Gestrandet: IRMA trifft „Fazisi“ – Berühmte Sowjet-Yacht dessen Skipper sich erhängte

„Die Russen kommen!“

Sie galt als die schönste teilnehmende Yacht überhaupt, wurde 24 Stunden vor dem Start per Antonov angeliefert, schlug sich wacker auf Rang 11 und wurde nun Opfer des Wirbelsturms „Irma“.

Yachten und ihre Geschichte – ein Thema, mit dem man ganze Bücherschränke füllen könnte. Dabei liegt es in der Natur der Dinge respektive schwimmenden Untersätze, dass Yachten, die weit herumgekommen sind und dabei ordentlich was erlebt haben, deutlich mehr „hergeben“ als etwa der Kleinkreuzer, dessen Ausfahrten sich seit dreißig Jahren auf einen zwei Kilometer kurzen Baggersee beschränken. Obwohl…

Fazisi, Whitbread Round the World

Sowjetisch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt? © fazisi/murnikow

Aus der Abteilung „Yachten, die (große) Geschichte schrieben“ stellen wir heute einen Renner vor, der sich diese Bezeichnung im mehrfachen Wortsinne verdient hat: Als optisches Schmuckstück, dessen radikales Design Zeichen setzen sollte; als schneller Racer, der viel Potential zu Wasser brachte und als aufmerksamkeitsstarker Geschichten-Lieferant, der es seinerzeit immerhin bis zu einer Story in der New York Times schaffte. Vorhang auf für „Fazisi“! 

Hammer und Sichel

Wir schreiben das Jahr 1989. Alle Segler warten gebannt auf das nächste Whitbread Round the World Race. Alle Segler? Natürlich nicht, denn damals war der Vorgänger des heutigen Volvo Ocean Races noch eines dieser Events, deren Teilnehmer ausnahmslos aus der westlichen Hemisphäre kamen. Wenn auch „Exoten“ wie die Alpenrepublik Schweiz geduldet waren, die es mit „Merit“ sogar zu einem dritten Gesamtrang schaffen sollte. 

Doch diesmal tauchte erstmals zwischen all’ den klassischen Hochseehelden-Nationen wie Frankreich, Großbritannien, USA, Spanien, Italien und Neuseeland ein Teilnehmerteam auf, dessen Yacht später eine knallrote Flagge, mit Hammer, Sichel und rotem Stern zieren sollte: Die Sowjetunion. 

Fazisi, Whitbread Round the World

Hoffentlich nur das vorläufige Ende einer großen Yacht: Fazisi nach Wirbelsturm Irma © Fazisi

Eine kleine Gruppe von auf Hochsee noch unerfahrenen, russischen Seglern hatte sich in den Kopf gesetzt, mit Hilfe weniger (erfahrener) westlicher Segler erstmals an dem legendären Etappen-Rennen rund um die Welt teilzunehmen. Gesponsert wurden sie von dem damals aufstrebenden sowjetischen Konglomerat „Fazis“, die Tanker um die Welt schickten, ganze Trabantenstädte bauten und (besonders ertragreiche) Brauereien finanzierten. Die sowjetische Regierung duldete das Projekt zwar wohlwollend, war jedoch nicht direkt daran beteiligt.

Selbst hinter dem „Eisernen Vorhang“ – dessen Gitterstäbe damals schon deutlich durchgerostet waren – hatte man von den großen Abenteuern zur See gehört, die bei solchen Regatten erlebt werden. Und auch um ein sportliches Zeichen der Öffnung Richtung Westen zu setzen, beschloss man, mit einer in Russland gebauten Yacht, die von einem russischen Designer gezeichnet worden war, mit größtenteils russischer Crew  und russischem Skipper teilzunehmen. 

Fazisi, Whitbread Round the World

Aus den Fazisi-archiven © fazisi/vlad murnikow

Um ein wirtschaftliches Zeichen amerikanisch-russischer Freundschaft zu setzen, stieg auch„Pepsi“ als Sponsor ein. Der Softdrinkgigant musste später während des Rennens jedoch aufgrund des öffentlichen Drucks, der entstanden war, weil ein amerikanisches Unternehmen ein russisches Team unterstützte (!), sein Sponsorong wieder zurück ziehen. 

Formschön radikal

„Fazisi“ wurde von Vlad Murnikow entworfen. Der russische Designer war aufgrund der damals noch üblichen östlichen Abschottung gegenüber der westlichen Welt ohne genauere Kenntnisse über die Yachten der anderen Teilnehmer ans Reißbrett getreten. 

