Fahrtensegeln: Absegeln – Herrliches Segelwetter, kein Boot weit und breit

Der letzte Schlag

Es wird kühl und unwirtlich. An der Küste gehen die Lichter aus. Zum Abschluss einer runden Segelsaison steuerte Erdmann Braschos nochmal seine Lieblings-Ankerbucht an. Hier sein wehmütiger Abschied von der segelnswerte Jahreszeit.

Erinnerung an einen wunderbaren Segelsommer, hier Swede 55 vor Travemünde © Jens Dippel/Swedesail

Erinnerung an einen wunderbaren Segelsommer, hier Swede 55 vor Travemünde © Jens Dippel/Swedesail

Draußen vor dem Offentief, wie sich die nordwestliche Ansteuerung von Timmendorf/Poel und der Wismarer Gewässer nennt, verabschiedet sich die Sonne mit den Vorboten herbstlicher Dramatik. Es wehte eine sanfte Drei.

Stefan Zweig schrieb im Vorwort zu seiner lesenswerten Magellan-Monografie „Der Mann und seine Tat“ einmal über „die täglichen Vexationen“ des Landlebens, von denen er sich in den Dreißiger Jahren während einer Schiffspassage ins Exil nach Südamerika löste.

Bürde des Landlebens

Segelfreund Frank und ich sind heute leider erst spät auf’s Wasser gekommen. Unsere „Reise“ ist ungleich kürzer. Wir sind bloß einige Stunden unterwegs. Die Streichholzschachtel des markanten Maritim Hotels von Travemünde ist vorhin erst achteraus verschwunden.

Dennoch haben wir uns bereits von den Verstrickungen, der Bürde des alltäglichen Landlebens gelöst. Wir sind ringsum zufrieden, meinen schon länger unterwegs zu sein.

Nach der Wende vor den Wieschendorfer Ufer geht es Richtung Marina Weiße Wiek © Frank Jewsky/Swedesail

Nach der Wende vor den Wieschendorfer Ufer geht es Richtung Marina Weiße Wiek © Frank Jewsky/Swedesail

Vor dem idyllischen Steilufer zwischen Travemünde und Boltenhagen haben wir die Wundertüte gesetzt und uns vor’s Offentief zerren lassen. Als Frank vor zwei Jahren das erste Mal, damals noch als Chartergast an Bord war, hat er die 130 qm Nylon etwa in dieser Gegend in deftigen Böen eingepackt.

Heute keinen Bockmist

Er schwört Stein und Bein dabei bis zu den Knöcheln im Wasser gestanden zu haben. Nun sind Angler, Jäger und auch Segler bekanntlich große Dazulügner. Da muss immer was abgezogen werden. Ich erinnere dieses Detail so kaum, hockte aber auch nicht hastig in den Spinnaker greifend auf dem seitlichen Laufdeck. Ich steuerte in der ersten fetten Bö sehr tief und erzwang auf dem übel losgeigenden Boot mit losgeworfenem Achterholer und gefiertem Fall das wieselflinke Bergen.

Heute, so hatte ich Frank versprochen, gibt’s keinen Bockmist. Ich peilte öfter mal über die Schulter, was Freund Wind heute so mit uns vorhat. Außerdem ist diesmal nur sanftes Murmeln angesagt, sind wir bloß zu zweit und auch etwas eingespielter als vor zwei Jahren.

Die untere gelbe Linie zeigt die abendliche Kreuz zum Ankerplatz © Frank Jewsky/Swedesail

Die untere gelbe Linie zeigt die abendliche Kreuz zum Ankerplatz © Frank Jewsky/Swedesail

Herrliches Segelwetter. Kein Boot weit und breit. Wir sind wieder allein in diesem unkomplizierten Revier unterwegs. Keine Tide, keine Strömung, überschaubar wenig Untiefen, ab und zu mal ne Fähre. Einfacher geht es kaum.

