Megayacht Design: Deckshäuser nicht immer schön aber praktisch

Pagode mit Dachlinie auf der „Nativa“

Den Komfort einer großen Motoryacht mit den Vorzügen eines Seglers in Einklang zu bringen ist eine Herausforderung. Das Deckshaus steht im Mittelpunkt und lädt zum Experimentieren ein.

Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen, sagt der Volksmund. Wer im Glashaus sitzt bleibt trocken, lebt wind- und sonnengeschützt, sagt der moderne Bootsbau. Deshalb wird für eine ältere, komfortorientierte und solvente Klientel mit Deckssalon-Designs aller Art experimentiert. Leider ist auf normal-großen Yachten der Blick nach vorn arg eingeschränkt.

Rendering der 60 m Perini Navi

Rendering einer Perini Navi 60 m Slup unter Segeln. Das Deckshaus ist wie das eines Motorbootes aufgebaut, Dachüberstand, Flybridge, viele schräge Fensterflächen
© Perini Navi

Bei großen Schiffen gibt es dank schierer Größe ganz andere gestalterische Spielräume. Die Perini Navi Werft bringt Komfort und Übersicht seit jeher mit einer Flybridge in Einklang. Wie man es vom Kajütdach der Motorboote kennt. Auch bleibt das Deckshaus auf einem 40 m langen Rumpf optisch noch im Rahmen. Die italienische Werft blickt seit drei Jahrzehnten auf über 50 riesige, quasi in Serie gebaute Schiffe zurück. Sie ist sich ihrer Sache so sicher, dass sie jahrein jahraus stets einige Kaskos auf Vorrat schweißt, für die sich dann Käufer mit einem individuellen Innenausbau entscheiden. Derzeit entstehen fünf solcher Schiffe von 38 bis 70 m.

Provokantes Deckshaus

Die neue Wally "Better Place" erstmals mit Flybrige. © Wally

Die neue Wally “Better Place” erstmals mit Flybrige. © Wally

Da wundert es nicht dass Wally, eigentlich für sportlich funktionale Segelspaßmaschinen bekannt, mit der „Better Place“ auf den Zug aufspringen wollte. Der Entwurf des amerikanischen Bootskonstrukteurs Bill Tripp erhielt ein Pagoden-artiges, ringsum panoramaverglastes Deckshaus. So gewöhnungsbedürftig wie die leuchtend metallicblaue Lackierung des Gefährts war das Deckshaus mit dem Charme eines Expo-Pavillons.

Perini Navi versuchte sich 1997 einmal mit einem Pagodenförmig kurzen Aufbau hinter der Mittelplicht. Es blieb aber bei diesem Experiment © Perini Navi

Perini Navi versuchte sich 1997 einmal mit einem Pagoden-förmig kurzen Aufbau hinter der Mittelplicht. Es blieb aber bei diesem Experiment © Perini Navi

Im Unterschied zu den stufig-angehobenen, gestalterisch mit dem Boot homogenen Aufbauten, ist die Pagode ein Kontrastprogramm. Übrigens hat Perini Navi das vor einigen Jahren mal mit der 52 m Ketsch „Galaxia“ ausprobiert. Statt edelholzvertäfeltem Wohnzimmer gab es hinter dem Mast eine große Plicht. Obwohl Pagoden-förmige Deckhäuser mit ausladend schattenspendendem Dachüberstand und ähnlich wie beim Hafenschlepper blendfrei geneigter Frontscheibe ihre Vorteile haben, blieb es bei diesem Exoten.

Pagode mit Kleiderbügel-Dachlinie

Rumpf und das Exterieur der Nativa wurde von Bill Trip entworfen. Das umlaufende, angehobene Schanzkleid erinnert an die Fahrtenboote von Wally © Arzana Navi

Rumpf und das Exterieur der „Nativa“ wurde von Bill Tripp entworfen. Das umlaufende, angehobene Schanzkleid erinnert an die Fahrtenboote von Wally © Arzana Navi

Vergangenes Jahr ließ Arzana Navi, eine in Mestre bei Venedig von Alberto Peruzzo gegründete Werft, wieder eine segelnde Pagode vom Stapel. Die 48 m Slup „Nativa“ ist bereits anhand ihrer kühn geschwungenen, autoähnlichen Dachlinie, die den Aufbau optisch wie ein Kleiderbügel überspannt, gewöhnungsbedürftig. Bei näherem Hinsehen wird deutlich, das die Front- und Heckscheiben im Unterschied zum Auto senkrecht zwischen der Dachlinie stehen. Die geneigten Streben erfüllen also einen dekorativen Zweck.

