22er Schärenkreuzer: Europacup des vielleicht schönsten Segelbootes der Welt

Tropenholz-Torpedo

Die 22er Schärenkreuzer segelten auf dem Wannsee ihren erste Europacup außerhalb Schwedens. Das Schiff hat volle Stehhöhe im Niedergang und Cockpit. Kat-Spezialist Nils Bunkenburg war der Sieger.

22er Schärenkreuzer

22er Schärenkreuzer, das vielleicht schönste Segelboot der Welt. © Sören Hese

Der 22 qm Schärenkreuzer ist ein wunderschönes, vielleicht das schönste Segelboot überhaupt. Er eignet sich für die beiden wichtigsten Sachen auf dem Wasser: Segeln und Angucken. Oder zum Angucken und Segeln. Die Reihenfolge hängt vom Wind und der Tageszeit ab.

Die Schäre ist mit den filigranen Überhängen, dem puppenstubengroßen Aufbau über dem gestreckten Rumpf und der speziellen Geometrie der weit nach achtern gezogenen Genua vor dem schlanken hohen Groß eine Augenweide. Und sie hält auch beim Segeln, was der Anblick verspricht. Am Wind ist dieser Tropenholztorpedo das seglerische Elysium. Der schlanke leichte Renner fährt. Er zischt.

Muss man machen, muss man haben. Das hat sich auch hierzulande herumgesprochen. Deshalb wächst und gedeiht die Flotte auch im deutschsprachigen Raum. Im Fehmaraner Schärennest Lemkenhafen, einer Art skandinavischer Einflugschneise für diese Geschöpfe,  liegen schon viele Exemplare. In der Kieler Förde tut sich auch schon seit einigen Jahren etwas. In der Schweiz ist der langjährige Lacustre-Segler Adrian Schmidlin auf „So long“ umgestiegen und hat eine ausgezeichnete, materialreiche und auch noch verständliche Website zum Thema veröffentlicht.

Wohltuend bei den 22ern ist auch, dass es nicht den ganzen Vermessungsklüngel wie bei den 30ern gibt.  Vermessen und gesegelt wird nach den schwedischen Vorschriften basta.

Stehhöhe im Niedergang

Natürlich kann man auf diesem etwa 10 bis 13 m langen Boot – es ist eine Konstruktionsklasse – auch irgendwie übernachten. Das klappt besser als beim Drachen. Es fehlt das unter Deck angebrachte Spinnennetz unzähliger Strippen. Die Kajüte bietet volle Kauerhöhe. Auf den beiden Bänken mittschiffs liegt man wunderbar. Je nach Ausführung ist ein 22er 1,80 bis 2,40 m breit.

Volle Stehhöhe gibt’s auch: im Niedergang, wenn das Schiebeluk geöffnet ist und natürlich in der Plicht. Das reicht zum Hose hochziehen und Gürtel schließen völlig aus. Zum WC-Besuch, Zähneputzen, Duschen und Frühstücken gibt’s das Clubhaus nebenan.

Zum Beispiel im Berliner Yacht-Club im schönen Stadtteil Nikolassee, wo die Klasse gerade ihren ersten Europapokal auf dem Wannsee und im Anschluss den Kaiserpokal gesegelt hat. 15 Boote aus Schweden, Ungarn und der Schweiz, darunter zehn Deutsche, waren dabei.

Nach sieben Wettfahrten setzte sich der Kieler Katamaranspezialist Nils Bunkenburg mit seiner Crew auf „Tricksonita“ vor zwei Schweden durch. Das ist bemerkenswert, weil der 22er in Schweden die aktivste Schärenkreuzerklasse und das Niveau dort hoch ist.

Die Bedingungen waren mit 2 bis 4 Windstärken und schönem Wetter ideal. Der perfekte Saisonausklang erinnert daran, das die Berliner Gewässer ein ausgezeichnetes und übrigens auch traditionelles Schärenkreuzer-Revier ist. Der nächste Europapokal der 22er findet 2016 in Flensburg statt. Dann werden auch Engländer und Australier, außerdem weitere deutsche Boote dabei sein.

Ergebnisse Eurocup der 22er Schärenkreuzer

22er Schärenkreuzer

Der 22er ist 9,80 bis 13,25 m lang, 1,80 bis 2,40 m breit, geht 1,30 bis 1,40 m tief, wiegt 1,8- 2,4 t und hat etwa 50 Prozent Ballastanteil.

Immer hat er nominell, sprich vermessen (Großsegeldreieck plus 85 Prozent des Vorsegeldreiecks), 22 qm. Tatsächlich, mit Achterlieksrundung und der realen, meist als Genua überlappenden Vorsegelfläche deutlich mehr. Im Unterschied zum etwas größeren 30er ist das Boot deutlich leichter, einfacher zu Trailern und läuft ab 4 Windstärken besser als ein 30er. Weitere Infos

Fotograf Sören Hese

Der Berliner Segler und Fotograf Sören Hese, Jahrgang 1970, ist wissenschaftlich tätig im Bereich der Auswertung digitaler Satellitenbilder, seit 2004 Freelancer mit Schwerpunkt Klassische Yachten, großes Bildarchiv der Klassiker “German Classics” und Havel Klassik. Sein Motto: „The only death you die is the one you die daily by not living. Dream big and dare to fail“ – Norman Vaughn.
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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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