Die Lübecker Bucht ist ein ringsum, außer bei seltenem Nordost perfekt geschütztes Gewässer. Gerade mal eine Autostunde von Hamburg entfernt, wobei ich die nervige Dauerbaustelle auf der A1 bei Bad Oldesloe beinahe unerwähnt gelassen hätte. Aber die soll demnächst Geschichte sein, so passé wie unser beinahe-Bockmist mit dem Spinnaker damals.

Glatte Ostsee

Wir haben eingepackt, gehalst, aufgeräumt und eilen mit Fock statt Spinnaker mit halbem Wind Richtung Poel. Bald ziehen wir die imaginäre aber spürbare Windkante entlang immer höher in die weite Bucht der Wohlenberger Wiek. Im Schutz der Boltenhagener und Tarnewitzer Huk schwappt und wogt das Meer nicht mehr. Die Ostsee glättet sich zur Alster.

Blick vom Offentief vor Poel nach Südwesten gen Travemünde. Noch schwappt und wogt die Ostsee © Frank Jewsky/Swedesail

Blick vom Offentief vor Poel nach Südwesten gen Travemünde. Noch schwappt und wogt die Ostsee © Frank Jewsky/Swedesail

Ich bin richtig gern hier. Es ist die besondere Atmosphäre, eine Art skandinavischer Gelassenheit und Stille, die ich auf dem Wasser suche. Hier, wenige Segelstunden von Travemünde, gibt es das bereits. Deshalb geht’s wann immer es die für die Rückkehr absehbaren Windverhältisse zulassen, zur Wohlenberger Wiek.

Vor dem Wieschendorfer Ufer wird das Spiel aus Höhe und Fahrt immer schöner. Der Wind raumt eine Idee und ich freue mich wie ein Kind ohne Schlag in die Bucht hinein ziehen zu können. Was braucht der Segler mehr zu seinem Glück: Glattes Wasser, eine konstante Brise und ein Medium, das aus diesen köstlichen Bedingungen etwas macht.

Frank und ich hocken hingerissen in der Plicht. Alles passt, das leicht gekrängte schlanke Boot schießt durch’s Wasser. Jeder Dreher wird wie in beinahe vergessenen Jollenseglerzeiten mitgenommen. Ab und zu zeigt Frank in der Dämmerung die Position auf seinem I-Pad. Wir schweigen. Es zischt.

Wunderbarer Sommer

Ein Schlag noch Richtung Marina Weiße Wiek, dann haben wir genug Höhe für den Ankerplatz irgendwo links am Ufer. Der Wind wird kühl aber im Wasser steckt noch die Wärme des weit bis in den Herbst hinein verlängerten Sommers.

Mit gelegentlichem Blick auf's Echolot und I-Pad geht's zum Ankerplatz © Frank Jewsky/Swedesail

Mit gelegentlichem Blick auf’s Echolot und I-Pad geht’s zum Ankerplatz © Frank Jewsky/Swedesail

Es war ein wunderbarer Sommer, der schönste. Gut möglich, dass die Segelfreunde und ich ihn nach der Fron der im Herbst vergangenen Jahres begonnenen Reparaturagenda am Motor und Ruder besonders genossen. Karfreitag fingerte ich in der Küche das Unter- und Oberteil des Saildrivegetriebes einhand zusammen. Frau und Kind hatten sich zu Freunden exiliert. Ende Mai kam das reparierte Ruder. Eigentlich alles Wahnsinn.

Manchmal erwische ich mich bei der frevelhaften Vorstellung, wie einfach mein Leben ohne die Bootsbetriebsbürde wäre. Meine Frau und auch Freunde oder Bekannte, bei denen es nicht ganz diesen „Klick“ gab, sind schon länger der Ansicht, ist müsste mal zum Arzt.

Gescheite Dosis Segeln

Finde ich nicht. Es braucht nur regelmäßig eine gescheite Dosis Segeln. Wegen der Vexationen des Landlebens. Zum Rauskommen. Wenn es so ein Revier, Wind und Boot zum Spielen gibt, muss das halt regelmäßig sein.

Die Mondsichel erscheint im dunklen Blau des Himmels. Der Tag verabschiedet sich in zarten Pastelltönen über dem Ufer. Das Licht geht aus. Wir fliegen durch die Dunkelheit. Das Wasser murmelt vorbei.