Damals gab es noch keine Einheitsklasse wie heute mit den VORacern und im Prinzip konnte man mit so ziemlich jeder Yacht teilnehmen, die ein bestimmtes Sicherheitspotential aufwies. Entsprechend zeichnete Murnikow im besten Sinne unvoreingenommen drauflos und heraus kam eine Yacht, die in Sachen Ästhetik und Anmutung mit zu den schönsten der damaligen (und heutigen?) Zeit zählte.

Die geschwungenen Linien der schmalen und eleganten „Fazisi“ sowie ihre künstlerisch anmutenden Bananen-Form standen im krassen Gegensatz zu Favoriten-Booten wie etwa die neuseeländische „Steinlager 2“ – eine wuchtige Ketsch mit Eisbrecher-Potential, die später das Rennen auch gewinnen sollte. 

Fazisi, Whitbread Round the World

Anlieferung im letzten Moment © fazisi/vlad murnikow

Die „Fazisi“ wurde von einem Handwerkerteam ohne jegliche Bootsbauerfahrung in Poti/Georgien gebaut, was die Länge der Bauzeit etwas unüberschaubar machte. 

Letztendlich war man so im Verzug, dass „Fazisi“ ein paar Tage vor dem Start der Regatta in einen der riesigen Antonov-Transportflieger gepackt wurde und sie nach Heathrow flog, von wo aus sie auf einem Laster zum Starthafen Southampton gekarrt wurde. 24 Stunden vor dem Start zur Weltumseglung hisste die Crew erstmals Segel auf ihrer Yacht – zum Startschuss hatte man erst fünf Wenden und zwei Halsen gefahren. 

Fazisi, Whitbread Round the World

Russisches U-Boot © Hancock

Doch allen Unkenrufen zum Trotz hielt die „Fazisi“ gut bei den anderen Booten der immerhin 23 Boote starken Flotte mit. Brian Hancock, südafrikanischer Hochseesegler, der mittlerweile in den USA lebte und heute als einer der renommiertesten Hochseeexperten gilt, war damals an Bord der „Fazisi“ dabei. Er ist sich heute sicher, dass die Yacht durchaus das Potential für einen Sieg bei diesem „Whitbread Round the World Race“ gehabt hätte – vorausgesetzt, sie wäre von Profis wie eine der beiden neuseeländischen Kiwi-Crews (die später Rang 1 und 2 belegten) gesegelt worden. 

Dauerwaschgang

Das wohl auffälligste Merkmal im Vergleich zu anderen teilnehmenden Yachten war das niedrige Freibord der „Fazisi“.Mit anderen Worten: Die 22 Mann starke US-Russland-Crew segelte quasi im Dauerwaschgang. Ein Zustand, der heute auf den Vendée Globe und VOR-Yachten normal ist, damals aber noch als ineffizient galt. Hancock erinnert sich auf seiner Website  an episch lange Ritte mit mehr als 30 Knoten Geschwindigkeit, jedoch ohne Sichtkontakt zum Deck, das immer überspült war. 

Fazisi, Whitbread Round the World

Nass, richtig nass © fazisi/murnikow

Während der ersten Etappe von Southampton nach Punta del Este in Uruguay wurde die Yacht von dem US-Amerikaner Skip Novak, und den Russen Valerie Aleksejev sowie Aleksei Grishenko geskippert. Grishenko zeigte sich während dieser Etappe bereits extrem besorgt um den Zustand des völlig unerprobten Schiffes und fürchtete in den erwähnten Surfs mehrfach um das Leben der Besatzung.

Seine nervliche Verfassung wurde später von Crew-Freunden als „am Rande des Zusammenbruchs“ bezeichnet. Nicht zuletzt, weil auch der Sponsor in den Wirren der damaligen Ost-West-Öffnung abzuspringen drohte. Grishenko steigerte sich schließlich dermaßen in ein Katastrophenszenario, dass er sich völlig verzweifelt und verwirrt beim nächsten Landgang erhängte.

Trotz dieser Tragödie beschloss die Crew der „Fazisi“ weiter zu segeln. Sie und ihr „nasses Boot“ schafften schließlich einen sehr respektablen 11. Rang, was auch von Insidern damals als sensationell bezeichnet wurde. 

Fazisi, Whitbread Round the World

Was für Kurven! © fazisi/murnikow

Die „Fazisi“ kam nie wieder zurück in die Sowjetunion – logisch, die war ja auch während des Rennens auseinander gebrochen. Aber das Boot hatte durchgehalten! 