Von achtern wird die wuchtige Proportion des Deckshauses deutlich. Oben hinter dem Baumniederholder die Flybridge © Arzana Navi

Von achtern wird die wuchtige Proportion des Deckshauses deutlich. Oben hinter dem Baumniederholder die Flybridge © Arzana Navi

Zum eigenwilligen, so noch nie auf einem Segler gesehenen Deckshaus meint der amerikanische Konstrukteur Bill Tripp: „Die spannungsreich gebogene Dachlinie streckt das Deckshaus mit seiner steilen Panoramaverglasung optisch. Zugleich erlaubt die Bauweise maximalen Durchblick, weil die Streben zwischen den Fenstern besonders filigran gehalten werden konnten. Außerdem eignet sich das pagodenförmige Deckshaus mit senkrechten Fensterfronten in südlichen Revieren besser, weil es sich weniger als ein Aufbau mit geneigte Scheiben aufheizt.

Die farblich abgesetze Dachlinie der „Nativa“ erinnert an den kleinsten Audi, streckt und verbindet das Deckshaus mit dem Rumpf © Arzana Navi

Das Design mit der farblich abgesetzten Dachlinie erinnert an den kleinsten Audi. Es überzeugt an Bord der „Nativa“ am ehesten bei Nacht, wo die Fensterformen der Pagode und ihre Übergänge zur Flybridge in der Dunkelheit verschwinden. Auch braucht es einen gewissen Abstand, um den in der 48 m Slup steckenden gestalterischen Willen zu begreifen. Aber das ist vielleicht das Merkmal jeder gewöhnungsbedürftigen Form. Man wird sie erst nach einer Weile verstehen und – vielleicht – sogar mögen.

Im Prinzip ist die Nativa ausgebaut wie die häusliche Kajüte: Glastisch, Sideboards, Designersofa und Treppenhaus zu den Gemächern © Arzana Navi

Im Prinzip ist die „Nativa“ ausgebaut wie die häusliche Kajüte: Glastisch, Sideboards, Designersofa und Treppenhaus zu den Gemächern © Arzana Navi

Alberto Peruzzo, Werftchef von Arzana Navi, sieht und inszeniert „Nativa“ als großen Wurf, als Kreation einer völlig neuen Yachtrange, die den Komfort einer großen Motoryacht mit den Vorzügen eines Seglers in Einklang bringe. Designer Bill Tripp bleibt etwas sachlicher: „Es ist eine konservative, um einen 12 m langen Deckssalon herum gedachte Konstruktion, die bereits bei mediterran leichter Brise gut laufen soll. Deshalb die generöse Segelfläche. Für auffrischenden Wind wurde ihr die nötige Steifigkeit mitgegeben.“ Derzeit entsteht bei Arzana Navi im Industrievorort von Venedig Baunummer 2. Das Schiff ist zu 60 Prozent fertig.

Die „Nativa“ in Zahlen

Mit viel weissem Tuch ausgestattet soll die „Nativa“ bereits bei mediterran leichter Brise gut laufen © Arzana Navi

Länge 48 m, Länge Wasserlinie 43,10 m, Breite 9,56 m, Tiefgang (Kielschwerter) 7,80 bis 5 m, Verdrängung (halb beladen) 263 Tonnen, Segelfläche am Wind 1.077 qm, Brückendurchfahrtshöhe 62 m, Selbstwendefock, Aluminium, Platz für 10 Gäste in fünf Suiten, weitere Kajüten für die achtköpfige Crew, Konstruktion und Exterieur Design Bill Tripp Yacht Design, Werft Arzana Navi

Steckbrief zu Bill Tripp

Der Amerikaner William H. Tripp, III, kurz Bill Tripp genannt, ist seit dem Abeking & Rasmussen Werftbau „Alithia“ 2001 für den rheinländischen IT-Unternehmer Jost Stollmann (Compunet) als Konstrukteur großer Yachten bekannt. Der 40 m Alu-Slup folgten die 43 m Wally „Esense“, der gleich lange Vitters Werftbau „Mystere“, die Wally 148 „Saudade“ und weitere gediegene Einzelbauten.

Nach dem Schiffbaustudium in Michigan, einigen Jahren als leitender Konstrukteur bei Doug Peterson, wo Tripp auch mit den Maxis „Condor“ und „Kialoa“ beschäftigt war und einer Stippvisite beim finnischen Kompositspezialisten Baltic Yachts machte er sich Mitte der achtziger Jahre mit dem Entwurf von 40 Fuß Regattabooten selbstständig.

Sein Vater gleichen Namens (1920-71) zeichnete in den fünfziger Jahren mit der Block Island 40 ein sehr erfolgreiches, beliebtes wie auch hübsches Regatta- und Fahrtenboot. Berühmt wurde Tripps Vater auch durch den Sydney Hobart Sieger „Ondine II“ von 1968.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

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