Dann sind da, gehen in den Wind. Die Segel rutschen an Deck. Die Kette poltert über den Bug. Nach diesem letzten Schlag kann die grausam segelfreie Zäsur des Winters kommen.

Das Revier

Das Wohlenberger Wiek ist eine etwa 2 ½ sm breite, gut 8 m tiefe Bucht an der Rückseite von Boltenhagen. Bei üblichem Wind aus WNW bis SW ankert man auf 4 – 3 m Wasser unbesorgt. Bei NW schützt die bei Niedrigwasser gut sichtbare Liepser Sandbank.

Diese Sandbank war im Mittelalter mal eine mit dem Festland verbundene Halbinsel. In den Dreißiger Jahren entstand auf der Tarnewitzer Huk ein Flugplatz und Hafen (das heutige Becken der 2008 geöffneten Marina Weiße Wiek). Hier wurden Waffen für den Zweiten Weltkrieg getestet. Zu DDR Zeiten war die Volksmarine/NVA für die damals übliche grenznahe Menschenfänger- und –fischerei hier stationiert.

Nach einem Intermezzo der Bundesmarine in den Neunzigern lag der Stützpunkt brach, bis sämtliche Kasernen abgerissen wurden und die perfekte, allerdings noch etwas sterile Full Service Marina mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten eines modernen Hafens entstand.

Das Wohlenberger Wiek wird zunehmend als ideales Regattarevier für Meisterschaften geschätzt. Die Bucht ist windsicher, es gibt wenig Welle, kurze Wege zur Bahn, dazu eine ausgezeichnete Infrastruktur mit Hotel und Gastronomie am Hafen. Weitere Infos

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

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4 Kommentare zu „Fahrtensegeln: Absegeln – Herrliches Segelwetter, kein Boot weit und breit“

  1. avatar dubblebubble sagt:

    Was für ein schöner Retro-Schlitten!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 2

  2. avatar T.K. sagt:

    Ja, ein wunderbarer Saisonausklang, und ja der Segelsommer an der Ostsee war der BESTE ever, ever!

    Aber was sehe ich da: Der Wendewinkel lt. Plot lässt aber sehr zu wünschen übrig…..
    Entweder hat da schon das Anlegerbier gezischt und der Skipper hat aufgrund des Alkoholpegels doch nicht die Windkante gefunden…….oder man war so in sich versunken,dass…..
    Also ne breitärschige, mittelgeschotete Hanse, sozusagen der schneeweisse besegelte Gletscher mit Holzterrasse, hätte den Wendwinkel glatt unterboten – und das nicht nur vom Winkel her!!
    Da kann die spitze Nadel zischen wie sie will!

    BTW: schön ist das zischende Nädelchen allemal!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 9

  3. avatar Oceanus sagt:

    Schöne Story, die ich voll auf meinen Segelsommer übertragen kann:
    Kieljolle aus Holz umfassend überholt bzw. überholen müssen und gefühlt erst (viel zu) spät in die Saison gestartet.
    Dann aber viele tolle Segeltage mitgenommen.
    Habe aber meinen letzten Segeltag entgegen Erdman Braschos aber auf den Tag des Wetterabsturzes am 21. Oktober gelegt. Bzw. legen müssen.
    Vorschoter und Freizeit sind eben oft nicht gleichzeitig verfügbar… 😉
    Dann eben mit Ölzeug bei 4 bis 7bft (in Böen) immer zwischen (Wind-) geschützer Bucht und offenem (Binnen-) See hin und her gependelt. Ein geiler Ritt mit Dusche von oben und unten.
    Am Wochenende danach konnte ich dann auch mit einem rundum zufrieden Gefühl das Boot auch wieder auskranen und in die Scheune bringen.
    Der einzige Wehmutstropfen: Wenn ich gewusst hätte, dass das letzte Wochenende auch noch mal so sonnig und warm werden würde, dann hätte ich noch ne Woche gewartet… 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 1

  4. avatar Manfred sagt:

    Danke schön für den tollen Artikel!

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