Braschosblog: Warum die Super J-Class “Ranger” als „Cheyevo“ in Holz gebaut wird

Auf dem Holzweg

Der erste J-Class Holz Neubau "Cheveyo" nach dem Vorbild der "Ranger". © S&S

Der englische Bootsbaubetrieb Spirit Yachts, bekannt durch seine 11 bis 30 Meter langen formverleimten Holz-Epoxid Boote mit traditioneller Anmutung und modernem Unterwasserschiff, überraschte neulich mit der Bekanntgabe eines J-Class Neubaues aus der sogenannten Ranger Serie in eigentlich obsoleter Mischbauweise aus Holz über Stahlspanten.

Das ist insoweit erstaunlich, als der Kompositbau aus metallverstärktem Holz als überholt und bei großen Yachten mit erheblicher Beanspruchung durch das Rigg, den Kiel und schwere Einbauten als ausgereizt und überholt gilt. Große Yachten entstehen heute entweder aus leichtem Aluminium oder aus Faserverbundwerkstoffen.

Holz-Metallbauweise ist ausgereizt

Die vorerst letzten Megayachten aus Holz waren der Abeking & Rasmussen Werftbau „Hetairos“, die 38 m Slup „Antonisa“  und die 55 m Ketsch „Scheherazade“ beides Hodgdon Werftbauten in East Boothbay/Maine  – interessanterweise alles Bruce King Entwürfe. Sie wurden in beanspruchten Bereichen entweder mit einer Strongback-artigen Bodengruppe oder zusätzlichen Metallpüttingen verstärkt.

Das bringt eine Menge Gewicht ins Schiff und die geschraubten Verbindungen sind im Zeitalter, wo Dank moderner Bauweise größere Festigkeitswerte bei wesentlich geringerem Gewicht möglich sind, ein Anachronismus.

Rendering der "Ranger"-Variante 77B. Wird sie so schnell wie ihr Vorbild sein? © S&S

Er wird entweder aus quasi weltanschaulichen Gründen eingegangen, Bruce King schwor auf die Holz-Epoxidbauweise, oder aus Kostengründen, siehe den derzeit in der türkischen „Dream Ship Victory“ Werft entstehenden 141 m langen Viermastschoner.

Die schlanke und schwere J-Class, deren Rumpf aufgrund der geringen Bootsbreite mit entsprechend schmalen Wanten-Ansatzpunkten erhebliche Wantenspannung und entsprechenden Mastdruck aufnimmt und deren Marlspieker-artig scharfer Vorsteven nicht ohne weiteres mit dem Zug des Vorstags zurecht kommt, wurde und wird aus guten Gründen entweder aus Stahl oder Aluminium gebaut. Ausnahme ist die „Shamrock V“ und eine andere, längst abgewrackte J-Class.

Federndes Vorschiff

Von einer modernisierten J-Class mit Stahlrumpf war vor einigen Jahren zu hören, dass sich das Vorschiff angesichts des erheblichen Zugs vom Vorstag in der atlantischen Dünung spür- und sichtbar anhob. Zwar wusste die Crew, dass eine gewisse Torsion, sprich Verformung eines sportlich gesegelten schlanken Bootes bei frischem Wind in bewegtem Wasser in Ordnung ist. Dennoch wurde der Besatzung angesichts des federnden Vorschiffs mulmig. Sie schaltete vorsichtshalber einen Gang zurück.

So erhielt auch „Endeavour“ anlässlich ihres 18-monatigen Refit unter anderem neue Stringer. Moderne, unnachgiebige Mastbau-, Takel- und Segeltechnologie gepaart mit dem Regattaehrgeiz der Eigner verlangen den Schiffen heute mehr ab als noch in den Dreißiger Jahren.

Damals waren die nachgiebigen Masten das Problem der J-Class bei frischem Wind. „When the winds of July and August blow, the masts of the J-Class go“ feixte der Segelsportchronist Uffa Fox.

Die legendäre “Ranger”

Bei der Ranger Serie handelt es sich um sechs Entwürfe des alten Hasen Starling Burgess und seines jungen Kollegen Olin Stephens für den America’s Cup 1937. Sie wurden mit den Nummern 77A bis F bezeichnet und als Modelle im Schlepptank untersucht. Der Burgess Entwurf 77C-C1 wurde zur legendären Super-J „Ranger“, welche die Pokalregatten mit deklassierendem Vorsprung vor „Endeavour II“ für sich entschied.

Harold „Mike“ Starling Vanderbilt und seine Frau Gertrude, beraten von Spitzenkräften zur Verteidigung der amerikanischen Seglerehre wie Olin und Rod Stephens, Arthur Knapp, Zenas Bliss und eine 16-köpfige Mannschaft norwegischer Berufssegler hatten im mäßig bewegten Atlantik vor Newport mit dem englischen Herausforderer leichtes Spiel.

Den 17 und 18-minütigen Vorsprung der „Ranger“ in den ersten beiden Wettfahrten am 31. Juli und 2. August konnten sich Pokalherausforderer Sopwith und sein Konstrukteur Charles Nicholson nur mit einem im Unterwasserschiff verhedderten Fischernetz erklären.

Selbst der sieggewohnte Vanderbilt war von Rangers Überlegenheit überrascht. Nachdem ein Überläufer auf “Rangers” Vorschotwinsch beim nächsten Rennen ein Wendemanöver verhindert hatte, zog „Endeavour II“ zunächst vorbei. Sie wurde mit passend getrimmtem Vorsegel rasch wieder eingeholt.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Braschosblog: Warum die Super J-Class “Ranger” als „Cheyevo“ in Holz gebaut wird“

  1. avatar Ingo sagt:

    Wow!!!
    Toller Artikel, und super recherchiert. Vielen Dank dafür, Erdmann!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

  2. Hallo,

    auf der Suche nach Informationsmaterial über die CHEVEYO, bin ich hier gelandet! Kann irgend jemand mir Auskunft über den derzeitigen Stand des Schiffes geben.
    Der Bericht ist sehr fein geschrieben und hat sehr gefallen! Danke!
    Bin im Begriff die CHEVEYO zu bauen und freue mich natürlich über jedes neue Detail was mir beim Bau behilflich sein könnte!
    MFG Detlev Körner

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