicht. Ich warte immer noch darauf, dass er mich erkennt.
Stephan Boden: Wenn, dann laden wir ihn mal zum Podcast ein, mal gucken, ob er kommt.
Philipp Buhl: Die Frage ist, Carsten, wann du zu ihm sprichst. Wenn du auf der falschen Seite bist und an der Luvtonne liegst, dann betest du noch zu ihm, oder?
Carsten Kemmling: Ja, ich weiß. Ich wollte es ja von dir hören, ich wollte noch was lernen.
Stephan Boden: Es ist immer so: Wenn du gut bist, gibt es einen Segelgott, wenn du schlecht bist, gibt es keinen. Ich glaube, so ist das immer.
Carsten Kemmling: Ja, kann schon sein. Aber ich glaube, wenn man vorne liegt und es wird abgebrochen, gehört das zum Learning und zur Charakterbildung, da musst du durch. Du kannst nur darauf hoffen, dass es sich irgendwann auszahlt. Das hilft dabei, so ein Erlebnis zu verarbeiten. Mit ein paar Jahren mehr auf dem Buckel wird das auch immer einfacher.
Philipp Buhl: Was mich in der Sache schon seit Jahren beschäftigt: Leute wie Beckett sind auch nicht immer ganz vorne dabei. Die sieht man ab und zu mal auf Platz 35 an der Luvtonne. Aber interessant ist, wo sie dann im Ziel ankommen und wo man selber landet. Das eine oder andere Mal kann man sich das mit Glück erklären, aber wenn bei den besagten Benchmark-Seglern über eine menge von Rennen hinweg klasse Comebacks dastehen, dann denkt man schon darüber nach, ob da eine gewisse Systematik, ein Plan und Know-how dahinterstecken, das man selber noch nicht ganz durchdrungen hat. Und das beschäftigt einen.
Stephan Boden: Eine geflügelte Formulierung in unserem Podcast über die bald fast 200 Folgen lautet: „Glück ist Können.“
Blick über den Tellerrand: SailGP und Zukunftspläne
Carsten Kemmling: Du hast nur eine Klammer aufgemacht. Und zwar hast du das am Anfang ja mal angekündigt: Erik Heil. Ich kann mich erinnern, Erik hatte hier ein Event, wo wir zusammen gesprochen haben und er sagte: „Ich muss Philipp dazu holen, ich will ihn unbedingt dabei haben.“ Ich weiß nicht, auf welcher Ebene das war, aber du warst, glaube ich, in Dubai und hast dir das mal angeguckt. Hast du solche Ambitionen? Tom Slingsby ist das beste Beispiel dafür, dass so was geht, es sind ja nicht nur 49er-Segler gut. Du hast ja auch schon beim Gold Cup für das deutsche Team gesteuert. Solche Sachen sieht man relativ wenig von dir. Wäre das nicht ein logischer Schritt, mit Freunden wie Erik beim deutschen Team zu segeln, oder schließt du so was aus?
Philipp Buhl: Nein, ich schließe es gar nicht aus. Ich habe für mich nur immer die Abwägung getroffen, ob ich mir die Zeit dafür nehmen kann. Jede Zeit, die ich irgendwo anders ins Segeln investiere – gerade in solche Projekte… Ich bin ja schon mal dort gesegelt, aber das waren immer Einzeltage, da konnte ich für mich planen und sagen: „Heute passt es, heute passt es nicht.“ Eine Woche in der Offseason geht, aber ein größeres Projekt wirft Fragen auf. Erstens: Bin ich überhaupt geeignet? Zweitens: Habe ich die Zeit, bei 14 Events jeweils eine halbe Woche dabei zu sein? Das ist einfach schwer mit meinem Kalender zu kombinieren. Und die dritte Frage: Wollen die mich überhaupt? Will mich überhaupt irgendjemand?

