Horta – Les Sables: Nervenkrieg in der Spitzengruppe

„Singen schamanische Weisheiten über brutzelnden Polyester-Tampen!“

Les Sables - Horta, RED, Zen

Auf der “RED” werden offenbar immer dann Sticker geklebt, wenn meditative Ruhe angesagt ist © Strauss

„mare“ liegt derzeit auf Rang 1, in Tuchfühlung mit „Campagne de France“ (2) und … der zweiten deutschen Yacht „RED“ (3)!

Die Rücktour der zweihand gesegelten Class 40-Regatta les Sables – Horta – les Sables strapaziert das Nervenkostüm aller teilnehmenden Segler aufs Äußerste.

Die Regattaleitung, bei der offenbar im Zehn-Minuten-Takt Meldungen von See eingehen, berichtet von extremst angespannten Crews: „In den nächsten 24 Stunden dürfte die Anzahl grauer und weißer Haare auf den Schädeln der Skipper deutlich zunehmen. Sofern überhaupt nach der ganzen Haarerauferei  der letzten Tage noch welche übrig sind!“

Der Grund für die angespannte Lage sind völlig unterschiedliche Wettermodelle, die selbst „alte Salzbuckel“ unter den Teilnehmern zur Verzweiflung treiben und zu teils extremen Schlägen veranlassen.

So war die Situation, als Blumencron seine Mail an SR verschickte © LS-H-LS

So war die Situation, als Blumencron seine Mail an SR Sa Vormittag verschickte. Die “Red” mit “mare” rotes Schiff und GDF SUESZ ca. 75 sm nördlich davon © LS-H-LS

“Wollen die etwa noch ein Guinness trinken?”

So „erwartete“ etwa GDF SUEZ, nachdem sie in den letzten Tagen mehrfach wieder in Führung gehen konnten, im Seegebiet vor dem Kanal deutlich kräftigere Winde, als bisher eingetreten sind. Ihr „Abstecher“ in Richtung Norden, gemeinsam mit anderen Konkurrenten, hat sich allerdings bisher noch nicht ausgezahlt.

„Mare“ mit Jörg Riechers und Stephane Audigane, „Campagne de France“ mit Mabire/Merron und „Red“ mit Matthias Blumencron und Volker Riechers hatten sich jedenfalls für die südliche Kursvariante entschieden und sind derzeit mit minimalem Abstand untereinander auf den Rängen 1, 2 und 3 unterwegs.

Blumencron beschreibt in einer E-Mail an SR von Bord der „RED“ ausgesprochen anschaulich die „brenzlige“ Situation:

Alle sind im Leichtwind-Modus unterwegs © breschi

Alle sind im Leichtwind-Modus unterwegs © breschi

“Dem Wahnsinn entgehen. Hoffentlich!”

„Jetzt hat das ganz große Gambling begonnen: Halvard, Joerg und wir setzen darauf  – unterstützt von den Wettermodellen – dass wir die Flautenzone, den Kern dieses halbgaren Tiefs aus irgendeiner durchgebrannten baskischen Garküche, irgendwie im Süden umschiffen können. Andere suchen im Norden das Glück, wobei ich mich frage, ob die noch ein Guinness am Fastnet trinken oder auf den Scillys einkehren wollen…. MAY THE FORCE BE WITH US!

Ich habe auch Suez geroutet. Nach Euromodell kommen sie eine Stunde vor uns, nach GFS eine Stunde nach uns ins Ziel. Alles ist offen.

Die große Frage: Wie lang trägt uns die östliche Brise noch so fein voran, wie im Moment? Und werden die weiter im Norden an uns heran rauschen, wenn es hier unten flauer wird? Die Modelle haben offenbar große Schwierigkeiten, das Geschehen in der inneren Biscaya konsistent abzubilden. Und das bei dem jetzt sehr kurzen Vorhersagezeitraum. Faszinierend. Ich fürchte, dies wird der größte Psycho-Terror meines Lebens. Wahrscheinlich wird das Schiff in Les Sables Hunderte von “ZEN”-Sticker tragen. Bin für jeden beruhigenden Spruch dankbar – chinesische, hinduistische, afghanische, schamanische Weisheiten. Wir werden sie unter dem Rauch von brutzelnden Polyester-Tampen absingen und uns dabei in alle Himmelsrichtungen verneigen. Und hoffen, dem Wahnsinn zu entgehen. Wenigstens noch einmal!“

Diese Zeilen schrieb Blumencron heute Morgen gegen 9 Uhr. Mittlerweile hat sich zwar die Rangfolge noch nicht geändert, die Trackerdaten 20h zeigen jedoch schon, dass die drei führenden Boote ca. 2 Knoten langsamer unterwegs sind, als die weiter nördlich aufholende GDF Suez, die aber bald in den Außenbereich der zu umschiffenden Flautenzone gelangen wird.

