Olympia-Kampagne: Diesch/Autenrieth ziehen Bilanz nach 2688 Segelstunden im 470er

"Schlag in die Magengrube"

Simon Diesch und Philipp Autenrieth haben endgültig ihre Hoffnung auf einen Olympia-Nachrückerplatz im 470er aufgegeben. Die Bilanz ihrer ereignisreichen fünfjährigen Kampagne.

Philipp Autenrieth barfuß im Trapez bei der vorerst letzten gemeinsamen 470er Regatta in Portugal. © Ferreira – Osgar

Unsere gemeinsame Olympia-Kampagne ist seit Montag beendet. Am 28. Juni war der letzte Termin für eine Nachnominierung. Es war nicht sehr überraschend, dass keine Nation ihren Startplatz im 470er zurückgegeben hat (siehe hier Anm. d. Red). Die Chance war auch sehr gering, in Corona-Zeiten vielleicht ein wenig höher als in den vergangenen 100 Jahren. Doch ein Fünkchen Hoffnung hatten wir bis zuletzt.

Nun ist es offiziell, weder wir noch ein anderes deutsches Herren-Team wird im 470er bei Olympia 2021 in Tokyo starten. Daher möchten wir mit euch einen Blick zurück werfen auf fünf gemeinsame Jahre.

Wir hatten uns im März 2016 entschlossen, gemeinsam in ein Boot zu steigen. Wir erzielten gleich respektable Ergebnisse bei der Trofeo Prinçesa Sofìa in Palma de Mallorca, die damals noch World Cup Status hatte. Nach der Europameisterschaft fiel dann der Entschluss, gemeinsam in die Kampagne zu starten und nach einigen Monaten Training, wurden wir im Herbst Deutscher Meister im 470er in Plau am See.

Es gab einige Momente zum Feiern, wie diesen. © Diesch/Autenrieth

Die Highlights im Jahr 2017 waren ein sechster Platz bei der Kieler Woche, Rang 17 bei der WM in Thessaloniki und Vierte bei der Enoshima Olympic Week, wo wir zum ersten Mal auf dem olympischen Revier segelten.

2018 begann mit Platz 8 beim World Cup in Miami. Bei der Trofeo Prinçesa Sofìa in Palma waren wir sogar Vierte bei über 80 Booten. Doch dann folgte bei der WM 2018 in Aarhus, der ersten Möglichkeit für die Nationenplatz-Quali, unser absolutes Desaster: Rang 42. Mit einem grottenschlechten Auftakt hatten wir es nicht einmal in die Gold Fleet geschafft. Rang elf beim World Cup in Japan war dann eine notwendige Genugtuung. Wieder ein Top Ergebnis im Olympia-Revier.

Segeln vor dem Opernhaus. 2018 bei der Sail Sydney Regatta. © Diesch/Autenrieth

2019 hatten wir uns als deutsches Team für die Pre-Olympics in Enoshima qualifiziert, waren insgesamt sieben Wochen am Stück in Japan. Denn auch die WM war auf dem Olympia-Revier. Wir segelten auf Rang 16, verpassten damit aber um zwei Punkte erneut das Nationenticket. Doch aus diesem Ranking resultierte der erste Nachrückerplatz für Deutschland, falls … ja oder wie oben schon geschrieben eben nicht. Es folgte noch der World Cup der neuen Saison, ebenfalls in Enoshima, mit Platz sechs. 

Vor dem langen Japan-Trip waren wir noch bei der EM in San Remo auf Rang acht gesegelt (sechste Europäer) und beim World Cup Finale in Marseille auf Rang sechs – ein durchaus ansprechendes Jahr mit einigen Erfolgen, doch leider ohne das Nationenticket. 

Es kam das Olympia-Jahr 2020. Wir waren Ende Januar in Miami, segelten dort wieder ins Medal Race und gesamt auf Rang zehn. Anschließend ging es zum Training und die Vorbereitung auf die WM 2020 in Palma – bis eben zwei Tage vor der WM am 13. März der Shutdown in Spanien uns und alle anderen zur fluchtartigen Abreise gezwungen hat. 

Lanzarote, heiler Ort in der Corona-Welt

An den Rest können sich inzwischen alle wieder erinnern: Training, Training, Training (Kiel, Santander, Lanzarote, Vilamoura), eine Regatta nach der anderen wurde verschoben oder abgesagt, sogar Olympia. Im Spätherbst verlagerten wir das Training mit einer internationalen Gruppe nach Lanzarote, damals ein heiler Ort in der von Corona besetzten Welt. Drei Regatten wurden dort für die gut bestückte Gruppe mit insgesamt über 20 internationalen Booten durchgeführt, drei Mal segelten wir aufs Podium.

Trotz extrem hoher Corona-Zahlen in Portugal wurde die WM 2021 nach Vilamoura gelegt. Doch die Portugiesen – und auch die Segler – hatten inzwischen gelernt, wie man trotzdem eine solche zuschauerfreie Freiluft-Sportart veranstalten konnte. Es war für uns die letzte Chance, das letzte übrige europäische Nationen-Ticket zu holen.