Erik war da in einer luxuriösen Position, er war sehr direkt mit mir und hat gesagt, dass ich einen Mehrwert liefern kann. Er hat mich auch mitgenommen, in Abu Dhabi war das, und da konnte ich mir das alles mal anschauen. Es ist bis zu einem gewissen Grad schon ein Show-Event, aber ich war fasziniert zu sehen, dass es trotzdem ein harter Wettkampf ist. Die Leute, die sich ins Finale segeln, müssen auf diesen überzüchteten Booten eine extrem hoch choreografierte Leistung als Crew erbringen. Das verstehen viele wahrscheinlich gar nicht, die sehen einfach nur Katamarane, deren Plattformen horizontal übers Wasser rutschen.
Carsten Kemmling: Nicht immer, nee. Wir haben jetzt ein paar Mal darüber berichtet, es geht ja öfter mal drunter und drüber.
Philipp Buhl: Je mehr du vom Segeln und Foilen verstehst und weißt, wie sensibel diese Boote sind, desto größeren Respekt hast du davor, was es bedeutet, das Boot kontrolliert um den Kurs zu fahren. Der Reiz ist auf jeden Fall da, aber die Zeit habe ich meines Erachtens im Moment nicht. Ich hätte natürlich den Weg wie Slingsby gehen können: Olympisches Segeln als Sprungbrett für alles, was danach kommt. Aber ich fand den Reiz in dieser für mich unterbewerteten Klasse – unterbewertet vom Respekt oder der medialen Aufmerksamkeit her – enorm. Das Boot ist eigentlich das einfachste, um damit segeln zu gehen, aber es ist vielleicht das schwierigste, um damit eine Goldmedaille zu gewinnen. Und es ist nicht unbedingt nur die Goldmedaille das Ziel, sondern der Reiz, in einem Feld von 160 Booten bei einer WM zu performen und da vielleicht noch mal ganz oben zu stehen. Es ist nicht das Geld, das irgendwo anders lockerer sitzt, sondern es ist die Challenge. Wer einschätzen kann, was es erfordert, in dieser Klasse ganz vorne mitzufahren und Leute wie Wearn und Beckett zu ärgern, der sieht auch ein paar Jahre später noch Potenzial, dass ich da noch mal helfen kann – sei es in diesem Projekt oder im SailGP.
Carsten Kemmling: Schön. Ich bin zufrieden. Du auch, Stephan?
Stephan Boden: Ja, total. Du bist ja eigentlich kein großer Freund von Podcasts, das ist erst dein zweiter, oder? Wie oft hast du es bislang gemacht?
Philipp Buhl: Ja, mein zweiter.
Stephan Boden: Dein zweiter, deshalb wissen wir das sehr zu schätzen. Ich fand es super. Wir werden dich weiter begleiten, und ich fürchte, ich werde den Tracker wieder benutzen, wenn du unterwegs bist. Bist du bei der Kieler Woche am Start? Seid ihr beide zusammen dort oder seht ihr euch?
Carsten Kemmling: Ja, wir laufen uns hin und wieder über den Weg, aber dann spricht er mit den Wichtigen und ich darf mal zuhören. Ich mache da eher eine kleine Segelei.
Stephan Boden: Dann komme ich mal rum.
Philipp Buhl: Carsten saß letztens an seinem Auto, noch nicht umgezogen, mit seinem Käsebrot und musste erst mal Energie auftanken nach der harten Trainingseinheit.
Carsten Kemmling: Das war auch ganz schön viel Wind. Und du bist auf dem Motorboot gefahren, das habe ich gesehen. Ein bisschen hyperventilieren muss man da schon.
Stephan Boden: Ja, perfekt. Wir sehen uns dort. Philipp, erst mal vielen Dank an dich und toi, toi, toi für die WM und für den Weg, den du vor dir hast. Wir sprechen bestimmt mal wieder. Danke, Philipp. Ciao!
Philipp Buhl: Danke euch auch. Ja.
Carsten Kemmling: Danke.

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