Saugutes Boot

Letztendlich könnte es also im Kampf um das Podium vor Les Sables auf ein reines Matchrace der ersten Boote hinaus laufen.

Zu den Potentialen von „GDF Suez, Mare und RED“ schrieb einer eine interessante Einschätzung, der es wissen muss: Axel Strauss, „Urgestein“ der Class 40, der auf der Hintour nach Horta/Azoren gemeinsam mit Blumencron die „RED“ auf einen tollen fünften Rang segelte, setzte gestern auf seinen Blog:

„REDs Wette ist also im Moment bestens aufgegangen, die Position im Feld ist sehr gut und der Speed im Vergleich zu Mare stimmt. Beide segeln den gleichen Kurs, wahrscheinlich volles Groß und Solent.

(…) Mare hat zugunsten eines anderen Segels keinen reinen Code Zero mehr, der von RED ist schon etwas älter…das kann eine Menge ausmachen.

Überhaupt ist der Unterschied zwischen den beiden Mach40 groß. Während Jörgs Boot eine reine Offshore-Maschine ist, ist Suez auf Deck eventuell leichter und sicherlich experimenteller.

Suez: Gepfeilte Salinge, fixe Ruder am Spiegel, Großsegel in einer Mastkeep, Constrictor Klemmen für die Floatring Barber, Topdown Furling für die Spinnaker (wurde aber nach der ersten Etappe gegen die Socke ausgetauscht, da noch nicht zuverlässig)

Mare: neutrale Salinge, Kick-up Ruder, weitgehend kugelsicher auf Deck, erprobte Lösungen.

RED ist gegenüber diesen beiden eher ein Retro-Boot, aber ein saugutes 😉

RED: Ein saugutes Schiff © breschi

RED: Ein saugutes Schiff © breschi

Die kommenden Stunden dürften weitere Nerven kosten, müssen aber nicht unbedingt bereits eine Entscheidung herbei führen. Vielleicht läuft alles auf ein Matchrace direkt vor les Sables hinaus, bei dem zu hoffen ist, dass alle Beteiligten „vom Wahnsinn verschont bleiben“.

Bleibt uns nur noch, der „RED“ eine Weisheit von Buddha zuzurufen:

„Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.“  🙂

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Horta – Les Sables: Nervenkrieg in der Spitzengruppe“

  1. avatar Fastnetwinner sagt:

    Mal wieder Top recherchiert!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Dubidoo sagt:

    Wie gewonnen so zerronnen…. wirklich schade für die Jungs.
    Warum haben sie sich denn den Sack am Samstag nicht schon “zugemacht” und sich zwischen dem Feld und dem Ziel positioniert?

    VG

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    • avatar andreas borrink sagt:

      Das sagt sich leicht!

      Aber wenn einer der drei Südfahrer nach Norden abgedreht wäre, um die “Nordlichter” zu covern (was ohnehin knapp geworden wäre), wären die anderen beiden wahrscheinlich im Süden geblieben. Oder wenigstens der Franzose. Also lieber auf Direktkurs bleiben und hoffen. Auf Extremschlägen fühlt man sich ja in guter Gesellschaft auch wohler, nach dem Motto: wenn die das auch machen, kann es ja nicht so falsch sein. Schade, dass es nun so richtig in die Hose gegangen ist.

      Dass Jörg und Sébastien sogar noch weiter auf Süden gesetzt und dabei die beiden anderen auch noch verloren haben, fällt wohl in die Kategorie “Katastrophentaktik”. Wie damals im Laser: Wenn schon in die Sch….e, dann bitte auch richtig!

      Kopf hoch Jörg, es kommen auch wieder bessere Zeiten.

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      • avatar TBC sagt:

        Schade, aber nu kann er sich wenigstens bis Sonntag von seinen “Rückenschmerzen” erholen…..

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