Hancock und sein neuer Crew-Freund und Co-Initiator der „Fazisi“, Vlad Murnikow, mieteten Monate später die „Fazisi“ für einen symbolischen Dollar, um auf ihr ein amerikanisch-russisches Freundschaft-Projekt für das Whitbread-Rennen 93/94 zu starten. Sie segelten auf einer Goodwill-Tour entlang der US-Ostküste – immer die Sowjetflagge gehisst! – und versuchten mit allen Mitteln, an die nötigen Finanzen zu kommen. Unter anderem mit dem Verkauf von T-Shirts (“The Russians are coming!”), der mit einem Gratis-Vodka angeheizt wurde. 

Opfer von “Irma”

Letztendlich waren diese Versuche von wenig Erfolg gekrönt und Hancock musste sogar seine Ehefrau einem Rivalen  (angeblich einem Russen) überlassen – ganz offenbar war der Dame der Konkurrenzkampf mit einem (formschönen!) Boot zuviel. 

„Fazisi“ wurde schließlich verkauft, hatte später viele Besitzer, darunter jahrelang der „Polnische Segelclub New York“. Vor zwei Jahren trieb „Fazisi“, nachdem sie vor Brooklyn nur suboptimal an der Mooring festgeleint wurde, auf Grund und erlitt schwere Schäden am Rumpf. 

Fazisi, Whitbread Round the World

Last trip? © fazisi/murnikow

Man machte sie erneut flott und segelte sie sogar in die Florida Keys, wo sie angeblich ihrem neuen Besitzer einige „coole Segelstunden“ bescherte. Im September 2017 wurde „Fazisi“ dort – wie Tausende andere Boote auch – Opfer des Wirbelsturms „Irma“. 

Nun kursieren Fotografien von ihr in den sozialen Medien, auf denen sie zwischen anderen Wracks zu erkennen ist. Letzte Aufnahmen zeigen „Mighty Fazisi“ (wie sie von ihren Seglern auch genannt wurde) seitlich auf einem Bergungs-Kahn liegend, wie sie einem ungewissen Schicksal entgegen fährt.

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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8 Kommentare zu „Gestrandet: IRMA trifft „Fazisi“ – Berühmte Sowjet-Yacht dessen Skipper sich erhängte“

  1. avatar marty pascal sagt:

    Die Alpenrepublik Schweiz hat das Whitbread 1985/86 mit UBS Switzerland nach gesegelter Zeit gewonnen!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  2. avatar Tyske Amatør sagt:

    Prima Bericht! Danke!

    Wer noch mehr lesen möchte:

    https://www.facebook.com/Fazisi-1989-1518515605033912/

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  3. avatar Fastnetwinner sagt:

    Wir hatten 1992 die Freude in NYC auf dem Eimer segeln zu dürfen. Ganz großes Kino. Möge sie uns lange erhalten bleiben.

    PS: Damals war Deutschland noch führendes Land bei Masten, Rümpfen, Segeln etc. Die Segel kamen von North in Western-Germany, der Mast kam ebenfalls aus Deutschland.

    PSS: Skip Novak hat ein absolut lesenswertes Buch über das Boot geschrieben. https://www.amazon.co.uk/Fazisi-Whitbread-Round-World-Race/dp/0283060530

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

    • avatar eku sagt:

      Hast du (oder jemand anderes..) zufällig einen Link mit den technischen Daten von dem Kahn bzw Riss zur Hand?
      nur wenns einfach ist – Google Suche ergab erstmal viel Blödsinn …

      Danke!

      eku

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      • avatar Fastnetwinner sagt:

        Pläne habe ich keine, aber noch ein Schmankerl: Als man sie aus der Antonov ausgeladen hatte wurde der Kiel montiert. Darauf waren sich alle einig: Das passt nie in die Formel (nicht mehr als 80 Fuss IOR). Und in der Tat gab es da einen Rechenfehler und sie war zu groß, weshalb ein rumliegender alter Rothmans-Kiel angeschraubt wurde. Das Großsegel aus Deutschland hatte man damals für 35000 USD über die Kreditkarte von Skip Novak gekauft und es dann hinterm Traveller verzurrt. Man wollte es erst nach dem halben Rennen frisch hochziehen und hatte keine Budget für separaten Transport. Leider wurde es von einer Se über Bord gespült und dann gab es lange Gesichter….

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  4. avatar alikatze sagt:

    Toll zu lesen – vielen Dank!

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  5. avatar eku sagt:

    Scheint wieder zu schwimmen …
    http://sailinganarchy.com/2018/01/11/fazisil-my-nizzil/

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