Micro-Segeln: Auf 5,70 m nonstop nach Neuseeland – Yrvinds (79) neues Langfahrtprojekt

Vogelfrei

Seine Nussschale hat er verschrottet, jetzt will der „alte Schwede“ auf einem „vernünftigen“ Boot um die halbe Welt segeln. Im Juni geht’s los – wenn’s einer schafft, dann er! 

Eigentlich wollte Yrvind ja um die Welt segeln. Auf einem selbst erdachten, mit eigenen Händen erbauten Boot. Nun ist so ein Projekt heutzutage nicht unbedingt mehr eine Meldung wert – es gibt Tausende, die sich genau diesen Traum gerade erfüllen. Doch was Yrvinds Vorhaben so besonders macht, sind vier Zahlen: 79; 5,7; 1,0 und 400. 

Liest sich das ein bisschen geheimnisvoll? Was durchaus im Sinne des Protagonisten wäre, denn der Schwede Sven Yrvind liebt es, sich, seinem Leben und seinen Projekten einen gewissen unergründlichen „Touch“ zu geben. Großes Mysterium nennt er das manchmal, vor allem wenn er von der See und seinen nicht wenigen Abenteuern auf derselben spricht… 

Yrvind, Micro Segeln

Auf der Exlex soll’s nach Neuseeland gehen © yrvind

Zur Auflösung des kleinen Zahlenspiels: Der Hauptdarsteller des Projektes „Exlex“ (lateinisch: vogelfrei, gesetz- und rechtlos) will mit 79 Jahren nochmals einen richtig großen Törn starten. Das macht er nun aber nicht auf einem – seinem Alter eher entsprechenden – adäquaten Langfahrtboot mit reichlich Bewegungsfreiheit und korrektem Sicherheitsequipment, sondern auf einem Microsegler, der gerade mal 5,7 Meter lang und 1,0 Meter breit ist. Auf „Exlex“ will der Abenteurer in knapp 400 Tagen von Irland nach Neuseeland segeln. Nicht mehr und nicht weniger. 

Wahre Nussschale

Es muss jedoch an dieser Stelle erwähnt werden, dass sich Sven Yrvind noch vor zwei Jahren zumindest für die Längenangaben seines Bootes geschämt hätte. Denn der erklärte und nach eigenen Angaben besessene Micro-Segler bastelte damals noch an einer „Yacht“ mit ganz  anderen Maßen: 2,89 Meter kurz sollte seine „Yrvind Ten“ werden, dafür aber 1,9 Meter breit. Der Begriff „Nussschale“ erhielt dank des schwedischen Micro-Enthusiasten also endlich eine haptische Note (siehe SR-Bericht). Doch die eher überschaubare Größe seines Bootes war noch nicht alles: Sven Yrvind wollte mit seiner Zehn-Fuß-Nussschale nichts Geringeres, als um die Welt segeln. Einhand und nonstop, versteht sich. 

Yrvind, Micro Segeln

5,70 m lang, aber nur ein Meter breit © yrvind

Irgendwann während der ganzen Bastelei an der „Yrvind Ten“ wurde dem rüstigen Schweden klar, dass er im übertragenen Sinne auf den falschen Dampfer gesetzt hatte. „Meine Erfahrungen während meiner Einhand-Nonstop-Atlantikquerung sagten mir nämlich, dass auch im Micro-Bereich ein bestimmte Längen-Breiten-Verhältnis gewahrt bleiben muss, damit sich das Böotchen überhaupt nach vorne bewegt,“ erinnerte er sich. „Optisch sah die Nussschale zwar seefest aus, doch ob sie auch ein gewisses Etmal schaffen würde, stand in den Sternen!“ 

Überhaupt, die Sterne. Yrvinds Traum von einer Weltumseglung stand unter keinem guten. Er musste sich einer schweren Augenoperation unterziehen, sein Verleger wollte ihm keinen Vorschuss auf ein Buchprojekt geben (und lehnte es später vollständig ab) und zudem stellte sich heraus, dass für so ein Micro-Monsterprojekt (Yrvind rechnet mit mehr als zwei Jahren nonstop auf See) nicht genügend Stauraum für Vorräte an Bord wäre. 

Yrvind, Micro Segeln

Sven Yrvind mit Freunden © yrvind

„Ich änderte dauernd was am Riss, verbesserte hier und verstärkte da, warf mitunter das Konzept um und fing wieder von vorne an,“ schreibt er auf seiner Website und erzählt in Interviews. 

Im Juni legt er ab

Es kam, wie es kommen musste. An einem schönen Tag packte Yrvind seine Zehn-Fuß-Nussschale auf einen Hänger, fuhr sie zum Schrottplatz, verbeugte sich nochmals kurz vor „Yrvind Ten“ und begann noch am gleichen Tag mit dem Bau der „Exlex“. Freunde halfen ihm dabei und innerhalb kürzester Zeit schwamm die 5,7 Meter lange, aber nur ein Meter breite Langfahrtyacht auf der Ostsee. 

Yrvind, Micro Segeln

Die Anfänge 1969 © yrvind

Am 1. Juni 2018 will Yrvind von Irland aus zu seinem großen Törn starten. Der Vollblut-Segler, der bereits als junger Mann auf einem selbstgebauten Boot die Welt umsegelte und in der Micro-Szene mittlerweile eine Legende ist, macht sich nichts vor. „Könnte eine meiner letzten Reisen werden,“ sagt er und will es aus diesem Grund erst recht nochmals wissen. „Es war zwar eine schwere, aber die richtige Entscheidung, die „Yrvind Ten“ aufzugeben und die „Exlex“ zu bauen.

Yrvind, Micro Segeln

Mit der “Yrvind” ging es über den Atlantik © yrvind

Doch ich fühle, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Meine Sehnsucht, endlich wieder tage-, wochen- und monatelang auf dem Meer zu sein, wächst von Tag zu Tag. Das ist immer ein gutes Zeichen gewesen, bei allen Törns in meinem Leben. Wenn mich dann endlose, große Weite aufnehmen wird, kann ich auf meine alten Tage nochmals das wahre Glück erfahren!“ 

Eins mit der See

Juni sei eine wunderbare Startzeit für solch ein Projekt, schreibt Sven Yrvind weiter auf seiner Website. Die Tage sind lang, man hat einfach mehr vom Meer. Nach fünf Monaten will er das Kap der Guten Hoffnung backbord liegen lassen, um danach im Sommer der Südlichen Hemisphäre den Indischen Ozean zu durchqueren. Im Southern Ocean erwartet er zwar Stürme und vielleicht sogar Eisberge, aber bis dahin „bin ich stark, kenne mein Boot, werde eins mit der See sein!“ 

Yrvind, Micro Segeln

Die Strecke: Erst in den Süden, dann links abbiegen © yrvind

An Land fühle er sich wie ein Fisch im Wald, sagt er. Doch auf See könne er endlich auf seine innere Stimme hören.

Und wenn er dann in Neuseeland ankomme, so Yrvind weiter, habe er  bewiesen, dass „seine Bootskonstruktion besser sei, als all die anderen größeren, langweiligen, teuren und unsicheren Boote dieser Welt.“  

Manchmal ist Micro eben doch Macro. 

Eine Dokumentation über Sven Yrvind ist in Vorbereitung (siehe Trailer)

Website mit Blog und einer lesenswerten, abendfüllenden Biografie (alles in Englisch)

Yrvind, Micro Segeln

Der Micro-Meister Sven Yrvind © yrvind

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Michael Kunst

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