Sechs Nationen war heiß darauf. Wir segelten auf Rang 15.  Das Europa-Ticket holten sich die Portugiesen mit Rang zwei. Nie hätten wir vorher gedacht, dass man Vizeweltmeister werden muss, um das Ticket zu holen. Die letzte Chance die internationale Norm aus eigener Kraft zu ersegeln war vergeben. Von da an blieb uns nur die Hoffnung, dass irgendeine Nation ihren Startplatz nicht wahrnehmen könnte – aus welchem Grund auch immer. Hierüber wurde schon genug diskutiert. Wir hatten mehrere Chancen, das Ticket zu holen – und haben es in drei Anläufen nicht geschafft. Punkt.

Wohltuender, schmerzhafter Abschluss

Vier Wochen später war am gleichen Ort noch die EM, die mit den Teams aus Australien und Neuseeland stärker besetzt war als die eigentliche WM. Wir segelten auf Rang neun. Ein wohltuender und zugleich schmerzhafter Abschluss. Zwar zeigt es, dass wir viel gelernt und uns weiterentwickelt haben, um auf internationalem Top-Niveau kompetitiv zu sein, und dennoch macht es einmal mehr deutlich, dass die Chance, zur Teilnahme an den Olympischen Spielen, zum Greifen nah war.
Es folgte die Bestätigung aller teilnehmenden Nationen durch das IOC und World Sailing, keiner zog zurück – und so müssen wir Olympia von der Ferne aus beobachten und an der Glotze verbringen.

Hinter uns liegen in diesen fünf intensiven Jahren 2688 Segelstunden, 975 Stunden Fitness-Training und 1372 Stunden auf Reisen. Wir beenden diese Olympia-Kampagne auf Platz 9 der Weltrangliste (bestes Zwischenergebnis Rang Fünf im Februar 2021).
Natürlich haben wir in diesen fünf Jahren gelernt, wie man Trainings, Reisen und Wettkämpfe organisiert und alles unter einen Hut bringt. Doch in erster Linie durften wir erfahren, was olympischer Spitzensport im Segeln bedeutet und was es alles dafür braucht, um hier konkurrenzfähig zu sein. 

Am Ende bleibt ein lachendes und ein weinendes Auge. Aktuell und nach einer doch sehr langen Hänge- und Zitterpartie überwiegt das weinende Auge. Den vermutlich längsten Olympiazyklus der Geschichte bestritten zu haben und dann der erste Verlierer zu sein, der nicht teilnehmen darf, fühlt sich schon an, wie ein deftiger Schlag in die Magengrube.

Auf längere Sicht, wenn die Tränen dann getrocknet sein werden, bleibt aber hoffentlich das lachende Auge. Ein Lachen, das durch all die schönen Erlebnisse an Land und auf dem Wasser, sowie durch die wegbegleitenden Menschen und Bekanntschaften der vergangenen fünf Jahre hervorgerufen wird. Zwar arbeitet man auf dieses eine Ziel hin und dennoch wird einem bewusst, dass trotz allem auch der Weg als Ziel zu sehen ist.

Mit dem 45er Nationalen Kreuzer am Starnberger See

In den vergangenen vier Wochen segelten wir dann noch Regatten mit ambitionierten Teams in anderen Klassen, Simon auf der Baltic 50 ‚Music‘ die Giralia, Philipp in der Tempest. In den ersten Juli-Wochen werden wir noch einmal gemeinsam als Mannschaft auf einem 45er Nationalen Kreuzer am Starnberger See segeln.

Was die seglerische Zukunft bringt, wissen wir momentan noch nicht. Unser Schwerpunkt lag bis zuletzt voll und ganz auf der Olympia-Kampagne und wird sich nun an Land erst einmal auf unser beider Studium – Simon mit Jura in Konstanz und Philipp den BWL Master an der Internationalen Hochschule IU – verlagern. Über alles weitere lässt sich aktuell nur spekulieren.

Unsere letzten Worte gelten dem Dank. Ein Dank an all unsere Unterstützer, Partner und Sponsoren, Vereine und Verbände. Ein Dank auch an alle Gegner, Mitstreiter, Trainingspartner und Trainer, an Land und auf dem Wasser.

Last but not least ein riesiges Dankeschön von Herzen an alle, die unseren Weg verfolgt haben. Ihr wart es, die diese Reise, dieses Abenteuer, dieses Erlebnis, diese Kampagne, diesen Lebensabschnitt auf irgendeine Weise begleitet habt und zu dem gemacht habt, was es schlussendlich war – unvergesslich! Vielen, vielen herzlichen Dank!

Quelle: Diesch/Autenrieth

Ein Kommentar „Olympia-Kampagne: Diesch/Autenrieth ziehen Bilanz nach 2688 Segelstunden im 470er“

  1. avatar ds sagt:

    Wow sehr gut geschrieben. Tut mir mega leid für euch. Man fühlt wie viel Engagement investiert wurde.

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